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Rr. MS.

Marburg, Dienstag, 6. Juli 1886.

XXL Jahrgang.

(fcltinnt täglich außer an Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. — Quartal» AdonuementS-Preis bei der Expedition 2*/* Ml., bei bat Postämter 2 Ml. 50 Mg- (excl. Bestellgeld). Jnsertionsgebühr für die «spaltene Zeile 10 Pfg. Reklamen für die Zeile 25 Pfg.

ObelMlhk Leitung

Anzeigen nimmt entgegen die Expedition b- Blatte-, sowie d Annoncen-Bureaux von Haasenstein undVogler in Frankfurt a. M , Cassel, Magdeburg und Wien; Rudolf Moste in Frankfurt ♦ a M-, Berlin,München und Köln; G. L. Daube und So. n ' rankiurt a. M- B-rl n, Ha nover ».Paris

Wöchentliche Beilagen: Amtlicher Anzeiger f. d. Kreise Marburg u. Kirchhain. - Illustriertes Sonntagsblatt.

Expedition: Markt 21. — Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Aug. Koch.

Bestellungen für das III. Quartal auf die Oberh. Zeitung werden von allen Postämtern, auf dem Lande auch von den Landpostboten, sowie von unserer Agentur in Kirchhain und Expedition noch fortwährend angenommen

Deutschland als Kinanzmacht.

In gleicher Weise, wie sich die deutsche Industrie durch Gediegenheit ihrer Artikel und entsprechende Preisstellung einen hervorragenden Platz auf dem Weltmärkte errungen und es zu einer Stellung gebracht hat, mit der die anderen großen Industriestaaten sehr genau rechnen müssen, ist auch das Ansehen Deutschlands als Finanzmacht gestiegen und steigt auch bei der jetzigen Weltmarktflaue, ununterbrochen fort. Vor 10 Jahren noch, ja fast 18ö0 noch, war London der unbedingt maßgebende Geldmarkt der Welt, nach London wurde das Geld zur sicheren Anlage geschafft, in London wurden die neuen Anleihen ausgenommen. Das hat sich sehr geändert. Lesen wir, was die Londoner „Pall Mall Gazette", ein hervorragendes Organ der britischen Metropole, schreibt: „Deutsche Kaufleute haben durch die Aneignung des Auslandhandels die Regelung fremdländischer Schulden nach Berlin, Frankfurt, Ham­burg gezogen. Dieselben sind fast des Namens internationaler KomtorS würdig und das alte Uebergewicht Londons als des Hauplplatzes zur Regelung von Schulden zwischen fremden Ländern ist beeinträchtigt. Englische Finanziers und französische Bankiers stehen über die vom deutschen Geldmarkt gemachten großen schritte gleich bestürzt da. Durch seine Hilfe hat Rußland seit Jahren dem Mißtrauen von Westeuropa Trotz geboten, skandinavische Anleihen sind in Deutschland zu Preisen ausgenommen worden, die jene, welche Finanzhäuser in London zu bieten bereit waren, weit überstiegen; italienische, spanische und portugiesische Sicherheiten sind abwechselnd auf deutschen Märkten heraus­gebracht worden. Deutsche Handelsprofite und die in die Hände der Bankiers gelangten Gelder forderten Ver­wendung und wirken auch noch heute in dieser Weise. Die Macht des Geldbeutels wird stets gefühlt. England hat sein Monopol als die Bankfirma der Welt verloren!"

Die „Pall Mall Gazette" ist gerade kein deutsch­freundliches Blatt, und sie hat vielleicht den Rückgang des englischen Einflusses auf dem Geldmärkte etwas zu schwarz gemalt, um ihre Landsleute zu energischen Anstrengungen anzuspornen; berücksichtigt man aber auch diesen Hinter­gedanken bei den eben angeführten Zeilen, so bleibt noch immer genug übrig, was deutlich dafür spricht, in wie hohem Grade den Engländern der Aufschwung des deutschen Geldmarktes und der deutschen Geloplätze imponiert. Wer da behaupten wollte, wie es hin und wieder geschieht, daß von dem Aufschwünge, den Berlin, Hamburg und Frank­furt a. M. als Börsenplätze genommen haben, die deutsche

Geschichtskalender.

6. Juli.

1376. Wenzel der Faule wird zu Aachen zwei Jahre vor dem Tode seines Vaters als fein Nachfolger 16 Jahre alt gekrönt.

1415. Johann Huß wird an seinem Geburtstage, 42 Jahre alt, auf dem Kostnitzer Konzil lebendig verbrannt.

1566. Starb zu Spangenberg Margarethe von der Sal, des Landgrafen Philipp des Großmütigen Nebengemahlin.

1809. Napoleon schlagt den Erzherzog Karl bei Wagram, einem Torfe unter dem Wiener Walde.

Im Schatte« des Lebens.

Roman von P. Felsberg.

(Fortsehung.)

Von allen Seiten ward Waldemar freundlich bewill- kommend, nur Hedwig schien außer einem stummen Hände­druck keinen Giuß für ihn zu haben; doch der den Händedruck begleitende Blick sprach mehr denn Worte und Hetmbeck empfand die Macht dieser stummen Sprache, als er seine Lippen auf die feine weiße Hand der von ihm so innig Geliebten drückte.

Rasch verging der Tag den Schloßbewohnern. Gegen Abend hatte mau sich zur Promenade im Park zerstreut. Alfred finit seinem Freunde — wie er ihn stets nannte — Waldemar und Hedwig mit Helene durchstreiften die schon im Dämmerlicht ruhenden Laubgänge, um die erquickende Abendluft zu genießen. Nach kurzer Unterredung mit Hetmbeck bot der Graf Fräulein von Bergen den Arm und der junge Komponist gesellte sich zu Hedwig.

Alfred erzählte der Freundin seiner Schwester seine eigene Liebes» und Leidensgeschichte und das junge Mädchen lauschte mit dem höchsten Interesse den Mitteilungen des Grafen. Ihre Wangen glühten, als er ihr die unbeschreiblich

Industrie keinen Vorteil hat, der würde den thatsächlichen Verhältnissen mit seinen Anschauungen keineswegs Rechnung tragen. Wenn auch deutsches Geld in großer Menge im Auslande angelegt wurde, und wenn cS auch trotz alledem die deutschen Bankiers nicht immer vermochten, sich einen direkten Einfluß in den Staaten zu sichern, denen sie deutsches Geld lieferten, wie es die Franzosen und Eng­länder vielfach verstanden habeit, so ist damit noch nicht erwiesen, daß der dentschen Industrie diese internationalen Geldgeschäfte nicht dennoch allmälig zu statten kommen. Das deutsche Kapital, welches ins Ausland geht, arbeitet auch dort für Deutschlands Industrie, es wirkt als Bahn­brecher zur Erschließung neuer Absatzgebiete und erhöht zugleich den Einfluß, die Macht und das Ansehen des deutschen Kaiserreiches. Die Staaten, die Deutschland als ihren hauptsächlichsten Bankier zu betrachten haben, wenden auch bald der deutschen Industrie und ihren ebenso viel­seitigen, wie vorzüglichen Produkten eine größere Beachtung, als früher zu. Auf diese Weise haben Frankreich und England erst ihre rechte Bedeutung für den Welthandel gewonnen; die deutsche Industrie hat infolgedessen keine Veranlassung, dem unleugbar bedeutenden Aufschwünge Deutschlands als finanzielle Macht scheel anzusehen, sondern wird über kurz oder laug auch ihren Nutzen haben. Es besteht hier eine Wechselwirkung: Deutsches Geld hilft mit, deutschen Waren die Pforten des Auslandes zu eröffnen, und der daraus immer mehr gekräftigten Industrie fließt dann selbstverständlich neues Atamtal zur Ausführung größerer Unternehmungen zu. Beeinträchtigt die statt­gehabte internationale Ueberproduktion auch zur Zeit die Lebendigkeit des Weltmarktes, so ist doch daran zu denken, daß auch die größte Flut sich endlich verlaufen muß

Deutsches Reich.

Berlin, 3. Juli. Der Fürst und die Frau Fürstin Bismarck sind heute um 8 Uhr 40 Minuten nach Kis- singen abgereist. — Der Bundesrat hielt am 2. d. Mts. unter dem Vorsitz des Staatsministers, Staatssekretärs des Innern von Bötticher, eine Plenarsitzung ab. In derselben legte der Vorsitzende Mitteilnngsschreiben des Präsidenten des Reichstages vor, nach welchen der letztere den Entwurf eines Gesetzes über die Besteuerung des Branntweins in allen seinen Teilen abgelehnt, die Vorlage, betreffend die zwischen dem Reich und Großbritannien ab­geschlossene Uebereinkunft zum gegenseitigen Schutze der Rechte an Werken der Litteratur und Kunst, in unver­änderter Fassung angenommen hat. Von dem ersteren Schreiben wurde Kenntnis genommen, der Vertrag mit Großbritannien soll zur Ratifikation gebracht werden. Der vom Reichstage bei Beratung des Entwurfs eines Gesetzes, betreffend die Abänderung des Zolltarifgesetzes vom 15. Juli 1879, angenommenen Resolution wegen Rückerstattung des

glückliche, act 1 so kurze Zeit schilderte, die er mit seiner Emilie verlebt; als er ihr bann von dem frühen Ende seiner geliebten Gattin erzählte, stahl sich unvermerkt in ihr Empfinden ein Gefühl des — Neides gegen die Glückliche, die das Herz dieses Mannes so ganz, so ausschließlich besessen. Doch das Gefühl war vorübergehend. Helenens ehrlicher, gerader Sinn mußte eine solche Regung fast ebenso schnell verwerfen, als sie entstanden. Sie hatten sich während des Grafen Erzählung auf eine Bank gesetzt und nicht beachtet, daß Hedwig und Heimbeck sich mehr und mehr von ihnen entfernten.

Diese hatten eben so wenig das Zurückbleiben der Andern bemerkt, denn auch sie hatten ein Thema der Unterhaltung angeschlagen, das sie nach und nach in einem Grade fesselte, welcher die Welt außer ihnen zurücktteten ließ. Immer tiefer verloren sie sich im Park; mit gesenkten Augen lauschte Hedwig den beredten Worten Waldemars, der ihr sein Leben in der Residenz während des Sommers schilderte, ihr erzählte von seinen Arbeiten und von dem Erfolg, der diesen zu Teil geworden. Als er geendet, blickte sie mit schmerzlichem Lächeln zu ihm auf und sagte:

„Ich kann es wohl begreifen, daß Sie über Ihrer Kunst und Ihren Triumphen alles Andere vergeffen und unbe­achtet lassen mußten, daß Sie es nicht vermochten, sich diesem anregenden und fesselnden Leben zu entziehen, um sich — Ihren Freunden zu widmen 1 — Und so erklärt sich ja denn auch die Nichterfüllung Ihres Versprechens, uns für einen Teil des Sommers mit Ihrem Besuch zu erfreuen, was fich allerdings mit dem genußreichen Leben, das die Residenz Ihnen bot, schwer vereinen ließ . . ."

„Genußreiches Leben nennen Sie das meinige, Komteffe?" erwiderte Waldemar, indem fein Auge mit jenem unaus­sprechlichen Ausdruck des Schmerzes auf dem erregten Antlitz der jungen Gräfin ruhte. „Darf ich Ihnen auch sagen, was ich gelitten, Ihnen die Qualen eines glühenden Herzens

von den deutschen Kokoswaareufabrikanteu seit dem 1. Jan. 1884 gezahlten Zolls auf Kokosgarne wurde keine Folge zu geben beschlossen, dem Entwurf einer Verordnung wegen Ergänzung der Verordnung über die Tagegelder, Fuhr- kostcn 2C. der Beamten der Militär- und Marineverwaltung die Zustimmung erteilt. Für bei mehreren Disziplinax- kamrnern erledigte Stellen wurden die erforderlichen Wahlen vorgenommen. Eine Vorlage, betreffend die Revision des Palentgesetzes, wurde den Ausschüssen für Handel und Verkehr und für Justizwesen zur Vorberatung überwiesen. Die Beratung über den Entwurf einer Verordnung wegen Errichtung einer Kaiserlichen Kanalkommission zur Her­stellung des Nord - Ostsee - Kanals und über die Vorlage, betreffend die Bildung zweier Schiedsgerichte für die ost­deutsche Binnenschiffahrts-Berufsgenossenschaft, wird in einer der nächsten Sitzungen stattfinden. Seitens des Aus­schusses für Zoll- und Steuerwesen wurde über den An­trag Badens, betreffend Anordnungen wegen des Ein- und Durchfuhrverkehrs mit Wein, Bier und Branntwein nach dem Großherzogtum Baden, Bericht erstattet. Es wurde beschlossen, zu erklären, daß gegen den Erlaß der von der badischen Regierung im Entwurf vorgelegten Verordnung ein Bedenken seitens des Bundesrats nicht zu erheben fei. Mit Beziehung auf die Verwilligung eines Zuschusses aus Reichsmitteln für die Veranstaltung einer allgemeinen deut­schen Industrie-Ausstellung in Berlin im Jahre 1888 be­schloß die Versammlung, schon mit Rücksicht auf die ab­lehnende Haltung eines großen Teils der deutschen In­dustrie gegenüber dem geplanten Ausstellungsunternehmen von der Einstellung eines Betrages von 3 Mill. Mark zur Unterstützung desselben in bitt Rcichshaushalts - Etat für 1887/1888 abzusehen. Endlich wurde über Eingaben wegen steuerlicher Behandlung von Tabak und Tabaksurro- gaten, wegen Bewilligung eines Zollvereinslagers für aus­ländischen Dachschiefer in Geestemünde und Verlängerung der Zollkreditfrist für ausländischen Tabak, ferner, betr. Rückvergütung der Branntweinsteuer für ausgeführten Sprit, die Ausstellung von Zoll-LegitimationSscheinen für Maaren und den Erlaß des Zolls für eine Sendung von der Ausstellung in Antwerpen zurückbeförderter Balken, so­wie über die dem Kaiser wegen Wiederbesetzung einer Senats-Präsidenten- und einer Ratsstelle beim Reichsgericht in Leipzig zu machenden Vorschläge Beschluß gefaßt. Das Reknrsgefuch eines Beamten gegen feine unfreiwillige Ver­setzung in den Ruhestand wurde verworfen.

— Die am 26. d. Mts. geschlossene 2. Session der VI. Legislaturperiode des Reichstages war eine der längsten seit dem Bestehen des Deutschen Reichstages. Der Reichstag war vom 19. November 1885 bis zum 26. Juni 1886, zusammen 220 Tage, versammelt. Während dieser Zeit haben 95 Plenarsitzungen, 253 Sitzungen der Abteilungen und 312 Sitzungen der »er*

schildern, das im Kampf mit der kalten, berechnenden Ver­nunft doch eS nicht vermag, feine Rechte aufzugeben? — Täglich, stündlich mein Glück vor mir zu sehen und doch durch eine uuausfüllbare Kluft von ihm geschieden zu sein; einen Augenblick die höchste Seligkeit zu empfinden und dann wieder das bittere Entsagen zu üben: nein, das ver­mochte ich nicht! — Ich verschloß mir lieber den Himmel meines Glückes ganz, um nicht geblendet zu werden von den Strahlen der Sonne, die mich titir erwärmten, erglühen machten, um mich dann in das Extem, in die EiseskAte meiner Stellung zurückzuweisen! — Ich konnte deßhalb der freundlichen Einladung Ihres Bruders nicht folgen. Und doch war Alles vergeblich, waren alle Vernunftgründe um­sonst, als Graf Biela mich vor einigen Tagen aufsuchte und wiederholt aufforderte, ihn hierher zu begleiten: ich kann das Entsagen weder lernen, noch begreifen!"

Er blickte in ihr tiefbewegtes Antlitz, er sah, wie sie bebte, und bereute es, seine Leidenschaft nicht besser beherrscht, durch sein Bekenntnis ihr Schmerz berestet zu haben.

„Zürnen Sie mir Komteffe, daß ich es gewagt, Sie einen Blick in mein wirkliches Leben werfen zu lassen? . . Verzeihen Sie mir, daß ich es nicht besser verstand, meine törichten Hoffnungen zu begraben; doch nie — ich verspreche es — sollen ähnliche Worte wieder von mir an Sie gerichtet werden; ich will Ihre Ruhe, die mir heilig ist, nicht wieder störe» und, wenn Sie es wünschen, morgen schon abreise», um Sie nie wieder zu sehen!"

Ans Hedwigs Gesicht war bei diesen Worten Heimbecks alles Blut gewichen, ihre Hand zitterte, ihre Augen begeg. neten den auf sie gerichteten des jungen Mannes und leise flüsternd fast sagte sie: „Nein, gehen Sie nicht fort — bleiben Sie!"

(Fortsetzung folgt.)