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Ne. 151

Marburg, Donnerstag, 1. Juli 1886.

XXI. Jahrgang

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c) desgl. bei unserer Erpedition . .

2.60

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Anzeigen nimmt entgegen die Erpedition d BlatteS, sowie d Annoncen-Bureaux vonHaasenstein undVogler in Frankfurt a. M , Cassel, Magdeburg und Wien; Rudolf Messe in Frankfurt a M., Berlin.Münchenund Köln; G. L. Daube und Co. n 'ranksurt a. M., Berlin, Ha nover u.Paris^

3m Schatte« des Lebens.

Roman von P. Felsberg.

lFortsetzung.)

Trotz seiner Völlerei hatte Rode sich doch ein ganz an­sehnliches Sümmchen bei Seite gelegt, daS teils von den Verdiensten aus seiner Wirtschaft, teils von dem Ziehgeld für die Kleine herrührte. Mit diesem (gelbe wollte er fort fort in die neue Welt, nach Amerika, wohin weder der Arm des Gesetzes, noch Rabes Rache, nach seiner Ansicht, reiche» konnte. Da kam ihm der Gedanke an seine Frau, an seine eignen Kinder und eia häßlicher Zug flog über das vom Laster widerlich markierte Gesicht. »Pah! ich lasse sie hier," murmelte er;sie werde» mich nicht zu sehr vermissen, und dann brauche ich auch die Vorwürfe meiner Alten nicht mehr zu hören." Damit war sein Entschluß gefaßt, und noch in derselben Nacht brachte er ihn zur Aus­führung.

Als am andern Morgen Frau Rode die Abwesenheit ihres Mannes bemerkte, ahnte sie den wahren Verhalt und fühlte eine Art Erleichterung; denn das Leben an der Seite

Gefchichtskalender.

1. Juli.

936. Kaiser Heinrich der Vogler stirbt zu Memleben.

1657. Der Kurfürst Friedrich Hl. (l.) wird in Königsberg geboren.

1690. Der franz. Feldherr Luxemburg siegt über die gegen Ludwig XIV. Verbündeten bei Fleurus.

1798. Der Obergeneral Bonaparte schifft seine Truppen in Aegypten ans.

1810. Der König Ludwig Bonaparte von Holland dankt ab und flieht.

1864. Die Preußen besetzen die ganze Insel Alfen.

Dum bevorstehenden dritten Quartal ersuchen wir die Bestellungen auf die Oberhessische Zeitung nebst deren wöchentl. Gratisbeilagen: Amtl. Anzeiger für die Kreise

Marburg und Kirchhain

und

Illustriertes Sonntagsblatt, soweit dieselbe durch die Post bezogen wird, recht bald bei der Post wieder er­neuern zu wollen, damit in der Ueber- sendung keine Unterbrechung stattfindet.

Für unsere Abonnenten in der Stadt Kirchhain haben wir eine Agentur bei Herrn Buchbinder Rindt daselbst errichtet, bei dem dieselben ihre Be­stellungen gef. machen wollen.

Bestellungen für hiesige Stadt sind an unsere Expedition oder auch an unsere Träger zu richten.

Die Eröffnung der denttchen Reichspost- Dampferttnien

wird heute in Bremerhaven erfolgen und damit ist das große Unternehmen, von dem Jahrelang die Rede bereits war, denn glücklich eingeleitet. In der vorletzten Reichs­tagssession hatte die Reichsregierung bekanntlich dem Reichs­tage eine Vorlage unterbreitet, welche zur Subventionierung von Schnellpostdampferlinien nach Ostasien, Australien und Afrika einen jährlichen Betrag von über 4 Mill. Mark forderte. Die Dampfer sollten von einer deutschen Gesell­schaft gestellt werden, allen modernen Ansprüchen in Bezug auf Schnelligkeit und Komfort Rechnung tragen und die Reise nach den überseeischen Gebieten möglichst schnell und direkt zurücklegen. Als Beittag zu den Kosten wollte dann das Reich die geforderten Millionen zahlen, behielt sich dafür aber auch die Kontrolle über die neuen Linien

kong. Die Reise hin und zurück wird mit allem Aufenthalt unterwegs etwa 14 Wochen dauern. Die australische Linie geht nach Sydney. Unterwegs werden berührt, Antwerpen, Finisterre, Gibraltar, Port Said, Aden, Kolombo, Keeling-Jsland, Port Adelaide, Melbourne. Die Hin- und Rückreise wird 1617 Wochen dauern.

Reichsbehörden, Vertreter des Reichstages, des deutschen Handels werden der Abfahrt des ersten Reichspostdampfers beiwohnen und ihm offiziell eine glückliche Fahrt wünschen. Ihnen anschließen werden sich alle Kreise im deutschen Reiche, denen das Interesse von Handel und Industrie am Herzen liegt, mit dem Wunsche, daß die auf die Errichtung der Postdampferlinien gesetzten Hoffnungen sich im vollen Umfang erfüllen mögen.

Der Pränumerations-Preis für das Quartal beträgt: a) bei der Post, frei ins Haus . . . .

b) bei unserer Kirchhainer Agentur, frei ins Haus...........

Wöchentliche Beilagen: Amtlicher Anzeiger f. d. Kreise Marburg «. Kirchhain. - Illustriertes Sonntagsblatt

Expedition: Markt 21. Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Ang. Koch.

vor. Als Grund für die Errichtung der Reichsdampfer­linien wurde in erster Reihe die Förderung des über­seeischen deutschen Handels angegeben; es wurde die Hoff­nung ausgesprochen, eine schnelle und gesicherte Verbindung werde den deutschen Kaufleuten in den fernen Ländern weitere Absatzquellen eröffnen, die gesteigerte Ausfuhr aber wieder der ganzen heimischen Jndusttie zugute kommen. Hit Zahlen ließen sich diese Ausführungen zwar nicht belegen, es blieben immer nur Hoffnungen und Vermu­tungen, wie sich denn auch bei keinem derartigen Unter­nehmen ein bestimmter Gewinn voraussagen läßt, und dar­über kam es im Reichstage zu langen Auseinandersetzungen. Schließlich fand die Dampferlinie nach Ostasien ziemlich allgemeine Zustimmung, die australische Linie sand zwar lebhaften Widerspruch, wurde aber doch angenommen, die afrikanische Linie hingegen abgelehnt. Bei der ausge­schriebenen Submission erhielt die bekannte großartige DampfergesellschaftNorddeutscher Lloyd" in Bremen den Zuschlag, die infolgedessen ihre schon bisher stattliche Dampferflotte noch bettächtlich vermehrte, und nunmehr wird der erste HauptdampferDie Oder" die Reise nach Ostasien antreten, nachdem die Anschlußdampfer bereits vorausgegangen sind. Insgesamt sollen in die ostasiatische Linie die DampferOder",Neckar",Preußen",Bayern", Sachsen", in die australische Linie die DampferSalier", Habsburg",Hohenstaufen",Hohenzollern",General Werder" eingestellt werden. Die Verbindung zwischen China und Japan bewirkt der AnschlußdampferStettin", zwischen Sydney und den Samoainseln der Dampfer Lübeck". Als Anschlußdampfer im Mittelmeer (Triest- Brindisi-Alexandrien) dienen die DampferBraunschweig" undNürnberg".

Es ist allgemein anerkannt, daß besonders in Ostasien der deutsche Handel von bedeutendem Umfange ist; diesem wird also die schnellere Verbindung namentlich zu Gute kommen. Die deutschen Kaufleute konkurrieren dort erfolgreich mit Franzosen und Engländern, was auch von diesen Nationen, selbst von englischen Ministern im Par­lament, unumwunden eingestanden worden ist. Wie groß der Nutzen sein wird, welchen die neuen Linien bringen, läßt sich natürlich nicht sagen, jedes Unternehmen braucht Zeit, um die richtige Würdigung zu finden, und auch die neuen Dampferlinien werden ihre Probezeit auszuhalten haben. Wir hoffen, daß sie sich bewähren werden, wie sich immer bisher die deutsche Marine bewährt hat. Die Oder", welche den Reigen eröffnet, ist ein stattliches Schiff, 351 Fuß lang, breit (größte Breite) 40 Fuß, und tief 32 Fuß englisch. Es führt zwei eiserne Pfahlmasten und besitzt 4 Decks, die innere Einrichtung der Passagier­räume ist vorzüglich und bietet jede Bequemlichkeit. Die ostasiatische Linie geht bis Shanghai, wo die Verbindung mit den Anschlußdampfern erfolgt. Angelegt wird unter­wegs in Antwerpen, Port Said, Aden, Singapore, Hong- dcS Mannes, den sie einst wohl treu und innig geliebt, jedoch bald als den unverbcsserliche» Trunkenbold und Spieler eikannt hatte, war schon längst zu einem Dasein voller Qual und Leid für sie gewordcn. Als sie fast alles vorrätige Geld vermißte, zweifelte sie keinen Augenblick länger, daß sie ihren Mann nie mehr Wiedersehen werde. Was sie nun zu thun hatte, war ihr auch klar: die Wirtschaft warf den Unterhalt für sie und ihre beide» Kinder reichlich ab; sie wollte diese daher fürs Eiste weiter führe». Doch noch Eins bedrückte das Gewissen der atmen Frau: sie mußte jene beiden Freuten zu finden suchen, welche am Abend zuvor das Kind abgeholt hatten, mußte ihnen sagen, daß das ja nicht das rechte Kind sei. Jetzt, da Rode fort, konnte ste es auch thun, ohne ihn in Gefahr zu bringen; außerdem hatte sie ja das ganze heimathliche Dors znm Zeugen, daß ihr Pflegekind das natürliche Kind eines Mädchens von dort, der Anue-Marie gewesen. Sie konnte es nicht über ihr im Grunde ehrliches Herz bringen, den Vater des geraubten Kindes mit der namenlosen, armen Waise zu täuschen, die sie bisher erzogen hatte. Als der fremde Herr am Abend zuvor das Kind so herzinnig um­armte uud an feine Brust drückte, da hatte fies schon ge­drängt zu sagen, daß zwischen den Beiden kein Band be» stände; nut bet Gebauke, daß sie babnrch ihren Mann ins Verberben stürzen werbe, hielt sie zurück. Sie sah inbesseu ein, wie schwierig es für sie fein werbe, bet Mahnung ihres Gewissens gerecht zu werben, auch wollte sie »och einige Zeit vergehen lassen, bis ihr Mann sich in Sicherheit gebracht hatte; bann hoffte sie auch auf des Zufalls Hülfe, bet sie doch einmal mit dem Polizeibeamten zufammenführen würde.

Etwa vierzehn Tage nach Rodes Verschwinden hat eines Morgens Rabe bei ihr ein. Seine Züge waren verstört, finster. Sie konnte sich denken, was ihn zu führte, verlor jedoch nicht ihre Fassung; sie wußte ja, daß Rabe das Kiud

Erscheint täglich außer an Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Quartal« Abonnements-Preis bei der Expedition 2'/« Mk.. bei den Postämter 2 Mk. 50 Bfg. (excl. Bestellgeld). Jnsertionsgebühr für die gesvaltene Zeile 10 Psg. Reklamen für die Zeile 25 Pfg.

Deutsches Reich.

Berlin, 29. Juni. Fürst Bismarck ist heute mittags nach Schönhausen gereist. Für die Umgestaltung des Freiwilligenwesens tritt ein Artikel derDeutschen Heeres- zeitung' ein. Die Einjährig.Freiwilligen-Berechtigung möge man nur den Abiturienten zuerkennen, dagegen als Andert­halb- oder Zweijährig-Freiwillige diejenigen zulaffen, welche das Reifezeugnis einer Bürgerschule oder die Reife für Tertia besitzen. Man könne dieselben am 1. Oktober ein­stellen und bei entsprechender militärischer Führung im zweiten Jahre während des Winterhalbjahres beurlauben. Das Winterhalbjahr könne im Militärdienst infolge der ungünstigen klimatische,r Verhältnisse doch vorzugsweise nur benutzt werden, um das im ersten Jahre Erlernte zu befestigen. Man möge die Zweijährig-Freiwilligen in be­sonderen Rekrutenabteilungen ausexerzieren und in be­sonderen Stuben der Kaserne zusammenlegen. Gegen Ent­richtung des entsprechenden Servises hätten sie dort zu wohnen und auch an einem besseren und kräftigeren ge­meinschaftlichen MittagStische teilzunehmen. Infolge der Zunahme der allgemeinen Bildung und Wohlhabenheit würde in kurzer Zeit bis zwei Fünftel aller zur Ein­stellung gelangenden Rekruten von der Vergünstigung, nur anderthalb oder zwei Jahre zu dienen, Gebrauch machen. Der jetzige unnatürliche Zudrang zu dem Beamten- und Kaufmannsstande werde abnehmen, wenn man die Militär­berechtigung schon bis zum 15. Lebensjahre erlangen könnte und infolge dessen bis zum Diensteintritt noch genügend Zeit zur Erlernung des Berufs, des Handwerks verbliebe. Auch die kriegsmäßige Ausbildung der Mannschaften wie der Führer würde nur gewinnen können, wenn die Kompagnieen int Winter etwas schwächet, int Sommer dagegen stärker wären. Sodann würden sich auch unter den Zweijährig-Freiwilligen manche finden, die zum Reserveoffizier befähigt wären.Die Reserve- und Land­wehroffiziere fungieren int Ernstfälle fast nur in Subaltern­stellungen, eine große Gelehrsamkeit ist dazu weniger nötig, als Pflichttreue und aufopfernde Vaterlandsliebe." Manche

geraubt, zitterte auch keineswegs, diesem Kindesräuber gegen­über Rechenschaft abzulege» über den Verbleib des Kindes. Dabei kam es ihr jedoch nicht in den Sinn, ihm von dem stattgehabten Wechsel in der Person des Kindes, von dem Verlust des wahren geraubten und der Unterschiebung des­jenigen bet Anne-Marie Mitteilung zu mache«, weil sie überzeugt war, baß Rabe alSbanu sicher auf irgend einen neuen Schmkeuftteich beuken uud bieseu auch zur Ausführung bringen würbe.

»Wo ist Euer Manu?- fragte Rabe einttetenb, uud seinen unstäten, lauernbett Blick auf bie Frau richtend.

»Da fragen Ste mehr, als ich beantworte» kann," ent­gegnete sie ganz ruhig.

Wie?" fuhr Rabe zornig auf,Sie wollen nicht wissen, wo Ihr Mann ist da wissen Sie wohl auch nicht, was aus dem Ihnen anverttavteu Kinde geworden wie?!"

O ja, das Kind ist da, wo es hin gehört," sagte die Wirtin, eS ist Dem zurückgegeben, dem Sie es leider mit Hülfe meines unglücklichen Mannes vor zwei Iahten raubten! . . Sie haben meinen Mann dahin gebracht," fuhr sie erregtet fort,daß ihm nichts übrig blieb als zu flüchten, und ich glaube, baS bürste auch Ihnen zu raten fein!"

Was konnte Rabe erwidern? Er fühlte und wußte daß bie Frau Recht hatte. Er begnügte sich bamit, ihr einen vernichtenben Blick zuzuschleudern und ohne ein einziges weiteres Wort den Rückzug anzutteien. An demselben Morgen hatte er von der alten Gräfin Biela bie ihn nicht , wenig bestürzende Nachricht empfangen, baß ihr Sohn sein Stab wiedergefunden habe. Diese Mitteilung hatte alle seine Träume von reichem Gewinn über den Haufen ge­worfen und die Goldgrube, aus bet et bislang geschöpft, mit einem Schlage gewaltsam verschüttet.

(Fortsetzung folgt)