Nr. M3
Marburg, Dienstag, 22. Juni 1886.
XXI. Jahrgang.
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Wöchentliche Beilagen: Amtlicher Anzeiger f. d. Kreise Marburg u. Kirchhain. - Illustriertes Sonntagsblatt.
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Deutsches Reich.
Berlin, 19. Juni. Der Kaiser ist tjeute, abend 10 Uhr 40 Min. nach Ems abgereist. Der Kaiser hat dem Kommandanten und der Besatzung des Kreuzers „Albatroß" für ihr ausdauerndes und braves Verhalten bei den im Bismarck - Archipel stattgefundenen Kämpfen im Februar und März 1886 seine Anerkennung aussprechen lasten. — Die Ankunft unseres Kaisers in Gastein ist, wie ans Wien berichtet wird, für den 18. Juli angesagt. Im August soll auch Fürst Bismarck zum Kurgebrauche dort eintreffen. — Die „Nordd. Allg. Ztg." schreibt: Heber# all in deutschen Landen wird das Unglück Bayerns so schmerzlich empfunden, wie es nur immer der Fall sein kann, wenn das Bewußtsein: „Ein einzig Volk von Bür- dern" die Stammesrivalitäten überwunden hat. Dem bayerischen Volke gebührt das Zeugnis, daß es unter allen den peinlichen Eindrücken die Loyalität bewies, welche aus dem festen Vertrauen auf die monarchischen Institutionen auch die feste Zuversicht schöpft, die Lage siegreich zu überwinden. Den Bayern selbst muß natürlich die Sorge um die Mittel und Wege überlassen bleiben. Aber, wie ganz Deutschland innigen Anteil nimmt an den Schicksalsschlägen, von welchen Bayern betroffen worden ist, so sieht es auch vertrauensvoll der inneren politischen Entwickelung entgegen, welche sich auf dem Boden unerschütterlicher Loyalität vollzieht. — Die plötzlich beschlossene frühere Anberaumung der nächsten Reichstagssitzung auf den 25. Juni soll dem Wunsche entsprechen, die Session möglichst bald zu schließen. Außer einer Rechnungsvorlage stehen auf der Tagesordnung die
Geschichtskalender.
22. Juni.
1467. • Sühne einer wilden Fehde zwischen dem Abt von Fulda und den Riedesel von Eisenbach, wegen der Lehensherrlichkeit über Schloß Eisenbach. In dieser Fehde wurde Alles, was zwischen Lauterbach, Herbstein und Fulda lag, schonungslos ausgebrannt und verwüstet, am schlimmsten das Gericht Moos. Die Sühne hatte indeß keinen langen Frieden zur Folge.
1476. Die Schweizer bereiten Karl dem Kühnen die mörderische Niederlage bei Murten (das Beinhaus von Murten.)
1815. Napoleon stellt zu Gunsten seines Sohnes Napoleon II. eine Thronentsagungsakte aus.________________
Im Schatten des Lebens.
Roman von P. Felsberg.
(Fortsetzung.)
„Nun,'.meinte lächelnd Hedwigs Bruder, „ich glaube, zur Langweile hättest Du keine Muße behalten.'
„Glaubst Du, weil ich nie allein war, hätte ich mich weniger gelangweilt? — Ihr Männer seit ja in dieser Beziehung wett glücklicher und vermögt gar nicht zu beurteilen, waS wir mitunter empfinden. Ihr dürft Euch die Gesellschaft suchen, die Eurem Geschmack zusagt; könnt ungehindert Eure Betrachtungen anstellen, während wir mit lächeludem Mund und freundlichem Blick oft die fadesten Alltäglichkeiten anzuhören nicht vermeide» könne». Herzlich froh bin ich, daß dies nun bald überstanden sein wird und der Frühling uns ein neues, schöneres bringt.'
„Darin stimme ich ganz mit Dir überein, liebes Kind,' bemerkte Frau v. Sternburg; „aber ich halte dafür, daß trotzdem die Mehrzahl der Damen — der jungen sowohl, wie der alten — schon mit Trauer dem Ende der Saison entgegen sieht; und da, glaube ich, kommt eben schon eine lebendige Bestätignug meiner Ansicht,' setzte sie hinzu, als Helene v. Bergen in den Salon trat.
Litterarkonvention mit Großbritannien und die Vorlage über Errichtung eines Seminars für orientalische Sprachen, die beide sehr schnell erledigt sein werden. Man nimmt an, daß am nächsten Tage schon die zweite Lesung der Branntweinsteuer und dann der Schluß der Session stattfinden wird. Die Beratung weiterer Vorlagen gilt in parlamentarischen Kreisen nach wie vor für ausgeschlossen. — Die „Nordd. Allg. Z." bespricht einen Artikel der „Deutschen Kolonialzeitung" über die Entwickelung der deutschen Interessen in der Südsee, in welchem trotz der zur Zeit niedrigen Preise für tropische Produkte eine günstige Entwicklung des Handels prophezeit wird, falls das Reich und die Geschäfts- und Finanzkreise dem neuen deutschen Schutzgebiet Interesse und Unterstützung zu teil werden lassen. Daran knüpft das Blatt folgende Bemerkungen; „Wir dürfen unsererseits hinzufügen, daß. wenn unsere Südsee-Jnteressen vorläufig von dem Reich außer periodischen Entsendungen von Kriegsschiffen und kräftigem konsularischem Schutz kaum bedeutendere Opfer verlangen dürften und dennoch das Südseegebiet bereits heute dem Mutterlande nachweisbaren Gewinn bringt, die Erklärung dafür nahe liegt: In der Südsee ist durch deutsche Kaufleute seit lange und mit bedeutenden Mitteln vorgearbeitet worden, um zu den heutigen Erfolgen zu gelangen. Man kann nicht erwarten, daß anderwärts, etwa in Ost- oder Westafrika Früchte sich werden ernten lassen ohne Arbeit, Geld und Zeit." — Das Künstlerfest im Ausstellungsparke ist wegen der Ungunst der Witterung und mit Rücksicht auf die Gesundheit der Mitwirkenden abermals verschoben worden. Dasselbe soll nunmehr nächste Woche stattfinden, der Tag wird noch bekannt gemacht werden.
Hannover, 16. Juni. (Sechster deutscher Lehrertag.) Der heutigen Hauptverhandlung ging wieder eine Delegiertenversammlung voraus, in der Jnterna^beraten wurden. Von allgemeinem Interesse ist die neue Statistik. Danach zählt der Deutsche Lehrerverein zur Hebung der Volksschule, dessen Vorsitzender Lehrer Thiersch «Berlin) ist, gegenwärtig in 23 Vereinen (die preußischen Provinzialvereine einzeln gerechnet), welche sich in 741 Verbände gliedern, 22 345 Mitglieder. Es gehören demselben an der Landesverein preußischer Volksschullehrer mit circa 18 286 Mitgliedern, in Anhalt der Drobitzer und Zerbstcr Lehrerverein, die Allgemeine Lippesche Lehrerkonferenz, der Hessische Landeslehrerverein mit 2100 Mitgliedern, der Leipziger, Hamburger, Oldenburgische, Birkenfeldische und Bremische Lehrerverein. Auf der Tagesordnung der heutigen Hauptversammlung stand zunächst ein Vortrag des Herrn Helmcke-Magdeburg: „Heber die Stellung des Lehrers in der Schulverwaltung", wozu er folgende Thesen aufgestellthatte: 1. Die verschiedenen Einrichtungen der menfch-
„Was wünschen Sie von mir bestätigt?' fragte Fräulein v. Bergen, indem sie Frau v. Sternburg achtungsvoll be- grüßte und den Geschwistern herzlich zunickte.
„Daß Sie das nun baldige Aufhören der Bälle und Gesellschaften bedauern,' erwiderte die alte Dame lächelnd.
„O, da könnten Sie recht haben! — Ich fand diesen Winter mit seinen Vergnügungen ganz herrlich .allerliebst!' rief Helene, deren Lebensauffassung eine andere, als die ihrer Freundin war.
„Siehst, Du, meine liebe Hedwig!' lächelte die Tante; und sich an Helene wendend, fügte sie herzlich hinzu: „Es freut mich für Sie, daß Sie die Freuden ihres Lebens ge- meßen, wie sie sich bieten; der Jugend gehört die Welt und dieser Welt dürfen nicht die Bälle und Vergnügungen fehlen.'
Graf Biela empfahl sich den Damen, da ein eben ein- getretener Diener ihm eine Karte überreicht hatte; nach einem flüchtigen Blick auf dieselbe hatte er befohlen, den Besucher auf sein Zimmer zu führen. Dort angelangt, fand Alfred einen ältlichen, kleinen, hageren Herrn, dessen Aeußeres in ihm einen Unterbeamten vermuten ließ. DaS einzig Auffallende an dem Manne war eine Brille mit ungewöhnlich großen blauen Gläsern, welche die Augen so vollständig verdeckten, daß deren forschender Blick von Niemand bemerkt werden konnte. t
Freundlich hatte der Graf die Begrüßung deS kleinen Mannes erwidert; er lrkd ihn ein, Platz zu nehmen und fragte dann mit einiger Spannung: „Nun, waS bringen Sie für Nachrichten, Herr Schölte?'
„Ich bedauere, Herr Graf, Ihnen nur wenig Neues mitteilen zu können; trotz meines Eifers, der Ihnen ja wohl bekannt ist, konnte ich Wesentliches bis jetzt nicht ermitteln. Doch kann ich Ihre Vermutungen insofern bestätigen, als Rabe in der Thai noch mit der Fran Gräfin in Verbindung steht. Er correspondiert mit ihr und erhielt schon wieder- holt nicht unbedeutende Geldsummen auS Schloß Bolkensteiu.'
„So hat mich meine Ahnung doch nicht betrogen!' sagte Alfted halb für sich; daun wandte er sich lebhaft zu dem
lichen Gesellschaft erfahren nur dann eine wesentliche Förderung durch Beaufsichtigung und Leitung, wenn dieselbe eine fachmännische ist. Daher verlangt das Interesse der Volksschule, daß jede auf den Hnterricht bezügliche Schulinspektion ausgeübt werde, nicht im Nebenamte und nur von Schulmännern, welche eine allgemeine und pädagogische Bildung besitzen und in der Volksschulpraxis als Lehrer sich bewährt haben. 2. Jede Berufsthätigkeit gelangt durch Beseitigung äußerer Hemmnisse zu erfolgreicher Entfaltung. Daher verlangt das Interesse der Volksschule neben einer angemessenen sozialen Stellung des Lehrers eine Beseitigung seiner Ausnahmestellung bezüglich der Rechte und Pflichten in Staat und Gemeinde. 3. Die in verschiedenen Staaten Deutschlands gültigen Bestimmungen fordern eine stimmberechtigte Beteiligung des Erziehungswefens kundiger Männer an der Schulverwaltung in den Gemeinden. Das Interesse der Volksschule verlangt eine Ausführung dieses Grundsatzes in der Weise, daß, gleich wie andere an der Schule beteiligte Faktoren ihre Vertreter selbst ernennen, die Lehrer aus ihrer Mitte eine Anzahl, von Mitglie'ern, deren Zahl nicht weniger als ein Fünftel sämtlicher Vertreter betragen darf, für die Schulverwaltungskörper in den Gemeinden, wie auch in größeren Verbänden selbst wählen." An den mit lebhaftestem Beifalle aufgenommenen Vortrag schloß sich eine lebhafte Debatte, welche durchgehends die Notwendigkeit der vom Referenten aufgestellten Forderungen konstatierte. Die sämtlichen Thesen und Anträge desselben wurden hierauf en bloc einstimmig angenommen. Hierauf folgte ein Referat des Herrn Paulsen-Hamburg über das Thema: „Die Bedeutung der pädagogischen Tagespresse", worin Redner eine Anzahl von Thesen näher erläuterte, welche die Wichtigkeit und Huentbehrlichkeit der pädagogischen Presse für die Interessen des Lehrerstandes hervorhehen. Die Zahl der bezüglichen Blätter in Deutschland beträgt 95. — Die Versammlung acceptierte hierauf die Ausführungen und Thesen des Referenten. Die Gründung eines Kehrdeuk- mals anlangend, so wird beschlossen, zu Ehren des voriges Jahr verstorbenen Schulrats Dr. Kehr unter der Lehrerschaft Sammlungen zur Gründung einer Stiftung, welche den Namen des Verewigten trägt und zur Prämiierung pädagogischer Arbeiten dienen soll, sowie zur Herstellung eines einfachen würdigen Kehrdenkmals in Elgersburg oder Gotha zu veranstalten. Das Thema, die Bibelauszüge betreffend, wurde von der Tagesordnung abgesetzt. Mit den üblichen Schlußworten und einem begeistert aufgenommenen Hoch auf den Kaiser, sowie Absingung der Nationalhymne schloß hierauf der 6. deutsche Lehrertag. Nachmilttags findet Besichtigung der Sehenswürdigkeiten und solenner Kommers statt.
geheimen Agenten: „Verfolgen Sie nur diese Spur weiter, ich bi» fest überzeugt, daß wir durch sie am schnellsten Licht in das Dunkel bringen werden!'
„Jeden Schritt Rabes lasse ich beobachte», Herr Graf. Noch Eins ist mir sonderbar erschienen: in den ersten Tagen jeden Monats geht er nach einem der berüchtigsten Viertel der Stadt, in eine ganz gewöhnliche Schänke, wird von dem Wirt dort wie ein alter Bekannter begrüßt und verläßt nach kurzer heimlicher Unterredung mit demselben die Kneipe wieder. Mir scheint, die Beide» teile» ein Geheimnis. Ich habe nun zwar gleich die umfassendsten Erkundigungen über de» Wirt eingezogen, allein sie haben bis jetzt noch nichts Erhebliches ergeben.'
„Sie mögen Recht haben, Herr Schote; jedenfalls muß das Treiben der Beiden scharf im Auge behalten werden. In einem Verbrecher-Viertel also könnte möglicherweise mein armes Kind gefunden werden.---O, mein (Sott 1*
seufzte der Graf, indem er mit den feinen Finger durch seine dunkle Locken fuhr und sich auf die Lippen biß. — O, ich möchte alle Rücksicht vergessen und ohne jede Schonung zu Werke gehen.'
„Ich begreife Ihren Schmerz, Herr Graf; um indessen etwas auszurichten, nm sicher zu gehen, dürfen wir Geduld und Vorsicht nicht ans dem Auge lassen und nur im Stillen und ganz geheim unsere Nachforschungen betreiben. Die geringste Unvorsichtigkeit in dieser Beziehung oder ein rück- sichtloscs Vorgehen, ehe wir des Erfolges unzweifelhaft sicher sind, dürfte leicht Alles aufs Spiel setzen; und statt uns dem Ziele immer näher zu führen, uns unwiederbringlich und für immer von ihm entfernen. Nur selten erreichen Polizei und Justiz einen Verbrecher auf geradem Wege, er müßte ihnen denn auf ftischer Thai oder unmittelbar iuS Garn laufen. Herr Graf, ich weiß Bescheid und war nicht umsonst Mitglied der Londoner Geheimpolizei! — Sobald irgend Etwas sich ereignen sollte, waS Aufschluß flieht oder geben könnte, werde ich Ihnen berichten, Herr Gras.'
(Fortsetzung folgt)