Skr. 169.
Marburg, Donnerstag, 22. Juli 1886.
XXI. Jahrgang.
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Wöchentliche Beilagen: Anitlichcr Anzeiger s. d. Kreise Marburg n. Kirchhain. - Illustriertes Sonntagsblatt.
Expedition Markt 21. — Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Ang. Koch.
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Der Mann des Tages.
Präsident Jules Grkvy von Frankreich ist 78 Jahre alt; wird er seine laufende Amtsperiode noch glücklich zurücklegen, so würde er 84 Jahre alt sein und es ist wohl kaum anzunehmcn, daß der greise Mann sich dann nochmals bereit finden lassen wird, das dornenvolle Amt wiederum — zum dritten Male — zu übernehmen. Als sein Nachfolger wurde bisher immer Henry Brisson, der Ministerpräsident des vorigen Jahres, angesehen plötzlich hat sich ein neuer Kandidat eingestellt, der tn außerordentlich kurzer Zeit Brisson weit überholt hat: Kriegsminister Boulanger. Es ist in den letzten Wochen sehr viel gesprochen worden über die Absichten und Pläne dieses Mannes, dem voraussichtlich beschieden sein wird, in Frankreichs Geschichte eine große Nolle zu spielen. Man sprach , von Dtaatsstreichgelüsten und anderen Dingen, als ob ' General Boulanger darnach strebte, Diktator von Frankreich zu werden. Diese Annahme war nun falsch; das Ziel, worauf der General hinsteuert, ist ganz einfach die Präsidentschaft der Republik, und kommt nicht etwas ganz Unerwartetes dazwischen, so wird er auch wohl dies sein Ziel erreichen. Er ist durch die Duell-Affaire, die uns komisch erscheint, der populärste Mann von ganz Paris geworren, und Paris ist bekanntlich Frankreich. Er hat die Armee streng republikanisiert, oder ist wenigstens auf dem besten Wege dazu, die ganze mächtige radikale Partei steht ihm zur Seite, kurz, er wird chies Tages so viel in die Wagschale werfen können, daß diese zu seinen Gunsten sich neigt. Eine Frage ist nur: werden andere hochstehende Generale sich ihm willig unterwerfen? Es ist wohl bemerkt, daß bei der letzten großen Parade das vornehme, das besitzende Paris nicht Boulanger, sondern seinem Gegner, dem'General Saussier, zujubelte, und es wäre wiederum nicht das erste Mal, daß eine Republik durch den Ehrgeiz von Generalen in bedenkliche Gefahr geraten würde. Das gehört aber der Zukunft an! Heute ist Boulanger, der sich für die Republik gegen den Orleanis- mus geschlagen, -er Mann des Tages, der erste und populärste Mann in Frankreich. Und verläßt ihn sein bisheriges Glück nicht, nun, so hat der 17. Juli Frankreich sein künftiges Staatsoberhaupt gegeben. Wir haben alle Ursache, den Entwicklungsgang dieses Mannes genau zu verfolgen, denn ein ehrgeiziger General an der Spitze von Frankreich ist zwar noch lange nicht der Krieg, aber auch jedenfalls keine Verstärkung des Friedens.
General Boulanger (zu deutsch: Bäcker) ist erst 49 Jahre alt. Er hat ein thatenreiches Leben hinter sich; er hat an den Feldzügen in Italien, Kabylien ! Algier), Kvchinchina teilgenommen und sich im eutsch-französischen Kriege ausgezeichnet. Mit 37 Jahren war er Oberst, mit 41 Jahren Brigadegeneral. Seine rasche Beförderung hat er durch Fähigkeit, Tapferkeit und Wunden ehrlich verdient und er hätte gerade nicht erst nötig gehabt, durch das Duell mit dem orlcanistischen Baron Lareinty Reklame
Geschichtskalenver.
22. Juli.
1099. Gottfried von Bouillon zum Könige von Jerusalem ausgerufen, nennt sich Beschützer deS heiligen Grabes.
1385. Friede zwischen Landgraf Hermann und den ihn bekriegenden Fürsten (Thüringen, Braunschweig, Mainz u. s. w.), dessen Bestimmungen jedoch von beiden Teilen nicht gefolgt wurde.
1637. Trat in Oberhessen nach vorausgegangener großer und damals unerhörter Teuerung, in welcher das Mött Korn 18 Mark gekostet hatte, mit einem Male große Wohlfeilheit ein; an diesem Tage wurde in Marburg über 100 Müll Korn zu je zwölf Kopfstücken (8 Mark) feil geboten.
1774. Kaiserin Katharina nötigt den Sultan Abdul Hamid zu dem Frieden von Kutschuk^Kainardsche, welcher Rußland die freie Schifffahrt in allen türkischen Gewässern und den Besitz der Krim sichert.
1702. Bereinigung der beiden englischen ostindischeu Handels- kowpagnien.
1793. Die Preußen nehmen Mainz durch Kapitulation der französischen Besatzung.
1812. Wellington gewinnt einen entscheidenden Sieg über die Franzosen bei Salamanca.
1866., Letztes Gefecht zwischen Preußen und Oesterreichern bei Blumenau.
Im Schatte« des Lebens.
Roman von P. Felsberg.
lFortsetzung.)
„Ich möchte die junge Hochberg, die Ak optivtochter meiner Hofdame, gern um mich haben,* begann die Königin-Mutter;
für seinen Mut zu machen. Einen ernsten Zweikampf kann man die Sache wohl kaum nennen; wir amüsieren uns darüber, aber die Franzosen schwärmen für solche Spektakelstücke und Boulanger hat seinen großen Vorteil davon gehabt. General Boulanger ist, was viel wichtiger ist, auch ein tüchtiger milititärischer Organisator und ein Kriegsminister, der mit Ernst und Eifer sich bemüht, Ordnung in die Heeresverwaltung zu bringen und Reformen durchzusetzen, die seine Vorgänger nur lässig betrieben. Er versteht auch die Kunst der Rede und hat in der letzten Zeit das sehr oft bewiesen; nicht minder aber versteht er die Kunst, von sich reden zu machen und durch sie hat er es dahin gebracht, daß er heute so volkstümlich ist, wie es außer Gambelta kein einziger Minister der Republik war. Mit den zahllosen Berichten über sein Thun und Lassen, über seine Reisen, seine Reden hat der „Bürger-General", wie ihn einige seiner Anhänger nennen, die Zeitungen durch sein eigenes Preßbüreau versorgen lassen. Vor der Front hat er nicht nur Offiziere und Unteroffiziere, sondern auch gewöhnliche Soldaten, denen er Auszeichnungen verlieh, in die Arme geschlossen. Diese Soldaten schwärmen natürlich für ihn und die radikale Partei, der er angehört, ist ihm ganz ergeben. General Boulanger ist zu gleicher Zeit, wenn cs sein muß, ein geschmeidiger Mann. Er war einst Generalstabschef desselben Herzogs von Aumale, Prinzen von Orleans, den er jetzt aus der Armeeliste gestrichen hat, und Boulanger nannte ihn damals Monseigneur, ein Titel, der nur Prinzen zukommt. Der republikanische General verstand nicht blos den Hofton, er war damals auch ein eifriger Besucher der katholischen Kirchen, während er heute als radikaler Minister den Geistlichen gegenüber einen hochfahrenden Ton anschlägt. Auch in dem Streit mit dem General Saussier hat er nachgeben müssen, aber diese Niederlage hat er jetzt in vollem Maße wieder ausgewetzt; er ist mächtiger, als der Premierminister Freycinet selbst. Das ist der Mann, der zur Zeit in Frankreich die erste Rolle spielt. Ein Napoleon ist er nicht; was er sein wird im vollen Besitz der Macht, wird uns erst die Zukunft lehren können. Am bedeutsamsten ist die Thatsache, daß der größte Einfluß in der französischen Republik von den „Zivilisten" auf einen zwar tüchtigen, aber sehr ehrgeizigen Offizier übergegangen ist. Der Ehrgeiz aber billigt manches, was die Klugheit verwirft.
Deutsches Reich.
Berlin, 20. Juli. Die Bevollmächtigten zum Bundesrat haben Berlin verlassen. — Fürst Bismarck hat in Kisstngen bis jetzt fast jeden Tag ein Bad genommen, und dieselben haben einen guten Erfolg gehabt; denn das Aussehen des Fürsten ist ein ganz vorzügliches. Professor Schwenninger ist vor etlichen Tagen in Kissingen angekommen. Ort und Zeit der Zusammenkunft des Grafen Kalnoky mit dem Fürsten Bismarck sind nunmehr bekannt.
Die Zusammenkunft wird in Kissingen am künftigen Mittwoch oder Donnerstag stattfinden. — Der Staatssekretär im Auswärtigen Amte, Graf Herbert Bismarck, soll sich von seiner letzten, bekanntlich nicht unerheblichen Erkrankung in erfreulicher Weise erholt haben. Derselbe wird in kurzer Zeit, dem Vernehmen nach, zur Aufnahme seiner Amtsgeschäfte hierher zurückkehren. Damit erledigt sich auch die Nachricht, er werde Bad Königstein besuchen. — Die neuen unter dem 6. Juli d I. von dem Minister der öffentlichen Arbeiten erlassenen Vorschriften über die Ausbildung und Prüfung für den Staatsdienst im Baufache, deren Erscheinen mau schon längere Zeit entgegensah, werden in der neuesten Nummer des „Zentralblattes der Bauverwalung" ihrem vollen Wortlaute nach veröffentlicht. Die Aenderungen, welche der bisherige Vor- bildüngsgang im Baufach mit ihrer Einführung erfährt, sind ziemlich durchgreifender Art Zunächst ist, abweichend von den bisher gütigen Vorschriften, das Maschinenbaufach nicht mehr als ein außerhalb des eigentliche» Bauwesens liegendes Gebiet, sondern als ein Zweig des Baufaches behandelt. Demgemäß sind auch die bisherigen Titel „Regierungs - Maschinen - Bauführer" und „Regierungs- Maschinenmeister" durch die — nunmehr den drei Richtungen des Hoch-, Ingenieur- und Maschinenbaues — gemeinschaftlichen — Titel „Königlicher Regierungs- Bauführer" und „Königlicher Regierungs-Baumeister" ersetzt. Als besonders wichtig ist hervorzuheben, daß die zur Zeit überaus umfangreiche Bauführerprüfung in zwei Prüfungen zerfallen soll, von denen die erste, die sogen. „Vorprüfung", schon nach zwei Studienjahren, die andere (die Bauführerprüfung) unter die Bezeichnung „erste Hauptprüfung" am Schluß der vierjährigen Studienzeit abzulegen ist. Ferner ist als wesentliche Neuerung neben den bisherigen beiden Jahren der sogenannten Bauführer- Praris noch ein besonders praktisches Vorbildungsjahr in Aussicht genommen, welches von den Maschinen - Baubeflissenen gleich nach dem Abgang von der Schule, also vor Eintritt in das technische Studium, im Werkstättendienst zurückgelegt werden soll, während es für das Hoch- und Jngenieurbaufach der vierjährigen Studienzeit unmittelbar folgt. Diese praktische Vorbildung, sowie die außerdem von dem Regierungs-Bauführer vor Zulassung zur „zweiten Hauptprüfung", der Baumeister-Prüfung, wie bisher durchzumachende zweijährige praktische Thätigkeit soll fortan unter staatlicher Aufsicht und Leitung stehen, wobei hauptsächlich den Präsidenten der Königlichen Regierungen und Eisenbahn-Direktionen die bezüglichen Anordnungen und Entscheidungen zufallen werden. Durch Festsetzung gewisser nicht zu überschreitender Fristen für die Ablegung der Prüfungen, Bearbeitung der Probeaufgabe u. s. w. wird beabsichtigt, unnötigen Verzögerungen in der Vollendung des Ausbildungsganges vorzubcugen. Letzterer wird, wenn alle etwaigen Versäumnisse vermieden werden, reichlich acht Jahre in Anspruch nehmen. Die
„sie ist ein anmutiges, herzgewinnendes Kind. Willst Du Dich dieses Wunsches erinnern?"
„Die nötigen Befehle sollen schon morgen früh erlassen werden, Mama," entgegnete der Monarch. „Die junge Dame ist allerdings eine reizende Erscheinung," fügte er mit sichtlichem Enthusiasmus hinzu, „und es würde mich sehr freuen, sie dauernd an meinen Hof gefesselt zu sehen."
War es die Lebhaftigkeit, die aus des Königs Entgegnung sprach, oder waren es feine bei diesen Worten außergewöhnlichen animierten Züge, wodurch die Königin frappiert wurde — genug, sie wendete ihre Augen schnell ihrem Sohne zu, als habe sie eine Erwiderung auf der Zunge; doch sie schwieg unter einem eigentümlichen Ausdruck und schüttelte leicht den Kopf.
Inzwischen war Baron Hartenstein zur Baronin Hochberg zurückgekehrt und fand Valentine an ihrer Seite. Er führte des jungen Mädchens leicht bebende Hand an seine Lippen.
„Darf ich meine verehrte Koufine nm den nächsten Tanz bitten?" fragte er sie.
Einen Augenblick zögerte Valentine, dann aber neigte sie sich leicht zustimmend und trat an Leopolds Arm zum Walzer an. Das schöne Paar verlor sich in den Reihen der Tanzenden. In den Pausen ging Valentine schweigend neben ihrem Tänzer; sie hörte kaum die leidenschaftlichen Worte, die Leopold an sie richtete und mit denen er ihren Entschluß zu andern hoffte; nur ihre ungewöhnliche Blässe ließ ihn erkennen, daß sein Erscheinen den Kampf in ihr aufs Neue hervorgerufen hatte.
„Zürnen Sie mir Valentine, daß ich kam?" fragte er, indem seine Stimme zitterte.
„Ich habe dazu nicht das Recht," entgegnete sie. „Meine Ansicht kennen Sie; ich brauche Ihnen meinen einmal gefaßten Entschluß nicht zu wiederholen; er ist und bleibt
derselbe, den Sie im Sommer auf dem Wege nach Schloß Stolzenfels von mir schon gehört haben. Ein Zusammenleben kann also für uns Beide nur schmerzlich sein."
„Aber, teure Valentine, wie können Sie nur an einem Entschluß so zähe festhalten, der jeder Begründung entbehrt? Würde Ihre Liebe zu mir der meinigen zu Ihnen gleichen, wahrlich, Sie könnten nicht uns Beide da unglücklich machen, wo das reinste, durch nichts zu trübende Glück uns lächelt! Valentine, Sie sind grausam aus Egoismus: ist nicht meine Tante Ihre zweite — Ihre wahre Mutter geworden und genügt nicht der Name, den sie Ihnen gegeben — gesetzlich gegeben, zu Ihrer Beruhigung?" fragte Baron Leopold wehmütig.
„Geben Sie sich nicht die vergebliche Mühe, mich umzu- stimmen, denn nur mit meinem Namen kann ich — wenn Sie mich dann noch begehrenswert finden! — die Ihre werden. Meinem Herzen habe ich bis dahin jedes Recht versagt."
„Wissen Sie, Valentine, daß dies möglicher-, ja wahr» scheinlicherweise ein Entsagen für immer sein kann? — Wollen Sie mir und sich selbst nicht wenigstens eine Hoffnung lassen? — Wollen Sie mir nicht zugeben, daß, wenn in zwei Jahren das über Ihrer Geburt schwebende Dunkel nicht gelöst ist, Sie bann die Meine werden wollen, wenn ich Ihnen fitzt verspreche, daß ich alles daran setzen werde, Ihre Abkunft zu ermitteln, um Ihnen auch meinerseits den Beweis zu geben, wie sehr ich bemüt bin, Ihre Wünsche zu erfüllen?"
Das junge Mädchen schien einen schweren inneren Kampf zu kämpfen; endlich flüsterte es: „Nun wohl, Leopolp, ich will Ihnen das geforderte Zugeständnis machen — doch unter einer Bedingung."
„Und die ist, Valentine?"