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-kr. 170.

Marburg, Freitag, 23. Juli 1886.

XXI. Jahrgang.

Erscheint täglich außer an Wrrttagen nach Sonn-und »eiertagen. Quartal- LbonnementS-Preis bei bet Expedition 21/« Mk., bei ben Postämter 2 Mk. 50 Pfg. (e$d. Bestellgeld). JnsertionSgebühr für die gespaltene Zeile 10 Pfg. Refiamen für die Zelle 25 Pfg.

GerWschr MW.

Anzeigen nimmt entgegen die Expedition d Blattes, sowie d Annoncen-Bureaux vonHaasenstein undBogler in Frankfurt a. M, Cassel, Magdeburg und Wien; Rudolf Mosse in Frankfurt a M-, Berlin,München und Köln; G. L. Daube und Co. n rank'urt a. M-, B>rln, Ha nover u.Pari?.

Wöchentliche Beilagen: Amtlicher Anzeiger s. d. Kreise Marburg u. Kirchhain. - Illustriertes Sonntagsblatt.

Expedition Martt 21. Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Aug. Loch.

In «Usingen

treffen sich jetzt der österreichisch - ungarische Minister des Auswärtigen, Graf Kalnoky, und der deutsche Reichskanzler Fürst Bismarck, um, wie alljährlich, auch in diesem Jahre die Weltlage mit bezug auf das deutsch-österreichische Bünd­nis zu erörtern. Seitdem Fürst Bismarck, nachdem Kaiser Wilhelm seine Zustimmung gegeben, in Wien persönlich den Alliancevertrag abschloß, Haien die Leiter der aus­wärtigen Politik Oesterreichs wiederholt gewechselt. Auf Graf Julius Andrassy, der seinen Rücktritt nahm, folgte Baron Haymerle, der schon nach kurzer Amtsdauer ver­starb, und jetzt ist Graf Kalnoky an das Ruder gekommen. Die Personen haben gewechselt, die Politik aber blieb in Wien dem deutschen Reiche gegenüber genau dieselbe und man hielt treu fest an den vereinbarten Beschlüssen, lieber diesen Bundesvertrag ist mit voller Sicherheit noch immer nichts bekannt geworden; man weiß nur, daß er ein sehr enger ist, daß er wiederholt den Kriegsausbruch verhütet hat. Kam das Bündnis nach dem Berliner Kongreß nicht zu stände, so wäre ein Angriffskrieg Frankreichs und Ruß­lands gegen Deutschland ganz sicher eingetreten. Denn die Russen waren damals außerordentlich erbittert auf das deutsche Reich, die Panslawisten vom Schlage eines Skobe- lew hetzten nach Kräften, und die russisch-französische Ver­brüderung war in vollem Gange. Da kam das Friedens­bündnis von Wien, und seine Kraft drängte die bereits halbgezückten Degen wieder in die Scheide zurück. Wie denn der Bündnisabschluß selbst schon ein Erfolg war, so hat sich auch die enge Freundschaft der beiden Kaisermächte vortrefflich bisher bewährt.

Die Friedenspolitik des Zweikaiserbundes hat zahlreiche Freunde gefunden; Rumänien und Serbien traten den Kaisermächten näher, Italien ging Hand in Hand mit ihnen, und endlich ließ auch Rußland den Groll schwinden, und die Kaiserentrevue von Skiernewice schuf vertraulichere Beziehungen, die, ohne gerade in ein neues Dreikaiser­bündnis zu gipfeln, doch eine friedliche Diskussion aller auftauchenden Fragen garantierten. Man hat auch von ganz bestimmten Abmachungen der Zweikaisermächte mit Rußland und Italien gesprochen; sie mögen in gewissem Grade vorhanden fein, aber sie erreichen jedenfalls anch nicht entfernt die Innigkeit der Beziehungen zwischen Wien und Berlin. Italien hat durch seine bekannten Expe­ditionen nach dem Roten Meere bewiesen, daß jede Ge­legenheit zu neuem Landerwerb ihm willkommen, Rußland hat gezeigt, daß es in seiner Politik eine Achillesferse gibt, die nicht angetastet werden darf: Das ist der Orient. Cs ist ja doch Thalsache, daß im vorigen Herbst die Einigkeit der Dreikaisermächte in der bulgarischen Frage ganz aus den Fugen zu gehen drohte; Rußland wollte partout mit dem Kopf durch die bulgarische Wand, und Fürst Bismarck hat selbst mit ganzer Kraft in die Bresche treten müssen, um einen größeren Zusammenstoß zu verhüten. Auch Oesterreich hat mit seiner Parteinahme für Serbien eine

Gejchichtskalenver.

23. Juli.

1532. Der Kaiser Karl V. gesteht den Schmalkaldischen Bundesverwandten den Nürnberger Religionsfrieden zu.

1785. König Friedrich II. von Preußen schließt zu gemein­schaftlicher Aufrechterhaltung der deutschen Verfassung den Fürstenbund.

3m Schatten des Lebens.

Roman von P. Felsberg.

(Fortsetzung.)

Die alte Gräfin Biela hatte seit ihrer Rückkehr aus Baden-Baden dem ihr versprochenen Besuche der Frau von Hochberg mit Valentine in freudiger Erwartung entgegen­gesehen. Doch zur Zeit etwa, wo sie ihn erwarten durfte, erhielt sie zunächst einen Brief, in welchem ihr mitgeteilt ward, daß die Baronin für jetzt die Reise nicht unternehmen könne, weil sie durch unerwartete Besuche, die sie selbst empfangen, genötigt sei, bis zum Beginn der Saison in M. zu bleiben; dann, nach den eben erzählten Vorgängen, schrieb Frau von Hochberg, daß ihre Tochter zwar nicht bedenklich, doch immerhin so ernst erkrankt sei, um in der vorgerückten Jahreszeit eine Reise, von der auch ihr Hausarzt nichts wissen wolle, nicht zu unternehmen.

So sah sich denn die alte Dame wiederum um eine Hoffnung, eine Zerstreuung ärmer und fühlte sich in ihrem Witwensitze, Schloß Bolkenstein, in der That recht einsam und verlaffen. In Stunden, wo sie diese Abgeschlossenheit, die sie selbst verschuldet und gewollt, oft recht bitter empfand, machte sich wieder und wieder die Reue bei ihr geltend, ihr Herz war weicher und versöhnlicher jetzt gestimmt als je zuvor, und manchmal hatte sie schon mit ihrer Gesellschafterin, welche nun schon feit drei Jahren getreulich bei ihr auSge-

Sonderrolle gespielt, die nicht gerade sehr ehrlich war. Lediglich Oesterreichs Dazwischentreten hat den Siegeslauf Fürst Alexanders von Bulgarien gehemmt, und Serbien vor der verdienten Straflektion bewahrt. Mit der Un­parteilichkeit und der Uneigennützigkeit der Großmächte ist es eben nicht anders bestellt, als mit der der kleinen Ranb- staaten.

Die Erfahrungen der verflossenen Monate bieten so­mit dem Reichskanzler und seinem österreichischen Kollegen reichlichen Stoff zur Erörterung und zur klaren Fest­stellung der beiderseitigen Politik für die Zukunft. Deutsch­land hat am Orient kein direktes Interesse; es hat nur daran Interesse, den Frieden erhalten zu sehen und dem­entsprechend war stets der Gang seiner Politik bei den Orientwirren. Rußland hat jetzt noch die Batumfrage aufgeworfen, indem es durch Aufhebung des Freihafens von Saturn den Berliner Vertrag verletzte. Ein ent­schiedener Protest wird dagegen von den Großmächten be­kanntlich nicht erhoben, aber verstimmt hat dies neue Vor­gehen Rußlands doch etwas. Ein Folge dieses Zwischen- .falles ist, daß die Zusammenkunft zwischen dem russischen Minister v. Giers und dem Reichskanzler vorläufig ver­tagt worden ist. Endlich das Kapitel: Frankreich! Wie man sieht, haben die beiden Staatsmänner in Kissingen genügend Material, um sich aussprechen zu können, ohne daß man gerade sensationelle Beschlüsse zu erwarten braucht. Zu lösen bleibt außerdem die Zollfrage, denn bekanntlich droht Oesterreich-Ungarn noch immer mit Zollerhöhungen.

D-uttch-s Reich.

Berlin, 21. Juli. DieVoss. Ztg." schreibt, daß Graf Münster, s. Z. deutscher Botschafter in Paris, durch Graf Hatzfeld und letzterer als Botschafter in London durch Graf Herbert Bismarck ersetzt werden soll. Das­selbe Blatt bezeichnet als den vom bisherigen französischen Botschafter in Berlin, Grafen von Courcel, angegebenen Grund feiner Demission den Umstand, daß seine Be­mühungen um Herstellung guter Beziehungen Frankreichs zu Deutschland von Paris ans ungenügend unterstützt würden. DaS Unterbleiben einer formellen Vertagung des Bundesrates war, derR. A. Ztg." zufolge, die Folge höherer Weisung. Man hofft, die Arbeiten erst Mitte Oktober wieder aufnehmen zu müssen. Zu feiner Ver­tretung in der Enquete - Kommission für die Revision des Patentgesetzes designierte der Bundesrat den Königlich sächsischen Geheimrat Held. Die Unterstützungskommission soll unter dem Vorsitze der Präsidenten des Patentamts aus einem Mitgliede des Bundesrates, zwei vom Reichs­kanzler zu ernennenden ständigen Mitgliedern des Patent­amts, ferner aus Vertretern der mechanischen und chemischen Industrie, welche nach dem Vorschläge der Regierung von dem Reichskanzler gleichfalls zu ernennen sind, zusammen­gesetzt werden. Die Presse hat, wie dieKons. Korr." bemerkt, im allgemeinen wenig Notiz davon genommen,

halten, über das gespannte Verhältnis zwischen ihren Kindern und Enkeln und ihr selbst gesprochen.

Als eines Tages die Gräfin ihrer Gesellschafterin aber­mals von ihrem Wunsche sprach, sich mit ihren Kindern zu versöhnen, und nur in der Wahl des zu diesem Ziele führenden Weges schwankte, hatte jene ihr den Rat gegeben, ihren Haushofmeister zu diesem Zwecke in vertranter Mission an den Grafen Alfred zu schicken, damit er es so einrichte, daß sie nicht den ersten Schritt zu thun brauche. Die alte Gräfin schien der Ausführung dieses Vorschlages keineswegs abgeneigt. Ihr Haushofmeister mußte ohnehin bald die Reise zum Grafen aus geschäftlichen Ursachen unternehmen, und da konnte er ja leicht, wie ans sich selbst jenes Kapitel zur Sprache bringen; es war ja dann nicht un­möglich, daß Hedwig die Vermittlerin zwischen ihr und Alfred machte und eine weitere Demütigung erspart wurde.

Die Gesellschafterin war bereits einen Schritt weiter gegangen: sie hatte den Haushofmeister von den Wünschen und dem Gemütszustände ihrer Herrin unterrichtet und dieser natürlich nichts Eiligeres zu thun gehabt, als das dem Grafen in einem ausführlichen Berichte mitzuteilen.

Ehe jedoch die Gräfin zur Ausführung ihres Vorhabens schreiten konnte, ward sie ernstlich krank, und zwar erschien ihr Zustand der Gesellschafterin so beunruhigend, daß diese den Haushofmeister veranlaßte, uuverweilt zur nächsten Stadt zu schicken, um ärztlichen Beistand zu holen und ein Tele­gramm an den Grafen Biela abzusenden. Alfred erhiett das Telegramm und den früheren Brief saft gleichzeitig und beschloß, von seinem Hausarzt begleitet, unverweilt nach Schloß Bolkenstein abzureisen. Auch seine Stimmung gegen die Mutter war seit lange schon eine weit mildere geworden; sie war es namentlich schon, seit er Emilie, die er ja bis vor Kurzem für feine Tochter halten mußte, wiedererlangt

daß der Reichskanzler die Klassifizierung der Reichspost­dampfer bei demGermanischen Lloyd" angeordnet hat. Im Grunde sollte es einer solchen Vorschrift freilich gar nicht bedürfen. In jedem anderen Lande versteht es sich von selbst, daß die eigenen Schiffe auch bei dem eigenen Klassifikationsamt versichert werden; bei uns leider nicht. Bis zu diesem Augenblick lassen die meisten deutschen Rheder, wie es scheint auch die großen überseeischen Gesell­schaften, ihre Dampfer bei demEnglischen Lloyd" oder gar bei der französischenVeritas" in Paris klassifizieren. Fürst Bismarck ist also auch hier wieder genötigt, dem mangelnden deutschen Nationalgefühl nachzuhelfen, durch sein Eingreifen zu ersetzen, was die Kleinlichkeit und Schwächlichkeit unserer einst seegewaltigen Küstenstädte ver­schuldet. Auch kurzsichtig ist übrigens dieses sich Hin- drängen nach dem Auslande im höchsten Grade. Wie würden sich die Verhältnisse bei dem Ausbruch eines Krieges zwischen Deutschland und Frankreich gestalten? Daran scheint man gar nicht zn denken, obwohl es an drohendenZeichen der Zeit" doch wahrlich nicht fehlt. lieber die neue Reichsdampferlinie nach Osiasien und Australien äußert sich die in Adelaide erscheinende Australische Zeitung": In wenigen Wochen wird der erste deutsche Postdampfer in Australien eintreffen, zum erstenmale werden wir die Nachrichten aus dem fernen Vaterlande durch deutsche Schiffe empfangen, zum ersten­male wird eine regelmäßige, schnelle und sichere Verbindung mit Deutschland ins Leben treten, bei welcher nicht das Sonderinteresse eines einzelnen Rheders den Interessen der Reisenden und der Befrachter nachgestellt sein wird, sondern bei welcher der Weltruf und der Ehrgeiz desNorddeutschen Lloyd" in Bremen von vornherein jeoe Bürgschaft für außerordentliche Leistungsfähigkeit bieten, bei welcher das Deutsche Reich selbst, seiner Weltstellung gemäß und trotz des Widerspruches der Kurzsichtigen, im Seewesen und den außereuropäischen, zumal australischen Handelsverbindungen ganz unerfahrenen Oppositionspartei, durch die Anregung des großen Reichskanzlers seine Bei­hilfe und Mitwirkung garantiert hat. Dringend ist es zu wünschen, daß die Deutschen in den Kolonieen in jeder Weise den deutschen Postdampfern Unterstützung dadurch angedeihen lassen, daß sie als Kaufleute ihre Waren an die Schiffe des Lloyd bestimmen, daß sie durch Verbrei­tung der Vorzüge der neuen Linie dem Reisendenverkehr den möglichsten Vorschub leisten. Der Vorteil wird immer auf Seiten der Reisenden selbst fein, wie sie ja die auf­geführten Faktoren, die Schnelligkeit, die Bequemlichkeit und die Sicherheit der Fahrt genügend beweisen. Tas Staatsministerium hat sich neuerdings mit dem Jnseraten- wesen desReichs- und Staats-Anzeigers" beschäftigt und unterm 5. d. Mts. einen darauf bezüglichen Beschluß ge­faßt, in dem es derVoss. Ztg." zufolge heißt, daß Be­kanntmachungen, welche lediglich für einzelne Kreise der Industrie und des Gewerbestandes von Interesse sind, der

hatte, und der Umstand, daß ihm die wahre Tochter nun doch nicht zurückgegeben sei, vermochte nicht, aufs Neue ihn gegen seine Mutter einzunehmen. Auch hätte er, gleichwie Hedwig, längst den ersten Schritt gethan, hätten sie nicht mit Recht befürchten müssen, eine ähnliche Aufnahme zu finden, wie HedwigS Brief an die alte Gräfin, in welchem sie derselben ihre Verlobung mitteilte und um den Segen der Mmter bat. z

Doch jetzt zögerte Alfred nicht und auch Hedwig wünschte sehnlichst, ihren Bruder zu begleiten. Da Heimbcck gern damit einverstanden war, reisten die Geschwister sofort nach Bolkenstein ab.

Da der Arzt sich dahin ausgesprochen hatte, daß ein ernstliches Leiden im Anzuge sei, so erbot sich Hedwig als Pflegerin bis zur Genesung ihrer Mutter in Bolkenstein zurückzubleiben. Nach vollständiger Wiederherstellung hatte der Arzt eine Luftveränderung angeraten und zu der von Alfred vorgeschlagenen Ueberstedelung feiner Mutter nach dem unter dem Einfluß eines milderen Klimas belegenen Stamm- schloffe der Familie, Behrungcn, seine Zustimmung gegeben.

Zwischen Alfred und seiner Mutter fand eine vollständige Versöhnung statt; es ward ihr bei ihrem Zustande vor der Hand noch verschwiegen, daß Emilie nicht die wahre Tochter des Grafen fei, und Hedwig unternahm es, demnächst ihre Mutter nach und nach von allem tu Kenntnis zu setzen, während Alfred nach B. zurückkehrte. Von dort erließ er sofort an Fritz Golmann, seinen Schwager, der feinem ver- storbeuen Vater als Schloßverwalter gefolgt war und auch das große Gut in Pacht genommen hatte, die Weisung, alles zur Aufnahme seiner Mutter für nächstes Frühjahr in Be­reitschaft zu setzen und sich so einzurichten, daß mehrere, selbst zahlreiche Gäste in dem geräumigen Schlosse Aufnahme finden könnten. (Fortsetzung folgt.)