Ät. 136.
Marburg, Mittwoch, 7. Juli 1886.
XXI. yairgang.
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Wöchentliche Beilagen: Amtlicher Anzeiger f. d. Kreise Marburg u. Kirchhain. - Illustriertes Sonntagsblatt.
Expedition: Markt 21. — Redaktion, Druck und Berlag von Joh. Aug. Koch.
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Der Kaiser in Ems.
Kaiser Wilhelm im schwarztuchenen Rock und hellgrauen Beinkleid, den schwamm Zylinderhut tief im Nacken sitzend, einherschreiten zu sehen, das ist ein eigenartiger Anblick, an den man sich erst nach und nach gewöhnen muß. Wer unseren Kaiser Wilhelm zum ersten Male „in Zivil" sieht, der hat Mühe, an die Wirklichkeit dieser Erscheinung zu glauben. Es ist, als ob einmal die hehre Weltgeschichte ihre gewaltig-ernste Unnahbarkeit gegen eine herzgewinnende, freundliche Miene eiugetauscht hätte! Und wie rüstig der Kaiser trotz seiner 90 Jahre auf- und niederwandelt! Während seines Morgenspazierganges, der sich zuweilen auf mehr als eine Stunde ausdehnt, ist der Kaiser fast ununterbrochen in einer ersichtlich lebhaften Unterhaltung begriffen. Alles scheint ihn anzuregen. Hier bleibt er vor einem Bilde stehen, das ein Kunsthändler ausgestellt hat, und er giebt seiner freudigen Empfindung darüber, daß ihm täglich etwas neues vorgeführt werde, einen rührenden, schlichten Ausdruck. Dabei setzt er alle durch die Probe seines Gedächtnisses in das lebhafteste Erstaunen. Eben so häufig verweilt der Kaiser vor den Schaukästen der Goldschmiede- und Edelsteinverkäufer, mit denen er launige Worte wechselt, während er einzelne Ankäufe befiehlt. Man kann sich kaum vorstellen, mit welchem Sturm von Fragen die Verkäufer dann später vom Publikum bedrängt werden.
In der Kolonnade am Kurgarten ist das Menschengedränge geradezu beängstigend, so daß die Polizeiinann- schasten Mühe haben, Raum zu schaffen, und es ist wirklich unbegreiflich, wie weit die Zudringlichkeit der Menschen geht. Aber der Kaiser läßt alles gewähren. Sobald der hohe Herr indessen die eigentlichen Anlagen betritt, da entfaltet sich ein reizendes, in seiner bunten Bewegtheit überaus anziehendes Bild. Scharenweise drängen sich die Spazierengehenden heran, und wo der Kaiser einen Augenblick verweilt, da bildet sich ein Cercle unter freiem Himmel. Jetzt ist es ein reckenhafter Offizier, der der Ehre einer huldvollen Ansprache gewürdigt wird. Dort bleibt der ritterliche Herr vor einer schönen vornehmen Frau stehen und wechselt allerhand scherzhafte Worte mit ihr. Wie neidvoll blicken jene unermüdlichen „Kaiserjägerinnen" zu jener glücklichen Evastochter auf. Kaum, daß sich der Kaiser einige Schritte entfernt, da stürmt ein ganzes Rudel junger Mädchen hervor, von einer ernst dreinschauenden Pensionsvorsteherin geführt. Sie tragen alle Kornblumen-
G-fchichtskalender.
7. Juli.
70. Jerusalem wird von Titus erstürmt.
1656. Schulordnung des Landgrafen Wilhelm VI., welche lange Jahre fast bis zur Gegenwart, die Grundlage des Schulwesens in Hessen abgab.
1675. Paul Gerhard, der fromme Lieder- Dichter (geb. 1606), stirbt als Archidiaconus in Lübben. — In demselben Jahre der französische Feldmarschall Turenne fällt in der Schlacht bei Saßbach gegen die Oesterreicher.
1807. Napoleon schließt mit Rußland den Frieden zu Tilsit; Stiftung des Herzogtums Warschau.
1815. Die Preußen und Engländer ziehen in Paris ein.
Im Schatte« des Lebens.
Roman von P. Felsberg.
. (Fortsetzung.)
Hedwtg entzog ihm die Hand nicht, die er ihr selbst unbewußt ergriffen, doch ihr Blick heftete sich auf den Wald- bodeu und eine tiefe, glühende Röte überzog jetzt ihr schönes Antlitz, nachdem sie ihm in der Erregung dieses halbe Geständnis abgelegt. — „Warum denn glauben Sie entsagen zu müssen?" fragte sie zögernd.
„Das frage« Sie, Hedwig?!
„Weil ich keinen Grnud dafür zu finden weiß," entgegnete sie mit noch immer gesenktem Blick und in reizender Verwirrung.
^Waldemar erfaßte ihre beiden Hände: „Sie wiffen keinen Grund dafür — Hedwig? — Sie lieben — mich also?"
Sie sah ihn jetzt mit einem unbeschreiblich selig-glücklichen AnSdruck an und sagte fest und deutlich: „Mehr, als Alles auf der Welt!"
„Und Du willst mein sein — mein — und für immer und ewig!" rief er im höchsten Entzücke» und drückte das durch sei« Geständnis jetzt ganz verwirrt gewordene Mädchen au seine Brust.
sträuße. Sobald sie des geliebten Herrschers ansichtig werden, brechen sie erst in ein hellstimmiges Heil unferm Kaiser aus und überreichen ihre Blumen. Auch eine gut gemeinte poetische Ansprache wird zuweilen in begreiflicher Herzensbeklommenheit gewagt. Natürlich fehlt auch der findige Photograph nicht, der mit seinem hinter dem Gebüsch versteckten Apparat auf der Lauer steht, um ein Augenblicksbild auf die Glasplatte zu bannen.
Sobald sich dann der Kaiser in feine Gemächer im oberen Flügelbau des Kurhauses zurückgezogen, beginnt es am Kurplatze lebendig zu werden. Der greise Herrscher pflegt die Vormittagsstunden am Fenster sitzend und lesend zuzubringen. Da will nun jeder einen Blick erhaschen und mit unermüdlicher Geduld harren drunten ganze Schaaren und warten ruhig ab, bis der Kaiser einmal den Fenstervorhang bei Seite schiebt. Da werden die Operngläser flugs zu jenem Fenster hingerichtet und nun geht es flüsternd durch die Reihen: „Sieh nur, er liest; jetzt wendet er ein Blatt um, jetzt taucht er die Feder ein, ich kann es ganz genau beobachten!" Zuweilen blickt der greise Herr flüchtig hinunter auf die neugierige Menge, die sich ehrfurchtsvoll verneigt und vorn Kaiser einen freundlichen Gegengruß erhält. Also haben die Harrenden doch nicht vergeblich ausgehalten.. Kaiser Wilhelm hat sie allesammt gesehen, hat ihren Gruß in Herzlichkeit erwidert. Sie sind zufrieden und gehen glückstrahlend von dannen, um Anderen Platz zu machen. Stundenlang kann man den Kaiser lesend, arbeitend, schreibend an dem Eckfenster sitzen sehen und das an einem Schreibtischchen, wie es bescheidener ausgestattet nicht gedacht werden kann. Die ganze Einrichtung der Kaiserwohnung ist überhaupt nur kleinbürgerlich.
Bis gegen Mittag verbleibt der Kaiser regelmäßig in seinen Gemächern. Nach dem Frühstück, das gewöhnlich aus einer Fleischspeise und einem Glase Madeira besteht, unternimmt der Kaiser eine kleine Ausfahrt. Meistens sitzt Se. Majestät in seinem offenen zweispännigeu Wagen ganz allein, und nur bei den Ausfahrten in später Nachmittagsstunde pflegt er von einem Adjutanten begleitet zu sein. Die Emser erraten das Herannahen der kaiserlichen Kalesche schon von Weitem an dem eigenartigen a-tempo» Schritt der vortrefflichen Trakehner und im Nu sind Fenstern und Hausthüren von herbeieilenden Neugierigen besetzt, welche den Kaiser sehen und begrüßen wollen. Die Zeit zwischen dem Mittagsmahle und dem Abend verbringt der Kaiser meist allein, teils der Ruhe pflegend, teils Regierungsangelegenheiten erledigend, oder er fährt wiederum eine halbe bis dreiviertel Stunden aus. Der Abend gehört regelmäßig dem Theater. Vor der Eintrittshalle des Kursaales, in welchem die allen Emsbesuchern bekannte kleine Bühne aufgeschlagen ist, wird Se. Majestät von den
„Dir angehören," sagte sie, unter reizendem Lächeln errötend, „ist mein höchstes Glück!" — Und sie verbarg ihr erglühtes Gesicht an seiner Brust.
Stumm hielten sie sich so einen Moment umschlungen, den glücklichsten wohl in Beider Leben. Dann entwand sie sich seinen Armen, nahm seine Hand und zog ihn mit sich fort.
„Und nun, Waldemar, laß uns meinen Bruder, Helene und meine Tante ohne Zeitverlust von unserem Bunde benachrichtigen, ihnen unser Glück verkünden!"
„Und was wird Graf Biela dazu sagen?" fragte Waldemar jetzt betroffen und wie sich feiner früheren Bedenken erinnernd.
„Er wird unserem Glück sicherlich nicht hinderlich sein," entgegnete Hedwig mit einem Selbstbewußtseiu, das auch Heimbeck beruhigte.
Schon in einer der nächsten Alleen traten ihnen Alfred und Helene entgegen. ES war schon zu dunkel, als daß diese die Aufregung hätten bemerken können, in der sich jene befanden; Hedwig trat jedoch auf ihren Bruder zu, und mit beiden Armen ihn umschlingend, flüsterte sie ihm zu:
„Weißt Du noch, Alfted, daß ich Dir in Genf versprach, Dn solltest der Erste sein, der das Geheimnis meines Herzens, falls ein solches sich einstellen würde, erfahren solle? — Nun denn, sieh: hier steht Derjenige, den Du mit Stolz Deinen Freund nennst, dem ich mein Herz ganz zu eigen gegeben habe uyd dem ich angeboren will für immer und ewig!"
Mit ängstlicher Spannung hing Waldemars Blick am Gesicht des Grafen. Liebkosend legte dieser seine Hand auf der Schwester Haupt und sagte: „Ich bin zufrieden mit Dir, liebe Schwester, Du hast gut gewählt!" — Dann streckte er Heimbeck seine Haud entgegen, drückte dessen Rechte herzlich und fuhr fort: „Ich weiß, daß Sie Hedwig so glücklich machen werden, wie Sie es verdient."
Helene, eine bis dahin stumme Zeugin dieser Familieu-
Adjutanten, dem Geh.-Rat Borck und ^vielen vornehmen Badegästen ehrerbietig empfangen, während eine große Zuschauermenge die angrenzenden Teile des Kurgärtchens besetzt hält. Sobald der Kaiser im Tyeatersaale selbst erschienen, erhebt sich die gesamte Zuhörerschaft, das Spiel auf der Bühne wird unterbrochen, bis der greise Monarch aus seinem genau der Mitte der Bühne gegenüber befindlichen rotseidenen Sessel Platz genommen. Diese Eintrittsszene des Kaisers im Emser Kursaaltheater macht einen ganz eigentümlichen, feierlichen Eindruck. Nachdem Seine Majestät sich niedergelassen, nimmt das Spiel, dem der Kaiser mit sehr lebhaftem Interesse folgt, seinen Fortgang.
In dieser Weise spielt sich ein Tag wie der andere während des kaiserlichen Aufenthaltes in Ems ab, und dennoch sieht Jedermann dem nächstfolgenden Tage mit der gleichen Erwartung entgegen.
Deutsches Reich.
Berlin, 5. Juli. Prinz Wilhelm, der gegenwärtig zur Kur in Reichenhall weilt, wird, wie von verschiedenen Seiten ans Wien berichtet wird, in der nächsten Zeit den Besuch des Kronprinzen Rudolf von Oesterreich empfangen. — Die „N. Fr. Pr." berichtet aus Gastein: Der Fürst und die Fürstin Bismarck treffen Anfang August zu einem mehrwöchentlichen Aufenthalt hier ein und werden in zehn Zimmern des Schweizerhauses wohnen. — Nach Meldungen aus Konstantinopel wird das bevorstehende Zirkular der Pforte in Beantwortung der russischen Vorstellungen die Verantwortung der Türkei für alle mit den Verträgen im Widerspruch stehenden Handlungen des bulgarischen Fürsten ablehnen und die Bereitwilligkeit der Pforte betonen, gegen die Vertragsverletzungen Aleranders gemeinsam mit den Mächten Remedur-Maßnahmen zu ergreifen. — Der konservative Reichstagsabgeordnete Lr. Frege zu Abtnaundorf bei Leipzig ist mit feinem Vater, dem Professor Dr. Frege, vom Könige von Sachsen geadelt worden. — Der Reichskanzler hat dem Bundesrat einen Antrag unterbreitet, auf gründ der Unfallversicherungs-Gesetzgebung anzuordnen, daß für die norddeutsche Binnenschiffahrts-Berufsgenosfen- schaft zwei Schiedsgerichte statt eines, und zwar in Danzig und Frankfurt a. O. gebildet werden. Dieser Antrag gründet sich auf einen an den Bundesrat gerichteten Antrag des Reichsversicherungsamts, welch letzterer hervorhebt, daß der Vorstand der Berufsgenossenschaft eine derartige Einrichtung für ein Bedürfnis erklärt hat und daß die Ausführung um so weniger bedenklich erscheine, als die Kosten des Schiedsgerichts von der Genossenschaft zu tragen sind und es andererseits, da es sich um 7636 Betriebe mit 21184 Arbeitern handelt, im Interesse der Arbeiter liegt, wenn die Schiedsgerichte für dieselben möglichst leicht erreichbar sind. — Die „National-Zeitung" schreibt: Be- feene, stattete nun den Verlobten ihre Glückwünsche ab, worauf Alle nach dem Schloß zurückkehrten, um auch Frau von Stemburgs Segen für das junge Paar zu erbitten. Die würdige Dame staunte zwar nicht wenig, segnete jedoch ohne Zögern den Bund zweier Herzen, die schon längst für einander geschlagen hatten; sie hatte Heimbecks Wert erkannt und wußte das Glück ihrer geliebten Nichte in seinen Händen sicher.
Helene von Bergen freute sich aufrichtig des Glücks ihrer Freundin; sie hatte eine Ahnung gehabt von dem, was in der jungen Gräfin Herz vorging; doch mancher stille Seufzer stahl sich ttotz ihrer herzlichen Teilnahme am Glück Hedwigs aus ihrem Herzen.
Auch über Gras Alfreds Züge flog zuweilen ein Schatten der Wehmut, wenn er das ruhige, friedliche Glück der Verlobten beobachtete. Hedwig entging das nicht und sie wußte auch, was ihren Bruder bewegte, wußte, daß es die Macht der Erinnerung war.
Selber jetzt unendlich glücklich, sann sie auf Mittel, auch dem so sehr geliebten Bruder Glück und Ruhe wieder zu geben. Eines Tages nahm sie seinen Arm und führte ihn in den Park.
„Auch Du kannst wieder glücklich werden, lieber Alfred," begann sie die Unterhaltung. Fragend ruhte sein Blick auf ihrem hoffnnngserregten Gesicht.
„Ich weiß, daß Helene Dich liebt, Alfred, und ich gestehe Dir offen, daß es mich unendlich glücklich machen würde' Euch vereint zu sehen. Sie ist so gut, gewiß würde sie Dich recht glücklich machen und Deinem Kinde die rechte Mutter vollständig ersetzen. Du selbst bist viel zu jung, Herzensbruder, um Dein Leben einsam zu verbringen; vergiß Dein Leid, die Zeit heilt ja alle Wunden, und kehr endlich zum Leben und zum Glück zurück! — Deine verklärte Emllie wird dort oben Deinen Entschluß segnen."
(Fortsetzung folgt)