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Marburg, Freitag, 9. Juli 1886.
XXI. Jahrgang.
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Wöchentliche Beilagen: Amtlicher Anzeiger f. -. Kreise Marburg u. Kirchhain. - Illustriertes Sonntagsblatt.
Exptditio»: Markt 21. — Redaktion, Druck und Brrlag von Joh. Aug. Koch.
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Die Arbeiterbewegung in Italien.
Vor zwei Wochen ließ die italienische Regierung in Oberitalien plötzlich umfangreiche Massenverhaftungen vornehmen, welche sich gegen die Führer der Arbeiterbewegung richteten, und zwar handelte es sich nicht nur um einen Schlag gegen die Vereinigungen industrieller Arbeiter, vielmehr auch um einen solchen gegen die Verbindungen der landwirtschaftlichen Arbeiter. In Italien war schon während des ganzen letzten Winters eine niemals vorher beachtete Neigung zu wühlerischen Arbeitseinstellungen unter den landwirtschaftlichen Arbeitern hervorgetreten. Als Ursache giebt die alle übrigen Erwerbszweige mehr oder minder beeinflussende Ackerbaukrisis, die doppelt stark hervortritt, weil gerade in Italien die Lage der ländlichen Arbeiter derjenigen der mitteleuropäischen Fabrikarbeiter stark ähnelt. Eine Jndustricbevölkerung giebt es in größerem Umfange eigentlich blos in Norditalien. Aber jene Ackerbaubevölkerung, welche schlecht genährt und schlecht bezahlt, die Be- sitzungen Süd- und Mittel-Italiens bewirtschaftet, würde der politischen Wühlerei ein ebenso geeignetes Material darbieten, wenn nicht zum Glück für Italien, besonders im Süden ein gewisser patriarchalischer Zug als Panzer gegen derartige Angriffe und Aufhetzungen diente. Daß der in den reisbauenden Gegenden Mittelitaliens gezahlte Tagelohn von 48 Pfg. unferes Geldes, der strichweise durch Arbeitseinstellungen auf 64 Pfg. erhöht worden ist, zu der namentlich in den großen Städten hervortretenden Teuerung den schreiendsten Gegensatz bildet, kann nicht geleugnet werden. Sozialisten, Republikaner und andere Gegner des italienischen Königstums verweisen gern auf jene verflossenen Zeiten der Kleinstaaterei, als es keine Heerpflicht und fast keine Steuern gab, wo die Lebensmittel viel billiger waren und ganze Orte von dem Gelde der Fremden lebten. Thatsächlich hat die Einigung und Machterhöhung Italiens, die eine schlagfertige Armee, ein großes Beamtenheer und beinahe unerschwingliche Zölle und Steuern erforderte, der Bevölkerung große Opfer auferlegt. Sie hat nicht blos Wunden geheilt, sondern auch solche geschlagen, und wenn es bei alledem doch noch ganz glatt abgegangen, so kann das nur der natürlichen Fruchtbarkeit des Bodens, der Einsicht der Bevölkerung und der Beliebtheit der Königsfamilie zugeschriebcn werden. Wie jedem anderen Lande droht natürlich auch Italien eine gewisse Gefahr aus jener nirgendwo ganz fehlenden Halbbildung, die sich durch sozialistische und ähnliche Schlagworte erhitzen läßt.
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Geschichtskalender.
9. Juli.
1385. Anfang der Belagerung von Cassel in dem Thüringischen Kriege wider Landgraf Hermann.
1386. Glorreicher Sieg der Schweizer über die Oesterreicher bei Sempach (Arnold von Wiukelried.)
1553. Kurfürst Moritz von Sachsen fällt in der für ihn siegreichen Schlacht bei SieverShausen gegen Markgraf Albrecht von Culmbach.
1762. Katharina n. wird auf den russischen Thron erhoben. 1807. Napoleon schließt mit Preußen den Frieden zu Tilsit;
Verkleinerung der Prenß. Monarchie um die Hälfte, Bildung deS Königreichs Westphalen, dessen König Hieronymus (Jerome) Bonaparte wird.
Im Schatte« des Lebens.
Roman von P. Felsberg.
(Fortsetzung.)
,O, wie ists hier so entzückend schön, Mama!* sagte Valentine, nachdem ste lange truuken im Anblick der herrlichen Natur geschwelgt hatte. „Eins nur benimmt der schönen Gegend ihren Reiz: würdest Du eS nicht auch genußreicher finden, Dich ihrer in weniger zahlreicher Gesellschaft zu erfreuen ? — Wohin man auch geht, wo man sich auch aufhalten wöge, überall findet mau viel Gesellschaft und an einen stillen, beschaulichen und ungestörten Genuß der schönen Gottesnatur ist hier nicht zu denken.*
„Freilich fände ich es mehr meinen Neigungen entsprechend,* entgegnete die Baronin, „in weniger geräuschvoller Gesellschaft hier zu sein; doch mußt Du eben nicht vergessen, Kind, daß wir uns in einem Badeotte befinden, daß wir hier am allerwenigsten ein Privilegium beanspruchen können, und daß wir in dieser Beziehung das Schicksal vieler Anderer teilen, die ebenso wie wir denken. Doch vielleicht suchen wir später einen andern paradiesischen Winkel unserer Muttererde ans, der versteckter liegt und unS mehr Beschan-
Die Organisation der Arbeiterbewegung, soweit man in Italien von einer solchen sprechen kann, beschränkte sich im Großen und Ganzen auf Oberitalien und die benachbarten Provinzen, d. h. auf jene Gegenden, welche den stärksten Prozentsatz an Fabrikarbeitern aufweisen. Erst seit dem vorigen Jahre begann auch die ländliche Arbeiterbevölkerung sich zu organisieren, soweit das möglich war, von Mailand aus wurde die Bewegung geleitet und die Unzufriedenheit, Gährung und Aufregung der Leute nach Kräften geschürt. Die Behörden beschäftigten sich eingehend mit den Arbeitervereinen und übersandten -er Regierung in Rom einen ausführlichen Bericht über den Umfang der lombardischen Arbeiterbewegung, worauf sich die Regierung entschloß, den Präfekten und Generalproku- rator von Mailand zur persönlichen Konferenz nach Rom zu bescheiden. Am Tage nach seiner Rückkehr ließ der Präfekt die vielbesprochenen Verhaftungen vornehmen und verfügte durch Erlaß die Auflösung einer Reihe von Arbeitervereinen. Als Grund wird angegeben, daß laut Urteil des Turiner und des Römischen Kassationshofes vom Jahre 1880 jede Vereinigung, die durch Versammlungen, Druckschriften oder anderweitige Propaganda eine Bevöl- kerungöklasse gegen die andere aufzuhetzen versucht, als verboten zu betrachten sei.
Hand in Hand mit diesen entschiedenen Maßregeln sollen nun endlich sozialpolitische Gesetze erlassen werden, deren Italien dringend bedarf. In der letzten Thronrede ist ein ernstes Versprechen in dieser Beziehung gegeben und wird dasselbe zu erfüllen auch wohl unternommen werden. Soziale und Arbeitergesitze von wirklichem Wert giebt eS in Italien fast nicht, und wenn sich während der letzten Wahlbewegung Ministerpräsident Depretis rühmte, während seiner Amtsthätigkeit seien mehrere hundert Gesetze angenommen worden, so weist die Gesetzesliste gerade in diesem Punkt doch eine empfindliche Lücke auf. Der italienische Arbeiter ist nicht schlecht, auch nicht sozialistisch oder republikanisch von Haus aus gesinnt, aber seine hier und da wirklich elende Lage veranlaßt ihn, an allerlei Tollheiten zu glauben. Die italienische Regierung, die italienische Gesellschaft und das ganze Volk haben alle den angeborenen südländischen Leichtsinn. Droht eine unmittelbare Gefahr, so möchte man Bäume ausreißen, ist die direkte Not vorüber, so geht alles wieder im gewohnten Schlendrian. Gerade so stand die Sache bei der Arbeiterbewegung. Vorzeichen waren zur Genüge da, man kümmerte sich nicht darum. Jetzt, wo es Emst wird, wird allerdings auch in Rom guter Wille gezeigt, mag er nur dauernd sein.
Deutsches Reich.
Berlin, 7. Juli. Die Königliche General-Lotterie- Direktion erläßt folgende Bekanntmachung: Es wird hier- ---- - 11 i. . 1 '' . --J .. FT~ lichkeit gestattet.* — Bei diesen Worten küßte sie die Stirn ihrer Adoptivtochter.
Valentine wollte eben erwidern, als eine ältere Dame auf die Bank zuschritt. Das junge Mädchen erhob sich und eilte jener entgegen. Mit anmuthiger Verbeugung ergriff sie die ihr dargereichte Hand der alten Dame und führte diese der Baronin zu, die sich ebenfalls zur Begrüßung erhoben hatte.
„Guten Morgen, Fran Gräfin !* rief sie der alten Dame zu.
Die hohe, stolze Gestalt mit den strengen Zügen ist ebenfalls eine Bekannte des LeserS; doch au ihr, der Mutter Alfreds und Hedwigs, war die Zeit keineswegs so spurlos vorübergegangen: ihr früher dunkles Haar war jetzt ganz weiß, der Blick ihrer Augen hatte viel von der ehemaligen Schärfe verloren, ihr Aussehen war überhaupt ein leidendes und sie war auch zur wirklichen Kur nach Baden-Baden gekommen.
Gräfin Biela war durch eine gemeinschaftliche Bekannte mit der Baronin und Valentine in Berührung gekommen und hatte nach der Ersteren Abreise den Umgang gern fortgesetzt, der sich von Tag zu Tag lebhafter und vertraulicher gestaltete. Die alte Gräfin fühlte sich einesteils durch die elegante vornehme Frau v. Hochberg, dann anch ganz besonders durch deren reizende Adoptivtochter angezogen. Ein augenscheinliches Wohlgefallen schien die Gräfin an Valentine zu finden, deren hohe Anmuth auf die alte Frau einen eigentümlichen Zander übten — oder war es der Magnet des Blutes, der sie wieder und wieder zu dem jungen Mädchen hinzog. . —
Die langen, einsamen Jahre, welche Gräfin Biela fern von ihren Kindern verlebt, schienen doch nach und nach einen mildernden und versöhnenden Einfluß auf ihr Gemüth geübt zu haben. Damals zwar, als Hedwig ihr in einem von kindlicher Ehrfurcht diktierten Briefe mitteilte, daß fie sich mit Waldemar Heimbeck verlobt habe, und den Segen ihrer Mutter zu dieser Verbindung in rührender Bitte er-
mit zur öffentlichen Kenntnis gebracht, daß die aus Anlaß der Vermehrung der Zahl der Lose der Königlich Preußischen Klaffen-Lotterie von der 175. Lotterie ab neu errichteten Kollekturen bis auf einige wenige Stellen, für welche bereits bestimmte Personen designiert sind, in Berlin, sowie in den Provinzen besetzt sind. Weitere Bewerbungen um diese Kollekteurstellen sind daher zwecklos. Bei der unverhältnismäßig großen Zahl der eingegangenen Be- werbungsgesuche können besondere Bescheide auf dieselben nur insoweit erteilt werden, als dazu noch eine besondere Veranlassung vorliegt. Zugleich wird mit Bezug aus den in der 2. Beilage der Nr. 138 des Deutschen Reichs- und Preußischen Staats-Anzeigers veröffentlichten Plan zur 175. Lotterie noch besonders bekannt gemacht, daß der Verkauf der Lose zu derselben bei sämtlichen Lotterie-Einnehmern spätestens am 16. August d. I. zu beginnen hat, daß ein erheblicher Teil dieser Lose in Achtelabschnitten, sogenannten Achtellosen, zum Verkauf gelangen und zu diesem Zwecke jeder Königlichen Lotterie-Einnahme eine entsprechende Anzahl solcher Achtellose überwiesen werden wird. — Ueber die Ablehnung des Neichszuschusses für eine nationale Ausstellung in Berlin äußern sich die „Berl. Polit. Nachr." wie folgt: Wenn in der Presse mehrfach die Ablehnung der Reichsbeihülfe für die 1888 Hierselbst geplante nationale Ausstellung durch den Bundesrat bemängelt und insbesondere der preußischen Regierung zum Vorwurf gemacht wird, nicht das volle Gewicht ihres Einflusses zu gunsteu der Bewilligung in die Wagschale geworfen zu haben, so wird man in diesen Urteilen nicht das Ergebnis ruhiger und objektiver Erwägung erblicken können. Denn bei solcher würde nicht verkannt worden fein, daß für die preußische Regierung aus verschiedenen Gründen und ins* besondere mit Rücksicht auf das bei dem Plane überwiegende Interesse der Landeshauptstadt die äußerste Zurückhaltung geboten war und es politisch nicht richtig gewesen wäre, einen Druck auf die Entscheidung der anderen Bundesstaaten zu üben. Zu diesen Erwägungen mußte verstärkend die Wahrnehmung hinzutreten, daß ein sehr erheblicher Teil der deutschen Industrie, und zwar nicht blos die Großindustrie, sondern auch des Kleingewerbes, sich völlig ablehnend gegen die geplante Ausstellung verhielt. So haben sich sämtliche Handelskammern des Königreichs Sachsen mit Bestimmtheit gegen die Veranstaltung der Lotterie ausgesprochen; von 191 seitens der badischen Regierung befragten Industriellen befürworteten dieselbe nur 26, weitere 30 erklärten, die Ausstellung, wenn sie zustande käme, wohl beschicken zu wollen, rieten indessen von deren Inszenierung ab, 91 dagegen erklärten, unter keinen Umständen sich zu beteiligen, während der Rest eine Erklärung überhaupt nicht abgab. Selbst die thüringischen Gewerbekammern, in welchen die Vertretung des Mittel-
flehte, da hatte ste auf ihres Kindes liebevollen Brief nur die Antwort gewußt: „Mit einer Frau Heimbeck hat die Gräfin Biela nichts gemein!* — Doch seitdem waren fast vierzehn Jahre verflossen und Einsamkeit, gepaart mit dem dabei unvermeidlichen Nachdenken, mochte wohl den Starrsinn der alten Frau nach und nach gebrochen haben. Dazu kamen noch die unausbleiblichen Leiden und Schwächen des Alters, dann der Gedanke, daß sie, die so liebenswürdige Kinder besaß, allein den Abend ihres Lebens Vertrauern werde.
Und doch vermochte ihr unbeugsamer Stolz fie nicht zum ersten Schritt des Entgegenkommens zu veranlassen — zu diesem Schritt, den sie jetzt thun mußte, nachdem sie alle auf eine Versöhnung hinzielenden Schritte ihrer Kinder zurückgewiesen.
Nu» führte der launenhafte Zufall ihr die eigene Enkelin entgegen und ließ sie eine fast mütterliche Liebe zu dem jungen Mädchen empfinden, das sie als kleines Kind dem Verderben weihen wollte; der Kuß, den sie in einer ihr selbst unbegreiflichen Zuneigung jetzt auf Valentineus reine Sinn gedrückt — hätte sie geahnt, wer die war, welche ihn empfing! . . .
Wohl hatte Gräfin Biela erfahre», daß das liebreizende Mädchen nur die Adoptivtochter der Baroui» sei und man deren Herkunft gar nicht kenne; doch diese Kenntnis hatte ihrer ausgesprochenen Neigung zu Valentine keinen Abtrag gethan, denn in ihr liebte fie zum ersten Male ein Mit. geschöpf um seiner selbst willen.
Heiter plaudernd hatten die drei Damen die Lichten, thaler Allee erreicht. Eben passierten sie eine Gesellschaft von Herren, welche ihnen achtungsvoll Platz machten, als die Bewegung eines derselben, die fast aussah, als wolle er den Weg vertrete», Frau v. Hochberg veranlaßte, diesen Herrn näher ins Auge zu fassen.
(Fortsetzung folgt.)