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Marburg, Sonnabend, 17. Juli 1886.

XXI. Jahrgang.

Erscheint täglich außer an Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Quartal- Lbonnements-Preis bei der Expedition 2>/« Mk., bei dm Postämter 2 Akk. 50 Pfz. (excl. Bestellgeld). Jnsertionsgebühr für die gespaltene Zeile 10 Pfg. Reklamm für die Zeile 25 Pfg.

GrkMlhe jfitimii.

Anzeigen nimmt entgegen die Expedition d Blattes, sowie d Annoncen-Bureaux von Haasenstein undVogler in Frankfurt a. 2R-, Cassel, Magdeburg und Wien; Rudolf Moffe in Frankfurt a M-, Berlin,München und Köln; G. L. Daube und Co. n 'ranlfurt a. M-, Berlin, Ha nover ».Paris.

Wöchentliche Beilagen: Amtlicher Anzeiger f. d. Kreise Marburg u. Kirchhain. -Illustriertes Sonntagsblatt.

Expedition: Markt 21. Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Aug. Koch.

Das französisch- Nationalfest

zur (Erinnerung an die Erstürmung der Pariser Bastille im Jahre 1789 ist auch diesmal mit dem üblichen Tarn- Tam gefeiert worden. Kriegsmiuister Boulanger, der Hort der Republik, als den ihn seine guten Freunde, die Radi­kalen, feiern, hat auch für ein großes militärisches Schau­spiel, die Abnahme einer Parade, gesorgt, bei welcher er sich selbst natürlich in das allerhellste Licht setzte. Auch ein Teil der Truppen, die in Tonking mit gegen die Chi­nesen gefochten, war bei der Parade beteiligt, und ist be­jubelt worden. Haben doch die Herren Generale den Pari­sern so viel vorgeredet, durch den Feldzug in Tonking sei die Wiedergeburt Frankreichs vollendet, seine Kriegstüchtig­keit besiegelt worden, daß jeder, der nicht daran glaubt, für einen Vaterlandsverräter erklärt wird. Was die Fran­zosen gern wollen, glauben sic auch gern, während doch tatsächlich in Tonking keine einzige That geschehen ist, die wirklich großartige Folgen gehabt hätte. Der Schluß des Spektakels war bekanntlich die französische Niederlage bei Sangfon. Die Pariser sind aber in betreff derGloire" wie die Kinder, sie nehmen auch Scheingold für bare Münze. Verdient übrigens das Nationalfest wirklich noch den Namen eines solchen ? Kaum! Der Eifer dafür ist in den besseren Kreisen der Bevölkerung ungemein zurückgegangen, seitdem die Regierung der Republik mehr und mehr in die Bahnen der Radikalen einlenkt, und daß die aristokratischen Kreise keinen Enthusiasmus für das Fest der Republik empfinden können, ist selbstverständlich. Der 14. Juli ist der Tag der roten Republikaner geworden, mehr nicht, und auch weniger nicht.

Ein Ereignis von nicht zu unterschätzender Bedeu­tung begleiten diesmal die Feier des Natioualsestes: Das ist die Ausweisung des Herzogs von Aumale aus Frankreich wegen des in der Thai nicht angemessenen Briefes an den Präsidenten Gropp, in welchem er gegen feine Streichung ans der französischen Armeeliste protestierte. Der Ton des herzoglichen Briefes war eines Edelmannes und Prinzen in der That nicht würdig, und die franzö­sische Regierung war durchaus berechtigt, in diesem Falle sogar genötigt, zur Erhaltung ihrer Autorität mit dem Herzog kurzen Prozeß zu machen. Diese Ausweisung ist aber bedeutsam, weil der Herzog von Aumale, Henri Eugene Philipp Louis von Orleans, von sämtlichen orleanistischen Prinzen nicht nur der geistig bedeutendste, sondern auch in der französischen Armee der populärste ist. Von allen Orleans ist er der einzige, der einen Staatsstreich erfolgreich zu leiten verstehen würde. Zugleich ist der Prinz der reichste der ganzen Familie, da ihm sein Pate, der im Jahre 1830 auf seinem Schlöffe Chantilly erhängt gefundene Prinz Ludwig Heinrich von Conde, der letzte Prinz der Familie Conde - Bourbon, zum Erben seiner

Geschichtskalender.

17. Juli.

1429. Die Jungfrau von Orleans bewirkt die feierliche Krönung Karls VII. von Frankreich tu Rheims.

1866. Die Preußen rücken in Ungarn ein.

1870.

15. Juli. Kriegserklärung in der französischen Kammer. Mobilisierung von Preußen.

16. Juli. Mobilisierung von Sachsen und Bayern.

17. Juli. Desgl. von Baden.

18. Juli. Desgl. von Württemberg.

Im Schatten des Lebens.

Roman von P. Felsberg.

(Fortsetzung.)

Was haben Sie mir mitzuteilen, Herr Geheimer Re­gistrator?"

Ich möchte Ihnen das hier nicht sagen, Herr Graf; könnte ich Sie vielleicht in Ihrem Hause sprechen?"

Was betrifft Ihre Mitteilung, Herr Schölte?"

Die Auffindung Ihrer Komtesse Tochter."

Wie das?! . . . Doch kommen Sie, wir wollen in ein Kabtnet der Restauration gehen und Sie können mir dort bei einem Glase Wein Ihre Mitteilung machen."

Alfred und Schölte stiegen die breite Treppe hinab und saßen bald in einem kleinen Zimmer der Restauration. Nachdem Wein und Zigarren gebracht und die letzteren an- gezündet waren, hob der Geheime Registrator folgender­maßen an:

Was ich Ihnen zu sagen habe, Herr Graf, ist weit davon entfernt, eine angenehme Mitteilung zu sein. Doch wie auch die Folgen derselben sein mögen, so bin ich doch, ich gestehe es, nach öfterem Hin- und Herüberlegen z« der Ueberzeugung gekommen, es werde am besten und

Hinterlassenschaft eingesetzt hatte. Es ist sehr ausfallend, daß der als kluger Mann bekannte Herzog plötzlich so schroff gegen die Republik vorgegangen ist. Ob er sich hat hinreißen laffen oder ob er eine geheime Nebenabsicht ver­folgt, etwa die, die Offiziere aufzureizen, muß dahin gestellt bleiben, jedenfalls wird die Republik mit ihm einen Gegner los, den sie mehr zu fürchten halte, als den Grafen von Paris, und deshalb auch die einmütige Zustimmung bei allen Republikanern.

Bei der Nationalfeier in Paris wird stets ganz be­sonders von der deutschfeindlichen Patriotenliga derge­raubten" Provinzen Elsaß-Lothringen gedacht und in über­schwenglichen Worten der Trauer der Elsaß - Lothringer über die Trennung von Frankreich Ausdruck gegeben. Hört oder liest man diese Pariser Reden, so muß man zum mindesten annehmen, daß das ganze Reichsland wegen der Trennung von Frankreich in Thränen schwimmt. Nun, in dieser Beziehung, und das ist der Trumpf von deutscher Seite gegen das Nationalfest, ist eben den Franzosen der Star ganz gründlich gestochen worden; der Ausfall der letzten Gemeinderatswahlen in Elsaß - Lothringen hat be­wiesen, daß es mit dem Jammer über die Zugehörigkeit Elsaß - Lothringens zu Deutschland gar nicht so weit her ist; daß im Gegenteil eine sehr, febr große Zahl der Be­völkerung sich mit den neuen Verhältnissen ausgeföhnt hat, daß der Einfluß der Franzosenfreunde in starkem Abnehmen begriffen ist. Diese Thatsache ist gerade recht zur National­feier in Paris gekommen, sie beweist den Franzosen, daß, wenn Elsaß - Lothringen auch noch nicht ganz deutsch ge­worden ist, es dies eines Tages doch fein wird; und der Wandlungsprozeß wird sich um so schneller vollziehen, je tollere Politik an der Seine getrieben wird. Die Elsaß- Lothringer werden prüfen und finden, daß sie, wenn sie Frankreich wählen, das beste Teil nicht wählen.

Deutsches Reich.

Berlin, 15. Juli. Der Minister für Landwirtschaft hat, derMagdeb. Ztg." zufolge, die von dem Verein für Sozialpolitik angeregte Erörterung zur Bekämpfung nicht nur des Geld- und Kredit-, sondern auch des Waren-, Grundstücks- und ähnlichen Wuchers auf dem Lande in die Tagesordnung der im Oktober ober November bevor­stehenden Sitzung des Landes - Oekonomiekollegiums auf- nehmeu lassen. Als Fürst Bismarck bei Beratung des Branntweinmonopols im Reichstag von dunklen Punkten sprach, die er am Horizont sehe, verkündete er damit manchem der Zuhörenden nichts Ueberraschendes mehr, denn schon einige Zeit vorher wußte mau in Kreisen, die einen Einblick in das Getriebe der hohen Politik haben, ! daß unser Verhälinis" zu dem westlichen und östlichen i Nachbar für so scharf zugespitzt galt, daß ein ernster Kon- ;

flikt im Frühjahr oder Sommer durchaus nicht für un­wahrscheinlich erachtet wurde. Daher auch die Spannung, mit der man jeder Nachricht von der Balkanhalbinsel ent- gegensah. In die Presse drang von diesen Gerüchten wenig und auch dies nur spät, als die Wolken sich bereits wieder verzogen hatten. Es hat auch nachträglich, bis in die jüngste Zeit hinein, an beunruhigenden Gerüchten nicht gefehlt, die an einzelnen für offiziös geltenden Steigerungen Nahrung fanden. Gegenwärtig ist es still davon geworden. Die Thatsache, daß der größte Teil der Diplomatie sich in den Sommerferien befindet, mag zu einer ruhigeren Auffassung der Situation wesentlich beitragen. Es ist aber vielleicht nicht unnütz, noch auf andere Umstände hin- zuweisen, die auch für die nächste Zukunft beruhigend wirken können. Die friedliche Tendenz der deutschen Politik soll für uns keinem Zweifel unterliegen; bedürfte es noch einer Verstärkung dieses Glaubens, so läge sie in dem hohen Alter unseres Kaisers den man nicht ohne die aller- zwingendste Not den Wechselfällen eines Kriegs aussetzen wird, an dem sich, persönlich zu beteiligen, ihn wahrschein­lich niemand zurückhalten könnte. Die für 1889 geplante Ausstellung in Paris wird wohl nicht mit Unrecht auch als ein wichtiges Moment für eine den Frieden erhaltende Politik angesehen. Weit einflußreicher in dieser Richtung aber dürften die Umgestaltungen fein, die sich seit längerer Zeit, zunächst im Geheimen, jetzt aber, da sich derartiges auf die Dauer nicht geheimhalten läßt, ziemlich offenkundig in der Bewaffnung und Organisation der Armeen der Großstaaten, hauptsächlich in der deutschen und sranzösischen, vollziehen. Abgesehen von dem neuen Reglement für die deutsche Kavallerie, der Aenderung des Gepäcks in der deutschen Armee und neuen Formationen, über die viklleicht der nächste Etat schon Aufschluß geben wird, ist es heute kein Geheimnis mehr, daß sowohl die deutsche, wie die französische Armee in der Einführung eines neuen In­fanterie - Gewehrs begriffen sind. Die Vorarbeiten und Versuche datieren mehrere Jahre zurück; sie sind begreif­licherweise so geheim wie möglich gehalten worden. Man bat auch gewiß versucht, sich einander zuvor zu kommen, gelungen ist das aber nicht, jedenfalls nicht der französischen Heeresverwaltung. Ein französisches Blatt meldete vor wenigen Tagen, daß 81 französische Infanterie-Bataillone mit Gras-Magazingewehren bewaffnet werden sollen. Wir haben keinen Grund, über diese Nachricht zu erschrecken, denn von der bevorstehenden Neubewaffnung dieser Bataillone bis zur Vollendung der Einführung dieses Gewehrs bei der ganzen französischen Armee dürsten wohl noch zwei Jahre vergehen, und in dieser Zeit wir: selbst ein Kriegs­minister, wie Herr Boulanger, sich vor dem Kriegsfall hüten, ganz abgesehen von dem sonstigen Zustand der fran­zösischen Armee, über den man hier sehr genau unterrichtet

am ehrlichsten sein, Sie mit der Sage der Dinge, wie sie ist, ü.fannt zu macken."

Ich bin ganz Ohr, mein bester Herr Schölte."

Im Laufe des veiflossenen Sommers hatte ich, noch als Polizeibeamter, eines Morgens in der Erbschaftsab- teilnng des hiesigen Stadtgerichts zu thnn. Während meines Aufenrhalts in einem der Bureanx war mir eine Frau auf­gefallen,. welche mich wiederholt und sehr aufmerksam be­trachtete und sich endlich mit einer Frage um Auskunft über einen der Räte an mich wandte. Nachdem ich Sie zurechtgewiesen, fragte ich sie nach ihrem Namen, indem ich dabei nicht verschwieg, daß sie mir bekannt erscheine. Sie nannte sich Lisette Rode, und sagte, daß auch sie mich zu kennen glaube. Ich nannte ihr Namen und Amt, worauf sie mich fragte, ob ich nicht vor etwa fünfzehn Jahren in ihrer Wohnung mit einem andern Herrn gewesen sei und ihr Pflegekind mit fortgenommen habe.

Allerdings," entgegnete ich;und jetzt kenne ich auch sie. Sie sind die Frau des Schenkwirts Rode, der Sie später fast unmittelbar darauf verli-ß und nach Amerika ging."

Ganz Recht," sagte die Frau.Ich habe Sie seit Jahr und Tag gesucht, um Sie von etwas Wichtigem in Kenntnis zu setzen, doch ich konnte Sie nie finden."

Ich ging mit der Frau in ein leeres Zeugenzimmer und will Ihnen fitzt, Herr Graf, das Wichtigste von dem mitteilen, was sie mir dort erzählte."

Schölte setzte nun den Grafen von der durch Rode er­folgten Unterschiebuyg des Kindes der Anne-Marie in Kenntnis, teilte ihm mit, in welcher Weise seine des Grafen Tochter dem Rode wirklich abhanden gekommen und wie er Schölte nach dieser Erzählung der Frau Rode selbst nach deren Heimatsdorfe gereift sei und sich von der Wahrheit ihrer Aussage überzeugt habe. Er fügte hinzu, daß aller Wahrscheinlichkeit nach das im Walde ver­lorene Kind von Andern gesunden und erzogen worden fei, und gab nun dem Grafen den Rat, in jener Gegend durch

Bekanntmachung mittelst der Presse sowohl als auch der Ortsbehörden auf dem Lande dem Verbleib des Kindes nackzuforschen. Wenn auch nach so langer Zeit schwierig, so fei eine Wiederauffindung des Kindes doch keineswegs unmöglich, wenn die geeigneten Maßregeln getroffen und deren Ausführung in die Hand eines Mann s gelegt würde, den er ihm zu diesem Zwecke bestens empfehlen könne, nämlich feines Nachfolgers in der geheimen Sicherheits­polizei, des jetzigen Inspektors Marschall, eines klugen und umsichtigen Mannes.

Und wo befindet sich jene Frau Rode," fragte Graf Alfred.

Sie hatte damals die Erbschaft eines ihrer Verwandten angetreten, sich gerichtlich von ihrem Manne, der wohl in Amerika elend verkommen fein wird, scheiden lassen und wohnt, soviel ich weiß, j tzt wieder auf ihrem Dorfe. Ge­wissensbisse hatten sie so sagte sie mir gedrängt, mir diese Enthüllungen zu machen, die schon weit früher zu meiner Kenntnis gelangt fein würden, hätte die Frau mich zu finden gewußt oder in der Zeit finden mögen."

Auf Alfred hatte begreiflicherweise diese ungeahnte Mit­teilung einen niederschmetternden Eindruck gemacht. Emilie, die er sowohl wie seine Gemahlin Helene mit der auf­opferndsten Liebe umgeben hatten, war also somit ein ganz fremdes Kind. Der Friede, das Glück, die Hoffnung von fünfzehn Jahren waren zerstört; seine Emilie lebte sie noch? Wo war sie? Was würde Helene zu düsen Nackrichten sagen sie, die mit wahrer Mutterliebe an Emilie der untergeschobenen Emilie hing? Wie sollten diese verwickelten Verhältnisse sich klären; wie Emilie, dieses gute, anspruchslose Wesen, das ihn für einen wahren Vater hielt, das von allen Verwandten und Freunden der Familie als seine rechte, nach langem Bemühen wiedergefundene Tochter gehalten wurde, diesen Schlag ertragen?"

Nur eines Augenblickes Dauer beschäftigten indessen diese Gedanken Alfreds Seele, dann brach ein Entschluß bei ihm durch, ein fester Entschluß. (Fortsetzung folgt.)