Skr. 1»1.
Marburg, Sonntag, 4. Juli 1886.
XXI. Jahrgang.
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Wöchentliche Beilagen: Amtlicher Anzeiger f. 6. Kreise Marburg u. Kirchhain. - Illustriertes Lonntagsblatt.
Expedition Martt 21. — Redaktion, Druck und Verlag von Ich. Aug. Koch.
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Deutsches Reich.
Berlin, 2. Juli. Der Bundesrat beschloß,' bei der ablehnenden Haltung eines großen Teiles der Industrie gegenüber der Berliner Ausstellung von 1888 von der Gewährung eines Drei-Milliouen-Beitrags abzusehen. — Dem Bundesrate sind Mitteilungen bezüglich einer Revision des Patentgesetzes zugcgangen. Es heißt darin: „®ie Bestimmungen des Patentgesetzes haben in den beteiligten Kreisen schon seit einigen Jahren zu Erörterungen in Betreff ihrer RevisionSbedürftigkeit Anlaß gegeben. In neuester Zeit hat der Verein deutscher Ingenieure eine Anzahl von Abänderungsvorschlägeil eingereicht und dabei den Antrag gestellt, diese Vorschläge, sofern sie nicht ohne weiteres für geeignet erachtet würden, die Grundlage für eine Revision des Gesetzes abzugeben, in einer Versammlung von Sachverständigen unter amtlicher Leitung prüfen zu lassen. Auch der Verein zur Wahrung der Interessen der chemischen Industrie Deutschlands hat mit zum Teil abweichenden Abänderungsvorschlägen einen gleichen Antrag gestellt." — Eine besondere Anlage enthält diese Abänderungsvorschläge. „Dieselben sind zunächst an zuständiger Stelle in nähere Erörterung gezogen unv namentlich von dem Präsidenten des Patentamts in eingehender Beratung mit einzelnen Mitgliedern des Patentamtes geprüft worden. Nach dem Ergebnis dieser Erörterungen sind diejenigen Vorschläge ausgewählt, welche als geeignet bezeichnet werden können, den Gegenstand einer Beratung von Sachverständigen zu bilden, gleichzeitig aber noch einige weitere Punkte aufgestellt, bezüglich deren es wünschenswert ist, sie in den Kreisen dieser Erörterungen zu ziehen." Ein hiernach entworfenes Programm für eine Enquete über die Revision des Patentgesetzes bestehend in 22 Fragen nebst Erläuterungen ist gleichzeitig dem Bundesrate unterbreitet worden. Das Programm umfaßt alle in neuerer Zeit zur Diskussion gelangten Vorschläge wegen Revision des Gesetzes, soweit dieselben nicht von vornherein als unannehmbar zu bezeichnen sind oder lediglich in das Gebiet der legislatorischen Formulierungstechnik fallen. — Die Wünsche und Vorschläge, welche innerhalb der industriellen und technischen Kreise bezüglich der Revision des Patentgesetzes im Laufe der letzten Jahre hcrvorgetreten sind, haben eine so weitreichende Bedeutung, sie sind so vielfach von persönlichen Interessen bezw. erlittenen Enttäuschungen beeinflußt und gehen dabei so weit auseinander, daß die Veranstaltung einer Enquete für zweckmäßig erachtet wird,
Geschichtskalenver.
4. Juli.
1304. Der große Dichter und geprieseuste Wiederhersteller der Wissenschaften, Francesco Petrarca, wird geboren zu Arezzo in Toscana.
1498. Columbus tritt seine dritte Entdeckungsreise an.
1776. Die 13 vereinigten uordamerikauischen Freistaaten erklären ihre Unabhängigkeit vom Mutterlaude.
1830. Die Franzosen unter dem General Bourmont erobern Algier, Gründung der franz. Kolonie Algerien.
1866. Der Kaiser Franz Joseph von Oesterreich bietet dem Kaiser Napoleon in. die Abtretung Venetiens an.
5. Juli.
1849. Die Dänen siegen über die Schleswig - Holsteiner bei Friedericia.
1866. Die Preußen schlagen die Oesterreicher bei Hünfeld, Oesterreich tritt Venetien an Frankreich ab.
Im Schatte« des Lebens.
Roman von P. Felsberg.
(Fortsetzung.)
„Darin gebe ich Dir vollkommen Recht, Hedwig," bemerkte Helene, während sich ihre Wangen tiefer färbten, „ich beneide Dich auch um diesen Bruder, und wäre ich so glücklich, einen zu befitzen, so wünschte ich, daß er dem Deinigen in allen Punkten gleichen möchte."
Eine momentane Pause entstand; dann fuhr Fräulein von Bergen wie begeistert fort: „Ja, Deinen Bruder kann man verehren: er ist so ganz, ganz anders, als die jungen Herren, welche ich bis jetzt kennen gelernt habe, auch . . •
Sie senkte rasch die Augen, als sie Hedwigs Blick mit einem bedeutsamen Lächeln auf sich gerichtet sah.
Hedwig stelle sich vor ihre Freundin, ihr so den Weg vertretend, und sagte, indem sie ihr voll und mit herzlichem Ausdruck ins Gesicht blickte: „Gesteh mirS doch, Helene,
um Klärung über die einschlagenden Fragen zu gewinnen. An den Bundesrat wird deshalb der Antrag gestellt: „Der Bundesrat wolle zur Veranstaltung entsprechender Erörterungen seine Zustimmung geben, die Fragen, welche dabei in Betracht gezogen werden sollen, seststellen und zugleich über die weitere Behandlung der Sache sich schlüssig zu machen. Es möchte sich, so heißt es weiter, empfehlen, zunächst eine Kommission zu wählen, welcher außer einem Mitglied des Bundesrats der Präsident und zwei ständige Mitglieder des Patentamtes, sowie je ein hervorragender Repräsentant der mechanischen und der chemischen Technik anzugehören haben würden. Die Kommission würde dem Reichskanzler geeignete Vorschläge für die Wahl der zugehörenden Sachverständigen zu machen, demnächst über den Gang der Erörterungen im einzelnen zu beschließen, an den Verhandlungen selbst teilzunehmen und über deren Ergebnis begutachtenden Bericht zu erstatten haben. Die Leitung der Verhandlungen dürfte, da sie eine eingehende Kenntnis der Verhältnisse des Patentwesens voraussetzt, dem Präsidenten des Patentamtes zu übertragen sein. Den hoben Bundesregierungen dürfte anheim zu geben sein, solche Sachverständige, auf deren Vernehmung sie Wert legen, dem Reichskanzler zu bezeichnen. Letzerem würde die Berufung der Sachverständigen überlassen werden können." — Die Gewürzmüller Deutschlands haben an den Reichskanzler eine Petition gerichtet, dahingehend, daß anstelle der gegenwärtig von den meisten chemischen Untersuchungsämtern vereinbarten höchsten Grenze des zulässigen Aschengehalts des gemahlenen schwarzen Pfeffers von 6V» Prozent eine solche von 12 Prozent eingeführt werde. Die Petenten führen aus, daß der Pfeffer durch Trocknung auf der Erde mit Erdklümpchen verunreinigt werde, welche nur mit großen Kosten herausgelesen werden könnten, daß der auf dem Transport sich bildende Pfefferstaub in geradezu untrennbarer Weise oft 10—20 Prozent Sandpartikelchen enthalte und bei seinem Werte (von Petenten in der Jahreseinfuhr auf 740 000 Mk. berechnet - doch nicht fortgeworfen werden könne, daß der Pfeffer als Luxus - Genrzß- mittel den minder bemittelten Klassen gänzlich entzogen würde, wenn nur beste Ware an den Markt gelassen werde und daß Petenten durch den in diesem Falle sich ergebenden Konsumrückgaiig schwer geschädigt werden würden. — Heber Sammlungen unter den Sozialdemokraten kann die „Danz. Ztg." berichten: „Bekanntlich hatte gleichsam als Antwort auf die Diätenprozesse die sozialdemokratische Fraktion einen Aufruf zur Sammlung von Geldern zu dem Wahl- und Diätenfonds der Partei erlassen. Anfangs flössen die Beiträge nur ziemlich spärlich, in der letzten Zeit jedoch kamen nicht unbedeutende Summen ein. So wurden ans Stuttgart 1530 Mk., aus Hamburg 1000 Mk.,
aus Leipzig 500 Mk., aus Berlin 300 Mk., aus Nürnberg 180 Mk., von einem Ungenannten 1500 Mk., Aloa i Schottland 10,70 Mk. u. s. w. eingeschickt, so daß der Diätenfonds augenblicklich gut gefüllt sein muß.
— (Ein deutsches Nationalwerk.) So kann man mit vollstem Recht die „Deutsche Encyklopädie" nennen, deren erster Band jetzt vollendet vorliegt. Nicht blos der Geist, welcher das großartige Unternehmen erfüllt ist ein im besten Sinne des Wortes nationaler, sondern es ist im eigentlichsten Sinne ein gemeinsames Werk der deutschen Wissenschaft, deren namhaftesten Vertreter aus allen Gebieten hier zu gemeinsamer Arbeit vereinigt worden sind. ES ist nicht, wie manche andere derartigen Wörterbücher oder Konversationslexika von einigen wenigen Personen zusammengeschrieben, sondern es enthält fast nur Originalaufsätze von den bedeutendsten namhaftesten Vertretern der deutschen Wissenschaft und zwar auf allen Gebieten. Es steht deshalb in Wahrheit auf der Höhe der deutschen Wissenschaft und bietet wirklich zuverlässigen Aufschluß über alles Wissenswerte dar. Und zwar ist es die echte Wissenschaft, welche hier zum Worte kommt, nicht jene naturalistisch-materialistische Afterwissenschaft, welche nicht blos in die Irre, sondern ins Verderben führt. Gerade darin liegt die große Bedeutung dieses Werkes. Bekanntlich sind manche andere Lexika ganz tut Geiste des radikalen, naturalistisch-materialistischen Freisinns geschrieben und haben dadurch ganz ungeheuer viel zur Verbreitung der verderblichen naturalistischen Weltanschauung in den mittleren Volksschichten, die größtenteils aus solchen Konversations-Lexicas ihre Belehrung schöpfen, beigetragen. Die „Deutsche Encyklopädie" würde sich ein ganz enormes Verdienst erwerben, wenn es ihr gelänge, nach und nach die verderblichen Bücher dieser Art aus dem Volksleben zu verdrängen und diesen Volksklassen die gesunde geistige Nahrung der echten deutschen Wissenschaft und der christlichen Weltanschauung darzubieten. Daß dieses neue Unternehmen den alten eingewurzelten Lexicas gegenüber einen schweren Stand hat, ist begreiflich, aber um so mehr sollten alle Einsichtigen es als eine patriotische Pflicht erkennen, das großartige, hochbedeut- fame Unternehmen auf jede Weise zu unterstützen, sollte insbesondere die wohlgesinnte Presse es sich zur Pflicht machen, diesem nationalen Werke die Bahn zu brechen; aber auch die einzelnen Privaten sollten es für ihre Pflicht erachten, dem Werke seine schwere Aufgabe durch Selbst- abonnement und durch Gewinnung anderer Abonnenten erleichtern zu helfen. Ein solches Werk würde mehr wie viele anderen kostspieligen Versuche dazu beitragen, gute solide Anschauungen in bett Kreisen des deutschen Bürgertums zu befestigen und die geistige Atmosphäre dieser Kreise
daß Du Atfreo liebst! Ich habe eigentlich vor Jahr und Tag nicht daran gezweifelt, und könnte mir ein größeres Glück für ihn und für Dich und für uns Alle kaum wünschen — ober hat das Bergsteigen meiner Helene das Blut in die Wangen getrieben? . . ."
„Ich leugne es nicht, Hedwig, daß ich Deinen Bruder verehre, mehr noch, als liebe; daß ich zu ihm aufblicke, wie zu einem höheren Wesen! — Von einem solchen Manne geliebt zu werden, muß mehr, als Seligkeit sein!" sagte Helene schwärmerisch.
„Ich kann Dich verstehen, kleine Schwärmerin," erwiderte Hedwig, und wie ein flüchtiger Schatten glitt es über ihre schönen Züge, denn sie erinnerte sich eines andern Mannes, von dem sie ja ebenso dachte, wie Helene über ihren Bruder. Doch schnell sich wieder sammelnd, fuhr sie fort: „Laß uns jetzt den Berg vollends hinaufsteigen, ich möchte Taute uicht gar zu lange warten lassen."
Schweigend setzten jetzt Beide ihren Weg fort. Oben angelangt, bot sich ihnen eine prächtige Aussicht: die wette, liebliche Landschaft lag, mit hellem Sonnenlicht übergoffen, zu ihren Füßen ausgestreckt; weit ins Land hinein Konnte mau die große breite Poststraße verfolgen, welche sich in grauer Ferne im Waldesdunkel verlor. Rings umher sah man lachende Fluren und inmitten derselben die roten Dächer zahlreicher Dorfschafteu, die spitzen Kirchthürme und mitten hindurch konnte man den Lauf des Flusses, der bald auf einer längeren Strecke sichtbar war, bald zwischen Busch und Höhen versteckt sich hinschlängelte, verfolgen.
Die beiden jungen Mädchen waren im Anschauen des Panoramas versunken, als plötzlich fern und gedämpft, doch immerhin deutlich genug, das Beiden wohlbekannte Extra- post-Signal ertönte. Beiden entlockte dieser Ton des Posthorns einen gleichzeitigen, freudigen Ausruf und ihre über, raschten Blicke dem unter ihnen liegenden Herrenhause zn- toenbenb, sahen sie eben noch einen Reifewagen in dem Hohlwege verschwinden, der einige hundert Schritte vor dem Schlosse die Chaussee kreuzte und wenige Sekunden später
konnten sie die vierspännige Extrapost mit reitenden „Schwager" — der jctzt den Dessauer Marsch blies, auf direktem Wege dem Schloßthore zufahren sehen.
Flüchtigen Schrittes eilten die beiden Freundinnen den Berg hinab und dem Schlosse zu; doch nicht wenig ließ sie das erstaunen, was sie, am Schloßportal angelangt, sahen: Frau von Sternburg hielt ein Kind in den Armen, herzte und küßte es und drückte es zärtlich an die Brust, während Graf Biela mit dem Ausdruck innigen Glückes ihr zuschaute. Das Erstaunen indessen währte — wenigstens auf Hedwigs Seite nicht lange; die junge Gräfin wußte sich bald diese Scene zu deuten; freudig, jubelnd eilte sie auf ihren Bruder zu, der sie mit beiden Armen umfing und liebevoll begrüßte.
„Jetzt bin ich glücklich, Hedwig!" sagte er weich, „denn endlich habe ich die verloren Geglaubte gesunden!"
Hedwig nahm das Kind aus den Armen ihrer Tante und überschüttete das kleine Wesen mit Liebkosungen. Das Kind blickte verwundert auf die ihm fremde Umgebung; die überschwänglichen Liebkosungen, welche der Kleinen von allen Seiten zu Teil wurden, ängstigten fie und sie streckte mit bittender Geberde ihre Aermchen nach Alfred, der ihr unter all den fremden Gesichtern noch am bekanntesten war.
Auch Helene von Berger hatte den Grafen herzlich begrüßt und beglückwünscht, ihr Auge kehrte wieder und wieder zu dem bleichen Gesichtchen des Kindes zurück.
Nun erst bemerkte Hedwig die Anwesenheit Heimbecks, der bis dahin stummer Zeuge der Wiederseheusscene gewesen war; sie erbleichte und unwillkürlich legte sie die Hand auf das plötzlich heftig klopfende Herz. Sein Anblick kam ihr plötzlich, zu unvorbereitet und das sonst so Willensstärke Mädchen mußte seine ganze Kraft aufbieten, um sich zu beherrsche». Alfted, dem dies nicht entgangen, legte sich ins Mittel.
„Ich habe noch einen lieben, wenn auch verspäteten Gast für uusern entlegenen Kreis gewonnen," sagte er lächelnd und auf den sich nähernden jungen Künstler zeigend.
(Fortsetzung folgt.)