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Rr. 139

Marburgs Sonnabend, 10. Juli 1886.

XXI. Jahrgang

EcsL'int täglich außer au Weriragen nach Sonn- und Feiertagen. — Quartal- LbonnementS-Preis bei der Exvebition 21/« Mk_, bei den Postämter 2 Mk. 50 Pfg. (efd. Bestellgeld). J»serLions-.ebübr für die gespaltene Zeile 10 Pfg. Rellarn n für die Zeile {25 Pfg.

WechkUche jeitmig.

Anzeigen nimmt entgegen die Expedition d Blattes, sowie d Annoneen-Bureaux von Haasenstein undVogler in Frankfurt a. M , Caffel, Magdeburg und Men; Rudolf Moffe in Frankfurt a M., Berlin,München und Köln; G. L. Daube und (ko. n Frankfurt a. M., Berlin, Ha nover u.Paris-

Wöchentliche Beilagen: Amtlicher Anzeiger f. d. Kreise Marbnrg n. Kirchhain. - Illustriertes Sonntagsblatt.

Expedition: Markt 21. — Redaktion, Druck und Berlag von Joh. Ang. Koch.

Bestellungen für das III. Quartal auf die Oberh. Zeitung werden von allen Postämtern, auf dem Lande auch von den Landpostboten, sowie von unserer Agentur in Kirchhain und Expedition noch fortwährend angenommen.

Die bayerische Katastrophe

hat nunmehr durch Regelung der Ministerfrage den defini­tiven Abschluß gefunden, und damit wird voraussichtlich wieder größere Ruhe in dem in seinen innersten Tiefen aufgeregten Lande eintreten. Der Bayer ist nicht gleich Feuer und Flamme, aber die Pfingstkatastrophe hatte die ganze Bevölkerung in eine Erregung fonder Gleichen ver­setzt, in eine Erregnng, die leicht zu Schlimmerem hätte führen können, wenn sich nicht auch die traurige Wahrheit mit Blitzesschnelle Bahn gebrochen hätte. Wer jetzt in Bayern reift, wird noch viele Leute finden, die hartnäckig bestreiten, daß König Ludwig im Lebens - Ueberdruß selbst die Fluten des Starnberger Sees aufgesucht, vielmehr be­haupten, er sei bei einem Fluchtversuche ertrunken, und diese Ansicht ist leicht erklärlich, aber nur sehr, sehr wenige zweifeln noch an der schrecklichen Thatsache, daß der einst so blühende, jugendschöne, allem Idealen zugewandte König von der fürchterlichen Krankheit des Wahnsinns wie mit eisernen Krallen gepackt war, von denen er sich nicht mehr । befreien konnte. Ludwig II. konnte nicht mehr König von Bayern sein; das Szepter ist ihm nicht erst vor Pfingsten I aus der Hand genommen worden, es war ihm längst in seiner geistigen Nacht entsunken. Die Regentschaft des populären Prinzen Luitpold wurde sofort von dem baye­rischen Volke anerkannt, als es sich von der Notwendigkeit überzeugt hatte, die zudem durch die Verhandlungen des bayerischen Landtages zur Genüge erwiesen wurde. Klar und deutlich wurde das Geistesleben des unglücklichen Herrschers in den letzten Jahren hingestellt, kaum glaub­liche Thatsachen wurden an das Tageslicht gebracht. Und nach allem, was aus diesen traurigen Akten konstatiert wurde, kann man von Ludwig II. nur sagen: Wohl ihm, daß er in Frieden ruht! Vielleicht hätte die Folgezeit nur Schlimmeres gebracht.

Die Negentschaftsfrage war damit geordnet, um so dringender trat nun die Ministerfrage in den Vordergrund. Das Ministerium von Lutz nennt sich liberal, ist das aber nur, wenn man liberal als Bezeichnung gegenüber der katholischen - klerikalen Partei nehmen will. In Wirklichkeit ist es eine konservative Regierung, wie die Negierungen fast aller deutschen Bundesstaaten; es ist kein lediglich katholisches Parteiministerinm und wird deshalb liberal genannt. Von der katholischen Partei wurde die Gelegenheit begierig ergriffen, einen Feldzug gegen das Kabinett Lutz zu eröffnen, in der Hoffnung, es zu ver­

drängen, und ein klerikales Ministerium unter dem Prä­sidium des Frhrn. von Franckenstein an seine Stelle zu .setzen. Der Angriff mußte schon deshalb scheitern, weil er in zu brüsker und zu wenig taktvoller Weise eröffnet wurde. Es nicht angemeffen, am offenen Grabe eines Königs einen Parteikampf zu beginnen, und gerade im vorliegenden Fall war vor allem Ruhe, Besänftigung der Bevölkerung geboten; ein offener Parteikampf hätte leicht, wenn auch nicht zum Bürgerkriege, so doch Unruhen her­beiführen können; man denke immer nur an die Wucht, mit der ein so unerhörtes Ereignis unter das Volk fallen mußte. Die sofortige Entlaffung des Ministeriums Lutz durch den Prinz - Regenten Luitpold war also von vorn­herein ausgeschlossen, es kam nur darauf an, ob der Prinz die bisherigen Räte der Krone dauernd um sich behalten werde, und das wird ja nun geschehen.

Der Prinz-Regent hat ein sehr ernstes und sehr offenes Wort in seinem Erlaß an das Gesamtministerium auf dessen Abschiedsgesuch gesprochen. Offen hat er erkannt, daß gegen das Ministerium Lutz sehr heftige Angriffe ge­richtet sind, und ebenso offen hat er gesagt, daß er auf diese Angriffe nichts gibt, vielmehr die Thätigkeit der Minister in jeder Beziehung — namentlich auch ihre Kirchenpolitik, die den Beifall des Apostolischen Stuhles in Rom gefunden — ausdrücklich billigt und ihr Ver­bleiben im Amte entschieden wünscht. Zum Schluß sagt der Prinz aber in sehr ernstem Tone, daß er hoffe und erwarte, daß alle jene, denen das Wohl des Vaterlandes am Herzen liege, dazu mitwirken werden, dem Lande vor allem die Segnungen des inneren Friedens zu wahren. Der Regent hat damit das rechte Wort gesprochen! Die Folgen der Pfingstkatastrophe werden noch lange im Lande nachwirken und nachzucken, dem Bayernlande thut nach dieser schmerzlichen Krisis Ruhe not, die ihm unter der Regierung des Prinz - Regenten Luitpold auch in vollem Umfange zu des Landes Heil und Besten werden möge.

Deutsches Reich.

Berlin, 8. Juli. Die „Nordd. Allg. Ztg." ver­öffentlicht das Antwortschreiben des Prinz-Regenten Luit­pold von Bayern auf das ihm vom Kronprinzen über­brachte Kondolenzschreiben des Kaisers. In dem Antwort- Schreiben spricht der Regent seinen aufrichtigsten und innigsten Dank dafür aus, daß der Kaiser den Kronprinzen zur Vertretung bei den Beisetzungsfeierlichkeiten Ludwigs II. entsandt habe und daß der Kaiser seine dem verewigten Könige gewidmeten, auf die nahe Verwandtschaft des preu­ßischen und bayerischen Königshauses gegründeten freund­schaftlichen Gesinnungen auf ihn (den Regenten) übertragen wolle. Der Kaiser möge sich davon überzeugt halten, daß auch der Regent seinerseits nichts sehnlicher erstrebe, als

die Aufrechterhaltung und Befestigung der so glücklich be­stehenden innigen und vertrauensvollen Beziehungen, welche zum Heile Deutschlands die Kronen von Preußen und Bayern verbinden. — Es ist nunmehr, wie dem „Schw. Merk." geschrieben wird, die Bestimmungen bekannt ge­worden, welche für die im September d. Js. im Reichs­lande stattfindenden großen Kaisermanöver getroffen worden sind. An denselben werden teilnehmen: die 30. Division, bestehend aus der 59. und 60. Infanterie - Brigade der bayerischen Besatzungs-Brigade, dem Ulanen-Regiment Nr.14, dem Feld-Artillerie-Regiment Nr 14, dem Pionier-Bataillon Nr. 14 und einer Train-Abteilung; die 31. Division, be­stehend aus der 61. und 62. Infanterie - Brigade, dem Jäger-Bataillon Nr. 11, dem Ulanen-Regiment Nr. 15, dem Feld-Ar lillerie-Regiment Nr. 15, dem Pionier-Bataillon Nr. 15 und einer Abteilung Train; eine zusammengesetzte Kavallerie - Division, gebildet aus 3 Brigaden mit je 2 Regimentern und der reitenden Batterie des Feld-Artillerie- Regiments Nr. 8; eine zusammengesetzte 2. Kavallerie- Division, gebildet wie die erste, mit der reitenden Batterie des Feld-Artillerie-Regiments Nr. 14 und einer Abteilung des Feld-Artillerie-Regiments Nr. 15. Somit sind kom­mandiert: 1. Infanterie' die Regimenter 98, 130, 92 (Braunschweig >, 131, 25, 47, 105 (Sachsen •, 60, 126 tWürttemberger), das Jäger-Bataillon Nr. 11 und das 4. und 8. bayerische Infanterie-Regiment, im ganzen 34 Bataillone. 2. Kavallerie: die Dragoner-Regimenter 9, 13, 6, 15, 20, 21, die Ulanen 14, 15, 7, 19, 20, Kürassier-Regiment Nr. 8, Husaren Nr. 9 und das baye­rische Chevanxleger-Regiment Nr. 5, im ganzen 14 Regi­menter. 3 Artillerie: die reitenden Abteilungen der Re­gimenter 8 und 14 und die Regiments! 15 und 31. 4. Pioniere: die Bataillone 14 und 15 und endlich zwei Train-Abteilungen. Die Divisious - Manöver finden am 6., 7. und 8. September statt, und zwar bei der 30. Divi­sion in der Gegend bei Pfalzburg und Zaberu, bei der 31. Division bei Molsheim. Die 1. Kavallerie-Division übt bei Metz vom 23. August bis 1. September, die 2. Kavallerie-Division bei Straßburg vom 30. August bis bis 8. September. Die große Parade bei Straßburg findet am 11. September statt, am 12. Sept, ist Ruhetag, am 13. Sept. Korps - Manöver bei Brumath gegen einen markierten Feind und am 15., 17. und 18. September finden die Feldmanöver der Divisionen gegen einander bei Hochfelden statt.

— Daß das bestehende System unserer Berechtigungen zum einjährig - freiwilligen Militärdienste verbesserungs­bedürftig ist und über kurz oder lang einer Aenderung unterzogen werden muß, ist keine Frage mehr. Ganz neuerdings erfährt man nun aus kompetentem Munde, nämlich von dem Decernenten für das Gymnasialwesen im

Geschichtskalender.

10. Juli.

1509. Der Reformator Johann Calvin (Jean Chauvin) wird zu Noyon in der Picardie geboren.

1521. Brannte die Stadt Lichtenan fast gänzlich ab.

156 . Starb Dionysius Melander, früher Franziskaner Mönch, nachher Hofprediger und Pfarrer an der St. Martinskirche zu Cassel, Teilnehmer an dem Tage zu Schmalkalden 1537 und an der Abfassung der Kirchen­ordnung von 1539. Er kopulierte den Landgrafen Philipp mit Margarethe von der Sal. Sein Enkel, Otto Melander, ist Verfasser des bekannten hessischen Anekdoten - Buches Jocoseria, und wurde 1604 katholisch.

1584. Prinz Wilhelm von Orauien- Nassau wird zu Delft meuchlings erschossen, ihm folgt in der Statthalterschaft sein Sohn Moritz; der Mörder Gerard wird von Philippi!, in den Adelstand erhoben.

1866. Die Preußen siegen über die Bayern bei Kisfingen und Hammelburg.

Im Schatte« des Lebens.

Roman von P. Felsberg.

(Fortsetzung.)

Dieser war ein auffallend schöner Mann mit lockigem, dunklem Haar, gleichem Vollbart, freundlich blickenden, tief­blauen Augen, etwa 30 bis 32 Jahre alt. Die männlich- ernsten und doch wohlwollenden Züge, drückten Entschlossenheit «ud Charakter aus und der etwas gebräunte Teint, in Verbindung mit einer deutlich sichtbaren Narbe, die sich über die ganze Breite der linken Wange hinzog, kündeten den in allen Zone» bekannten Reisenden, wie den ehemaligen flotten Koipsburschen an. Die ganze Erscheinung des Fremden war, ohne Modeuarrheit, im höchsten Grade elegant und stattlich.

Als sich ihm jetzt das volle Gesicht der Baronin zuwandte,

schien der letzte Zweifel tu ihm veischwunden und leuchtenden Auges ging er auf sie zu, die ebenfalls durch die Bewegung aufs Freudigste überrascht schien, ihm beide Hände entgegen« streckte und herzlich rief: „Nun, das nenne ich ein Glück! Wo kommst Du her, Leopold? — Ich glaubte Dich noch immer bei den Griechen und Arabern.*

„Ich bin auch gestern Abend erst hier angekommen, liebe Tante, und hoch erfreut, Dich hier zu finden. Doch, darf ich bitten?* fügte er, auf die Gräfin und Valentine deutend, hinzu, indem er sich gegen Beide verneigte.

„Mein Neffe, Baron Hartenstein,* stellte Frau von Hochberg den jungen Mann vor; „Frau Gräfin Biela, meine Tochter Valentine, die Du noch nicht kennst, Leopold.*

Wie gebannt hing das große, feurige Auge des Barons au Baleutinens lieblicher Erscheinung. Ehrfurchtsvoll küßte er der alten Gräfin die Hand, verabschiedete sich kurz von seinen bisherigen Begleitern und schloß sich den Damen auf ihrer Promenade au, indem er seinen Platz zu Valentinens Seite nahm. Ihr offen in das liebliche, errötende Gesicht schauend, sagte er, ihre Hand ergreifend: „Auf gute Ver­wandtschaft, Koufine, wenn Sie mir diese Benennung ge. statten wollen?*

„Von Herzen gern!* erwiderte Valentine mit reizend verlegenem Lächeln.

Es war dem Baron wohl bekannt, daß Frau v. Hochberg, welche eine Stiefschwester seiner Mutter war, vor Jahren ein kleines Mädchen, adoptiert hatte, doch war dies ihm nie zu Gesicht gekommen. Lange Jahre batte er auf Reisen, meist im Orient zugebracht, und nur flüchttg in den letzten Jahren seine Tante gesehen. Um seinen Durst nach Wissen und Erfahrungen zu genügen, hatte er seine Reisen bis in die entlegensten Zonen ausgedehnt. Sein früherer Erzieher, jetzt sein Freund, hatte ihn überall begleitet und unter dessen Anleitung hatte er ernste und umfassende Studien gemacht und sich einen reiche» Schatz an Kenntniffen und Erfahrungen gesammelt. Mit diesen und einem Herze» von Wohlwolle»

für die Menschheit, kehrte er jetzt zur Heimath zurück, um dem ruhelosen Wandern ein ständiges Leben folgen zu lassen und die Erbschaft seines Vaters anzutreten, der während des Sohnes Aufenthalt in Ostindien vor nahezu zwei Jahren gestorben war.

Als diese Nachricht den Baron erreichte, war es natürlich zu spät für ihn, dem Entschlafenen die letzte Ehre zu er­weisen, und da die Angelegenheiten der Herrschaft sich in den bewährtesten Händen befanden, so unterbrach er in Uebereinstimmung mit seiner Mutter seine Reisen nicht.

Baron Leopold hatte stets eine schwärmerische Neigung für seine nur um einige Jahre filtere Tante gefühlt, in welcher er alle Vorzüge des Weibes vereint erblickte. Ost hatte der feurige Jüngling gewünscht, das AltersverhöltniS möchte ein umgekehrtes sein; er würde dann Wes daran gesetzt haben, eine Verbindung mit seiner Tante zu ermögliche». Als sie, selbst noch sehr jung, sich verheiratete, hatte er, damals noch ein Knabe, bittere Thränen gemeint. Nun hatte diese jugendliche Schwärmerei allmählig einer stillen Bewunderung für seine schöne Tante Platz gemacht. Dieser war e8 natürlich nicht unbekannt geblieben, welche Glut sse in dem Herze» des Jünglings entzündet hatte; sie richtete indessen ihr Benehmen ihm gegenüber so klug ein und ver­stand es so gut, gegen ihn die mütterliche Freundin zu spielen, daß der Baron sich seiner Leidenschaft zu schämen begann. Mehrere Jahre hindurch hatten sie sich nicht gesehen, und die unverhoffte Begegnung in Baden-Baden war daher für Beide eine freudige Ueberraschung; denn die Baronin achtete ihren Neffen seiner vielen guten Eigenschaften halber hoch und liebte ihn wie einen jüngeren Bruder.

Eine Reihe genußreicher Tage kam nun |für Frau von Hochberg und Valentine. Der Baron hatte die Rolle deS Kavaliers der beide» Damen im vollsten Umfange über­nommen.

(Fortsetzung folgt.)