Är. 164.
Marburg, Freitag, 16. Jnli 1886.
XXI. Jahrgang.
Erscheint täglich außer an Werktagen nach sonn- und Feiertagen. — Quartal- LbonnementS-Preis der der Expedition 21/« Mk., bei de» Postämter 2 Ml. 50 Bfa. (erd. Bestellgeld). Jnsertionsgebühr für die gespaltene Zeile 10 Psg. Reklamen für die Zelle 35 Pfg.
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Wöchentliche Beilagen: Amtlicher Anzeiger f. d. Kreise Marburg u. Kirchhain. - Zllnstriertes Tsiiiitagsblatt.
Expedition Markt 21. — Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Aug. Koch.
Aus:
Der orientalische Wirrwarr ist für diesmal richtig aus; . aller Lärm ist vorbei und die Kriegsgedanken, die in den letzten Wochen schon wieder einmal sich in den Vordergrund drängten, sind voMufig radikal verbannt worden. Das Siegel auf alles geschehene ist jetzt da: Die Türkei, die am vorsichtigsten sich gezeigt, hat nun auch ihre Abrüstungen in größerem Maßstabe begonnen, urid damit ist das Ende des tollen Spukes, der seit mehr denn neun Monaten Europa aufgeregt, wirklich gekommen, vorläufig wenigstens, denn in Sachen: Orientalin ist das Unerwartete bekanntlich wahrscheinlicher, als der gewöhnliche Lauf der Dinge. Man soll in der Thal nicht sagen, daß man auf unserer Erde nichts mehr erlebt! Was haben die letzten neun Monate nicht alles gebracht: Eine Revolution — in Rumelien, verschiedene verkrachte Großmachts- Konferenzen — in Konstantinopel, feierliche Beteuerung allgemeiner Uebereinstimmung im europäischen Konzert — und dabei fortwährende Jntriguen und Meinungsverschiedenheiten, ein Vorgehen des Czaren gegen den Fürsten von Bulgarien, das nur den Erfolg hatte, daß sich Europa darüber lustig machte, einen Krieg, wie er überraschender gar nicht gedacht werden kann in seinem Verlauf, zwischen Serbien und Bulgarien eine thatsächliche, wenn auch nicht namentliche Vereinigung von Bulgarien und Rumelien, wiederholte Gelüste Rußlands, gegen Bulgarien mit Gewalt vorzugehen, ein geheimes Bündnis zwischen der Türkei und Bulgarien, einen Kriegslärm in Griechenland, eine europäische Blokadeflotte, endlich Abrüstung Griechenlands, dann die Batumfrage und zum Schluß: Anerkennung der neuen Verhältnisse im Orient. Die Liste ist, wie man sieht, lang genug in der Thal.
Die -Türkei betrachtet, nachdem die griechische Angelegenheit längst geordnet ist, nunmehr auch die ostrume- lischc Frage als geregelt und rüstet deshalb ab. Diese Nachricht besagt mit anderen Worten, daß Rußland es zunächst aufgegeben hat, gegen Bulgarien und Rumelien und den Fürsten Alexander zu Hetzen, und daß zwischen der türkischen und bulgarischen Regierung eine völlige Einigung erzielt ist. Aus der bulgarisch - türkischen Konvention, welche den Fürsten Alexander auf die Dauer von 5 Jahren zum Generalgouverneur von Rumelien ernennt, war auf Andrängen Rußlands die Bestimmung über ein Schutz- und Trntzbündnis zwischen Bulgarien und der Türkei gestrichen; auf dem Papiere ist das geschehen, aber im Geheimen besteht die Abmachung zweifelsohne fort und alle Schritte, die die Türkei auf Drängen Rußlands gegen Bulgarien unternahm, alle Noten, welche sie deshalb nach Sofia schickte, waren nur Spiegelfechterei. Rußland hat sich für seine stillschweigende Anerkennung der bulgarischen Verhältnisse, durch Aufhebung -des Freihafens von Batum
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bezahlt gemacht. Es steht jetzt fest, daß die Großmächte um des Friedenswillen gegen diesen Schritt nicht weiter ernstlich auftreten werden, da die Petersburger Regierung nun auch in Sachen Bulgariens ruhig ist; und so herrscht denn zur Stunde allgemeine Stille im Orient. Von wirklichem Frieden und wirklicher Versöhnung ist aber gar keine Rede. Die Rusten möchten gar zu gern dem Fürsten von Bulgarien noch eins auswischen, wenn sich die Gelegenheit dazu nur günstig darbieten würde, und Serbien und Griechenland haben ihre Vergrößerungspläne bei weitem noch nicht aufgegeben. Jetzt herrscht Ruhe — aber wird sie von langer Dauer sein?
Besonders bemerkenswert in dem abgeschlossenen Kapitel der Orientgeschichte ist die Zerfahrenheit, welche wiederholt unter den Großmächten geherrscht hat. Mit ungemeiner Schärfe ist es hervorgetreten, daß die drei Rivalen um den Orient: Rußland, England und Oesterreich, einer dem anderen nichts gönnen. Rußland ist entschieden gegen den Bulgarenfürsten aufgetreten, England hat ihn beschützt, während Oesterreich - Ungarn seine Fittige über Serbien breitete. Frankreich hat während der ganzen Streitereien eine zweifelhafte Rolle gespielt und die Italiener haben mit Argusaugen aufgepaßt, damit nur ja niemand von den Großen voreilig zugriffe. Den energischen Bemühungen Deutschlands ist cs ganz besonders zu verdanken, daß gegen Griechenland schließlich mit Energie vorgegangen und ein fast gewisser neuer Krieg verhindert wurde. Deutschland hat kein. direktes Interesse an der Orientfrage, sondern nur au der Erhaltung des Friedens. Wird der aber, oder kann er auch nur ein Menschenalter dauern, wo die Politik der Balkanstaatcn und Großmächte nur von einem Gedanken beseelt ist, nämlich vom Egoismus und dem Streben, am meisten von der türkischen Erbschaft zu profitieren.
Deutsches Reich.
Berlin, 14. Juli. Da die desfallsigen Bestimmungen in neuerer Zeit oftmals unbeachtet geblieben sind, so hat die General - Ordenskommission sich veranlaßt gesehen, die Provinzial-Regierungen darauf aufmerksam zu machen und zu ersuchen, be$ Bezirkseingesessenen die hierauf bezüglichen Bestimmungen in Erinnerung zu bringen, nach welchen sowohl die vaterländischen als auch die fremdherrlichen Orden und Ehrenzeichen, welche preußischen Unter- thanen verliehen gewesen sind, nach dem Tode ihrer Inhaber von ihren Hinterbliebenen unmittelbar oder durch die Dienst- und Ortsbehörden mit Anzeige des Todestages der Verstorbenen an die General - Ordenskommission eingesendet werden sollen. Die Verleihungsdokumente sollen von den Angehörigen der Verstorbenen als ein Andenken zurückbehalten werden können. Die bronzenen Kriegsdenk-
Geschichtskalender.
16. Juli.
1291. Kaiser Rudolf l. stirbt 73 Jahre alt zu Germersheim am Rhein.
1541. Kaiserliche Bestätigung der am 1. Juli 1527 ein- geweihten Universität Marburg.
1663. Stirb zu Kloster Haina nach kurzer Krankheit der Landgraf Wilhelm VI., Sohn Wilhelms V. und der L. Amalia Elisabeth, geboren 23. Mai 1629, unter Vormundschaft seiner Mutter vom 21. September 1637 bis zum 25. September 1650.
1774. Friede von Kutschuk-Kainardsche zwischen Rußland und der Türkei.
1866. Die Preußen besetzen Frankfurt a. M.
Im Schatten des Lebens.
Roman von P. Felsberg.
(Fortsetzung.)
„Kousine," sagte Baron Leopold, „ich bitte Sie von vornherein, um Nachsicht, wenn ich bei dem, was ich jetzt zu sagen mich gedrungen fühle, eine Saite anschlagen sollte, die bei Ihnen eines harmonischen Akkords nicht sicher wäre. Ich bin von jeher gewohnt gewesen, frei und offen zu «den und ich will auch in diesem Falle nicht abweichen. Valentine, ich liebe Sie — liebe Sie mit aller Aufrichtigkeit, mit der ganzen Kraft meines Herzens! — Ich will nicht prahlen, sondern Ihnen nur den Eindruck wiedergeben, den unser mehrwöchentliches Zusammensein in mir hinterlassen, wenn ich sage: — ich glaube, daß auch Sie die Empfindung teilen, die mein ganzes Sein erfüllt, daß auch Sie mich lieben! Irre ich — nun, so mögen Sie mein Bekeuutuis verwerfen und mir sagen: Du irrst — in mir regt sich nicht eine Fieber für Dich! — Ine ich nicht, Valentine, dann zögern Sie — ich bitte Sie — nicht, mich durch ein freudiges, herzliches „Ja!" zum glücklichsten Menschen zu machen! — Schon
seit lange — ich kann sagen, seit ich Sie kenne — schwebt diese Erklärung auf meinen Lippen; st- war schon wiederholt auf dem Punkt, sich Luft za machen, es wäre auch geschehen, hätte mich Ihr feit langer Zeit gänzlich verändertes Wesen nicht zurückgeschreckt. — Doch längeres Schweigen würde Senat an meinem Herzen sein. Gebe Gott, daß Ihre Entscheidung so ausfallen möge, wie ich sie von ihm erflehe: doch wie sie auch sei, geben Sie sie jetzt! — Ich bitte, Sie, Valentine, um Ihre Antwort!"
Valentirrens Gesicht hatte sich schon bei Beginn der Worte Leopolds mit tiefer Glut überzogen. Jetzt, als er geendet, starrte sie vor sich hin auf den Weg.
Endlich entrang sich ihrer Brust ein schmerzlich klingendes Stöhnen und plötzlich den Blick voll auf ihren Begleiter richtend, flüsterte sie mehr als sie sprach:
„Es kann nicht sein! .... Man nennt mich Fräulein von Hochberg, doch nur Gott weiß, welcher Name mir von Rechtswegen gebührt! ... — Frau von Hochberg, meine von mir angebetene Adoptivmutter, will ober kann mir Näheres nicht sagen. Ich jedoch bin fest entschlossen, keinem Manne meine Hand zu reichen, wenn ich ihm nicht auch zugleich damit einen ehrlichen, mit Recht mir zugehörenden Namen bieten kann. So lange mir das nicht möglich ist, und liebte ich Sie tausendmal mehr, als es ohnehin der Fall ist — kann ich nie die Ihre werden! .... — Ja, Vetter, ich liebe Sie — und ich glaube, daß diese Liebe in unseren Herzen gleichzeitig getagt hat ... — Doch — ich — kann . . . ."
Leopold mußte zuspringen und daS junge Mädchen in seinen Armen auffangen; sie wankte und drohte zu Boden zu fallen.
„Beruhigen Sie sich, Konfine, ich bitte sie inständigst!" flüsterte er, beim man hatte sich der übrigen Gesellschaft genähert — „Ich rufe Gott zum Zeugen an, daß ich Sie mir erringen — alle Hindernisse überwinden werde! — Doch nun still! — Das Gesprochene bleibe für jetzt ganz
münzen für die Feldzüge von 1813—1815, 1864, 1866 und 1870/71 sollen unter Zurückbehaltung der Besitzzeng- niffe für die Angehörigen der verstorbenen Inhaber von denselben an die Kirchen des betreffenden Wohnortes zur Aufbewahrung übergeben werden. — Bezüglich des neuen Telegraphentarifs sind durch einen Teil der Zeitungspreffe mehrfach unrichtige Angaben verbreitet worden. Zunächst, baß die zulässige Buchstabenlänge des Worts von 15 auf 10 eingeschränkt sei. Dieser Irrtum ist bereits berichtigt. Sodann hieß es, Telegramme nach dem Auslände wären unter Umständen billiger, als inländische. Auch diese Angabe ist falsch, da die Minimaltaxe sowohl im ausländischen als im inländischen Verkehr 60 Pfennige beträgt. Endlich wird kritisierend hervorgehoben, daß der Tarif für kurze und für lange Telegramme eine Erhöhung bringe. Dabei wird aber verschwiegen, daß der Tarif für alle mittleren Telegramme, d. i. diejenigen von 10 bis 15 Worten eine Ermäßigung bringt, während für die Telegramme von 16 bis 20 Worten beide Tarife sich gleichsteheii. Da nun weitaus die Mehrzahl der Telegramme zwischen 10 und 20 Worten beträgt, so ist ersichtlich, daß int ganzen nicht eine Erhöhung, sondern eine Ermäßigung des Tarifs eingetreten ist. Auch ist eine Erleichterung insofern nachgegeben, als die Ortsnamen, wie z. B. Frankfurt a. O., fortan nur für ein Wort gezählt werden. Endlich sind die Gebühren für die Vergleichung der Telegramme, woraus schon die „Vossische Ztg." vom 9. Juli aufmerksam macht, ermäßigt worben. Auch bas wird unzweifelhaft als ein Vorzug des neuen Tarifs anzuerkennen sein, baß berfelbe statt der bisherigen zwei Elemente (Grundtaxe und Wort- taxe, nur ein Element (Worttaxe) enthält. — Ueber unberechtigten Betrieb des Hausiergewerbes macht der Re- gierungspräsibent in Breslau ben Lanbräten seines Bezirkes bie Mitteilung, daß Polizei- ober Gemeindebehörden häufig Hausierern auf deren Ansuchen Bescheinigungen darüber erteilen, daß die Hausierer einen Antrag auf Ausstellung eines Wandergewerbescheines eingereicht haben. Auf Grund dieser Bescheinigung setzen dann die betreffenden Handelsleute, entgegen den Bestimmungen der Gewerbeordnung, ihren Gewerbebetrieb fort. Derartige Bescheinigungen werden nun öfters in der Weise gemißbraucht, daß auf Grund derselben von dritten, unberechtigten Personen ein selbständiger Gewerbebetrieb begonnen wird, für den keine Steuerzahlung erfolgt. Deshalb sollen in Zukunft solche Bescheinigungen überhaupt nicht mehr abgegeben werden. - Die „Nordb. Allg. Ztg." meint, daß zu der Festesfreude, mit welcher die französischen Republikaner das Nationalfest feiern, die Wahlnachrichten aus den deutschen Reichslanden wenig passen wollen. Die schwere Niederlage der Protestler bei den reichsländischen Gemeindewahlen sei in Paris ganz unerwartet gekommen. Die meisten Blätter suchten
unter uns; ich bin Ihrer Liebe nun sicher und überlassen wir das klebrige der Zeit und meinen Bemühungen, Sie von der Irrigkeit Ihrer Ansichten zu überzeugen. Gott hat nicht zwei Herzen für einander geschaffen, um nichtige Trennungsgründe dann zwischen Sie zu werfen. Ihre Gründe sind aber nichtig, ich erkenne sie nicht an, kein Mann von Herz uns festem Willen kann sie anerkennen und — Doch genug!" unterbrach er sich selbst; lassen Sie uns ruhig und heiter erscheinen!"
Nachdem die Gesellschaft wieder nach Ems zurückgekehrt war, hatte Leopold noch eine mehrstündige Unterredung mit seiner Tante; am nächsten Morgen nahm er von ihr und Valentine Abschied, um zu seiner Mutter zu reisen. Seine letzten Worte an Valentine waren: „Auf ein baldiges und ungetrübtes Wiedersehen, mein angebetenes Lieb! — Gott schütze Sie!"
Der Winter hat begonnen.
Graf Biela war schon seit Ende August mit seiner Gemahlin und seinem sowohl, wie seiner Schwester Kinder, mit Ausnahme des kleinen Kranken, in die Residenz B. zurückgekehrt. Der Landtag der Monarchie war versammelt und der Graf nahm an den Beratungen desselben Anteil.
Eines Tages — es war im Beginn des November — kam er eben aus einem Kommissionszimmer und war im Begriff, sich nach dem Bureau zu begeben, als ein Beamter des Hauses ihn auf dem Korridor anredete.
„Herr Graf, ich wollte Sie in einer dringenden Ange, lcgenheit sprechen. Ich habe Sie schon seit Monaten vergeblich gesucht und bin froh, Sie heute zu treffen.
„Ja, mein Gott, sind Sie nicht Schölte — Polizei- Inspektor Schölte?"
„Ganz zu Befehl, Herr Graf; doch jetzt seit Kurzem als Geheimer Registrator am Herrenhause angestellt."
„Nun es freut mich," entgegnete Alfred, daß sie eine ruhigere und dabei lohnendere Karriere gefunden haben.
(Fortsetzung folgt.)