Rr. 16».
Marburg, Mittwoch, 21. Juli 1886.
XXI. Jahrgang.
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Berlin, Ha nover ».Paris'
Wöchentliche Beilagen: Amtlicher Anzeiger f. d. Kreise Marburg u. Kirchhain. - Illustriertes Soiiutagsblatt.
Expedition Markt 21. — Redaktion, Druck nnd Verlag von Joh. Aug. Koch.
Die Kaiserreise durch Bayern.
Kaiser Wilhelm hat den Beinamen des Siegreichen; er ist siegreich nicht nur in der tosenden Feldschlacht, sondern siegreich auch im Frieden, wenn er die Gaue des deutschen Reiches durchzieht. Die erhabene und Ehrfurcht erweckende Persönlichkeit des Kaisers, über besten greisem Haupt sicht- barlich die Hand der Vorsehung schützend und schirmend gewaltet, zwingt überall zu begeisternden Huldigungen der einzelnen Stämme des deutschen Volkes. Rauschende Festlichkeiten und glänzende Veranstaltungen liegen dem bescheidenen Charakter des Kaisers fern; in einfacher, schlichter Weise wehrt er alle überschwenglichen Demonstrationen ab, dankbar aber für die herzliche Begrüßung, die dem tiefsten Innern der Volksseele entspringt. Kaiser Wilhelms Reisen sind deshalb keine glänzenden Schaustellungen, sie sind ein Triumphzug, dessen schönste Zier die begeisterte und stürmische Zuneigung der Bevölkerung zu dem Helden ist, der die deutsche Kaiserkrone trägt. Kaiser und Volk kommen auf den Reifen des Monarchen in die innigste Berührung mit einander, die Hofetikette hat da keine Gewalt, es ist ein Jubel, der vom Herzen kommt und zum Herzen geht. So durchreist der Kaiser alljährlich unser Vaterland, und glücklich preisen sich die Gegenden, die den frohen Ruf erheben können: Der Kaiser kommt!
Die Manöver des badensischen und württembergischen Armeekorps im vergangenen Spätsommer führten den Kaiser in die Hauptstädte Karlsruhe und Stuttgart. Hier, wie da, euthusiastische Begrüßung! Das ist damals sehr bemerkt und mit Recht so ausgelegt worden, daß der Reif, der seit 1870 die Deutschen in Nord und Süd, in West und Ost verbindet, zu einem unlösbaren Bande geworden, das die Losung trägt: Einig in der Liebe zu Kaiser und Reich! Der Empfang namentlich, den der Kaiser in Stuttgart gefunden, hat auf das glänzendste bewiesen, daß alle heimlichen, reichsfeindlichen Versuche, einen Gegensatz zwischen Nord und Süd im deutschen Reiche zu schaffen, abgeprallt sind an der Bundestreue der Süddeutschen, und deshalb waren die Kaisertage von Stuttgart eine rechte Herzensfreude für den hohen Herrn! Nur einen Bundesstaat hatte bisher Kaiser Wilhelm nicht in seiner Eigenschaft als Kaiser besucht, das Königreich Bayern. Wohl hat er alljährlich als Badegast das Land durcheilt, aber das geschah nur flüchtig, und nur in der kleinen Gebirgsstadt Rosenheim nahm der Kaiser Nachtaufenthalt, wenn er seinen Weg nach den Heilquellen von Gastein lenkt. Traurige Verhältniffe, die vor kurzem erst einen herzergreifenden Abschluß gefunden, traten einem wirklichen Kaiserbesuch des Bayernlandes hemmend in den Weg, und jetzt erst, zum erstenmale, erscheint Kaiser Wilhelm als Kaiser unter dem bayerischen Volke.
Es ist ja kein Geheimnis, und kann deshalb ganz offen
Geschichtskalender.
21. Juli.
1411. Sigismund, Wenzels Bruder, (nach Jobst's von Mähren Tode) zum Kaiser gekrönt.
1718. Abschluß des Friedens zu Passarowitz zwischen Oesterreich und der Türkei.
1762. Friedrich II. siegt über die Oesterreicher unter Daun bei Burkersdorf.
1773. Ter Papst Clemens XIV. hebt durch die Bulle Dominus ac Redemtor noster de» JesuiteN-OrdkN in allen
Landen der Welt auf.
1798. Bonaparte schlägt die SS lacht bei den Pyramiden und öffnet sich den Weg nach Cairo.
1831. Der Prinz Leopold von Sachsen - Coburg hält als erwählter König der Belgier seinen Einzug in Brüssel.
Im Schatten des Lebens.
Roman von P. Felsberg.
(Fortsetzung.)
Eine duftige Seidentüllrobe, reich mit kostbaren Spitzen garniert, umschloß die graziöse Gestalt Valentinens; kein anderer Schmuck, als eine frische Camelie von dunklem Rot im Haar und eine eben solche vor der Brust, endlich ein kleiues, reich mit Brillanten besetztes Medaillon an schwarzem Sammtbande um den Hals, war an ihr zu sehen.
Freundlich, ja herzlich empfing die Königin-Mutter ihre frühere Hofdame und Freundin und reichte dann Valentine unter gewinnenden Worten die Hand, während der Blick des jugendlichen Landesherrn mit unverkennbarem Wohlgefallen auf der reizenden Erscheinung des jungen Mädchens ruhte. Auffallend lange unterhielten beide Majestäten sich mit Frau von Hochberg und Valentine. Manch' neidischer Blick beobachtete die Gunstbezeigung, und besonders die schon seit Jahren gefeierten Schönheiten begänne» zu zittern vor dem Erfolg, den Valentinens Schönheit haben würde.
gesagt werden, daß in Bayern besonders heimliche Bestrebungen im Gange gewesen sind, den zweiten Bundesstaat im Reiche dem Reiche selbst immer kühler gegenüberzu. stellen. Es wäre das nicht so schwer gewesen, da das Königreich Bayern bekanntlich sehr umfassende Reservat- rechte besitzt, die ihm eine feste Sonderstellung geben. Aber das Bayernland hat doch allezeit unentwegt und treu zum Reiche gehalten, dem Kronprinzen des deutschen Reiches ist, wenn er alljährlich zu Truppenbesichtigungen nach dem Süden kam, stets der erfreulichste Empfang zu teil geworden. Die Kriegskameradschaft von 1870/71 bildet einen festen Kitt, der nicht so leicht zu lösen ist. Dann kam unerwartet und mit furchtbarer Gewalt die Schreckensnachricht von dem Tode König Ludwigs II. Wer am herzlichsten da sein Beileid nach München aussprach, seinen tiefen Schmerz über die Katastrophe unverhohlen äußerte, das war mit dem Kaiser das ganze deutsche Volk, und in diesen Zeiten hat sich gezeigt, daß nicht nur gemeinsame Freude, sondern erst recht gemeinsame Trauer die Völkerstämme enger und enger verbindet.
Als jetzt mitten in der Trauerzeit im bayerischen Volk die Kunde sich verbreitete: Kaiser Wilhelm wird in diesem Jahre nicht nur flüchtig unsere Fluren durcheilen, sondern uns einen wirklichen Besuch abstatten, da erscholl auch ein allgemeines herzliches Willkommen so mächtig, wie es nur dem ehrwürdigen Träger der deutschen Kaiserkrone entgegenschallen kann. Kaiser Wilhelm hat aber auch hier von neuem gezeigt, daß es ihm nicht um Ehrenbezeugungen gegen seine Person zu thun, und er hat deshalb, der noch in Bayern bestehenden Landestrauer wegen, einen Besuch der Stadt München selbst abgelehnt. Auf dem Bahnhofe hat die Begrüßung mit der Königlichen Familie stattgefunden. Dagegen ist dem Kaiser in Augsburg, wo er in diesem Jahre anstatt in Rosenheim sein Nachtquartier genommen, ein überwältigend herzlicher Empfang zu Teil geworden. Die Bewohner von Augsburg haben am Sonntag bei der Begrüßung Kaiser Wilhelms die Gefühle von ganz Bayern zum Ausdruck gebracht; sie haben gezeigt, daß auch innerhalb der blauweißen Grenr- pfähle patriotische Begeisterung und volle Anhänglichkeit herrscht an den Deutschen Kaiser und das Deutsche Reich. Das ist dii^Bedeutung der Kaiserreise durch Bayern.
Deutsches Reich.
Berlin, 19. Juli. Einer Meldung aus Petersburg zufolge tritt mit der Abänderung der Titel der nachgeborenen Großfürsten auch eine Herabsetzung ihrer Apanage als Mitglieder des kaiserlichen Hauses ein. — Kronprinz und Kronprinzessin Rudolf von Oesterreich sind -nach der „Augsbg. Abdztg.") zum Besuche des Prinzen und der Prinzessin Wilhelm von Preußen in Reichenhall eingetroffen.
— Tas Schreiben des Großherzogs von Baden an den Kaiser aus Anlaß der bevorstehenden Jubelfeier des fünfhundertjährigen Bestehens der Universität Heidelberg, auf welches bereits Antwort von Sr. Majestät ergangen ist, hat nach dem „Schw. Merk." folgenden Wortlaut: „Durchlauchtigster, Großmächtigster Kaiser und König, Hochgeehrtester Herr Vetter, Bruder und Schwiegervater! Die Universität Heidelberg gedenkt in der ersten Augustwoche des laufenden Jahres die Jubelfeier ihres fünfhundertjährigen Bestehens in festlicher Weise zu begehen. Es ist das erste fünfhundertjährige Jubelfest einer deutschen Hochschule, einer Hochschule, welche sich stets auch der hohen Aufgabe bewußt war, eine Pflanzstätte deutschen Geistes, eine Pflegerin des Gefühls geistiger Zusammengehörigkeit in den deutschen Stämmen, ein Hort der Einheit deutschen Wesens in gemeinsamer Förderung deutscher Winenschaft zu sein. So ist es gewiß nur natürlich, daß die Blicke der zur Jubelfeier bereiten Carola-Ruperta Euerer Kaiserlichen und Königlichen Majestät sich zuwenden, daß sie mit allen Teilnehmern am Feste freudigst dem Gedanken sich hingeben möchte, mit Allerhöchstdenselben in der Feier ihres halbtausendjährigen Bestandes sich vereinigt zu fühlen und dem erhabenen Begründer des deutschen Reiches, dem mächtigsten Schirmherr deutscher Wissenschaft, ihre ehrfurchtsvolle Huldigung darzubringen. Wenn ich als Rektor der altehrwürdigen Hochschule auch nicht wagen kann, Euerer Kaiserlichen und Königlichen Majestät eine Einladung zur Allerhöchsteigenen Gegenwart bei der Jubelfeier zu unterbreiten, so möge es mir doch gestattet sein, Allerhöchstem Ermessen zu uuterstellen, ob Euere Majestät nicht geruhen wollen, durch Entsendung eines Vertreters bei dem bevorstehenden Feste Allcrhöchstsich zu beteiligen und damit demselben die schönste Weihe zu verleihen. Eine gütige Aufnahme dieser Anregung wird mich mit besonders freudiger und dankbarer Stimmung erfüllen. Mit Vergnügen ergreife ich den Anlaß zur Versicherung der höchsten Verehrung, womit ich unwandelbar zu sein die Ehre habe Euerer Kaiserlichen und Königlichen Majestät gehorsamwilligster Vetter, Bruder und Schwiegersohn (gez.) Friedrich. Schloß Baden, den 23. Juni 1886. — Laut Ministerial-Anvrdnung vom 9. d. M. sind die Kataster- kontroleure, wenn dieselben in ihrer Eigenschaft als Feldmesser außerhalb ihres Wohnorts in den vor die Gerichte gehörenden Rechtssachen als Sachverständige zugezogen werden, hinsichtlich ihrer Gebührenbezüge den anderen Feldmessern gleichzustellen. Die Katasterkontroleure haben daher mangels anderweiter Vereinbarung für jeden Kalendertag, welchen sie als „geometrische Sachverständige" in gerichtlichen Angelegenheiten außerhalb ihres Wohnorts, und zwar in nicht weniger als zwei Kilometer Entfernung ganz oder teilweise zubringen müssen, neben den Tage
Das Aufgehen di.ses neuen Sternes schien alle andern zu verdunkeln. Man drängte sich um „Fräulein v. Höchberg," Jedem und Jeder schien es daran zu liegen, ihr vorgestellt zu werden.
Unbewußt der verschiedenartigen Eindrücke, welche ihre Erscheinung hervorgerufen hatte, gab sich Valentine der Unterhaltung und der für sie so neuen Umgebung hin. Das Urteil, daß sie in jeder Beziehung ihrer schönen und geistreichen Mutter würdig sei, war schließlich ein allgemeines. Da gewahrte Frau v. Hochberg, wie plötzlich das liebliche Rot auf ihrer Tochter Wangen einer fast geisterhaften Blässe wich, während ihr Blick starr am Hauptetngang des Saales hing. Sie folgte beunruhigt dem Blicke ihrer Tochter und gewahrte, freudig erschreckend, ihren Neffen, den Baron Leopold, der soeben eingctteten zu sein schien. — Seine Augen schienen Jemand zu suchen, jetzt entdeckte er Valentine — ihre Augen begegneten sich und mit unverkennbarem Entzücken hing der seinige an ihrer Gestalt; sie erschien ihm schöner, begehrenswerter denn je. — Da ward Valentine zu einem eben beginnenden Walzer abgeholt; Baron Hartenstein ging auf seine Taute zu, die ihn mit sichtlicher Freude begrüßte.
„Vor kaum zwei Stunden bin ich angekommen, liebe Tante," sagte er, „und da ich erfuhr, daß heute Hofball und Vorstellung sei, warf ich mich sofort iu Gala, denn ich war ja sicher, Euch hier zu treffen."
Und er war in der Gala stattlich; imponierend sah der schöne Mann aus in dem kleidsamen Hofkostüm mit dem blitzende» Stern des Hausordens auf der Brust und dem breiten Ordensband unter dem Kammerherrnfrack.
„Valeuttue wurde heute vorgestellt und das Aufsehen, welches sie erregte, die überaus huldreiche Aufnahme,'welche sie bei beiden Majestäten fand, könnten mich stolz auf sie machen," entgegnete Fran v. Hochberg, der der Eindruck nicht entgangen war, den Valentinens Erscheinung hervorgerufen hatte. „Doch nun erzähle mir, Leopold," fuhr sie
fort, „wie Deine Mama die Enthüllung Deines Herzens ausgenommen hat."
„Ich komme, Dir ihren Besuch anzukündigen; sie will Valentine sehen und kennen lernen, ich habe selbst darauf gedrungen, denn sie mutz Valentinens Wert kennen. Meine «Sehnsucht, sie wiederzusehen, gestattete mir nicht zu warten, bis Mama zur Reise bereit sei, da sie noch durch Besuche zurückgehallen wird. Doch ich mutz mich jetzt den Herrschaften vorstelleu, die sich wohl kaum meiner erinnern werden, da es beinahe zehn Jahre her ist, datz ich zuletzt diese Räume betrat."
Er verabschiedete sich einstweilen von seiner Tante, »och ehe Valentine von ihrem Tänzer zurückgeführt wurde. Sein Rang und seine Kamwerherrnwürde gestatteten ihm, sich den Majestäten persönlich in die Erinnerung zurückzurufen. Die Königin Mutter unterhielt sich leise mtt ihrem Sohne, als Baron Hartenstein sich näherte, und um nicht zu stören, eines Winkes des Königs gewärtig stehen blieb. Da fiel der Königin Blick auf ihn, sie fixierte den Prinzen, plötzlich schien sie ihn erkannt zu haben, denn sie sprach einige sehr angelegentliche Worte zum Könige, der sich erhob und dem Baron entgegenging. Der König fand sichtlich Gefallen an dem Baron, er nahm selbst Hartensteins Arm und begann mit ihm im eifrigsten Gespräch auf und ab zu wandel».
Wohl über eine halbe Stunde promenierte der König mit Leopold im Saale, ohne sich im mindesten um die verlegenen Blicke des Oberhsfmarschalls zu kümmern, der irgend eine Meldung gern angebracht hätte, es jedoch nicht wagte, die animierte Unterhaltung seines Gebieters zu unterbreche». Endlich, mit einem herzlichen Händedruck und den Worten: „Nun, es bleibt bei unserer Verabredung; auf baldiges Wiedersehen, lieber Hartenstein, im Gebirge!" — wandte sich der König der Estrade wieder zu, nahm einige Meldungen entgegen und bot dann seiner Mutter den Arm, um mit dieser einen Rundgang durch die Festräume zu machen.
(Fortsetzung folgt.}