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Marburg, Dienstag, 29. Juni 1886.
XXI. Jahrgang.
Erscheint tSglich außer an Werktagen nach Sonn-und Feiertagen. — Quartal» LbonnementS-Preis bei der Expedition 21/* Ml-, bei de» Postämter 2 Mk. 50 Ma. (ejd. Bestellgeld). JnsertionSgebühr für die gespaltene Zeile 10 Pfg. Reklamen für die Zeile 25 Pfg.
WchrUlhe jritung.
Anzeigen nimmt entgegen die Expedition d BlatteS, sowie d. Annoncen- Bureaux von Haasenstein undVogler in Frankfurt a. M , Gaffet, Magdeburg und Wien; Rudolf Moffe in Frankfurt a M-, Berlin,München und Köln; ®. L. Daube und ko. n Frankfurt a. M., Berlin, Ha notier u. Paris
Wöchentliche Beilagen: Amtlicher Anzeiger f. d. Kreise Marburg u. Kirchhain. - Illustriertes Sountagsblatt.
Expedition-. Markt 21. — Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Aug. Koch.
Dum bevorstehenden dritten Quartal ersuchen wir die Bestellungen auf die Oberhessische Zeitung nebst deren wöchentl. Gratisbeilagen: Amtl. Anzeiger für die Kreise
Marburg und Kirchhain
und
Illustriertes Sonntagsblatt, soweit dieselbe durch die Post bezogen wird, recht bald bei der Post wieder erneuern zu wollen, damit in der Ueber- fendung keine Unterbrechung stattfindet.
Für unsere Abonnenten in der Stadt Kirchhain haben wir eine Agentur bei Herrn Buchbinder Rindt daselbst errichtet, bei dem dieselben ihre Bestellungen gef. machen wollen.
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Deutsches Reich.
Berlin, 26. Juni. Fürst Bismarck ist von Varzin hierher zurückgekehrt. — Der Reichskanzler publiziert die Ausführungsbestimmungen zum Gesetze vom 25. Februar 1876 über die Beseitigung von Ansteckungsstoffen bei Viehbeförderung auf Eisenbahnen. — Im Bundesrat stößt ganz im Gegensatz zu der Auffassung der „Nat.-Ztg." der Antrag auf Bewilligung von 3 Millionen Neichszuschuß zu der nationalen Gewerbeausstellung im Jahre 1888 auf große Bedenken, nachdem die rheinischen und die sächsischen Handelskammern sich gegen die Ausstellung erklärt haben. — Römischen Nachrichten zufolge ist ein päpstliches Rundschreiben an den deutschen Episkopat bevorstehend. Die preußischen Bischöfe werden wahrscheinlich am 10. August in Fulda zu einer gemeinsamen Beratung zusammentreten. —. Eine vom „ Justizministerialblatt" publizierte Uebersicht
über die Thätigkeit der Schiedsmänner im Jahre 1885 ergibt für die 13 Bezirke des Oberlandesgerichts (Berlin, Breslau, Caffel, Celle, Köln, Frankfurt a. M, Hamm, Kiel, Königsberg, Posen, Stettin) eine Gesamtzahl der Schiedsmänner von 18091 (gegen 18007 im Vorjahre). Auf bürgerliche Rechtsstreitigkeitcn entfielen im ganzen 43 227 Sachen (gegen 52 783 im Vorjahre), von denen 23 536 (29132 im Vorjahre) durch Vergleich ihre Erledigung fanden. Auf Beleidigungen und Körperverletzungen entfielen 198088 Sachen (204720 im Vorjahre >, von denen 72 745 (74 745 im Vorjahre) durch Vergleich erledigt wurden. — Die „Nordd. Allgem. Ztg." erteilt in ihrem heutigen Leitartikel dem Verein der Spiritusfabrikanten einen offiziösen Rüffel, weil es in seinem letzten Rundschreiben heißt: „Die Reichsregierung hat unsere gerechten Beschwerden unberücksichtigt gelassen und Hülfe versagt. Der Bundesrat muß die Steuerkredite um 3 Monate verlängern." Diese Sprache erinnere an die der Sozialdemokraten, denen jedes Mittel recht sei, die verhaßte staatliche Ordnung zu unterminieren. Was solle man aber sagen, wenn Gutsbesitzer, die die monarchische Gesinnung jeder Zeit im Munde führen, die Bevölkerung derartig agitatorisch und ungerechtfertigt gegen die Regierung aufhetzen? Es seien falsche Freunde der Landwirtschaft, die diesen Ausruf unterzeichnet haben. — Demselben Blatt wird über den Besuch des deutschen Kreuzergeschwaders in Tonga (Südsee) gemeldet: Der König empfing den Admiral in herzlichster Weise In der offiziellen Ansprache an den König hob der Admiral hervor, die Sendung des Geschwaders sei ein Zeichen der freundschaftlichen Gefühle Deutschlands für Tonga; die Unabhängigkeit und das weitere Gedeihen Tongas nehmen nach wie vor das Interesse der deutschen Regierung in Anspruch. Auf diese Aeußerung, welche mit sichllicher Freude ausgenommen wurde, erwiderte der König, daß er in Deutschland stets einen treuen und wirksamen Schutz gefunden habe und daß ihn das lebhafteste Dankesgefühl gegen den Herrscher des mächtigen Reiches bis an sein Lebensende begleiten werde.
Eisenach, 24. Juni Heute wurde die von zwei zu zwei Jahren zusammentretende Konferenz von Abgeordneten deutscher evangelischer Kirchenregierungen durch einen feierlichen Gottesdienst in der Kapelle der Wartburg eröffnet. Derselbe erhielt eine besondere Bedeutung dadurch, daß heute der Landesherr, welcher der Konferenz in seinem L-chlosfe gastliche Aufnahme gewährte, seinen Geburtstag feierte. Die Predigt hielt der Präsident des protestantischen Oberkonsistoriums in München, Dr. von Stählin, über Eph. 2, 19—22 Zu der Konferenz sind abgeordnet für Preußen (ältereLande): Oberkonsistorialrat Professor Dr. Freiherr v. d. Goltz, Oberkonsistorialrat Schmidt und Oberkonsistorialrat, Hof- und Domprediger Bayer, allerseits in Berlin; Preußen (neuere Lande): Konsistorialpräsident Weyrauch in Cassel, Konsistorial-
präjident Mommsen in Kiel, Präsident des königl. Landeskonsistoriums in Hannover, Dr. Mejer, und Oberkonsistorialrat Abt Dr. Uhlhorn in Hannover; Oesterreich: der weltliche Rat Augsburgscher Konfession im k. k. evangelischen Oberkirchenrate, jur. Dr. Eugen von Trauschenfels zu Wien; Bayern (diesseits des Rheins): Präsident des königl. bayerischen protestantischen Oberkonsistoriums Dr. v. Staehlin und Oberkonsistorialrat Günther, beiderseits zu München; Bayern «jenseits des Rheins): Konsistorial- rat Risch zu Speyer; Königreich Sachsen: Präsident des evangelisch-lutherischen Landes-Konsistoriums Geheimer Rat von Berlepsch und Vizepräsident desselben, Oberhofprediger Dr. Kohlschütter zu Dresden; Württemberg: Konsistorial- Direktor von Schickhardt und Prälat Dr. von Müller, beiderseits zu Stuttgart; Baden: Prälat Dr. Doll zu Karlsruhe; Hessen: Prälat Dr. Habicht zu Darmstadt; Großherzogtum Sachsen: Oberhofprediger Geh. Kirchenrat Dr. theol. Hesse und Regierungsrat Dr. jur. Kuhn, beiderseits zu Weimar; Oldenburg: Geheimer Kirchenrat und Oberhofprediger Hansen zu Oldenburg; Mecklenburg- Schwerin: Konsistorialrat Superintendent Dr. Polstorff zu Güstrow; Braunschweig: Konsistorialrat Abt Dr. Sallentien zu Wolfenbüttel; Sachsen-Meiningen: Oberkirchenrat Geldner zu Meiningen; Sachsen - Altenburg: Konsistorialrat Generalsuperintendent Dr. Rogge zu Altenburg ; Sachsen - Koburg - Gotha: Staatsrat Gebhardt und Generalsuperintendent Kretschmar, beide von Gotha; Anhalt-Dessau: Generalsuperintendent Oberhofprediger Teichmüller; Schwarzburg-Sondershausen: Konsistorialrat Keller in Sondershausen; Schwarzburg - Rudolstadt: Generalsuperintendent Hosprediger Dr. Trautvetter zu Rudolstadt ; Reuß (jüngere Linie): Oberkirchenrat Superintendent und Hofprediger Lotze aus Gera; Lübeck: Pastor und Senior Dr. Lindenberg in Lübeck; Hamburg: Senior des Ministeriums und Hauptpastor zu St. Nikolai in Hamburg, Dr. theol. Hirsche; Elsaß-Lothringen (Direktorium der Kirche Augsburgscher Konfession : Ministerialrat Freiherr von der Goltz in Straßburg; evangelisch-reformierte Kirche: Konsistorialpräsident Pfarrer Braun in Metz. Gegenstände der Verhandlung werden sein unter anderen: 1. Die praktische Vorbereitung der Kandidaten der Theologie für das Pfarr- und Schulinspektionsamt, 2. die Verwertung von Kirchenchören zur Hebung des Gottesdienstes, 3. Herstellung eines Melodieenbuches zu dem evangelischen Militärgesangbuche, 4. die Revision der Lutherschen Bibelübersetzung, 5. Verhütung von Kollisionen zwischen verschiedenen Landeskirchen bei Versagung von Konfirmationen und Trauungen.
München, 26. Juni. In der Sitzung des Abgeordnetenhauses sind alle Minister anwesend. Die Tribünen sind überfüllt. Der Referent Bonn beantragt int Namen des Ausschusses, der Regentschaft zuzustimmen. Der Ausschuß habe die Berichterstattung nur beschlossen, um
Geschichtskalender.
29. Juni.
1465. Nahm Ludwig II. Fritzlar in seine Schutzgerechttg- kett aus.
1679. Der große Kurfürst Friedrich Wilhelm schließt mit Ludwig XIV. den Frieden zu St. Germain en Laye, den Schweden bleibt Pommern erhalten.
1684. Brannte die Stadt Naumburg bis auf ein einziges kleines Haus ab.
1815. Napoleon begiebt sich nach Rochefort, um nach Amerika zu entkommen.
1864. Uebergaug der Preußen über den Alfen-Sund; Eroberung von Alsen.
1866. Die Preußen siegen in dem blutigen Gefecht bei Gitschin über die Oesterreicher.
Im Schatten des Lebens.
Roman von P. Felsberg.
(Fortsetzung.)
„Ich erinnere mich,- sagte nun Schölte in leicht erzählendem Ton, „vor einigen Jahren wurde in Bärfelde ein Kind geraubt; ich befand mich gerade damals dort und weiß, daß die Geschichte viel von sich reden machte. Der Vater des Kindes hat eine hohe Summe für dessen Wieder- auffinduug ausgesetzt; da könnte Jemand, welcher Aufschluß über den Verbleib jenes Kindes zu geben vermag, auf einmal reich werden.*
Rode hatte hoch aufgehorcht, doch sein Kopf war zu sehr vom Weine aufgeregt, als daß er hätte Mißtrauen fassen können; außerdem war sein Zechgenosse viel zu natürlich« gutmüthig in seinem ganzen Wesen. Er lauschte indessen dem Geplauder des Ageuteu mit wachsender Aufmerksamkeit.
„Ja,* fuhr Schölte fort, „da wäre ein Geschäftchen zu
machen I — 5000 Thaler ohne Mühe und Arbeit zu verdienen, ist gar nicht so übel."
„5000 Thaler!" fiel ihm Rode ins Wort, auf den diese Summe einen gewaltigen Eindruck zu machen schien.
„Ja, 5000 Thaler baar — der Vater des Kindes ist ein sehr reicher Mann."
„Und wer ist denn der Vater?" fragte Rode gespannt.
„Ja den Namen habe ich vergessen; doch das ließe sich schon ermitteln, wenn es sein müßte. Nun, uns Beiden kann's ja doch zu nichts helfen, wir Beide können ja das Kind nicht herbeischaffen."
„Oho! das kann man nicht wissen,* weinte Rode, dessen Rest von Ueberlegung bei der Aussicht auf einen Gewinn von so ansehnlichem Betrage geschwunden war.
„So, meinen Sie?* fragte Schölte, aufmerksamer werdend. „Na, teilen Sie mir mit, was Sie wissen oder glauben, ich werde dann für das weiter Nötige schon sorgen — natürlich*, fuhr er geheimnisvoll fort, „so ganz umsonst nicht.*
„Weiß der da auch darum?* fragte Rode, und deutete auf den anscheinend fest schlafenden Grafen, dem jedoch fein Wort der in gedämpftem Tone gepflogenen Unterhaltung entgangen war.'
„Nein, der weiß nichts und braucht auch nichts zn wissen*, erwiderte der Agent. „Doch nun lassen Sie hören; was wissen Sie von dem Kinde?*
Rode fuhr mit der Hand durch sein wirres Haar und zögerte nachdenklich.
„Haha!* lachte nun Schotte, „es scheint mir, Sie wisse» auch nicht mehr, als ich; denn wenn Sie wüßten, wo das Kind sich befindet, ließen Sie sicher die Gelegenheit nicht vorübergehen, so leicht 5000 Thaler zu erlangen!"
„Ich weiß, wo es ist*, sagte jetzt mit Bestimmtheit der Wirt, und fetzte dann in gereiztem Tone hinzu: Und wenn
üh^will, kann ich morgen die 5000 Thaler in der Tasche
„So! — Nun, dann ist das Kind wohl nicht weit von hier — am Ende hier in der Stadt?"
„Ja, hier in der Stadt; doch den Namen weiß ich noch nicht — sagen Sie mir doch den Namen des Vaters."
„Hoho, Freundchen, so schnell geht das nicht; erst müssen wir uns über das Geschäft doch klar werden. Ich verlange 1000 Thaler für mich. Seid ihr damit einverstanden, so sage ich Euch den Namen und Ihr sagt mir, wo das Kind ist."
Rode zögerte noch immer; er dachte an Rabe und fürchtete, am Ende selbst des Raubes beschuldigt zu werden. Doch endlich siegte der Gedanke an die 5000 Thaler; warum sollte er auch Rabe zu fürchten haben? — Er war ja nicht mehr von ihm abhängig, wenn er die Summe nahm und daS Kind hergab. Doch das Kind war ja nicht das rechte! .... — Alle diese Gedanken gingen ihm im Kops herum und verwirrten sein ohnehin durch den Wein erhitztes «Sehirn nur noch mehr. Prüfend wandte er den Blick dem Gesichte des gegenüber Sitzenden zu, stürzte ein volles Glas mit einem Zuge hinunter und sagte dann mit schwerer Zunge: „Ich will das Kind schaffen."
„Und wann?" fragte der Agent.
„O — jeden Augenblick!" lallte er, stier seinem Gegenüber in's Gesicht blickend. „Ich brauche nur zu pfeifen, so ist's da!"
Graf Biela nicht im Stande, sich zu beherrschen, war nach diese» Worten aufgesprungen und hielt den Arm RodeS wie mit eisernen Klammern fest, indem er rief: „Sprich, Schurke, wo ist das Kind?!*
Auch Schölte hatte sich erhoben, feine blaue Brille abgelegt und ein rundes Schild, das an einem Kettchen um seinen Hals hing, unter der Weste hervorgezogen, das er