Str. 161.
Marburg, Dienstag, 13. Juli 1886.
XXL Jahrgang.
Erscheint täglich außer an Werktagen nach Sonn-und Feiertagen. — Ouartal- Äsonnements-Preis bei bet Expedition 21/« Ml., bei den Postämter 2 Mk. 50 Bfg. (excl. Bestellgeld). Jnsertionsgebühr für die gespaltene Zeile 10 Pfg. Reklamen für die Zeile 1 -5 Pfg.
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Wöchentliche Vrilagen: Amtlicher Anzeiger f. i>. Kreise Marburg u. Kirchhain. - Illustriertes <
Expedition. Markt 21. — Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Aug. Koch.
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Deutsches Reich.
Berlin, 10. Juli. Mit der Einsetzung einer Reichskommission zur Ausführung des Nord-Ostsee-Kanals unter der Bezeichnung „kaiserliche Kanal-Kommission" hat sich der Bundesrat einverstanden erklärt. Ein Vergleich jener Kommission mit der, welche für die Ausführung des Reichstags-Gebäudes besteht, wie er hier und da geinacht wordeu ist, trifft nicht zu; denn die Kanal-Kommission hat keineswegs eine ausschließlich beratende Befugnis. Uebrigens hört man, daß mehrere süddeutsche Staaten Bedenken gegen die Kanal - Kommission vorzubringen hatten, doch ist es den bezüglichen Vorstellungen nicht gelungen, die Bildung der Kommission zu beeinträchtigen. Die Gerüchte von einer neuen, sofortigen Inangriffnahme eines Branntweinsteuergesetzes sind, wie von unterrichteter Seite versichert wird, zur Zeit keineswegs unbegründet; ebenso ist es richtig, daß bei diesem Anlaß von der Möglichkeit die Rede war, den Reichstag zu einem früheren Zeitpunkt zu berufen. — Das Reichs-Postamt veröffentlicht Mitteilungen über die Wirksamkeit dcr für die Angehörigen der Reichs- Post- und Telegraphenverwaltung bestehenden Wohlthätig- keitsanstalten für das Etatsjahr 1885/86, bezw. für das Kalenderjahr 1885. Danach sind, wie wir der „Nat.-Z." entnehmen, im vorigen Etatsjahre Zuwendungen erfolgt aus der Kaiser - Wilhelm - Stiftung für die Angehörigen der Post- und Telegraphenverwaltung an 222 Personen, <ui§_ der Post - Armen - und Unterstützungskasse an 9836 Personen und aus den Unterstützungsmitteln an 32 136 Personen, im ganzen also an 42 194 Personen. Für 20 Söhne von Post- und Telegraphenbeamten wurden Studienstipendien in Gesamthöhe von 3380 Mk. gezahlt, 600 Mk. wurden für das Heimathaus für Töchter und für die Neichen- heimsche Stiftung „Mädchenheim" in Berlin beigetragen, für 1810 Kinder wurden Erziehungsgelder in Höhe von 89 308 Mk. gezahlt.
Stettin, 10. Juli. Im Beisein der Staatsminister v. Puttkamer und v. Bötticher, hoher sächsischer, württem- bergischer, badischer, hessischer und hanseatischer Würdenträger, mehrerer Admiralitätsräte, des chinesischen Gesandten, des Konsuls H. H. Meier vom „Norddeutschen Lloyd", der Spitzen vieler Provinzial-, Militär- und städtischen Behörden, sowie zahlreicher Zuschauer fand heute mittag um 12 Uhr der Stapellauf des ersten großen Subventionsdampfers statt. Der Taufakt wurde von der Frau Gräfin Behr - Negendank vollzogen. Der Dampfer" erhielt den Namen „Preußen".
Geschichtskalender.
13. Juli.
1024. Starb Kaiser Heinrich II.
1397. Die Union von Colmar vereinigt die Reiche Dänemark, Norwegen und Schweden.
1793. Jean Paul Marat wird von der 25jährigen Charlotte Corday im Bade erstochen.
1842. Der Herzog von Orleans, König Louis Philipps ältester Sohn, stirbt infolge eines Sturzes aus dem Wagen.
1864. Prinz Albrecht und General v. Falkenstein auf Stagen. 1866. Der Bundestag beschließt Mobilmachung gegen Preußen.
1866. Gefecht bei Aschaffenburg zwischen Bayern und Preußen.
Im Schatten des Lebens.
Roman von P. Felsberg.
(Forlsetzung.)
XXL
,O, Mama! Sich' dort kommt ein großer Reisewagen mit vier Pferden! — Sicher sind das Onkel Alfred und Tante Helene!"
So rief freudig erregt ein etwa lOjähriges hübsches Kind aus dem Garten eines Landhauses in einer der herrlichen Gegend der Schweiz einer Dame zu, welche mit einer Handarbeit beschäftigt auf dem von einer großen Marquise überschatteten Balkon saß. Diese erhob sich schnell, legte ihre Arbeit auf einen kleinen Tisch und blickte, die Hand über die Augen haltend, nach der von ihrer Tocht-r ange- denteten Richtung.
„Geh schnell, Helene/ rief sie dann, „such' Papa und «nd rufe Alfred und Waldemar; sag' ihnen, daß Onkel kommt!"
Das Kind lief schnell einem entlegenen Teile des Gartens
Ulm, B. Juli. Seit einiger Zeit hält sich im Pfarrhaus des benachbarten Göttingen ein französischer Artillerie- Offizier auf, der für die Bevölkerung der Umgegend bald ein Gegenstand beunruhigender Gerüchte geworden ist. Auch verschiedene Blätter glaubten es notwendig zu haben, die Militärbehörden auf den angeblichen Spion aufmerksam zu machen. Er sollte in bedenklicher Nähe der Festung herumstreifen, sich über die Schußweite Ulms von gewissen Hügeln der weiteren Umgebung aus unterhalten haben, einem Posten, der ihn einmal anhalten wollte, entwischt sein u. s. w. Nun erhält das „Ulmer Tageblatt" folgende Mitteilung: „Allen diesen sensationellen Nachrichten gegenüber wird uns von zuständiger Stelle versichert, daß ein Grund zur Beunruhigung durchaus nicht vorhanden ist. Die Anwesenheit des Franzosen ist den Behörden bekannt, und der Herr Festungsgouverneur weiß, was er zu thun hat. Alles, was von einer Vorstellung bei der Parole, von Herumstreifen des Fremden in der Nähe der Festung rc. erzählt wird, ist Erfindung sensationslustiger Leute. Die Spionenriecherei sollten wir den Landsleuten des ungebetenen Gastes überlassen."
Ausland.
Paris, 10. Juli. Der frühere Botschafter in Konstantinopel, Bouröe, ist gestorben. — An Stelle des'Marquis von Noailles ist Graf Montebello, bisher in Brüsfel, zum Botschafter in Konstantinopel ernannt worden. — Die Generalratswahlen sind auf den 1. August festgesetzt. — Der Verwaltungsrat der Panama - Gesellschaft genehmigte einstimmig das Zirkular des Herrn v. Lesseps, worin er die demnächsiige Emission von Fres. 600 Mill, neuer Obligationen anzeigt an Stelle des Entwurfs betreffs Emission einer Prämienanleihe, worauf Herr von Lesseps wegen der langsamen Arbeiten der Kammer verzichtet. — Das Sozialorgan detz Kriegsministers Boulanger, „La France Militaire", hat gestern einen Artikel veröffentlicht, welcher einiges Aufsehen erregt. In demselben wird die Regierung aufgefordert, keine Zeit zu verlieren und den Offizieren paffende Campagne - Uniformen zu beschaffen, damit dieselben nicht zur Zielscheibe der Scharfschützen des Feindes werden. Dann heißt es weiter: Wir meinen, daß die Offiziere die Uniformen bald brauchen werden. Natürlich gehen die Ansichten hierüber auseinander. Einige sind der Ansicht, daß nichts friedlicher sein kann, als die gegenwärtige Lage. Andere aber, und wir selbst befinden uns unter diesen, haben viele Gründe zu der Annahme, daß der große Tag nahe ist. Die Deutschen geben sich den Anschein, zu glauben, daß die bemerkte Annäherung zwischen Frankreich und Rußland lediglich gegen England gerichtet ist. Wir'erlauben uns, dieselben an die Aeußerung ihres großen Orakels, des Fürsten Bismarck, zu erinnern — nämlich, daß die Kolo
nialfrage unter den Mauern von Metz entschieden wird. General Boulanger thäte gut, seinem Organ etwas mehr Vorsicht anzuraten. Was aber die Annäherung zwischen Frankreich und Rußland anbetrifft, so ist der lebhafte Wunsch dazu ohne Zweifel auf beiden Seiten vorhanden, allein die Ausführung dürfte doch schwieriger fein, als die französischen Chauvinisten es sich vorstellen. — Die heutigen Morgenblätter melden: Da das Gerücht verbreitet war, daß bei den französischen Waffenfabrikanten große Bestellungen gemacht werden sollen, so befragte der Abgeordnete Laur hierüber den Kriegsminister, welcher hierauf folgende Antwort gab: Es werden augenblicklich in Chatellerault mit gewissen Mustern Versuche gemacht, wenn dieselben günstig ausfallen sollten, so werden noch vor dem Herbste bei den Waffenfabrikanten namhafte Bestellungen gemacht werden. „Paris" meldet, daß auf Befehl des Kriegsministers sechszehn Regimenter Infanterie und siebzehn Jägerbataillone mit Repetirgewehren ausgerüstet werden. Diese Maßregeln bewiesen, daß der Kriegsminister sich nicht zuvorkommen lassen wolle, obgleich die Einführung von Repetirgewehren nicht von ihm ausgegangen sei. — Infolge des Lessepsschen Briefes hat sich der Ministerrat der „K. Z." zufolge entschlossen, die Vorlage wegen der Panamakanal - Anleihe zurückzuziehen. — General Sauffier hat heute beim Kriegsminister Boulänger gefrühstückt, wobei die endgültigen Maßnahmen für die Truppenschau festgestellt wurden.
Madrid, 10 Juli. Die Kammer genehmigte mit 203 gegen 2 Stimmen die Zivilliste und verwarf den Antrag Romero auf Erhöhung der Zivilliste der Regentin, welchen Antrag die Regentin schon vorher zurückgewiesen hatte.
London, 10. Juli. Die „Times" bespricht nochmals die Batumfrage und meint, obwohl die Frage nicht wichtig genug sei, um einen ernsten Streit zu veranlassen, so müsse doch von der Thatsache Kenntnis genommen werden, daß Rußland eine direkte Herausforderung an England gerichtet habe, welches seine Politik demgemäß gestalten müsse. Durch den Widerruf des Artikels 59 des Berliner Vertrages werde die von England auf dem Berliner Kongresse eingegangene Verpflichtung, den Status quo ante betreffs der Dardanellen zu respektieren, zum toten Buchstaben. Wie Rußland, so verlange auch England die Freiheit des Handelns wieder.
Bukarest, 10. Juli. Die Meldung des Pester „Nemzet", wonach die in Bukarest anwesenden höheren russischen Offiziere eine russisch-rumänische Konvention zur Sicherung des Durchmarsches von russischen Truppen durch Rumänien im Falle der Besetzung Bulgariens durch Rußland abschließen sollen, wird als vollständig erfunden bezeichnet.
zu, während die Dame hinab und dem eben das Thor der Besitzung passierenden Wagen entgegen ging. Schon von Weitem hatte man ihr mit Taschentüchern aus dem Wagen zngrwinkt; dieser hielt nun, und eine hohe kräftige Männergestalt schwang sich leicht heraus, die Dame mit den Worten: „Gott grüß Dich, meine liebe Hedwig!" ans Herz drückend.
Nun rief es ans dem Wagen heraus: „Hedwig Hedwig I" und aus demselben stieg, von Alfred unterstützt, die junge Gräfin Biela — die dem Leser bekannte, frühere Helene von Bergen, gefolgt von Emilie, ihrer Stieftochter — derjenigen, die Graf Biela für sein wirkliches Kind hielt.
Es dürfte hier der Oct fein, den Leser mit diesem jungen Mädchen Mannt zu machen. Ein besseres Herz, eine willigere, gefügigere Natur lassen sich kaum denken. Im Alter war sie Valentine gleich, hatte dunkles Haar, ein liebes ansprechendes Gesicht, war indessen weit entfernt, sich mit Alfreds wirklicher Tochter an Schönheit messen zu können. Sie war schlank, schnell gewachsen und hatte ein leidendes — wenigstens blasses Aussehen. Ihre Fähigkeiten waren zu vollster Befriedigung entwickelt, sie liebte ihren Vater und dessen Gemahlin mit der hingebensten, schwärmerischsten Verehrung. Ein Zug von Melancholie war ihr eigen, der indeß ihrem — wenn auch nicht schönen, doch keineswegs unschönen — Gesicht einen gewißen Reiz verlieh.
Die Begrüßungen zwischen Alfred, seiner Frau und Tochter und der Heimbeckschen Familie — Waldemar mit seinen beiden Söhnen unb seiner Tochter waren inzwischen auch herbeigeeilt — waren die herzlichsten. Obgleich erwartet, waren die Heben Gäste doch etwas früher als gehofft, ein» getroffen, und es gestaltete sich ihre Ankunft somit zu einer freudigen Ueberraschung.
Nur wenige Monate nach der Verlobung Heimbccks mit Hedwig hatte auch Alfred sich endlich entschloffen, der Herzmsfreundin seiner Schwester Herz unb Hanb anzutragen,
unb war von Helene von Bergen, die ihn ja längst geliebt, freudig angenommen. Die Hochzeit beider Paare fand im folgenden Frühjahr auf Schloß Nehrungen statt. Während Hedwig Mutter dreier blühender Kinder geworben war, hatte Helene ihren Gatten nur burch einen Knaben beschenkt.
Dieser Besuch traf in der Schweiz etwa um dieselbe Zeit ein, als die Begegnung zwischen Fran von Hochberg und ihrem Neffen in Baden-Baden stattfand. Alfred war nebst Familie von Heimbeck eingeladen, den Sommer auf dessen Landsitz zuzubringen. Diese allerliebste Besitzung war dcs Komponisten Eigentum, und zwar ein wertvolles, wenn man die prächtige Lage am Vierwaldstädter See, in der nächsten Nähe der viel frequentierten Land- und Wasser» straffen, sowie die ansehnliche Ausdehnung des Grundstücks, berücksichtigt. Hier verbrachte Waldemar mit den ©einigen die schönste Zeit des Jahres. Zum großen Leidwesen Hedwigs ließ er sich jedoch auch hier nur wenige Zeit von seiner Arbeit rauben, zu wenig jedenfalls für die Ansprüche, die Frau unb Kinber in der Sommerfrische an ihn zu machen sich berechtigt hielten. Das sollte nun in diesem Jahre wenigstens anders werden, hatte Hedwig beschlossen, unb sie wußte ihren, sie tiergötternben Mann leicht zu bestimmen, baß er Schwager unb Schwägerin eindringlich bat, bei ihnen den Sommer zuzubringen. Alfred unb Helene hatten gern zugesagt, obgleich sie ursprünglich bie Absicht gehabt, nach Behrnngen za gehen; namentlich war bie Gesundheit Emiliens in biescr Beziehung maßgebenb gewesen, ber eine klimatische Versilberung nur fegenbringenb fein konnte.
In ungestörter Frenbe verging für bie so eng verbunbeuen Familien ber Sommer; noch wesentlich erhöht warb sie burch einen Besuch von Alfreds Schwiegereltern, bie sich im Glücke ihrer Kinber sonnten.
(Fortsetzung folgt.)