Rr. 171.
Marburg, Sonnabend, 24. Juli 1886.
XXI. Jahrgang.
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Der Kampf gegen die deutsche Industrie.
Das wirtschaftliche Wohlergehen eines Staates beruht im Wesentlichen auf drei Faktoren: Industrie, Landwirtschaft, Handel. Sobald die Daseinsbedingungen auch nur eines einzigen dieser drei Faktoren beeinträchtigt werden, kann es nicht auöbleiben, daß auch die anderen beiden in Mitleidenschaft gezogen werden, dergestalt, daß das Ganze es enlpfindet, wenn ein einziges- Glied kränkelt. Prüfen wir nun unter diesem allgemeinen Gesichtspunkte die einschlägigen Verhältnisse im Deutschen Reiche, so stoßen wir alsbald auf die Wahrnehmung wie die deutsche Industrie, welche Millionen von Arbeitern Beschäftigung und Lebensunterhalt gewährt, von ihren eigenen Landsleuten in gehässiger Weise befehdet wird. Zu dieser Befehdung verbinden sich die entgegengesetzten Parteirichtungen, gleich als wenn für deutsche Wirtschaftspolitiker kaum dringlichere Aufgaben existierten, als der vaterländischen Industrie etwas pm Zeuge zu flicken. Andere Nationen huldigen abweichenden, und wie wir gestehen müssen, ungleich gesünderen Gepflogenheiten. Gerade diejenigen Kulturvölker, mit denen unsere Industrie im heftigsten Ringen um den Weltmarkt begriffen ist, wenden ihrem heimischen Gewerbefleiß die sorgfältigste Pflege zu, muntern und spornen ihn auf alle Weise an, während es in Deutschland beinahe zum guten Ton zu gehören scheint, die Industrie anzuklagen und zu verdächtigen, als beginge sie wer weiß was für ein Verbrechen, so oft sie sich mit irgend welchem Anliegen in die Oeffentlichkeit wagt. Daß dies ein ungesunder Zustand ist, kann gewiß von keinem billig Urteilenden bestritten werden. Soll die deutsche Industrie, welche sich auf dem Weltmärkte, lediglich aus eigener Kraft und Tüchtigkeit, eine ebenso angesehene, als von den Konkurrenten gefürchtete Stellung errungen hat, ihrer hohen, und für die wirtschaftliche Zukunft Deutschlands so unendlich bedeutsamen Aufgabe auch fernerhin gewachsen
Geschichtsratender.
24. Juli.
1241. Starb Konrad, Landgraf von Thüringen, Hochmeister des deutschen Ordens, Schwager der heiligen Elisabeth.
1465. Eroberung von Liebenau (damals dem Stifte Paderborn gehörig) durch Landgraf Ludwig n., infolge deren die Stadt an Hessen kam (schließlich erst 1596.)
1542. Auszug des Landgrafen Philipp zu dem Kriege gegen Herzog Heinrich von Wolfenbüttel.
1698. Aug. Hermann Francke (geb. 1663 zu Lübeck) stiftet zu Halle das Waisenhaus.
1711. Czar Peter L schließt mit den Türken den Frieden am Pruth.
1848. Der österreichische Feldmarschall Graf von Radetzky schlägt den König Karl Albert von Sardinien bei Custozza aufs Haupt.
3m Schatten des Lebens.
Roman von P. Felsberg.
(Fortsetzung.)
An einem sonnigen Wiuterrage war es, als die alte Gräfin Biela, auf den Arm ihrer Tochter — der Frau Heimbeck — gestützt im Hausgarten zu Bolkenstein promenierte. Sie konnte jetzt als wiederhergestellt angesehen werden und Hedwig hatte deshalb diesen Spaziergang dazu ausersihen, Ihre Mutter von Allem, was Emilie betraf, zu unterrichren.
Hedwig erzählte schonend nach und nach ihrer Mutter Alles: daß Emilie nicht Alfreds Kind, daß trotzdem für ihre Zukunst gesorgt sei, indem Frau von Sternburg ihr ganzes Vermögen ihr testamentarisch sichern wolle; daß Emilie bis zur Auffindung von Alfreds wirklicher Tochter vor der Welt eine Gräfin Biela bleiben, dann aber von Tante Sternburg in die vollen Rechte eines Kindes eingesetzt werden solle.
»Jetzt, Mama, bist Tu mit Allem bekannt und wirst
bleiben, so muß sie in der deutschen Presse auf eine verständnisvollere Unterstützung ihrer berechtigten Wünsche und Forderungen rechnen können, als ihr dies nach den bisherigen Erfahrungen möglich gemacht wird. Vor allem sollte von den anderen Interessenten - Kreisen mit der Gewohnheit gebrochen werden, immer nur sich selbst in den Vordergrund zu stellen, nur für sich die Sympathien und die Pflege seitens der Nation zu beanspruchen, von der Industrie aber zu verlangen, daß sie wie ein Aschenbrödel in der Ecke stehe und von dem Mitleid der Anderen ihr Dasein friste. Die Industrie kämpft nicht blos pro domo, wenn sie auf gerechtere Verteilung von Sonne und Wind im wirtschaftlichen Leben der Nation hinwirkt, sondern für die Interessen der Gesamtheit, denn, wie wir eingangs bemerkten, das Ganze wird geschädigt, wenn ein einzelnes Glied leidet, sowie umgekehrt dem Ganzen einen Dienst erweist, wer dem Einzelnen Gerechtigkeit widerfahren läßt. Unsere Industrie wünscht sich nichts mehr und nichts weniger, als nach diesem Grundsatz von ihren Landsleuten behandelt zu werden. Das Streben nach Bevorzugung liegt ihr völlig fern; sie verlangt nur Gleichberechtigung mit den anderen produktiven Ständen und protestiert gegen die Fortdauer eines Zustandes, der darauf hinauslaufen soll, jedem Sonderinteresse irgend einer kleinen Gruppe auf ihre eigenen Unkosten Befriedigung zu verschaffen
Die Gemeinderatswahlen
für Straßburg und Metz sind am letzten Sonntag beendet worden. Ihre Bedeutung ist weit mehr als lokal; in ganz Deutschland und auch in Frankreich hat ihr Verlauf die größte Beachtung gefunden. In Straßburg handelte eö sich darum, der Hauptstadt des Reichslandcs nach vierzehnjähriger Unterbrechung ihre eigene Gemeindeverwaltung zurückzugeben und damit auch die Vertretung der Stadt in Landesausschusse zu ermöglichen, welche ruhte, so lange die Stadt ohne Gemeindevertretung war. Die Städteverfassung der Reichslande ist noch die nämliche, wie Deutschland sie im Jahre 1870 vorfand: ein aus dem allgemeinen Stimmrecht hervorgehender Gemeinderat, aus deffen Mitte die Landesregierung einen Bürgermeister und seinen Gehilfen ernennt! Während dem Reichslande selbst größere Rechte eingeräumt wurden, trat in der Gemein cverwaltung von Straßburg und Metz eine Stockung ein, die wohl wesentlich durch die bisherige franzosenfreundliche Mehrheit in beiden Städten hervorgerufen war. Schon im Jahre 1879 sprach der Generalfeldmarschall von Manteuffel sein Bedauern über die Fortdauer dieses Zustandes aus und es wurde schon damals erwogen, ob nicht ein Versuch zur Aenderung gemacht werden sollte. Tie Schwierigkeiten, welche sich dem Plane entgegenstellten,
einsehen, laß Alles eben so geordnet werden mußte, wie es geschehen ist/ schloß Hedwig ihre Mitteilung, während ihre Mutter, sprachlos vor Erstaunen, den widerstreitendsten Eindrücken hingegeben, stehen geblieben war und vor sich auf den Boden blickte.
Was im Herzen der stolzen Frau vorging, kann man sich denken: mußte sie sich nicht sagen, daß sie an allem, was geschehen war und geschehen mußte, an allen diesen unzähligen Verwicklungen allein die Schuld trug? — Und doch hatte ihr einziger Sohn, dem sie so Böses zugefügt, den sie in seinen theuersteu, heiligsten Empfindungen geschädigt, dem sie das Kind geraubt hatte, das er nun bald 18 Jahre vergeblich suchte, bei der ersten Nachricht ihres Erkrankens all' diese bösen Erinnerungen der Vergangenheit von sich abgestreift und sich beeilt, ihr seine Hand zur Versöhnung und seine ungeminderte Kindesliebe wieder anzubi-ten.
Sie waren nun versöhnt und diese Wiederherstellung des alten Verhältnisses hatte die alte Frau gefreut, weil sie geglaubt, ihre Schuld sei dadurch gesühnt, daß Alfred — wenn auch nicht durch sie — sein Kind wtedererlangt habe. Nun stellte sich heraus, daß er sich unter dem Drucke des doppelt schmerzlichen Gedankens mit seiner Mutter versöhnt hatte; einmal eine Fremde, wenn auch mit der Zeit Liebgewonnene, seit sechzehn Jahren als sein Kind betrachtet zu haben; bann, immer noch nicht zu wissen, welches Schicksal sein eigenes, geliebtes Kind betroffen haben mochte.
Die Gräfin war unendlich erschüttert durch diese Nachrichten, welche sie von'Hedwig erhalten. Glücklicherweise beeinträchtigte diese seelische Aufregung ihre körperliche Reconvalescenz nicht, doch es ging eine Wandlung mit ihr vor, die, hätte sie zwanzig oder dreißig Jahre früher stattgefunden, so manche Schmerzensthräne verhindert, so manchen Glücklichen mehr gewacht haben würde.
Sie weinte — weinte lange und bitterlich, auch noch, nachdem Hedwig sie zu ihrem Zimmer zurückgcführt hatte.
scheinen zn groß gewesen zu sein und sah man von der Ausführung einstweilen ab.
Als nach des Feldmarschalls von Manteuffel Tode Fürst Hohenlohe znm Statthalter von Elsaß-Lothringen ernannt worden war, nahm et bald nach seinem Amtsantritte die Angelegenheit wieder auf. Hinznkam, daß sich zu Anfang dieses Jahres der Landesausschuß einstimmig zu Gunsten der Wiederherstellung des Straßburger Gemeinderats aussprach. Staatssekretär von Hofmann erklärte damals, daß die Landesregierung mit dem Gegenstände sich ernstlich beschäftige, ihre Entschließung jedoch noch von weiteren Ermittelungen abhängig machen müsse, nach deren Ergebnis die Frage, ob der geeignete Zeitpunkt schon gekommen sei, geprüft werden solle. Fürst Hohenlohe entschied sich für den Versuch! Der Wahlkampf in Straßburg war ein außerordentlich heftiger, denn die Protestpartei, die von der Vereinigung Elsaß-Lothringens mit Deutschland nichts wiffen will, kämpfte erbittert um ihren Einfluß und um die Mehrheit in der Gemeindevertretung. Es ist ihr nur gelungen, einzelne ihrer Mitglieder durchzubringen, während die Mehrheit eine entschieden deutschfreundliche ist. Dasselbe Resultat ergaben die Wahlen in Metz, wo die Protest- Partei sogar vollständig von der Teilnahme am Gemeinderate ausgeschlossen wurde. Das Resultat ist also ein vollständiger Sieg der Deutschen auf der ganzen Linie, der durch die Nachwahlen vorn Sonntag nur verstärkt worden ist.
Wir wollen den Wahlsieg in den Gemeinderatswahlen nicht überschätzen, aber noch viel weniger haben wir Anlaß, seine Bedeutung zu unterschätzen. Das Reichsland war von Deutschland durch eine unsichtbare, aber trotzdem sehr feste Mauer bisber abgesperrt, die französischer Einfluß hieß. Es ist volle Wahrheit, daß der Einfinß der Pariser Revanchehelden in Elsaß-Lothringen ein ganz außerordentlich starker war, daß durch ihn manches verhindert wurde, was dem Reichslande zum Vorteil hätte gereichen können. Die Elsaß - Lothringer blieben dem Deutschtum gegenüber in der Mehrzahl kalt, sie gehorchten den deutschen Behörden, weil sie mußten. Und solcher Leute gibt es, darüber wollen wir uns nicht Hinwegtäuschen, auch gegenwärtig noch in Menge. Aber auch die Thatsache steht fest, daß auf den beiden Haupttürmen jener dem Deutschtum feindlichen Mauer, auf Straßburg und Metz, gegenwärtig die deutsche Fahne weht, mit vollem, gutem Recht, denn die Wahlen haben die deutschfreundliche Gesinnung der Bevölkerung, wenigstens der Mehrzahl der Bevölkerung, in beiden Städten bekräftigt. Die Gemeinderatswahlen haben Elsaß - Lothringen noch nicht wieder ganz deutsch gemacht, aber sie bilden den ersten Angriff gegen das Franzosentum, von dem wir sagen können, daß er wirklich gelungen. Die Kette, mit welcher der französische Einfluß
Unb noch an bemselben Tage schickte sie einen Brief an ihren Sohn ab, von betn Hedwig nichts wußte, an dem bie Gräfin aber wohl zwei Stunden geschrieben haben mochte.
Im Biela'schen Hause zu B. war man eifrig mit ben Vorbereitungen zur Abreise nach W. beschäftigt. Emilie war bereits mit Frau v. Sternburg nach Friebenau zurück- gekehrt unb Alfreb unb Helene gebuchten mit bem kleinen Fritz bald nach ihrem neuen Wohnort aufzubrechen.
Es war in der letzten Märzwoche, bet Frühling hatte ben Winter schon vollständig verdrängt, die Luft war lau, die Sonne schien warm. Alfred war im Begriff nach Bolkenstein abzureisen, um Mutter und Schwester nach der Residenz abzuholen, als ihm der Brief seiner Mutter gebracht wurde. Auch der Graf hatte lange zu lesen an den zitternden undeutlichen Schriftzügen feiner Mutter, zwischen denen die Spur mancher Thräne so deutlich erkennbar war. Der Brief enthielt nicht allein ein volles Bekenntnis ihrer Schuld und der Gründe, die sie, so wie geschehen, zu handeln veranlaßt hatten, sondern auch eine direkte Bitte um die Verzeihung ihres Sohnes. Am Schluß sagte die Gräfin: — »Könnte ich mein lieber Sohn, dazu beitragen, Dein Kind Dir wieder zuzuführen, fo würde ich, nachdem dies mir gestattet, gern die Augen schließen; doch dies Glück wird mir alten schwachen Fran nicht mehr beschteden sein. Ich sehne mich nach Deiner Umarmung unb bitte Dich, Deine Mutteer noch einmal zu besuchen, ehe Du nach W. gehst/
Alfreb ttas in Bolkenstein ein. Er umarmte unb küßte seine Mutter herzlich, unb als bicse nun auch mündlich wiederholen wollte, was sie ihm schriftlich schon gesagt, schloß er ihr den Mund mit einem Kuße und sagte: »Beste Mama, wir find versöhnt und nichts steht mehr zwischen mit! — Ich danke Gott für die Stunde, in der Mutter und Kinder wieder vereinigt wurden, in treuer hingehender Liebel — Und nun, Mama und Hedwig, laßt uns keine Zeit versäumen; ich wünschte sehr, daß wir noch heule abreisen/
(Fortsetzung folgt.)