Einzelbild herunterladen
 

9fr. 168.

Marburg, Donnerstag, 15. Juli 1886.

XXI. Jahrgang.

Erscheint täglich außer an Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. — Quartal- Ldonnements-Preis bei bet

Petition 21/« Ml., bei den Postämter 2 Ml. 50 Psg. (ejd. Bestellgelb). Jusertionsgebübr für die «spaltene Zeile 10 Pfg. Rest am n für die Zelle

5 Pfg.

O)liftl|fffif(l|( jfitiimj.

Anzeigen nimmt entgegen bie Expebition b Blatte-, sowie b Annoncen-Bureaux von Haasenstein undVogler in Frankfurt a. M , Gaffel, Magdeburg unb Wien; Rudolf Moffe in Frankfurt a M-, Berlin,München und Köln; G. L. Daube und Go. n rank'url a. M , rl n, Ha nover u.Paris.

Wöchentliche Beilagen: Amtlicher Anzeiger f. -. Kreise Marburg u. Kirchhain. - Illustriertes Sonntagsblatt.

Expedition Markt 21. — Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Ang. Koch.

—mW !> 1 _______WML,!! WF1 I.W». !■!,111 I |l I I 11II 11 I I f TT....... «> , O IHM

Ein Zollstreit zwischen Deutschland und Rußland.

Es darf als bekannt vorausgesetzt werden, daß Ruß­land in den letzten Jahren seine Einfuhrzölle auf aus­ländische Waren zum Teil bereits recht beträchtlich erhöht hat, und daß diese Maßnahmen in ihren Wirkungen von den fremden Exportindustrien, auch von unserer deutschen, empfindlich verspürt worden sind. Für eine Reihe von Artikeln, für welche das Zarenreich sonst ein günstiges Ab­satzgebiet bot, ist dieses Gebiet durch die Zollverschärfungen wie mit einer chinesischen Mauer umgeben, und die betei­ligte Industrie hat zum öfteren die Reichsregierung auf den Nachteil aufmerksam gemacht, der ihr aus Rußlands neuer Zollpolitik erwachse. Jndesien ausrichten ließ sich gegen die Zollverschärfungen nichts, es blieb nur die Hoff­nung, daß die russische Regierung jetzt Halt machen werde. Der Anlaß zu der Anziehung der Zollschraube in Ruß­land ist einerseits die Finanzlage, andererseits die Rück­sichtnahme auf die heimische Industrie. Es ist Thatsache, daß sich die russische Industrie durch den Beistand nament­lich deutscher und englischer Techniker bedeutend vervoll­kommnet hat, und mithin erklärlich, daß bei den Fabri­kanten die Anschauung immer mehr Platz greift, die russische Industrie werde allein im stände sein, den Bedarf für den heimischen Markt zu decken. Uebersehen wird dabei freilich vollständig, daß von dem Augenblicke an, von dem ab Rußland durch drakonische Zollsätze den Ver­kehr mit dem Auölande abbricht, auch die Entwickelung der nationalen Industrie ins Stocken geraten mußte. Denn so weit ist die russische industrielle Technik noch lange nicht vorgeschritten, um sich selbständig weiter fortbilden zu können. Dantit würde ein Rückschritt eintreten, von dem das Land selbst den allergrößten Schaden haben würde. Daß die Staatskaffe jede Zollerhöhung, die vermehrte Ein­nahmen zu bringen verspricht, mit Freuden begrüßt, ist er­klärlich, denn mit den russischen Finanzen ist es fast noch schlechter bestellt, als mit den österreichischen Das ist die allgemeine Lage des Handelsverhältniffes zwischen Deutsch­land und Rußland.

Ungemein viel von sich reden gemacht hat nun die Forderung der Eisenindustriellen im Uralgebirge, die schon von russischen Blättern ausgenommen worden ist, die Eisen­zölle um fünfundzwanzig Prozent zu erhöhen, mit anderen Worten, einen Zollsatz ins Leben zu rufen, der die Ein­fuhr fremden Eisens und fremder Eisenfabrikate in Ruß­land so gut wie unmöglich machen würde. Begründet wird diese Forderung mit ter schlechten Geschäftslage der russischen Eisenindustrie, die Schutz vor der ausländischen Konkurrenz haben muffe. Diese Forderung hat in Deutsch­land großes Aufsehen erregt, besonders deshalb, weil von Petersburg aus damit geliebäugelt worden ist, so daß sich

Geschichtskalender.

15. Juli.

1099. Das Kreuzheer erobert Jerusalem.

1410. Die Preußischen Ordensritter werden in der Schlacht bei Tannenberg von den Polen geschlagen.

1801. Bonaparte schließt als erster Konsul mit dem Papste ein Konkordat.

1808. Napoleon ernennt seinen Schwager Joachim Murat, den bisherigen Großherzog von Berg, zum Könige von Neapel und vereinigt Berg mit Frankreich.

1815. Napoleon ergiebt sich dem englischen Admiral Hotham am Bord des „Bellerophon.*

1840. Der zwischen England, Rußland, Oesterreich und Preußen zu London geschlossene Vertrag erkennt Mohamed Ali den erblichen Besitz von Aegypten unter der Oberhoheit der Türkei zu.

1866. Die Preußen siegen bei Tobitschau auf dem rechten Ufer der March über die Oesterreicher.

Im Schatte« des Lebens.

Roman von P. Fel-berg.

lFortsetzung.)

„Willst Du mir nicht einmal den Namen meines Vaters sagen, Mama?* fragte Valentine in bittendem Tone.

„Aber, liebes Kind!" entgegnete die Baronin, „was ist denn über Dich gekommen? — Hast Du nicht Ursache, mit dem Loose zufrieden zu sein, welches Gott Dir beschieden hat? — Bist Du nicht weine innig geliebte, teure Tochter und trägst Du nicht meinen Namen, bist Du nicht als meine Tochter anerkannt von allen Mitgliedern unserer Familie und vom Landesherrn selbst, und sind nicht alle die Unseren stolz, Dich ihre Verwandte zu nennen? — Kannst Du Dich über Zurücksetzung, über Kälte meiner- oder ihrerseits be­klagen und hast Du nicht Alles, was Dein Herz begehrt und es erfreuen kann?*

die „Norddeutsche Allgemeine Zeitung", das Organ des Herrn Reichskanzlers, veranlaßt gesehen hat, einen wirt­schaftlichen Wasserstrahl nach Petersburg zu richten. Sie droht für den Fall, daß Rußland die Einfuhr deutschen Eisens verhindere, mit einer Repressalie durch die Empor­schraubung der Kornzölle, so daß russisches Korn in Deutsch­land nicht mehr verkauft werden könne. Die jetzige Lage hat somit einen leisen Anstrich von einem Zollstreit ge­wonnen, es haben Reibereien stattgefunden, wie sie gegen­seitiger Mißstimmung zu entspringen pflegen. Ist es nun für Rußland oder Deutschland gleichgültig, ob zwischen ihnen auch wirtschaftliche Freundschaft besteht oder nicht? Keineswegs! Ein ernster Zollstreit würde beiden Teilen großen Schaden zufügen, und zwar uns den größeren, denn die deutsche Industrie, die viel, viel mehr entwickelt ist als die russische, empfindet auch jede Verschließung eines Absatzmarktes doppelt schwer. Man einige sich deshalb in Freundschaft!

Das Deutsche Reich und Rußland werden aber noch durch ein ganz besonderes Band verknüpft, auf das jeder Zollstreit schwer zurückwirken müßte. Deutschland ist ein hervorragender Gläubiger Rußlands, es sind etwa zwei­tausend Millionen russischer Papiere in deutschen Händen. Wird von deutscher Seite in einem Zollstreit auf die Brechung deö russischen Widerstandes hingearbeitet, wozu immerhin eine Lähmung des wirtschaftlichen Wohlstandes nötig, so sieht es auch mit der Bezahlung der Zinsen flau aus. Andererseits ist aber Rußland in finanzieller Be­ziehung dermaßen auf das deutsche Geld angewiesen, daß ihm eine Verschließung dieser Quelle äußerst unbequem sein würde. Beide Teile würden also auch hier große Nachteile haben. Oder sollen wir uns, etwa wenn Ruß­land die Zahlung des Kupons verweigert, die Zinsen mit Gewalt holen? Das wäre denn doch wohl etwas zu sehr aus dem Spaß! Kurzum, alles empfiehlt, daß Rußland und Deutschland, wie in politischer Beziehung, so auch in wirtschaftlicher die Freundschaft bewahren und Freunde bleiben; jede radikale Aenderung dieses Verhältnisses würde niemals Nutzen bringen können. Es fehlt ja nicht an nationalen Schwärmgeistern in Petersburg, die unter allen Umständen „los" von Deutschland wollen, aber diese Ele­mente geben zum Glück den Ausschlag nicht.

Deutsches Reich.

Berli«, 13. Juli. Infolge der von den Provinzial- Schulkollegien über die Erfolge der in den letzten drei Jahren an höheren Schulen unternommenen Schüler-Aus­flüge eingeforderten Berichte tat der Nnterrichtsminister unter Anerkennung des bisher Geleisteten und zu beach­tender Zusammenfassung jener gutachtlichen Berichte im Einzelnen folgendes angeordnet: Wenn Ausflüge der Schüler höherer Lehranstalten nicht ausdrücklich einer Auf-

„Eines andern UmstandcS will ich gar nicht weit.r er, wähnen," fuhr Frau von Hochberg fort, „obschon er von der Mehrzahl der Menschen in erster Linie als Glücksum­stand genannt werden würde! .... Hat Dir je die Liebe der Mutter gefehlt und hast Du unter meiner liebenden Obhut je die mütterliche oder elterliche Zärtlichkeit und Fürsorge vermissen dürfen? Warum willst Du jetzt plötzlich Verhältnisse oufdecken, die za wissen Dir ganz unnötig ist, die weder auf Deine Zukunft, noch auf Deine gesellschaftliche Stellung irgend welchen Einfluß üben können?* — Sinne und grüble nicht weiter, liebes Kind,* fuhr Frau von Hochberg fort, indem sie mit beiden Händen ihrer Tochter Kcpf erfaßte und ihn an ihre Brust drückte, während ihre eignen Augen sich mit Thränen füllten. — Quäle Dich nicht, Valentine, und dadurch auch mich! — Sei meine gute, liebe und einzige Tochter, die alleinige Erbin meines Namens unb Vermögens, und überzeugt, taß Deinem Glück nichts bindernd im Wege steht!" — Sie liebkoste das ernste junge Mädchen innig und ließ ihre Hand durch deren prachtvolles kastanienbraunes Haar gleiten, das aufgelöst über Valenttneus Nacken hinabfiel.

„Und diesis Bild, liebe Mama? — fragte sie, ihrer Mutter das geöffnete Medaillon hinhaltend, welches sie stets an einem schwarzen Sammetbande um den Hals trug.

„Ich habe Dir schon gesagt, mein Kind, daß es das Andenken eines Verwandten von Dir ... *

„Meines Vaters?" — forschte Valentine weitem.

„Nun, wenn Du nicht anders willst, so betrachte es als dasjenige Deines verstorbenen Vaters. Doch ich bitte Dich inständigst, um meiner grenzenlosen Liebe zu Dir willen, laß Dir dies genügen-nnd suche nicht Grübeleien anzustellen, welche zu Nichts führen können!*

Tie Baronin konnte sich nun auch erklären, was im Gemüt ihrer Tochter vorging; sie liebte ohne allen Zweifel den Baron Leopold, und weil sie ihn liebte, wollte sie, ehe sie es vermochte, ihm ihr Jawort zu geben, ihre eigenen

gäbe des lehrplanmäßigen Unterrichts dienen (z. B. bota­nische, technische Ausflüge gewerblicher Fachklassen), ist den­selben sowohl hinsichtlich der führenden Lehrer als der teil­nehmenden Schüler beziehungsweise der die Teilnahme ge­stattenden Eltern oder deren Stellvertreter die Freiwillig­keit unbedingt zu bewahren. Sonn- oder Feiertage sind zu den seitens der Schule veranstalteten Erholungs - Aus­flügen der Schüler nicht zu verwenden. Falls zu der Ausführung eines Schüler-Ausflugs die Enthebung einer Klasse oder mehrerer Klassen vom lehrplanmäßigen Unter­richte erforderlich wird, ist der Direktor ermächtigt, für dieselbe Klasse innerhalb eines Schuljahres zweimal den Nachmittagsunterricht oder einmal den Unterricht eine» ganzen Schultages ausfallen zu lassen. Für eine etwaige-" ausnahmsweise Ausdehnung eines Ausflugs von Schülern der oberen Klassen über die Dauer eines ganzes Tages ist sowohl betreffs des dadurch herbeigeführten teilweise» Aussetzens des Unterrichts, als des genau zu bezeichnenden Planes des Ausflugs die Genehmigung des vorgesetzten Provinzial - Schulkollegiums einzuholen. Bei Ausflügen, welche Kosten verursachen, müssen die Eltern über die Maximalhöhe des ru erwartenden Kostenbetrages vorher be­stimmt benachrichtigt sein. Wenn die Kosten nicht vor­sichtig in Betracht gezogen werden, so könnte es leicht geschehen, daß Lehrerkollegien durch eine Opferwilligkeit über ihre Berufspflichten hinaus, statt des Dankes, Ver­stimmung in den Kreisen Hervorrufen, aus welchen den höheren Schulen ein Teil ihrer tüchtigsten Schüler zugeht, oder zu dem Vorwurfe einer bevorzugehenden Berücksich­tigung der Wohlhabenheit den Vorwand darbieten. — Eine Bekanntmachung des Finanzministers und des Mi­nisters des Innern teilt jetzt mit, daß der auf Grund der sogen, lex Huene den Kommunalverbänden zu über­weisende Betrag für das Etatsjahr 1884 bis 1886 auf Mk. 4002116 festgesetzt ist. Insoweit bei der Verteilung die nach der Volkszählung vom Dezember v. I. provisorisch festgestellten Bevölkerungsziffern haben zu Grunde gelegt werden müssen, weil die definitive Feststellung der Zählungs- ergebnisse für die betreffenden Kreise noch nicht erfolgen konnte, bleibt ein etwa erforderlich werdender Ausgleich der nächstjährigen Verteilung Vorbehalten. Die auf die einzelnen Kreise entfallen Summen betragen im Ganzen für 1. Die Provinz Ostpreußen Mk. 226469, 2. West- preußen Mk. 167999, 3 Stadt Berlin Mk. 284 322, 4. Provinz Brandenburg Mk. 319901, 5. Pommern Mk. 217082, 6. Posen Mk. 200250, 7. Schlesien Mk. 510654, 8. Sachsen Mk. 397235, 9. Schleswig- Holstein Mk. 227 837, 10. Hannover Mk. 345 699, 11. Westfalen Mark 279235, 12. Hessen - Nassau Mk. 234382, 13. Rheinland 582251, 14. Hohenzollern- sche Lande Mk. 8800.

Verhältnisse klären, Auskunft über ihre Herkunft, ihren Namen haben. Und Frau v. Hochberg kannte ihre Adop- tivtochter zu gut, um nicht zu wissen, daß diese — falls jene Aufklärungen nicht zu ihrer Genugthuung ausfallen sollten — eher die Liebe mit der Wurzel ihrem Herzen wieder entreißen, als namenlos — so würde sie sich be­trachten — dem Geliebten ihre Hand reichen werde.

Wenige Tage nach dieser Unterredung ward ein Ausflug nach Schloß Stolzenfels unternommen. Anfänglich wollte Valentine sich mit Unwohlsein entschuldigen; doch die Vor­stellungen der Baronin vermochten es, diesen Entschluß wankend zu machen, und sie schloß sich der Partie an, an welcher sich außerdem noch eine Familie, die mit der Frau v. Hochberg bereits bekannt war, beteiligte.

Nachdem die Gesellschaft in dem am Fuße des Stolzen­fels gelegenen Orte Kapellen angelangt, bestiegen dort fast sämtliche Damen der Gesellschaft die geduldigen, für die Besucher stets bereitstehenden Esel und die Herren gingen als dienstfertige Kavaliere neben den Damen zu Fuß auf dem wohlgebauten Wege, den Treibern die Fürsorge für die Esel abnehmend. Die paradiesisch schöne Gegend, der unvergleichliche Blick auf die Mündung der Lahn, auf Ober- und Niederlahnstein und bei den Windungen des Weges auch auf St. Goarshausen einer- und Coblenz und Ehren­breitenstein andererseits verfehlten ihren wohlthuenden, be- lenden Eindruck auch auf Valentine nicht. Ihr zur Seite, den Zügel des Grautieres in der Hand, schritt Leopold Hartenstein. Anfangs drehte sich die Unterhalung der Beiden um gleichgiltige Dinge; als jedoch zwischen der übrigen Ge­sellschaft und ihnen ein ansehnlicher Zwischenraum sich ge­bildet hatte, hielt der Baron, der am Tage zuvor mit seiner Tante eine längere, sehr ernste Unteredung gehabt hatte, den Augenblick für günstig, um nun auch mit Valentine sich auszusprechen.

(Fortsetzung folgt.)