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Marburg, Mittwoch, 30. Juni 1886.

XXI. Jahrgang.

ErsSeint täglich außer an Werktagen noch Sonn- und Feiertagen. — Quartal» Abonnements-Preis bei der Expedition 2*/t Ml., bei den Postämter 2 Ml. 50 Pfg. (excl. Bestellgeld). JnsertionSgebübr für die ßaltene Zeile 10 Pfg. amen für die Zeile 25 Pfg.

WerMlhe Jritiinii.

Anzeigen nimmt entgegen die Expedition d Blatte-, sowie d.Annoncen-Bureaux von Haasenstein undVogler in Frankfurt a. M-, Cassel, Magdeburg und Wien; Rudolf Messe in Frankfurt a M-, Berlin,München und Köln; G. L. Daube und Co. n " rankturt a. M-, Berlin, Ha notier u.Paris.

Wöchentliche Beilagen: Amtlicher Anzeiger f. d. Kreise Marburg u. Kirchhain. - 3

Expedition: Markt 21. — Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Aug. Koch.

Sogar das Abgeordnetenhaus ist in letzter Zeit wiederholt beschlußunfähig gewesen und wird hoffentlich heute oder morgen auch seine Sitzungen schließen.

Der Reichstag hat übrigens auch einen harten Winter gehabt; seit dem 15. November war er mit verschiedenen Unterbrechungen versammelt, hat 95 Plenarsitzungen und 273 Kommissionssitzungen abgehalten und 22 Gesetzent­würfe erledigt. Als eins der erfreulichsten Resultate ist das endliche Zustandekommen des Pensionsgesetzes für die Reichsbeamten und Offiziere. Außer der Ausdehnung der Kranken- und Unfallversicherung auf die landwirtschaft­lichen Arbeiter hat die Session auf sozialem Gebiete leider keine Reformen gezeitigt. Sowohl die Regelung der Sonn­tagsruhe, der Dauer des Arbeitstages, des Befähigungs­nachweises beim Handwerk sind unerledigt geblieben. Seit den Verhandlungen über die Polenausweisungen ließ der Kanzler dem Reichstag seinen Zorn fühlbar werden, und seine Verhandlungen erreichten nicht wieder die Bedeutung und das Interesse früherer Sessionen. Viel trugen auch dazu die kirchenpolitischen Verhandlungen im preußischen Landtage bei, welche das Interesse in erhöhtem Maße in Anspruch nahmen. Erst die Branntweinsteuervorlage brachte wieder Leben in die Reichstagsverhandlungen, ohne aber eine Frucht zu zeitigen, das Monopol wurde abgelehnt. Die späteren Vorlagen trafen schon in der Kommission ein gleiches Schicksal, so daß dieselben gar nicht mehr im Reichstage zur Verhandlung kamen. Hoffentlich gelingt es im nächsten Winter, nachdem nun der Kulturkampf mit seiner verbitternden Wirkung der Hauptsache nach be­seitigt ist, dem Reichstage wie er eine fruchtbarere Thätig- keit in Bezug auf die großen Aufgaben der Zeit, wie die Sozial- und Steuerreform — zu entfalten. Freilich wird das wieder die letzte Session vor den neuen Wahlen sein — und erfahrungsgemäß üben diese immer auch einen läh­menden Rückschlag auf die Arbeiten des Parlaments. So schleppen sich die größten Aufgaben fort von Session zu Session und der Parlamentarismus, von dem man so viel Förderung erwartete, erweist sich gar oft geradezu als ein Hemmschuh des notwendigen Fortschritts — wenn es nicht hervorragenden Persönlichkeiten gelingt, außerhalb wie innerhalb des Parlaments mit Hilfe der öffenllichen Mei­nung den Dingen eine solche treibende Kraft einzuflößen, daß das Parlament ihr nicht länger widerstehen kann.

Deutsches Reich.

Berlin, 28. Juni. Die Kaiserin empfig in Koblenz den Besuch des Königs von Dänemark und des Prinzen Johann von Schleswig-Holstein-Sonderburg-Glücksburg. — Fürst Bismarck ist Sonnabend Abend auf dem Stettiner Bahnhof in Berlin von Varzin angekommen. Laut der „Straßb. Post" ist auf der Saliue zu Kissingen bei Oekonvmierat Streit endgültig Wohnung für den Fürsten bestellt worden. Die Abreise nach Kissingen soll demnächst

erfolgen. — Die vereinigten Ausschüsse des Bundesrats für Eisenbahnen, Post und Telegraphen, und für Justiz­wesen, sowie der Ausschuß desselben für Justizwesen, ferner die vereinigten Ausschüsse für Zoll- und Steuerwesen und für Handel und Verkehr, sowie der Ausschuß für Zoll- und Steuerwesen hielten heute Sitzungen. — In der „Bas. Handelsztg." lesen wir: lieber die wirtschaftliche Entwicklung Deutschlands in den Jahren 1861 bis 1886 veröffentlicht der deutsche Handelstag eine überaus interessante Zusammenstellung, deren Schlußergebnis im Folgenden auszugsweise mitgeteilt wird, da es ein Bild von der ge­waltigen Entwicklung der deutschen Wirtschaft auf einigen ihrer wichtigsten Gebiete im letztverfloffenen Vierteljahr­hundert, resp. seit Begründung des Deutschen Reichs giebt. Die Zunahme der Produktion, die Ausdehnung des Handels und Verkehrs, die fortdauernde Steigerung der gesamten wirtschaftlichen Thätigkeit des deutschen Volkes geht aus diesen Zusammenstellungen hervor. Der Wirtschaftsbetrieb nimmt einen immer größeren Umfang an und wird täglich intensiver. Setzt man das Anfangsjahr der betreffenden Statistik gleich 100, so ergeben sich für die Endjahre folgende Verhältniszahlen: Volkszahl 124.1; Steinkohlen- förderung Menge 412,5, Werl 374,8; Roheisen Er­zeugung Menge 717,1, Wert 282,0; Rohrzuckerproduktion 602,3; Biergewinnung im Deutschen Reich 128,4, im Reichs-Steuergebiet 152,8; Gesamteinfuhr in den freien Verkehr Menge 190,7, Wert 131,2; Eisenbahnlänge 214,3; Eisenbahn-Anlagekapital 274,4; Zahl der Post­anstalten im ganzen Reich 167/'; Zahl der Telegraphen- Anstalten im ganzen Reich 225,4; Porto-Einnahmen 151,1; Telegrammgebühren 183,7; Güterverkehr auf den großen Strömen und Kanälen: in Schandau (Elbe) 416,8, in Hamburg (von der Ober-Elbe) 4226, in Berlin (Spree« 171,0, in Emmerich (Rhein) 653,2, in Mannheim (Rhein) 271,2, in Eberswalde (Finow-Kanal) 143,7, in Küstrin «Oder) 511,0; Seeverkehr in den deutschen Hafenplätzen: Ladung der angekommenen Schiffe überhaupt 156,5, Ladung der Dampfschiffe 203,8, Ladung der abgegangenen Schiffe überhaupt 165,1, Ladung der Dampfschiffe 198,9; Roheisenverbrauch 341,3; Steinkohlen­verbrauch 155,6; Braunkohlenverbrauch 177,5, Petroleum­verbrauch 141,8; Farbholzverbrauch 233,3; Baumwoll­verbrauch 343,6; Juteverbrauch 3276,7 und Chilisalpcterver- brauch 674,1. — Der „Reichsanz." veröffentlicht die Verlänge­rung des kleinen Belagerungszustandes über Leipzig um 1 Jahr. — Der Schluß der Landtagssession wird voraussichtlich ani nächsten Mittwoch erfolgen. — Der deutsche Bot­schafter in Rom, Baron von Keudell, der vorgestern hier eintraf, wurde heute nachmittag vom Kronprinzen im Neuen Palais bei Potsdam empfangen und später von den kronprinzlichen Herrschaften mit einer Einladung zur Tafel beehrt. — Die Minister v. Puttkamer, Dr. v. Goßler und Dr. Lucius sind von ihren Dienstreisen zurückgekehrt.

um bevorstehenden dritten Quartal ersuchen wir die Bestellungen aus die Oberhessischc Zeitung nebst deren wöchentl. Gratisbeilagen: Amtl. Anzeiger für die Kreise

Marburg und Kirchhain

und

Illustriertes Sonntagsblatt, soweit dieselbe durch die Post bezogen wird, recht bald bei der Post wieder er­neuern zu wollen, damit in der Ueber- sendung keine Unterbrechung stattfindet.

Für unsere Abonnenten in der Stadt Kirchhain haben wir eine Agentur bei Herrn Buchbinder Rindt daselbst errichtet, bei dem dieselben ihre Be­stellungen ges. machen wollen.

Bestellungen für hiesige Stadt sind an unsere Expedition oder auch an unsere Träger zu richten.

Der Präuumeratioiis - Preis für das Quartal beträgt: a) bei der Post, frei ins Haus .... Mk. 2.90 b) bei unserer Kirchhainer Agentur, frei ins

Haus...........„ 2.60

c) desgl. bei unserer Erpedition . . . „ 2.25,

Der Reichstag

ist am Sonnabend ziemlich unerwartet geschlossen worden; die Kaiserliche Botschaft, welche den Schluß ausspricht, trägt zwar das Datum des 24. Juni, allein noch während der Sitzung war nichts davon bekannt, im Gegenteil er­wartete man allgemein, daß der Reichskanzler Montag in den Reichstag kommen werde, um noch einmal für die Branntweinsteuer zu sprechen. Um so angenehmer war die Ueberraschung, als gegen Ende der Sitzung der Staats­sekretär v. Bötticher dem Präsidenten die Kaiserliche Bot­schaft überreichte, durch welche der Reichstag geschloffen wurde. Wenn einmal die zweite Hälfte des Mai heran­gekommen ist, lassen sich die Parlamente nicht mehr zu­sammenhalten und man sollte sich so einrichten, daß sie dann geschlossen werden könnten. Nachher sind sie — auch das Abgeordnetenhaus — nicht mehr zusammenzuhalten.

Geschichtskalender.

30. Juni.

1522. Johann v. Reuchlin (geb. den 28. Dezbr. 1455 zu Pforzheim) stirbt zu Stuttgart.

1660. Wurde in Cassel ein Sodomit, ein Kuhhirt ans Ehlen, samt der Kuh durch Feuer hingerichtet. Tas Beibrechen war damals etwas seltner, als selbst heut zu Tage, wurde aber regelmäßig, wie es sein soll, mit dem Tode bestraft.

1866. Die Hannöversche Armee ergiebt sich bei Langen­salza dem Preußischen Kommandeur Bogel v. Falkenstein.

Im Schatte« des Lebens.

Roman von P. Felsberg.

(Fortsetzung.)

Rode sah sich verloren; er fühlte, daß Alles aus sei und es für ihn jetzt keinen andern Ausweg des Heils mehr gebe, als ein renmüthiges Geständnis. Er überlegte eben, daß es für ihn wohl am besten sein würde, die Hauptschuld von sich ab und auf seinen Complicen Rabe zu wälzen, als seine Frau, von dem lauten Gespräch der letzten Augenblicke angezogen, in der Thüre erschien. Befremdet betrachtete sie zuerst das verstörte Gesicht ihres Mannes, dann die beiden Fremden. Die Situation schien ihr einigermaßen klar zu werden, als der Wirt sie jetzt in rauhem barschen Tone aufforderte, das Kind herbeizubringen. Sie erblaßte und verlreß das Zimmer, kehrte jedoch bald genug mit dem Kind auf dem Arm ins Gastzimmer zurück. Der Graf ging ihr entgegen, nahm ihr das Kind ab und drückte es unter unaufhaltsam seinen Augen entströmenden Thränen an feine Brust. Es war ei» zartes, kleines Ding, und sein schmales, blasses Gesichtchen war mit ängstlichem Ausdruck nach Fran Rode gerichtet, der es auch beide Aermchen zu­streckte.

Die Kleine war sehr reinlich gekleidet, was auf den Grafen einen wohlthuenden Eindruck machte; die Pflege­mutter schien mit Liebe und Sorgfalt über ihren Schützling gewacht zu Haden. Lange blickte Alfred in das Kinderge­sichtchen; er schien darin nach einem Zuge von Aehulichkeit mit seiner Heimgegangenen, ihm unvergeßlichen Emilie zu suchen; — doch das Antlitz der Kleinen war so bleich und schien so leidend, daß er vergeblich nach einer Aehulichkeit mit seiner jugendfrischen und engelschönen Gattin forschte. Während Alfred ganz mit dem Anschauen und Liebkosen seines — so glaubte er natürlich — nun endlich wiederge- funbenen Kindes beschäftigt war, hatte Herr Schölte mit dem Wirt ein umständliches Verhör über die Art und Weise, wie Jener in den Besitz des Kindes gelangt, vorgenommen. Rode hatte genau das Datum des Raubes angegeben und gesagt, daß Rabe ein Bekannter von ihm, ihm das Kind übergeben, er jedoch nichts von einem Raube gewußt habe. Schölte gab sich den Anschein, als schenke er seinen Unschulds- Beteuerungen Glauben.

Als Fran Rode sah, um was eS sich Handelle, daß man ihr nun das Kind, für welches sie so lange wie eine Mutter gesorgt hatte, nehmen moste, füllten sich die Augen der guten Fran mit Thränen und schluchzend küßte sie wiederholt die Kleine, die erstaunt und unruhig bald auf Frau Rod-, bald auf die fremden Männer blickte.

Auf des Grafen Wunsch hatte Scholle eine Droschke herbeigerufen und bald saßen die Beiden mit dem Kinde darin, welches unter den zärtlichen Worten und Liebkosungen des Grafen seine Scheu und Aengstlichkeit verlor und sich fest an ihn schmiegte. Herr Schölte hatte es übernommen, dem Grafen eine ordentliche, zuverlässige Fran als Wärterin für das Kind zu besorgen, die mit ihm die Reise nach Friedenau zu seiner Tante und Schwester machen sollte.

Wie unendlich glücklich fühlte sich Alfred, endlich fein

Kind, das Vermächtnis seiner unvergeßlichen Emtlie, wieder- gesunden zu haben; wie erfreute ihn jedes Wort, das die Kleine lallte, und wie war et bemüht, die Aengstlichkeit zu verscheuchen, welche das Kind in den ihm so fremden Räumen empfand! — Als es schon längst schlief und er der Wärterin die nötigen Instruktionen wegen der auf den nächsten Morgen bestimmten Abreise gegeben hatte, zog es ihn immer wieder nach der improvisierten Kinderstube hin, wo er mit glücklichem Lächeln auf das bleiche Gesicht blickte, das von dunkeln Locken umschattet war.

„Mit Gottes Hälfe/ sprach er halblaut, „sollen auch auf diese Wangen die Rosen zurückkehren l“

Alfred hatte ein Billet an Waldemar Heimbeck gesandt und ihn für denselben Abend nm einen Besuch gebeten, der auch nicht lange auf sich warten ließ. Der Graf teilte ihm das glückliche Wiederfinden seines Kindes mit und bat ihn dringend um feine Begleitung nach Schloß Friedenau. — Waldemar zögerte mit der Zusage, doch nickt lange: die Sehnsucht nach der Geliebten war stärker, als es die stolzen Vorsätze sein konnten, die er gefaßt hatte. Am andern Morgen saß er mit Alfred, dem Kinde und dessen Wärterin in des Grafen Reisewagen, der den glücklichen Vater seinen Lieben zuführen sollte.

XIX.

Vollkommen ernüchtert durch den Schreck und die aus­gestandene Angst, rannte Rode durch das Zimmer, nachdem Graf Biela und Herr Schölte sich mit dem Kinde entfernt hallten. Seine Frau meinte noch immer und begann in vorwurfsvollem Tone: „Ich Habs ja immer getagt, daß Dein Trinken uns noch einmal ins Elend bringen wird!„

„Schweig, Weib!" donnerte Rode sie jetzt an. @r raufte sich das Haar und warf sich dann auf einen Stuhl. „Rabe!" rief er halb in Verzweiflung: „was wird Rabe sagen?!* Der Mann war vollständig vernichtet; nicht allein der Verlust