Ne.
Marburg, Sonntag, 18. Juli 1886.
HI. Jahrgang.
Erscheint täglich außer an Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. — Quartal» Kbonnements-Preis bei der Expedition 21/* 'SH., bei den Postämter 2 M. 50 Bf;, (erd. Bestellgeld). Jnsertionsgebübr für die gespaltene Zeile 10 Pfg. K-llom n für die Zeile P f z.
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Anzeigen nimmt entgegen die Expedition d Blattes, sowie d Annoncen-Bureaux von Haasenstein undPogler in Frankfurt a. M-, Gaffel, Magdeburg und Wien; Rudolf Moffe in Frankfurt ▲ a M., Berlin,München und Köln; G. L. Daube und Go. n rai.k'urt a. M, B. rl n, Ha nover u.Pari»-
Wöchentliche Beilagen: Amtlicher Anzeiger f. d. Kreise Marburg n. Kirchhain. — Illustriertes Sonutagsblatt.
Expedition Markt 21. — Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Aug. Koch.
Deutsches Reich.
Berlin, 16. Juli. In Anlaß eines Spezialfalles haben die Minister des Innern und des Unterrichts die Voraussetzungen bezeichnet, unter denen von den Kommunal- und Schulaufsichtsbehörden die von Stadtgenieinden beabsichtigte Errichtung gehobener Schulen, welche ihren Zöglingen eine über die Aufgabe und das Ziel der am Orte bestehenden Volksschulen hinausgchende Bildung geben sollen, genehmigt werden kann. Diese Voraussetzungen sind, dem „Pos. Tagebl." zufolge, folgende: Es muß zunächst für die Bedürfnisse des Volksschulwesens an dem betreffenden Ort ausreichend gesorgt sein; sodann hat die Genehmigung zu erfolgen auf der Grundlage eines von der Schulaufsichtsbehörde festzustellenden Einrichtungs- und Lehrplanes nebst Regulativ für die Anstellung, Besoldung und Pensionierung des Lehrerpersonals auf Kosten der Stadtgemeinde. Die Ausübung des Rechts zur Besetzung der Lehrerstellen unter Vorbehalt des Bestätigungsrechts der Schulaufsichtsbehörde kann allein dem Magistrat zugestanden werden, unter Ausschluß der Mitwirkung des Bürgervor- steherkollcgiums hierbei. In betreff der Regelung der Be- solvungsverhältniffe empfiehlt der Unterrichtsminister die in seinen Erlassen vom 28. November 1884 und 20. April 1885 dargelegten leitenden Grundsätze zur Beachtung. Da das Gesetz über die Pensionierung der Volksschullehrer vom 6. Juli v. I. auf die Lehrer und Lehrerinnen an den zu * errichtenoen gehobenen Schulen keine Anwendung findet, weil dieselben nicht zur Kategorie der Volksschulen im Sinne dieses Gesetzes gehören, so soll die Genehmigung zur Errichtung einer solchen Schule in jedem Falle an die Bedingung geknüpft werden, und den definitiv an derselben angestellten Lehrern und Lehrerinnen bei eintrctender Dienstunfähigkeit Pensionen nach wesentlich denselben Normen gewährt werden, welche durch das Gesetz vom 6. Juli d. I. für die Pensionierung der Lehrer und Lehrerinnen an den öffentlichen Volksschulen in Geltung getreten sind. — Der Unterrichtsminister hat an sämtliche Regierungen folgendes Rundschreiben gerichtet: „Der Lehrer an der Stadtschule zu Freienwalde in Pommern, Splitlgebcr, hat sich unter Umständen heimlich entfernt, welche keinen Zweifel darüber lassen, baß er sich der Unterschlagung der Gelder und Wertpapiere der dortigen Spar- und Borschußkasse, deren Rendant er war, schuldig gemacht, und er wird daher steckbrieflich verfolgt. Dieser beklagenswerte Fall liefert einen neuen Beweis dafür, wie bedenklich es ist, einem Lehrer die Uebernahme des Postens eines Kassen - Rendanten zu gestatten. Dahingehenden Anträgen darf nur ausnahmsweise widerruflich in Fällen entsprochen werden, in denen die Genehmigung durch das öffentliche Interesse geboten erscheint und zugleich ausreichende Garantien dafür vor- \ liegen, daß Nachteile für die berufsmäßige Wirksamkeit , des Lehrers nicht zu besorgen sind. Sehr auffallend ist i es, daß der genannte Lehrer die Rendantur hat übernehmen
Geschichtskalender.
18. Juli.
1100. Gottfried von Bouillon stirbt nach einjähriger Regierung tu Jerusalem.
1608. Der Kurfürst Joach'm Friedrich von Brandenburg stirbt.
1639. Bernhard von Weimar stirbt im 36. Lebensjahre plötzlich zu Neuburg am Rhein.
1657. Leopold I. wird im Alter von 19 Jahren zum Kaiser erwählt.
1696. Peter der Große erobert Asow.
1849. Das von Frankfurt nach Stuttgart übersiedelte deutsche Parlament löst sich auf.
19. Juli.
1504. Homburg vor der Höhe wird von Hessen (Landgraf Wilhelm 11) in Besitz genommen und bleibt bis 1866 hessisch.
1619. Privilegium des Reichsverwesers, Kurfürsten von der Pfalz, zur Gründung einer Schaumburgischen Universität in Stadthagen, woraus nachher die am 27. Juli 1621 eivgeweibte Universität zu Rinteln sich eurwickelte.
1630. Wallenst in erhält zu Memmingen den kaiserlichen AdsetzunMesehl; Tilly tritt an seine Stelle.
1810. Die Königin Luise von Preußen stirbt auf dem Lustschlosse Hohenzieritz bei Strelitz in ihrem 35. Lebers- jayre.
1864. Tie Preußen setzen sich in den Besitz der friesischen Inseln.
1866. Ter preußische General Vogel v. Falkenstein n-mmt im Nam- n des Königs von Preußen Besitz von Frankfurt.
und längere Zeit ausüben können, ohne daß hierzu die Genehmigung der Königlichen Regierung nachgesucht und erteilt war. Ich erwarte, daß die Königliche Regierung die aus Anlaß des gegenwärtigen Falles getroffene Vorsorge mit allem Nachdrucke verfolgen und hierdurch eine Wiederholung unmöglich machen wird." — Im Reichsamt des Innern hat unter Vorsitz des Geheimen Rat Nieberding • Direktor der Normaleichungskommission) eine Konferenz statlgefunden, zu welcher neben Vcr re lern des Weingeschäftes aus verschiedenen Teilen Teilen Deutschlands — Kettner - Berlin, Behnke-Lübeck, von Beckerath- Rüdesheim — und größeren Bierhändlern und Exporteuren auch die Firma Friedr. Sicnrens - Dresden für Flaschenfabrikation, Merkelbach-Grenzhausen für Steinkrüge und als technische Sachverständige Professor Fraas-Stuttgart und Dr. A. Frank - Charlottenburg zugezogen waren. Es hat sich darum gehandelt, festzustellen, wie weit eine Eichung auch auf geschlossene Flaschen anzuwenben ist. Die Konferenz einigte sich dahin, daß für das Wein- und Biergeschäft bestimmte Flaschengrößen gesetzlich vorgeschrieben werden sollen, da die Technik der Flaschenfabrikation — Glas- und Steingut — die Einhaltung gleichmäßiger Größen innerhalb gewisser Grenzen ermögliche. Von einer Eichung jeder einzelnen Flasche durch Füllstrich nabm man jedoch Abstand, weil dies eine übermäßige Erschwerung der Fabrikation und eine sehr bedeutende Verteuerung der Flaschenpreise bewirken würde; eö soll vielmehr einfach der obere Rand des Flaschenhalses als Marke für den Inhalt dienen und für Abweichungen in der Fabrikation ein bestimmter Spielraum gewährt werden, derart, daß bei der gewöhnlichen ’/♦ - Liter - Weinflasche ein Spielraum von + 0,03 Liter erlaubt ist; eine solche Flasche bis oben gefüllt demnach mindestens 0,72 Liter und höchstens 0,78 Liter, im Durchschnitt also 0,75 Liter enthält. Für Flaschen unter V, Liter wurde ein Spielraum von -s- 0,02 Liter für ausreichend erachtet. Das Gesetz soll succesive in Kraft treten, um den Uebergang zu erleichtern.
Stettin, 15. Juli. Eine hier abgehaltene, zahlreich besuchte Versammlung von Brennerei - Interessenten des Regierungsbezirks Stettin beschloß im Einklang mit einem in Belgard gefaßten Beschluß der hinterpommerschen Brenner einstimmig die Reduktion der Spiritusproduktion um 20 Prozent per 1886B7. — Wie die „N. St. Ztg." ferner berichtet, beschlossen die seinerzeit zu einer Lagerhausgesellschaft zusammengetretcnen Spiritusbrenner der Provinz Pommern, von dem selbständigen Bau eines Lagerhauses in Stettin abzuschen, dagegen ein Abkommen mit Herrn Boldt in Stettin zu treffen, nach welchem die Mitglieder der LagerhauSgcsellschaft von demselben einen auf die Lage- i rung von 2000000 Liter berechneten Raum auf ein Jahr । mieten und demselben für Benntzung der Hälfte des ge- : mieteten Raumes Garantie zu leisten. Tas Lagergeld soll 25 Pfg. pro 10000 Liter-Prozent monatlich betragen.
I Im Schatten des Lebens.
Roman ron P. Felsberg.
(Fortsetzung.)
„Herr Schölte-, sagte Alfred, „weiß auß .r Ihnen irgend Jemand um diese Angelegenheit, oder kennt jene Frau Rode meinen Namen?"
„Nein, Herr Graf, Niemand hat außer mir selbst eine Ahnung des Sachverhalts und die geschiedene Rode kennt Ihren Namen nicht, oder wenn sie ihn kennt, weiß sie doch nicht, daß Sie es sind, welcher damals ihr Pflegekind erhielt."
„Gut! Sie werden mich nun sehr verpflichten, Herr Geheinier Registrator, wenn Sie diese ganze Angelegenheit einem strengen Familiengeheimnis gleich betrachten und na unverbrüchliches Schweigen darüber bewahren. Ich nehme an, als hätten Sie mir Ihr Ehrenwort darauf gegeben."
„Selbstverständlich, Herr Graf!"
„Sollte es meinen Bemühungen gelingen, doch noch meine wirkliche Tochter oufzufiadev, so wird es dann immer noch Zeit sein, in schonenster Weise die Verhäl'.nisse zu klären. Wollen Sie mir den Inspektor Marschall schicken?" fuhr Graf Biela fort!"
„Noch heute, wenn Sie befehlen, Herr Graf!"
„Wie weit ist er wohl in die Verhältnisse etngeweiht?" „Nur damals lernte er sie zum Teil k-nnm, weiß jedoch nichts davon, daß jenes Kind nicht das Ihre ist."
„Gut! Doch wird er j tzt Kenntnis erhalten misstn. Können wir seiner Disc «lion sicher sein?"
„Ich verbürge mich für ihn, He:r Graf!" sagte Lchoite mit Nachdruck.
„Ich erwarte ihn dann heute Abend um 7 Uhr und würde es gern sehen, wenn Sie ihn begleiten wollten, Herr Schölte!"
„Wir werden pünktlich sein, Herr Graf."
Bremerhaven, 14. Juli, lieber die Eröffnung der Llcyddampfer - Linie nach Australien entnimmt man der „Nordsee-Z." folgendes: „Der Reichspostdampfer „Salier", Kapitän Q. Thalenhorst, welcher gestern die australische Linie deö „Norddeutschen Lloyd" mit Antritt seiner Fahrt nach Sydney eröffnet hat, hat 7 Kajütspassagiere, 116 einzelne Passagiere und 8 Familien im Zwischendeck, sowie die Ablösnngsmannschaft für den Kreuzer „Albatroß", bestehend ans 5 Offizieren, 5 Deckoffizieren und 104 Mannschaften an Bord. Das Ablösnngskommaudo traf am Dienstag Abend mit dem 7 Uhr-Zuge von Kiel hier ein und wurde sofort auf dem „Salier" eingeschifft. Als der „Salier" gestern vormittag noch im Hafen lag, trafen sämtliche Offiziere und ein Kommando der 3. Matroscu- ArMcrieabteilung aus Lehe am Hafen ein und nahmen neben dem Schiffe Frontstellung ein. Der Zweck war, den scheidenden Offizieren und Marinemannschaften einen Abschiedsgruß darzubringen. Der Abschied von hüben wie von drüben war ein sehr herzlicher, und während desselben spielte die Bordkapelle das „Heil Dir im Siegerkranz". Und unter dem donnernden dreifachen Hurra von beiden Seiten legte der „Salier" schließlich aus dem Hafen, nachdem das Kommando der Matrosen - Artilleristen den scheidenden Kameraden zu Ehren das Gewehr präsentiert hatte, wobei die Bordkapelle „Ich bin ein Preuße" intonierte. Ein Teil der Passagieere war bereits an Bord, ein anderer Teil wurde durch den „Willkommen" auf die Rhede und an Bord gebracht. Als der „Salier" von der Rhede abdampfte, fand noch eine gegenseitige Begrüßung mit dem Tender „Hay" statt, der gleichfalls auf Rhede lag und den der „Salier" passierte. Ein dreimaliges Hurra von beiden Seiten: dann dampfte der „Salier"" stolz weserabwärts nach See."
Dresden, 14. Juli. Eine Verordnung, welche sich auf die Verwendung der Sparkassenübcrschüsfe bezieht, ist kürzlich seitens des sächsischen Ministeriums des Innern ergangen. Dieser Verfügung zufolge soll bei Verwendung der Sparkassenüberschüsse hauptsächlich darauf geachtet weiden, daß dieselben den Minderbemittelten, nicht aber der wohlhabenden Bevölkerung zu Gute kommen. Man geht dabei von der Ansicht aus, daß cs in erster Linie der weniger bemittelte Teil der Bevölkerung ist, welcher die Sparkassen benutzt uud welchem daher auch in erster Linie eilt Anrecht auf den erzielten Reingewinn zusteht. Anknüpfend an diese Verordnung hat das Ministerium gleichzeitig die Errichtung von Asylen für ältere Arbeiter und die Unterstützung von Speiseanstalten empfohlen.
München, 15. Juli. Se. Maj. der Kaiser wird bei seiner Ankunft im hiesigen Zentralbahnhofe von Sr. königl. Hoheit dem Prinz - Regenten und den Mitgliedern des königlichen Hauses nebst deren Suiten empfangen weroen, und in Gemeinschaft mit denselben ein dt^jeuner dinatoire entnehmen. — Der Prinz - Regent hat, wie
Der Geheime Registrator empfahl sich und Alfred kehrte nach dem Biela'scheu Hause zurück.
Es läßt sich denken, mit welchen Gefühlen die Gräfin Biela die Erzählung ihres Gemahls anhöite.
„Und nun," sagte Alfred, nachdem er geendet, Helenens Hand ergreifend, „denke ich, wir stimmen darin überein, daß Emilie für jetzt nichts von Alledem erfährt, Alles vor der Hand beim Alten bleibt. Gelingt es mir — und ich werde natürlich Nichts unversucht lassen, mein wirkliches Kind noch zu finden, so werden wir ja dann immer noch Zeit haben, über Emiliens Zukunft zu entscheiden."
Zur festgesetzten Zeit trafen Schölte und der Inspektor Marschall im Palais ein. Nach langer nr> eingehender Unterredung, an der auch Helene Teil nahm, entließ der Graf die Herren und Mai schall reiste am nächsten Morgen in die ihm bezeichnete Gegend, um die Nachforschungen nach dem Verbleib des erst geraubten, dann verlorenen Kindes zu beginnen.
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Inzwischen waren auch Heimbecks mit ihrem genesenen kleinen Sohn nach B. und die beiden älteren Kinder Herwigs und Waldemars ans dem BJela'schen Hause in das ihrer Eltern zurnckge kehrt. Die Saison hatte in der Residenz mit außergewöhnlicher L-.bhaftigUit begonnen und auch Gras Alfred hatte seine Salons der Gesellschaft der Hauptstadt geöffnet.
Der Sommeraufenthalt in der Schweiz hatte die junge Kommtesse Emilie nicht allein in erfreulickster Weise gekräftigt, sondern mit der zurrckgekchrt n Gesundheit halte sich bei dem jung-n Mädchen auch eine Umwandlung anderer Art vollzogen; sie war nicht mehr so ernst upd reserviert, wie früher, nahm mehr Teil an den Freuden des Lebens, halte ein frisches, blühendes Aussehen,und ihre Erscheinung