Är. 160.
Marburg, Sonntag, 11. Juli 1886.
XXI. Jahrgi»,.
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Deutsches Reich.
Berlin, 9. Juli. Wie die „Kobl. Volksztg." meldet, wird der Kaiser am .Sonntag in Koblenz eintreffen und bis Dienstag nachmittag dort verweilen. Der Bischof Dr. Korum von Trier hatte Audienz bei der Kaiserin. Die Anzahl der Schulen, welche in Ems eintreffen, um Se. Majestät zu sehen und die Sehenswürdigkeilen des Bades in Augenschein zu nehmen, ist in den letzten Wochen eine so große gewesen, wie nie zuvor. Wahrhaft bewundern muß man die große Huld des Kaisers, mit welcher er den Mitgliedern dieser Anstalten begegnet. U. a. machten die Zöglinge des Schönthaler evangelischen Seminars einen Ausflug nach Ems und erhielten die @riaubnis, sich dem Kaiser vorzustellen. Derselbe richtete am Schluß noch eine überaus herzliche Ermahnung an die Zöglinge. Er ging davon aus, daß die Religion die Grundlage von allem Bestand menschlicher Ordnung sei und sagte dann: „Ich freue Mich, daß die Grundlagen jetzt wieder fester geworden sind. Aber die Umsturzpartei, welche alle richtigen Begriffe verwirrt, ist Z>och noch geschäftig, nicht blos bei uns, sondern in allen Staaten Europas, und wenn es ihr gelingen würde, einmal die Grunolagen, den Glauben, die Sitte hinfällig zn machen, so würde das andere nachfolgen. Ihre Aufgabe ist es, dafür zu sorgen, daß die Grundlagen bei Ihnen und bei denen, deren Lehrer Sie werden, recht fest werden und bleiben, und das werden Sie auch lhun, ich vertraue auf Sie." Die letzteren Worte sprach der Monarch in steigender Wärme und Herzlichkeit und dann verabschiedete er sich in huldvollster Weise von der Schar und bestieg unter ihren begeisterten Hochrufen seinen Wagen. — Die Rednerlisten der letzten Session des Reichstages und des Abgeordnetenhauses sind dieser Tage erschienen. Im Reichstage ist Primus omnium diesmal Herr v. Köller, welcher 157 Mal zu Worte gekommen ist, davon allerdings 84 Mal als Referent für den Militäretat ; im übrigen ragt wie gewöhnlich Dr. Windthorst mit 113 Mal hervor, ihm folgt dann Rickert mit 78, Schrader mit 59, Spahn mit 54, v. Helldorf mit 52 und Frhr. v. Maltzahn-Gültz mit 50, Richter-Hagen mit 48 und Dr. Bamberger mit 44, Ur. Hammacher 38, Struck- mann 35, Dr. Buhl 33, Dr Meyer-Jena 32; von der deutschen Reichspartei v. Kardorff 25, Graf v. Behr- Behrendorf 18. Bei der sozialdemokratischen Partei erhielt Abgeordneter Kayser das Wort 35 Mal, Singer 24 Mal. Von den Bundesratsbevollmächtigten nahm der Reichskanzler das Wort 11 Mal, sein Stellvertreter Staats
minister v. Bötticher hat sich bei seiner vielseitigen Thätig- keit 75 Mal an der Debatte beteiligt; außerdem sind zu erwähnen: Kriegsminister Bronsart v. Schellendorf 31, Schatzsekretär v. Burchard 24, Finanzminister v. Scholz 15, Staatsminister v. Puttkamer 12 Mal. — Im Abgeordnetenhause führt Windthorst den Reigen mit 109 Reden; es folgen Dr. Frhr. v. Schorlemer-Alst 84 Mal, v. Eynern 75, v. Rauchhaupt 69, Frhr. v. Minnigerodc 68, Dr. Wehr 67, Dirichlet 62, Rickert 58, Kantak 41, Frhr. v. Zedlitz und Neukirch 40, Berger 35, Dr. Hänel 34, Schreiber 34, Cramer 29, Dr. Lieber 29, Schmidt (Stettin» 29, Büchtemann 28, Frhr. v. Huene 27, Spahn 26, Dr. Langerhanö 25, Dr. Mithoff 25, Zelle 25, Dr. von Jadzewski 24, Dr. Meyer 24, Dr. Sattler 24, Dr. Virchow 24, Dr. Enneccerus 23, Richter 23 Mal.
München, 8. Juli. Ueber König Otto ist die „A. Z." in der Lage folgende „authentische Daten" zu veröffentlichen:
Was vor allem das Befinden Sr. Majestät betrifft, so erfreut stch dieselbe ganz normaler körperlicher Gesundheit. Von feite der Kuratoren ist alles aufgeboten worden, um den hohen Kranken mit all dem der königlichen Würde ent- sprechenden Komfort zu umgeben. Daß die Umgebung des Königs angewiesen ist, demselben die größte Sorgfalt zu widmen, ist selbstverständlich und die Kavaliere und Aerzte kommen ihrem Dienste mit Pflichttreue und Opferwilligkeit auf das gewissenhafteste nach. Wer Schloß Fürstenried seit einer Reihe von Jahren nicht mehr gesehen hat, wird sich wundern, welche Veränderung mit dem alten Jagdschlösse vor sich gegangen ist. Fürstenried liegt inmitten nervenstärkender, duftender Nadelwälder und bietet entzückende Aussicht auf das herrliche Panorama der Alpenkctte. Durch Um- und Neubau, durch geschmackvolle Einrichtung und Aus-, schmückung des Innern, durch Anlage kunstvoller Gärten wurde ein Landsitz geschaffen, würdig jedes Fürsten und so behaglich, wie er nur gedacht werden kann. Der hohe Kranke bewohnt die Hochparterreräume des Schlosses, wo demselben eine Flucht von Zimmern mit prächtigen Salons zur Verfügung steht. Die Einrichtung ist eine fürstliche, alles geschmackvoll, nichts überladen. Die mit den feinsten Damasttapeten bekleideten Wände schmücken wertvolle Gemälde, darunter Ansichten von Berchtesgaden und Hohenschwangau, wo der König so oft in der glücklichen Jugendzeit geweilt; an beiden Enden der Appartements liegen Schlaf- und Badezimmer, welche täglich gewechselt werden können. Im Westen des Schlosses liegt ein großer von Effner angelegter Garten. Ein herrlicher Baumschlag, kunstvolle französische und englische Anlagen, duftende Blumenbeete, üppiges Gesträuch stellen diesen Park unseren schönsten Schloßgärten an die Seite; schöne Marmorgruppen, Statuen, Vasen, Springbrunnen, darunter einer mit dem berühmten Eustachiushirsch aus dem Schlosse zu Neuburg a. D. erhöhen noch den herrschaftlichen Eindruck des Ganzen. Links befindet sich ein Gewächshaus, eine Art kleiner Wintergarten und hieran reihen sich zwei Neubauten: der Marstall
und die Wagenremisen. Ueb.r ersterem befinden sich die G lasse der Dienerschaft und die Räumlichkeiten über den Remisen werde» gegenwärtig zu einer Art Kaserne für 24 Soldaten umgewandelt, welche künftig den Ehrendienst bet Seiner Majestät zu versehen haben, so daß auch in dieser Hinsicht 'der Würde des Königs vollkommen Rechnung getragen ist. Wie für alles, so haben die Kuratoren auch für die religiösen Bedürfnisse auf das sorgfältigste Bedacht genommen, wie wir von einer Seite erfahren haben, die wohl als die kompetenteste erachtet werden muß. Im Schlosse und in den Gärten genießt der hohe Kranke jede mit seinem Befinden nur irgendwie vereinbare Freiheit, häufige Spazierfahrten wechseln mit Promenaden in den Anlagen ab und von einer Gefangenschaft, wie in manchen Blättern gefaselt wurde, ist keine Rede. Der Aufenthaltsort unseres unglücklichen Königs ist eines Fürsten würdig; das ganze Arrangement, die Einrichtung, der Ton, der im Schlosse herrscht, kurz alles trägt fürstliches Gepräge und man darf sich in den weitesten Kreisen davon überzeugt halten, daß die maßgebenden Faktoren, vor allem die Kuratoren, ihr ganzes Bestreben darauf richten, die Würde der umflorten Majestät in jeder Weise zu wahren.
Ausland.
Wien, 9. Juli. Nach Meldungen aus Fiume kommen täglich einzelne Cholera-Erkrankungen vor; die Krankheit hat jedoch bisher keinen epidemischen Charakter angenommen.
Petersburg, 9. Juli Der „Regierungsanzeiger" bringt eine Mitteilung über die Batumfrage, in welcher es heißt: Die Ansicht auswärtiger Journale, die Schließung des Freihafens sei eine Verletzung des Berliner Vertrages, ist eine irrige, denn die Errichtung jenes Freihafens hat unter Umständen stattgefunden, die sich seitdem vollständig verändert haben. Die augenblicklichen Umstände sind nicht allein lästig für den Staatsschatz, sondern führten auch wegen des auf der Landseite bestehenden Zollkordons für die materielle Handelsentwickelung Datums und des nach dem Kriege mit Rußland vereinigten Gebietes die größten Nachteile herbei. Unter anderem haben der Naphtha- Handel und die Naphtha - Industrie zu leiden, was nicht bloß für Transkaukasien, sondern auch für die ausländischen Konsumenten von großer Bedeutung ist. Die Bevölkerung der Umgegend wird durch das Bestehen der Oktroi-Abgabe in vieler Beziehung geschädigt und führt darüber lebhafte Klagen. In Erwägung dieser Umstände hat die Regierung nicht aus dem Auge verlieren können, daß Artikel 59 des Berliner Vertrages eine vollständige Nebenstelle im Vertrage einnimmt. Der Artikel 59 enthält nicht das Resultat der Uebercinstimmung aller Mächte, sondern die ganz aus freien Stücken abgegebene Erklärung Rußlands, in Batum einen Freihafen einrichten zu wollen. Die Vorteile, welche man damals den den Vertrag schließenden Mächten zu gewährleisten beabsichtigte, können heute nicht mehr in Erwägung gezogen werden; denn nach Abschaffung
Geschrchtskalender.
11. Juli.
1346. Kaiser Ludwig der Baier wird durch die Mehrzahl der Kurfürsten abgesetzt, anstatt seiner Karl IV. von Luxemburg (Böhmen) erwählt.
1509. Starb Landgraf Wilhelm IL, Vater Philipps des Großmütigen, 41 Jahr alt, an der damals neuen und mit furchtbarer Wut auftretendeu Krankheit der Siphilis.
1535. Kurfürst Joachim I. von Brandenburg, mit dem Beinamen Nestor, starb.
1708. Die Franzosen erleiden die schwere Niederlage bei Oudenarde in Flandern vom Prinzen Eugen von Savoyen und dem Herzoge von Marlborough.
1709. Dleselben Feldherrn siegen über die Franzosen bei Malplaquet in Hennegau.
1859. Napoleon Hl. schließt mit Oesterreich den Frieden von Viüafranca.
12. Juli.
1536. EraSmuS von Rotterdam (geb. den 28. Oktober 1467) stirbt zu Basel.
1551. Wurde eine von den hessischen Verordnungen gegeben, welche zum Inhalt haben, daß die bisherigen Verordnungen befolgt werden sollten.
1704. König Karl XIL von Schweden läßt den Waiwoden von Posen, Stanislaus LeScziusky, zum Könige wählen, August ll. wird abgesetzt.
1806. Die süddeutschen Stände (Bayern rc.) errichteu den Rheinbund, deffen Protektor Napoleon wird.
1848. Der deutsche Bund in Frankfurt a./M. löst sich auf.
1863. Eine Mexikanische Notablenversammlung beschließt, dem Erzherzoge Ferdinand Maximilian von Oesterreich die Kaiserkrone auzutrage».
1864. Uebergaug der Preußen über den östlichen Limfiord.
1866. Tie Preußen rücken in Brünn ein.
Im Schatten des Lebens.
Roman von P. Felsberg.
(Fortsetzung.)
Man besuchte den Schwarzwald, Straßburg, die wunderschöne, nun deutsche Stadt; auch ein höchst interessanter Abstecher nach Karlsruhe und Heidelberg ward gemacht. In Heidelberg hatte Leopold studiert, und die Erinnerung au die glücklich - sorgenlose Studentenzeit machte ihn oben in den Trümmern des alten Schlosses seiner Tante und Valentine gegenüber beredt, und durch manche lustige Stu- dentengeschichte wußte er dort seine Begleiterinnen in die heiterste Stimmung zu versetzen.
Auf dieser Reise war übrigens der Baronin der Eindruck nicht entgangen, deu Valentine auf ihn gemacht, und sie sah, daß ihr Neffe auf dem besten Wege war, sich ernstlich in ihre Adoptivtochter zu verlieben. Diese Wahrnehmung machte sie einerseits sehr glücklich, denn Niemandem hätte sie lieber die Zukunst und das Glück ihrer Valeuttne anvertrauen mögen, als dem Neffen; doch sagte sie sich andernfalls, daß dies sicher einen großen Kampf mit deffen Familie herbeiführen würde, die ja die Verhältnisse kannte, unter denen sie das Kind adoptiert hatte, und wußte, daß über deffen Abkunft ein undurchdringliches Dunkel schwebte.
Und Valentine? — ahnte und erwiderte sie seine Liebe? Sie fühlte sich wie in einem Traume befangen — einem schönen Traume; »och nie war sie so glücklich wie jetzt; die Frage: Warum? hatte sie sich noch nicht vorgelegt.
Schon drei Wochen hatte man so in Baden-Baden zu- gebracht. Gräfin Mela war vollständig hergestellt und auch ohne weiteres Säumen abgereist; sie blieb jedoch mtt Frau von Hochberg in Briefwechsel, und diese hatte der alten Dame für den Herbst einen Besuch mit Valentine auf Schloß Bolkeusteiu zugesagt.
Immer mehr hatte Baron Hartenstein dem Zauber sich
überlassen, den Valentine auf ihn übte; auch schien Letzterer eine Ahnung der Gefühle Leopolds gekommen zu sein, denn ihre bisherige Unbefangenheit hatte sich in Zurückgezogenheit verwandelt.
Der Baronin schien es nun an der Zeit, mit ihrem Neffen in dieser Beziehung ein ernstes Wort zu sprechen. Sie nahm die erste beste Gelegenheit wahr, sagte ihm offen, daß nicht allein sie selber seine Liebe zu dem jungen Mädchen habe keimen sehen, sondern daß sie auch mcht zweifle, wie Valeuttne selbst seiner bis dahin stummen Bewerbung sich bewußt geworden; sie bat ihn, nicht leichtsinnig die Seelenruhe ihrer Tochter aufs Spiel zu setzen, und lieber jetzt, so lange es noch Zeit sei, sie zu verlassen, um Valentine nicht mehr wiederzusehen. Sie stellte ihm vor, daß, obgleich diese ihre Adoptivtochter sei, sie doch nur unter schweren Kämpfen in seiner Famllie Aufnahme finden würde; daß sie Valentine zu hoch halte und zu sehr liebe, um sie auch nur der Möglichkeit einer Demütigung auszusetzen, und eS daher für besser halte, wenn dieses schwerlich zu einem guten Ausgang führende Verhältnis im Keime erstickt werde, bevor eS die Ruhe und deu Frieden ihrer Tochter störe oder Zer- würfniffe in den Schooß der Famllie säe.
„Und glaubst Du, beste Taute'" entgegnete ihr Leopold mit stolzem, doch warmen, Ausdruck, „daß ich der Manu sei, vor einem Kampfe zurückzuschrecken, falls dieser notwendig wäre, um mein Lebensglück zu sichern? — Glaubst Du, daß ich Valeuttne meine Empfindungen für sie durchschauen lassen würde, wenn ich nicht die Absicht, ja den festen Willen hätte, ihr Hand und Namen zu geben, vorausgesetzt, daß sie mich für würdig hält, ihr Glück zu begründe», und mich lieben kann und will, wie ich sie liebe? — Wenn ich erst weiß, liebe Tante, daß Valeutinens Herz mir gehört, und Du, die Du fast seit ihrer Geburt ihr eine treue Mutter warst und sie mir geben willst, so soll mich nichts zurück- halten, sie mir zu erringen; und Valeuttne ist schon ein