Kr. is 7.
Marburg, Donuerstag, 8. JE 1886.
XXI. Jahrgang.
Erscheint täglich außer an Werktagen nach Sonn-und Feiertagen. — Quartal» LbonnementS-PreiS bei bet Expedition 21/« Mk., bei den Postämter 2 Mk. 50 Mg- (excl. Bestellgeld). JnsertionSgebübr für bie «spaltene Zeile 10 Pfg. Reklamen für bie Zeile 25 Pfg.
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Anzeigen nimmt entgegen bie Expebition b Blattes, sowie b Annoncen-Bureaux von Haasenstein unbVogler in Frankfurt a. M , Cassel, Magdeburg und Wien: Rudolj Moffe in Frankfurt ♦ a M-, Berlin,München und Köln; G. L. Daube und 6o. n ' ranksurt o. M.
B.rl'N, Ha nover ».Paris,
Wöchentliche Beilagen: Amtlicher Anzeiger f. L. Kreise Marburg u. Kirchhain. — Illustriertes Sonntagsblatt.'
Expedition: Markt 21. — Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Aug. Koch.
Bestellungen für das III. Quartal auf die Oberh. Zeitung werden von allen Postämtern, auf dem Lande auch von den Landpostboten, sowie von unserer Agentur in Kirchhain und Expedition noch fortwährend angenommen.
Das Paris von heute.
In Paris hat am 1 Mai eine Volkszählung stattgefunden, bei der es bunt genug zugegangen ist. Tausende von Einwohnern haben rundweg die Ausfüllung der Zählkarten verweigert und mit vieler Mühe ist es erst gelungen, eine einigermaßen zutreffende Aufnahme der Pariser Bevölkerung zu Stande zu bringen. Gerade so traurig wie der Verlauf dieser Zählung ist aber auch ihr Endresultat. Die Weltstadt Paris, mit mehr als zwei Millionen, zweimalhunderttausend Einwohnern hat in den fünf Jahren, von 1881 bis 1886 Summa Summarum um sechszehntausend Bewohner zugenommen, entfallen also auf das Jahr rund dreitausendzweihundert Seelen. Bei einer Stadt wie Paris bedeutet diese Ziffer keinen Fortschritt mehr, sondern im Gegenteil einen ganz rapiden Rückgang. Die Zahl beweist vor allem, daß die naturgemäße Entwicklung der Stadt, die durch den Ueberschuß der Geburten über die Todesfälle sich vollzieht, gebrochen ist, daß Tausende alljährlich Paris verlassen und die Zunahme nur eine ganz zufällige ist, wie sie in Großstädten sich alle Augenblicke vollziehen kann. Aus Geschäfts- oder Vergnügungsrücksichten nehmen in großen Städten Tausende von Personen längere Zeit Wohnung, aber diese gehören nicht zur seßhaften Bevölkerung, und bezüglich dieser hat also Paris nicht zu-, sondern im Gegenteil abgenommen.
Ist tie naturgemäße Ausdehnung einer Weltstadt gestört, so stellen sich auch schnell die üblen Folgen davon ein. Das Baugewerbe, das in einer großen Stadt mit seinen Haupt- und Nebenbranchen Tausende und aber Tausende nährt, erhält infolge dessen den schwersten und empfindlichsten Schlag. Indessen vollständig kann die Arbeit nicht unterbrochen werden, sie muß in vermindertem Maßstabe und unter billigerer Preisstellung fortgesetzt werden, die einen sehr fühlbaren Mangel an Verdienst hervorruft. Um für die neuen Häuser Mieter zu gewinnen, bleibt den Besitzern im Großen und Ganzen nichts anderes übrig, als mit den Mieten herabzugehen. Dadurch verliert auch das Haus für sie an Wert. Die geringeren Mieten wirken aber in immer weiteren Kreisen, und namentlich die Hausbesitzer, die ihren Grund und Boden früher sehr teuer bezahlt haben, kommen unter den neuen Verhältnissen leicht in mißliche Lagen und so wirkt eins wechselseitig auf das andere. Daß unter solchen Um-
Geschichtskalenver.
8. Juli.
1489. Ueberfall von HerSfeld durch Heinz von Ertngs- hausen, angeblich auf Anstiften des Hofmeisters Landgraf Wilhelms HL, Hans von Doringenberg.
1558. Aelteste hessische Verordnung wider das Bräunt- wetntriuken.
1709. Czar Peter I. vernichtet das schwedische Heer Karls XII. bet Pultawa in der Ukraine; Carl flüchtet in die Türkei.
1815. Die 3 verbündeten Monarchen von Oesterreich, Ruß. land und Preußen halte» ihren zweiten Einzug in Parts. — In demselben Jahre kehrte Ludwig XVlll. nach Paris zurück.
1833. In dem Vertrage von Unkiar-Skelesst macht sich der Sultan Mahmud H. gegen den Kaiser Nikolaus L von Rußland anheischig, die Dardanellen für alle fremden Kriegsschiffe zn schließen.
1866. Die Preußen besetzen Prag.
3m Schatten des Lebens.
Roman von P. Felsberg.
(Fortsetzung.)
Der Graf schüttelte schmerzlich lächelnd das Hanpt: — „Nein, Hedwig, ich werde nicht mit einem Herzen, das noch mit allen seinen Empfindungen an der Entschlafenen häugt, um ein Mädchen werben, welches die ungeteilte Liebe und Verehrung eines Mannes so ausschließlich zu besitzen verdient, wie Helene von Bergen. Auch zweifle ich nicht, daß der Rechte für sie sich bald genug einstellen wird.'
„Aber Helene wird nur Den heirathen, den fie liebt! Wenn mtn dieser — und das bist Du, Alfred! — sie verschmäht, so wird fie überhaupt nie heirathen und ihr Leben einsam, wie Du, vertrauern. Ist das nun nicht Thorheit? Zwei so ganz für einander geschaffene Menschen, die in ihrer Vereinigung das höchste Glück finden würden, gehen diesem Glück ans dem Wege in Folge ungerechtfertigter oder übertriebener Bedenken des Einen! .... — Doch es fei
ständen das Geld sehr zu Rate gehalten wird, ist kein Wunder — und die Endfolge eine mehr oder minder fühlbare Geschäftsstockung. Gerade so ist's in Paris ergangen; in den Pariser Journalen waren über den Niedergang des Häuserwertes ganz erstaunliche Dinge zu lesen, und doch fehlt es noch an Käufern. Das ist die Lage in Paris und nur sie ist die Ursache, daß man in der französischen Hauptstadt mit aller Gewalt auf eine Weltausstellung im Jahre 1889 hinarbeitet, daß der Bau einer Stadtbahn verlangt wird, die mehrere hun ert Millionen Kosten verursachen wird. Die Ausstellung soll die Fremden mit ihren Goldströmen ins Land locken, die Stadtbahn Unternehmern und Arbeitern durch ihren Bau Verdienst geben.
Sind die inneren Verhältnisse von Paris an und für sich schon flau und sehr wenig günstig, so verschärft sich die Lage noch durch zwei andere Punkte. Die Pariser Industrie besaß früher in gewissen Artikeln ein Monopol, sie war ganz allein dafür maßgebend. Das hat sich aber sehr geändert, nachdem die Jndustrieen anderer Länder erfolgreich vorwärts gestrebt sind und besonders unsere deutsche Industrie hat den Pariser Exporteuren manchen Abbruch gethan, selbst im eigenen Lande. Dann aber noch eine große Hauptsache: Paris ist eine Fremdenstadt, sie ist auf Fremdenverkehr, auf glanzvolles, rauschendes Leben angewiesen. Die Republik hat zwar noch viele der alten Stammgäste an Paris zu fesseln gewußt, viele sind aber dadurch abgestoßen, und in letzterer Beziehung haben die Prinzenausweisungen dem Faß geradezu den Boden eingeschlagen. Paris hat durch diese Maßnahmen sehr zahlreiche hocharistokratische Persönlichkeiten und Familien verloren und lebenslustige Fürstlichkeiten, welche früher stets an der Seine zu finden waren, bedenken sich jetzt sehr, bevor sie ihre Reiseroute dorthin richten. Was endlich die deutschen Besucher von Paris anbetrifft, so haben diesen die Franzosen das Wiederkommen durch das dumme Spionagegesetz gründlich verleidet. Es macht doch in der Thal kein Vergnügen, ein Land zu besuchen, in dem man alle Augenblicke eingesperrt zu werden befürchten muß, ohne das Geringste begangen zu haben. Ist doch sogar ein katholischer Geistlicher arretiert worden, weil er bei einer Truppenübung äußerte, die deutschen Truppen in Metz exerzierten doch noch etwas strammer.
Die Weltausstellung von 1889 soll nach der Ansicht der Pariser ihnen neues Geld aus den Taschen der Fremden bringen; es wird auch das eine Täuschung werden, gerade wie so mancher schöne Traum, den die Franzosen geträumt, sich als Phantasiebild herausgestellt hat. Die Pariser Republikaner thuen ja gerade alles Mögliche, die Fremden, die Geld in Paris auszugeben die Neigung haben, fern zu
fern von mir, Alfred, bei Dir Mitleid für meine Freundin erregen zu wollen; sie ist mir dazu zu lieb und wert. Geh ernstlich mit Dir und Deinem Herzen zu Rate, Bruder, und wenn Du kannst, mach uns Alle glücklich!"
Hedwig kehrte nach dieser Unterredung mit ihrem Bruder allein zum Herrenhause zurück. Wie sehr hätte fie gewünscht, ihn empfänglicher für die Mitteilung zu finden, die sie ihm gemacht.
„Nun, wer weiß," sagte sie zu sich auf dem Heimwege, „was in der Zeiten Hintergründe schlummert!"
XX.
Das herrlichste Frühlingswetter belebte den reizenden Fleck Erde, den man Baden-Baden nennt und aus dem alljährlich sich die Elite Europas Rendezvous giebt.
Es ist früher Morgen. Die Sonne ist eben thätig, die blitzenden Thauperlen von Laub und Grashalm wegzuküssen; von den Quellen her schallen die Weisen des vortrefflichen Kur-Ochesters und in der Lichtenthaler Allee drängt sich die Menge. Alles athmet Lust und Freude, Alles saugt in vollen Zügen die herrliche Morgenluft ein. Es handelt sich in diesem und den nächsten Kapiteln um die Zeit eines der letzten Sommer vor Aufhebung des öjfentließen Spiels in ganz Deutschland, ein Zeitraum von fünfzehn Jahren ist verflossen, seitdem wir die handelnden Personen unserer Erzählung im vorhergehenden Kapitel verlassen.
An einem der reizenden Waldwege, auf einer dicht umschatteten, den Fernblick in das liebliche Thal gewährenden Bank sitzen zwei Damen; die eine derselben, kaum fiebenzehu Jahre alt, ist eine vollendete Schönheit; fie ist das treue Abbild Derjenigen, mit welchem der Leser nur im Beginn der Erzählung auf kurze Zeit Bekanntschast gemacht hat, um die Graf Biela lange trauerte und deren Erinnerung wohl noch in seinem Herzen lebt — fie ist Alfreds und Emiliens Tochter, jetzt Valentine v. Hochberg.
Die andere Dame ist ihre Adopttvmutter, die Baronin Hochberg. An ihr scheinen fünfzehn Jahre fast spurlos vorübergegangen zu fein, denn noch immer kann man fie
halten, und ihnen, wenn sie dagewesen, das Wiederkommen zu verleiden. Einen großen Teil der Schuld an seiner mißlichen wirtschaftlichen Lage trägt Paris selbst; es hat sich selbst die bittere Suppe eingebrockt, die es verzehren mnß. Die Zeiten sind vorbei, wo Paris als erste Stadt der Welt galt, Pariser Mode allein maßgebend war, und nur das bewundert wurde, was von der Seine kam. Der Einfluß von Paris auf das Ausland ist, leider Gottes, zwar noch groß genug, aber er wird bei weitem nicht mehr stillschweigend anerkannt. Jede Nation bemüht sich heute, im industriellen Wettkampf voran zu sein, gediegene Artikel zu bieten; werden dieselben, wie bei Paris, mit gar zu pikanten Zuthaten begleitet, so sagt man einfach: Danke bestens! So gehts eben den Parisern!
Deutsches Reich.
Berlin, 6. Juli. Die „Nordd. Allg. Ztg." erwidert auf die von der „Moskauer Zeitung" und der „Nowoje Wremja" gewünschte Erhöhung der russischen Eisenzölle und bemerkt dabei, die für die Erhöhung der Eisenzölle geltend gemachten Gründe sprechen auch für die Erhöhung der deutschen Getreide- und Holzzölle; gegen die Ueber- produktion sei das einfachste Mittel die Zurückführung der Produktionsmenge auf angemessene Beträge; Rußland und Deutschland können durch ihr Zollsystem zu diesem Zwecke gemeinsam wirken, indem Rußland die deutsche Ueberpro- duktion durch Agrarzölle einschränke. Die Frage lasse sich bei den gegenseitigen politischen Beziehungen freundschaftlich prüfen; eine weitere Steigerung der russischen Zölle müsse aber eine Steigerung der deutschen Zölle für landwirtschaftliche Produkte Hervorrufen. — Nachdem durch allerhöchste Kabinettsordre vom 20. Mai d. I. eine Erhöhung des von den Offizieren bei Nachsuchung des Heiratskonsenses nachzuweisenden jährlichen sicheren Einkommens stattgefunden, ist die Frage von erhöhter Wichtigkeit, ob und wie dieser Vermögensnachweis durch Vorlegung von Depotscheinen der Reichsbank über die bei derselben zur Aufbewahrung von Offizieren hinterlegten Wertpapiere geführt werden kann. Die Vorlegung solcher Scheine genügt, wenn dieselben entweder auf den Namen des Offiziers, welcher den allerhöchsten Konsens zur Verheiratung nachsucht, oder auf den Namen seiner Braut ausgestellt sind. Lauten sie auf den Namen einer anderen Person, so werden sie bei Führung des Vermögensnachweises nur dann zugelassen, wenn die Reichsbank sie für „gesperrt" nach ihren darüber sprechenden Bedingungen erklärt und außerdem mit einer Angabe dahin versehen sind, daß der beteiligte genau bezeichnete Offizier Empfänger der Zinsen ist. Die Anwendung des erwähnten Vermerks und die Angabe in den Depotscheinen wird durch eine von dem Deponenten einzureichende Erklärung bedingt,
mit Fug und Recht Schönheit nennen; man könnte sie für in der Mitte der zwanziger Jahre halten, obgleich fie dem Ausgang der dreißiger in Wahrheit sich nähert.
Beide waren in einfacher Morgentoilette. Man wußte nicht anders, als daß sie Mutter und Tochter seien. Trotz der Einfachheit ihres Auftretens hier, obgleich sie geflissentlich vermieden, sich irgendwie vorzudrängen, war doch der Erscheinung Beider ein so unverkennbarer Stempel wirklicher Vornehmheit aufgedrückt, daß schon ihr erstes Austreten, ihre Schönheit Ursache gab, die stets nach Neuem haschende Badewelt auf sich aufmerksam zu machen.
Aehnlichkeit war zwischen Beiden nicht im Entferntesten vorhanden — die einzige Aehnlichkeit zwischen Beiden bestand in ihrer Schönheit. Das liebliche, fein geschnittene Gesicht Balenttnens umwallten reiche braune Locken, ein finniger Ernst lag in ihren braunen Augen und über ihrer ganzen schlanken Gestalt schwebte die höchste Anmuth; ihre Schönheit war von der Art, welche mächtig zum Herzen spricht.
Wie unendlich oft hatte die Baronin der wunderbaren Fügung des Himmels gedankt, welche ihr das Kind in den Weg gelegt; sie hing mit der zärtlichsten Liebe an ihrer Adoptivtochter, deren Geist und Herz zu bilden ihr einen hohen Genuß gewährt hatte. Und dies war ihr bei dem begabten und leicht empfänglichen Kinde nicht schwer geworden. Ihrer seinen Bildung war es mit Hülse ausgezeichneter Lehrer gelungen, aus Valentine ihr geistiges Ebenbild zu machen, in ihr sich eine Tochter zu erziehen, die an ihrer Mutter mit schrankenloser Liebe hing.
Der Baronin selbst hatten sich zahlreiche und glänzende Gelegenheiten zur Wiederverheiratung geboten, doch sie war — und zwar aus Liebe zu Valenttne — Wittwe geblieben. Auch war sie ja nicht einsam: hatte sich doch das Verhältnis zwischen Beiden jetzt fast zu einem schwesterlichen gestaltet, und für Schwestern hätte Mancher auf den ersten Blick fie auch leicht halten können.
(Fortsetzung folgt)