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Marburg, Dienstag, 20. Juli 1886.
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zur Beurteilung des Geisteszustandes der verstorbenen Königs vorliegt, wohl kaum noch an der Umnachtung seines unglücklichen Vetters zweifeln; trotzdem mag aus jenen bewegten Tagen eine leise Dissonanz zurückgeblieben sein, welche dem Prinz-Regenten, wie seinem Neffen einen Wechsel des Aufenthaltes des letzteren angemessen erscheinen lassen mochte. Prinz Ludwig Ferdinand ist ein Mediziner von verdientem Rufe. Sein Buch über die Anatomie der Zunge gilt als epochemachend. Er war der erste Prinz, der sein Rigorosum rite abgelegt hat, während der Augenarzt Herzog Karl Theodor in Bayern den Doktortitel als Ehrendoktor der Münchener Universität führt. Auf dem Titelblatt der „Anatomie der Zunge" zeichnet der Verfasser als ^Ludwig Ferdinand Dr. med. und Prinz von Bayern." toein hervorragendster Lehrer ist Prof. Rüdinger gewesen, der nämliche, welcher den Sektionsbefnnd der Leiche des Königs Ludwig mitunterzeichnet und damit die Annahme seines aus den edelsten Motiven irrenden erlauchten Schülers von der geistigen Gesundheit des Monarchen widerlegt hat. Mit seiner Gemahlin, der Infantin Maria de la Paz, lebt Prinz Ludwig Ferdinand in der glücklichsten Ehe. Die Wissenschaft hat von dem begabten Anatomen, der im jugendkräfiigsten Mannesalter steht, noch viel zu erwarten. (Die Nachricht von der Uebersiedelung des Prinzen nach Würzburg wird von anderer Seite wieder in Abrede gestellt.)
Maina«, 17. Juli. Se. Majestät der Kaiser und der Großherzog von Baden begaben sich heute nachmittag 1 Uhr mittelst Dampfers nach Friedrichshafen, um dem König von Württemberg einen Gegenbesuch zu machen. Die Rückkehr wird um 5 Uhr erfolgen.
3m Schatten des Lebens.
Roman von P. Felsberg.
(Fortsetzung.)
„Ihr wißt, Kinder," begann die hochbetagte Dame, „daß ich bereits ein Testament zu Gunsten Hedwigs gemacht habe. Wenn ich auch keine großen Reichtümer hinterlasse, so ist mein Erbe doch immerhin nicht zu verachten. Ihr seit sämtlich in den allerbesten Verhältniflen, und das, was ich wahrscheinlich bald hinterlassen werde, würde Keinen von Euch wesentlich bereichern. Alfted hat einen Sohn und Erben seines Namens; dagegen ist uns über das Schicksal der wirklichen Tochter unseres Hanfes nichts bekannt. Die umfassenden Schritte, welche Alfred in dieser Beziehung gethan, blieben bis jetzt erfolglos; allein sie ^können — und Gott gebe, fie werden — unS eines Tages das verlorene Kind wieder znführen. Sie muß daun, so denke ich, ihr väterliches Erbe ungeschmälert vorfindeu. Adoptieren kann Alfred Emilie nicht, doch ich kann es und wünsche es zu thun,
Geschichtskalender.
20. Juli.
1235. Kaiser Friedlich II. feiert zu Worms seine (dritte) Vermählung mit Isabella, Schwester K. Heinrichs HL von England, mit ungewöhnlicher Pracht.
1397. Margarethe vollzieht die Colmarische Union.
1402. Bajasid L Jlderim wird von dem Mongolenherrscher Timurlenk in der Schlacht bei Ancyra besiegt und ge. fangen genommen.
1546. Carl V. erklärt die beiden schmalkaldischen Bundeshäupter in die Acht; Beginn des schmalkaldischen Krieges.
1853. König Friedrich Wilhelm iv. von Preußen erwirbt den Jahdebusen.
1864. Die Preußen und Oesterreicher schließen einen Waffenstillstand mit Dänemark.
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Deutsches Reich.
Berlin, 17. Juli. Die vom Bundesrate heute ge- nehmigteu Ausführungs - Bestimmuugen zum Zuckcrsteuer- Gesetz erstrecken sich auf die Steuervergütung, die auch für sogenannten Krystall- und granulierten Zucker gewährt wird, auf Steuerkreditierung, auf steuerfreie Zuckernieder- lagen^ und auf die statistischen Nachweisungen. Betreffs der Formulare für die Nachweisungen über den Zuckerbestand in den Fabriken, Niederlagen, Raffinerieen und Transitlagern, sowie für die Betriebsnachweisungen in den Fabriken und Raffinerien ist hervorgehoben, daß die Angaben von den Fabriken aus zur Kenntnis der Behörden gelangen veröffentlicht, dagegen werden lediglich die Zusammenstellungen. — lieber die beabsichtigte Begegnung des Fürsten Bismarck mit Kalnoky schreibt heute die freikonservative „Post": „Wir glauben sagen zu können, daß der Stand dieser Angelegenheit jüngstens keine Veränderung erfahren hat. Als sicher gilt, daß die Begegnung der beiden Minister wahrscheinlich sogar in sehr naher Frist stattfinden wird, aber auf Tag und Stunde ist der Termin noch keineswegs fixiert. — Mit Rücksicht auf die Ver- hältuiffe und die gemeinnützigen Zwecke der ländlichen Kreditgenossenschaften des Reiffeisenschen Systems hat, nach der „Voss. Ztg." der Finanzminister die bestehenden Ge- setzvorschriften auf die Spar- und Darlehenskassen dieses Systems dergestalt für anwendbar erachtet, daß deren Spar- kafsenbücher über einzelne Einlagen, auch wenn sie auf 150 Mk. und mehr^ lauten, von der Stempelsteuer befreit bleiben. — Das schreiben, welches durch den Kultusminister dem Dichter Freitag zugegangen ist, lautet wörtlich : „Berlin, den 12. Juli 1886. Ew. Hochwohlgeboren feiern am 13. e. Mts. Ihren siebenzjgsten Geburtstag. Se. Majestät der Kaiser und JFtönig haben — eingedenk der hohen Verdienste, welche Sie in einer langen Reihe von Jahre durch Ihre edlen, in kunstreicher Form von echtem Patriotismus durchwehten Dichterwerken um die Verbreitung idealer Bildung und um die Pflege des vaterländischen Sinnes in den weitesten Schichten des deutschen Volkes sich erworben haben — aus meinen Antrag durch Allerhöchsten Erlaß vom 11. d. Mts. zu genehmigen geruht, daß ein Bildnis von Ihnen aus Staatsmitteln angefertigt und in der Nationalgallerie aufgestellt werde. Ew. Hochwohlgeboren beehre ich mich von dieser Allerhöchsten Kundgebung mit dem Ausdruck meiner herzlichen Freude und meines wärmsten Glückwunsches ergebenst in Kenntnis zu setzen, indem ich wegen der Ausführung weitere Mitteilung mir Vorbehalte, gez.) v. Goßler." — Die „Kreuz-Ztg." schreibt: „Wenn die Großindustriellen so gewaltig pochen auf ihre Sorge, „die Arbeiter zu beschäftigen", so stimmt dies doch sehr wenig mit den vielfachen, durch Konventionen herbeigeführten Arbeiter- Entlassungen, welche während des laufenden Jahres
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stattgefunden haben und wodurch doch ohne Zweifel die nationale Verbrauchskraft geschädigt worden ist. Wir wollen damit der Industrie keinen Vorwurf machen, aber wir muffen doch zeigen, wie windig der Hauptgrund ihrer Beweisführung ist, während unsere Statistik zeigt, in wie hohem Grade die auswärtige Kou- kurrenz im Inland durch die Schutzzölle eingeschränkt worden ist. Wenn dann zur Verstärkung jenes Hauptgrundes darauf hingewiesen werden sollte, daß die Industriellen keine Arbeit schaffen können, wo keine ist, so fällt damit der Grund überhaupt in sich zusammen. Es wird sich finden, daß unsere Großindustrie, wenn sie sich, abgesehen von den durch die ziellose Ueberproduktion hervorgerufenen Unzuträglichkeiten — woran übrigens die Industriellen in der Hauptsache selbst schuld sind —jetzt auch ziemlich wohl befindet, noch öfter auf den guten Willen der Nation zurückzugreifen hat, und schon deshalb hätte sie sich hüten sollen, die Abtragung einer nun schon ziemlich alt gewordenen Schuld durch die Ausstellung noch länger zu vertagen." Gleichzeitig läßt sich die „Kons.Korr." wie folgt vernehmen: „Es ist in Deutschland unangenehm ausgefallen, daß die Firma Krupp in Esten bei einer kürzlich stattgehabten Schienenverdingung in Altona einem englischen Werke gegenüber hat zurücktreten muffen, welches die Mindestforderung stellte. Diese erste Frucht der Auflösung des deutsch - belgischen Schienenkartells ist jedenfalls keine sehr wohlschmeckende. Wenn wir freilich hören, daß derselbe Krupp, der sich in der Heimat von den Engländern schlagen läßt, unmittelbar bei einer Verdingung in Holland den Zuschlag erhalten hat, bann müssen wir uns doch fragen: Wie ist das zu verstehen? Wollen unsere Großindustriellen wirklich den Mißbrauch mit dem Schutzzoll treiben, der ihnen bereitwillig zugestanden worden ist, daß sie die Preise im Jnlande konsequent weit höher halten, als sie im Auslande zu thun gewohnt sind? Ein anderer Schluß läßt sich aus den vorliegenden Thatsachen doch kaum ziehen. Ist es aber an dem — dann mögen sie die Erfahrung machen, daß ihnen das Ausland die Lieferungen vorweg nimmt, auf die sie den ersten Anspruch haben, d. h. so lange sie sich in gehörigen Grenzen bewegen." — Der „Reichsanzeiger" publiziert die Uebereinkulift zwischen dem deutschen Reich und der Schweiz wegen gegenseitigen Verzichts auf die Beibringung von Trau-Erlaubnisscheinen.
, München, 17. Juli. Die Uebersiedelung des bayerischen Prinzen Ludwig Ferdinand von München nach Würzburg ist geeignet, einiges Aufsehen zn verursachen. Der Prinz ist derselbe, welcher sich bis zuletzt der Auffassung widersetzt hat, daß König Ludwig II geisteskrank gewesen. Auch hat er in der entscheidenden Staatsratssitzung, mit der die Tragödie von Neuschwanstein und Berg begann, seiner abweichenden Meinung einen sehr entschiedenen Ausdruck gegeben. Prinz Ludwig Ferdinand wird heute, wo ihm ein reicheres Material sobald Gott uns das wahre Kind wieder zuführt. Wenn Ihr Alle — namentlich Sie, lieber Heimbeck — meinen Entschluß billigt, bin ich gesonnen, das bereits deponierte Testament zurückzuziehen und cs zu Gunsten unserer lieben Emilie, die ja doch uns Allen nun einmal aus Herz gewachsen ist, neu aufzulebeu. Also, wer hat etwas dagegen einzuwenden? . . ."
»Ich denke Niemand," tief Heimbeck, indem er aufstand, Frau von Sternburgs Hand ergriff und ehrerbietig küßte.
„Und Du, Alfted?" fragte die alte Dame.
„Teuerste Tante, Du machst das Maß Deiner Güte voll," antwortete jener. „Die Biela'schen Güter sind, wie Du weißt, Majorat und werden auf Fritz übergehen, meine übrigen Kinder muß ich aus meinen Ersparnissen, aus meinem Privatvermögen ausstatten, wenn schon sie immerhin noch Ansprüche an den Majoratsherrn, ihren Bruder haben. — Die von Dir vorgeschlagene Lösung enthebt mich aHet Bedenken und wenn auch meine Schwester, woran ich nicht zweifle, gern nnd freudig Deinem Vorschlag zustimmt, so bleibt uns nur übrig, Dir dankbar die Hand zu küssen. Friedenau und Dein Kapitalvermögen, dessen Verwaltung ich jetzt, wie Du mir wiederholt versichert, seit fünfzehn Jahren zu Deiner Zufriedenheit geführt, sind Dein alleiniges freies Eigentum, über welches Du ganz nach Deinem Belieben verfügen kannst und wenn Du ttotzdem unsere Ansichten kennen zu lernen gewünscht hast, so ist das so gütig von Deiner Sette, daß wir nicht genug dafür erkenntlich sein können.".
Nachdem auch Hedwig in den liebevollsten, herzlichsten Worten ihren ausdrücklichsten Verzicht zu Gunsten Emiliens ausgesprochen, übernahm es Alfred, die nötigen Schritte wegen der Testaments-Aeuderuug unverzüglich zu thun.
* * *
Frau v. Hochberg war tm Spätsommer nach M. zurückgekehrt. So viel sie fich auch bemüht hatte, Valeutiue
Ausland.
Bern, 17. Juli. Die internationale Konferenz zur Beratung des Eisenbahn-Frachtrechtes beendete gestern nach erzielter Einigung ihre Arbeiten. Die Unterzeichnung des Konventionsentwurfs seitens der Mitglieder der Konferenz fand heute statt.
Paris, 17. Juli. Der Präsident der Republik hat dem Kriegsminister nachstehendes Schreiben zugehen lassen: „Mein lieber General! Die Revue, der wir beigewohnt haben, war großartig. Ich war überrascht von der Haltung der Truppen, der Genauigkeit ihrer Manöver und der vollkommenen Regelmäßigkeit des Defiles, Beweise ihrer ausgezeichneten Ausbildung. Ich bitte Sie, meine herzlichsten Glückwünsche für sie selbst entgegennehmen und diesen schönen Truppen übermitteln zu wollen. Genehmigen Sie, mein lieber General, den Ausdruck meiner hingehenden Gefühle. Jules Grovy." Nach Empfang dieses Briefes beeilte sich General Boulanger dem General ©auffier, Gouverneur von Paris, von dem obenstehenden Briefe Mitteilung zu machen („Ihnen und Ihrem Führer", andern Sinnes zu machen, es war Alles vergeblich gewesen. Das junge Mädchen beharrte dabei, dem Baron, obgleich sie ihm herzlich zugethan sei, nicht eher ihre Hand zu reichen, als bis fie über ihre Geburt vollständig tm Klaren sei. Leopold hatte sie seit seiner Abreise von Ems nicht wieder gesehen.
Ein schöner, kalter Winterabend hatte seinen klaren Sternenhimmel über die Hauptstadt ausgebreitet. Vor dem königlichen Schloß drängte sich trotz der ziemlich empfindenden Kälte eine Menge Menschen, um das Anfahren der Gäste des Hofes, welche sich in unzähligen eleganten Equipagen zum ersten Hofball einfanden, zu beobachten. Die glänzenden Empfangsräume begannen sich zu füllen, der König, seine Mutter führend, betrat den Hauptsaal und nahm in der Mitte einer im Halbkreis aufgestellten Fauteuils Platz, um sich einige Fremde und noch nicht bei Hofe präsentierte Einheimische vorstellen zu lassen. Um ihn gruppierten sich die Prinzen und Prinzessinnen, die Minister und höchsten Höfchargen, die fremden Gesandten und hohen Militairs.
Dem Balle ging eine Kour voraus, und diese Gelegenheit hatte auch Fran von Hochberg benutzen zu muffen geglaubt, nm Valentine den Majestäten vorzustellen und damit ihren Einttitt in die Gesellschaft zn kennzeichnen. Das junge Mädchen — ob durch Zufall oder mit Absicht — war durch den Zeremonienmeister an die Spitze einer laugen Reihe von jungen Damen plaziert worden, nnd ihre hohe, stolze und herrliche Erscheinung, die überall auffallen mußte, erregte dadurch noch eine ganz besondere Aufmerksamkeit.
Die Anwesenden, denen die Adoptivtochter der Fran v. Hochberg unbekannt war, fragten einander, wer das reizende junge Mädchen sei. Zahlreiche Blicke der Bewunderung ruhten auf ihr, als sie nun au der Hand ihrer Mutter sich dem jungen Könige und seiner Mutter näherte.
(Fortsetzung folgt.)
Anzeigen nimmt entgegen die Expedition d BlatteS, sowie d Annoncen-Bureaux von Haasenstein undVogler in Frankfurt a. M , Cassel, Magdeburg und Wien; Rudolf Moffe in Frankfurt ♦ a M-, Berlin,München und Köln; G. L. Daube und Co. n ranksurt a. M-, B.rl n, Ha nover u.Paris.