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Marburg, Sonnabend, 3. Juli 1886.

XXI. Jahrgang.

Erscheint täglich Laßer an Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Quartal» Lbonnements-Pr« :is bei der Expedition 2*/< Mk., bei dm Postämter2 Ml. 50 Pfg. (erd. B efteügelb). JnsertionSgebah r für die gespaltene Zeile 10 Pfz. Reaamen für die Zeile 25 P fg.

Anzeigen nimmt entgegen die Expedition b. Blatte-, sowie d Annoncen-Bureaux vonHaasenstein undVogler in Franlfurt a. M, Cassel, Magbeburg unb Wien; Rudolf Stoffe in Frankfurt a M-, Berlin,München und Köln; G. L. Daube und So. n 7-rankfurt a. M.. Berlin, Ha nover ».Paris.

Wöchentliche Beilagen: Amtlicher Anzeiger f. -. Kreise Marburg u. Kirchhain. - Illustriertes Sonntagsblatt.

Expedittou: Martt 21. Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Ang. Koch.

Deutsches Reich.

Berit«, 1. Juli. Das Gesetz, betreffend die Besei­tigung der schwebenden Schuld von 30 Millionen Mark, wurde heute veröffentlicht. Fürst Bismarck hat seinen Aufenthalt in Schönhausen abgekürzt und ist schon am 30. Juni von dort zurückgekehrt. Er gedenkt sich bald in Begleitung der Frau Fürstin zum Kurgebrauch nach Kis­singer» zu begeben. Von dort aus soll dann »ie Kur in Gastein fortgesetzt werden. Es ist nicht unmöglich, » der Fürst in das letztgenannte Bad kommt, bevor der Kaiser dasselbe verlassen hat. Eine gleichzeitige Anwesen­heit des Kaisers und des Fürsten Bismarck in Gastein hat seit dem Jahre 1865 nicht stattgefunden. Der Bundesrat wird sich in seiner nächsten Sitzung mit der Frage der Bewilligung der von der Preußischen Negierung beantragten Neichsbeihilfe von drei Millionen Mark zu der deutschen nationalen Industrie-Ausstellung zu Berlin beschäftigen. Allem Anscheine nach scheint jetzt, entgegen früheren Gerüchten, die Bewilligung gesichert. Die Ein­nahmen des Reichs aus den Verkehrsanstalten für 1885/86 haben einen Minderbetrag von 1420000 Mark ergeben und zwar beträgt derselbe bei der Post und Telegraphie 768500, bei den Eisenbahnen 148000, beim Bankwesen 510000 Mark. Dem Gesamlausfall stehen Mehrein­nahmen im Betrage von 1400000 Mark bei den ver­schiedenen Verwaltungseinnahmen gegenüber; dieses Mehr ist hauptsächlich durch Münzgewinn bei Ausprägung von Einmarkstücken u. s. w. erzielt worden. Die Ausgaben haben in ihrer Gesamtheit eine nennenswerte Abweichung von der Etatssumme nicht ergeben, sodaß der Gesamtaus­fall von 17'/» Millionen einzig und allein auf Rechnung des großen Ausfalls bei der Rübensteuer zu setzen ist. Im ganzen betrugen die bei der Schlußabrechnung in be­tracht kommenden Einnahmen des Reichs für 1885/86 566900000 Mk., die Ausgaben 584300000 Mk., so daß der Fehlbetrag sich auf die runde Summe von 174 Millionen Mark beläuft. Die Frage der Revision unseres Patentgesetzes ist jetzt der Lösung näher gerückt; seitens des Reichskanzlers ist, gestützt auf die wiederholt zum Aus­druck gelangten Wünsche der Beteiligten, beim Bundesrat ber Antrag gestellt worden, derselbe möge sich mit der Ein­berufung eines Untersuchungsausschusses Sachverständiger einverstanden erklären. Zur Vorbereitung der Arbeiten dieser Untersuchung, wie zur Aufstellung der vorzulegenden Fragen und Bezeichnung der zu berufenden Sachverstän­digen soll vorerst ein Ausschuß zusammentreten, bestehend aus einem Mitgliede des Bundesrats, dem Präsidenten und zwei ständigen Mitgliedern des Patentamts und je einem Sachverständigen des mechanischen und chemischen Faches.

tEinheitsschulverein.) Einen deutschen Ein- heitsschulvereiu zu begründen, laden Professoren der

Gefchichtskalender.

3. Juli.

987. _ Hugo Capet zum Könige vou Frankreich gesalbt und gekrönt; Erlöschen der franz. Karolinger.

1646. Der große Philosoph und Mathematiker Gottfr. Wllh. Leibnitz wird zu Leipzig geboren.

1821. König Johann VI. von Portugal kehrt aus Brasilien nach Lissabon zurück.

1866. Schlacht bet Sadowa und Königgrätz zwischen Preußen und Oesterreicher; glorreicher Sieg der Preußen.

Am Schatte« des Lebens.

Roman von P. Felsberg.

(Fortsetzung.)

Weiterhin leuchteten aus dem bereits herbstlich sich fär­benden Laubmeer heraus die roten Dächer der Wirtschafts­gebäude, der Stallungen und Remisen, auf dem ganzen Besitztum lag Frieden und Ruhe und es trug in Allem das Gepräge ängstlicher Sorgfalt. Am Saume des unmittelbar ans Herrenhaus stoßenden Blumengartens zog sich ein kleiner Fluß hin, der sein klares Wasser wenige Meilen entfernt in die Oder ergoß und, vom Gebirge her kommend, reich an Forellen war; er umsäumte die Besitzung, soweit sie sich Fran v. Sternbnrg selbst reserviert hatte, in einem großen Bogen, fast eine Halbinsel daraus bildend, und auf seinem leicht gekräusetteu Wasserspiegel schaukelten sich am Fuße einer zierlichen Laudungstteppe mehrere leichte Boote neben einer größeren Gondel. Jenseits des linken Flußufers dehnten sich gesegnete, jetzt im Herbst natürlich von ihrem Erntesegen befreite Fluren aus, iu dortiger Gegend unter dem Namen »die reiche Au" bekannt. Etwa ein Dutzend kleiner Häuschen, meist Abeiterwohnuugen, lag, größtenteils zwischen Obsrbäumeu versteckt, zerstreut umher und ungefähr einen Büchsenschuß vom Herrenhaus entfernt lag eine kleine,

Universitäten Bonn, Breslau, Greifswald, München, Göttingen, Erlangen, sowie eine stattliche Anzahl von Gymnasialdirektoren, Gymnasial- und Real-Gymnasial­lehrern ihre Fachgenossen zu einer konstituierenden Ver­sammlung am 5. Oktober c. nach Hannover ein. Der Zweck des Vereins soll sein: 1. die litterarische Diskussion über die Frage der Einheitsschule in lebendigeren Fluß zu bringen. 2. Dadurch, sowie durch die Debatten in den Vereinsversammlungen die Aufstellung eines allseitig be­friedigenden Organisationsplans und fester methodischer Grundsätze für die Einheitsschule zu erstreben. 3. Das Verhältnis der das jetzige Gymnasium und Realgymnasium ersetzenden Einheitsschule zu den übrigen Arten allgemeiner Bildungsschulen > Mittelschulen mit zwei fremden Sprachen), sowie zu den Fachschulen, besonders der Universität zu er­örtern; insbesondere auch die Frage der Berechtigung, zu besprechen. 4. Die öffentliche Meinung und womöglich die Faktoren der Gesetzgebung für die Idee der Einheits­schule zu gewinnen. Die oben genannten Herren begründen die Notwendigkeit eines solchen Vereins in folgender Weise: Bei der vielfältigen und tiefen Zersplitterung unseres Volkes durch die leidenschaftlichen Jntereffen- und Prin­zipienkämpfe der Gegenwart erscheint es für eine gedeih­liche Fortentwicklung der Nation notwendig, daß jeder an seiner Stelle und mit den ihm gegebenen Kräften daran mitarbeitet, die innere Freiheit des Volksgeistes zu stärken oder herzustellen. Nun liegt aber eine der Ursachen, durch welche die volle Einigung der Nation erschwert wird, in der gegenwärtig bestehenden Zweiteilung des höheren Schul­unterrichts. Denn die Einheit des Volksgeistes beruht wesentlich mit auf der Einheit der höheren allgemeinen Bildung. Deshalb muß an die Stelle des Gymnasiums und Realgymnasiums wieder eine höhere Unterrichtsanstalt treten, die Einheitsschule, welche sich den Kern der alten humanistisch-gymnasialen Bildung, das Studium der klassischen Sprachen, besonders auch des Griechischen und der historischen Wissenschaften, bewahrt, dieselbe aber durch zeitgemäße Reform der Methode (namentlich des fremd­sprachlichen Unterrichts), sowie auch durch eine maß­volle Verstärkung der neueren Sprachen, vornehmlich des Französischen, und der mathematisch-naturwissen­schaftlichen Lehrfächer neu kräftigt und verjüngt. Die Reform unseres höheren Schulunterrichts fordert auch der gegenwärttge Stand der nationalen Kultur, vor deren Fortschritten die Schule sich niemals verschließen darf, sowie endlich ein bedeutender Grund wirtschaftlicher Natur. Denn gegenwärtig wird ein großer Teil unserer Jugend viel zu früh vor die Frage, ob Gymnasium oder Real­gymnasium, d. h. vor die Frage der Berufswahl gestellt und infosge der dabei unvermeidlichen Irrtümer geht eine Fülle geistiger und materieller Kräfte nutzlos verloren. Wenn so sagen die Einberufer es diesen Be-

durch Frau v. Sternburg vor einigen Jahren erbaute Kirche, welche den geistlichen Mittelpunkt der kleinen Gemeinde bildete und deren Prediger, von der Gutsherrschaft besoldet, auf dem Schlosse ein fast täglicher und gern gesehener Gast war.

Auf den Wiesen am Flußufer lag der letzte Grasschnitt aufgehäuft, das Grummet erfüllte die Luft mit dem Aroma frisch gemähten Heues. Die zahlreichen Arbctter hatten sich zu ihrem Frühstück gelagert und leerten unter Rnsen und Scherzen ihre Proviantsäcke und Bterkrüge.

Unter der schattigen, mit Epheu und Weinreben um­rankten von Säulen getragenen Veranda, welche oben einen großen Balkon bildete, vou welchem man eine prächtige Aussicht genoß, saßen Frau von Sternburg, Hedwig und Helene von Bergen. Die beiden jungen Damen waren mit einer leichten Handarbeit beschäftigt, während Frau vou Sternburg iu Journalen blätterte. Einige Zeit saßen alle Drei schweigend bei ihren Beschäftigungen, dann ließ die alte Dame ihre Lektüre auf den Schooß fallen, blickte einige Zeit still lächelnd auf die beide» jungen Mädchen und sagte dann:Aber Kinder, Ihr solltet doch den herrlichen Morgen z» einem Spaziergang benutzen!"

Bestes Tantchen", entgegnete Hedwig schmeichelnd,wir können Dich doch nicht hier allein lassen; willst Du nicht mit nns einem Gang durch den Park machen?"

Nein, Kind, ich möchte am liebsten hier bleiben; ich fühle mich jetzt nach der kürzeste» Promenade immer sehr angegriffen, so daß ich es kaum riskiere, nur einige Schrttte durch den Garten zu machen. Doch laßt Euch deßhalb nicht abhalten, meine Lektüre wird mich schon unterhalten und zerstreuen."

Hedwigs Auge ruhte mti Besorgnis auf dem feinen, bleichen Gesicht ihrer Tante, auf welchem sie jetzt zum ersten Male eine unendliche Abgespanutheit bemerkte, die ihr ganz

strebungen, welche die allgemeinste Beachtung verdienen, gelingen sollte, die angegebenen Ziele ohne weitere Ueber- bürdung Unserer Schüler durch eine Reform der Methode zu erreichen, so wäre damit auch die Frage der Be­rechtigung ber Real-Gymnasial-Abiturienten aus der Welt geschafft und wir würden dann, aber auch nur dann, die Einheitsschule als die historisch begründete Normalschule freudig begrüßen. Alle diejenigen, welche geneigt sind, event. demDeutschen Einheitsschulvereine" beizutreten, bezw. die konstituierende Versammlung desselben zu be­suchen, werden gebeten, dieses Gymnasiallehrer F. Horne- mann in Hannover, Marschnerstraße 51, bis zum 15. August er. schriftlich erklären zu wollen.

Breme«, 30. Juni. Der chinesische Gesandte Hsü- Ching-Chsng ist gestern nachmittag 4V, Uhr in Begleitung des Dolmetschersekretärs Dr. Kreyer zur Teilnahme an den Festlichkeiten der Eröffnung der Reichs-Postdampfschiffahrt hier eingetroffen. Bei seinem Anlangen im Hotel von dem Vizepräses der Handelskammer, Herrn Hermann Mel­chers, dessen Haus mit China große Handelsbeziehungen unterhält, empfangen, fuhren die Herren bald darauf in das GesellschaftshausMuseum", wo das zu Ehren der auswärtigen Gäste von der hiesigen Handelskammer ver­waltete große Galadiner in der sechsten Abendstunde seinen Anfang nahm. Das schönste Interesse bei den Festteil­nehmern rief der Gesandte für sich wach, als er während des Diners, nachdem die Haupttoaste verklungen waren, sich zu folgendem Trinkspruch in chinesischer Sprache er­hob:Als ich mit der Mission nach Deutschland betraut wurde, kannte ich wohl Bremen dem Namen nach und wußte, daß es eine der großen deutschen Handelshafen­städte ist. Ich wußte auch, daß Bremen in den verschie­denen Häfen Chinas kommerziell nicht. unbedeutend ver­treten ist. Es freut mich, daß der deutsche Handel immer mehr an Ausdehnung gewinnt, und heute bei meinem ersten Besuche in dieser Stadt sehe ich, daß hinter dem neuen Unternehmen der deutschen Postdampfschiffahrt eine ungeheure Kraft steht, und kann ich darum an dem Er­folg derselben nicht zweifeln. Ich hoffe, daß sich die Be­ziehungen Deutschlands mit China immer mehr entwickeln werden und bitte Sie, mit mir ein Glas zu leeren auf den Auffchwung des Handelsverkehrs zwischen China und Bremen und auch auf den der anderen Hafenstädte des Deutschen Reiches." Als der Gesandte geendet hatte, brach die Versammlung, offenbar wegen der Seltenheit und des sympathischen Klanges des vorerst gar nicht verstandenen Toastes, in lebhafte Hochrufe aus, welche sich erst recht wiederholten, als sich der Dolmetschersekretär Dr. Kreyer erhob und der Versammlung die Worte des Gesandten ins Deutsche übersetzte.

München, 1. Juli. Der Landtag wurde durch den Prinzregenten in Gegenwart aller Prinzen, Minister, Ge­

ne» war. Zärtlich umarmte sie die Dame und sagte besorgt: Du wirst doch nicht krank werden, Herzenstantchen?"

Bitte, lasse» Sie uns bei Ihne» bleiben," sagte nun auch Helene, der ebenfalls das leidend müde Aussehen der Frau v. Sternburg ausgefallen war.

Mir fehlt nur Ruhe, Kinder, darum bitte, laßt mich allein und ich werde frisch und munter sei», wen» ihr zurück- kommt," lächelte die Schloßherrin und küßte beide junge Mädchen herzlich. Zärtliche» Blickes folgten ihre Augen den davoneilenden schlanken und graziösen Gestalten, deren helle Kleider bald hier bald bort i» den Lichtungen des Parks auftauchten. Wie wohl that es der alten Dame, daß diese zwei jugendlich frohen, annmthigen und herzens­gute» Mädchen ihre Einsamkeit jetzt teilten und aufheiterten. Unwillkürlich faltete sie die Hände und ein Blick gen Himmel schien dessen Segen auf Hedwigs und Helenens Zukunft herabzuflehen.

Uuterdeffen hatten die beiden jungen Mädchen Arm in Arm ihre Promenade fortgesetzt.

Komm, Helene, laß uns den Berg ersteigen und einen Blick ans die Landstraße werfen," sagte Hedwig,es ist mir doch, als müsse Alfred heute komme». Vielleicht könne» wir seinen Wagen schon in der Ferne entdecken." Und eine kleine Thür im Gehege des Parkes, deren Schlüssel Hedwig stets bei sich trug, öffnend, verließen die beiden Mädchen die breiten gebahnten Wege und stiegen bald aus einem schmalen Fußpfade bergan.

Glaubst D» wirklich, daß Dein Bruder hente schon zurückkehren werde? fragte Helene, deren schöne blaue» Augen strahleuder aufzuleuchten schienen.

Ich wünschte es sehr und was man wünscht, glaubt man bekanntlich auch gern; ich habe unendliche Sehnsucht nach meinem Bruder und kann wohl sagen, daß ich wenigstens einen bessern und edlem Mann nie kennen gelernt habe."

(Fortsetzung folgt.)