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Marburg, Freitag, 18. Juni 1886.

XXI. Jahrgang.

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-rscheint täglich außer an Werktagen nach Sonn-und Feiertagen. Quartal- KbonnementS-Preis bei bet grpebitüm 21/« Mk., bei den Postämter 2 Mk. 50 äfa. (erd. Bestellgeld). Insertionsgebühr für die gespaltene Zeile 10 Pfg. Reklamen für die Zeile 25 Pfg.

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Anzeigen nimmt entgegen die Expedition b Blattes, sowie b.Annoneen-Bureaux von Haasenstein unbBogler in Frankfurt a. M , Cassel» Magbeburg und Wien; Rubolf Moffe in Frankfurt a M-, Berlin,München und Köln; G. L. Daube und Co. n Frankfurt a. M., Berlin, Ha notier u.Paris.

Wöchentliche Beilagen: Amtlicher Anzeiger s. d. Kreise Marburg u. Kirchhain. - Illustriertes Souutagsblatt.

Expeditton: Martt 21. Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Aug. Loch.

um bevorstehenden dritten Quartal­wechsel ersuchen wir die Bestellungen aus die

Overhessische Zeitung nebst deren wöchentl. Gratisbeilagen: Amtl. Anzeiger für die Kreise

Marburg und Kirchhain

und

Illustriertes Sonntagsblatt recht bald bei der Post erneuern zu wollen, damit in der Übersendung keine Unter­brechung stattfindet.

Das Reich und Bayern.

Der tragische Abschluß der Krise im bayerischen Herrscherhause, welchen der Tod König Ludwigs II. herbei­geführt, erregt die herzlichste Anteilnahme des gesamten deutschen Volkes an den Geschicken Bayerns, sowohl, weil die Katastrophe einen von Natur reich begabten, hoch- und kunstsinnigen Fürsten hinwegrafft, als, weil damit ein Fürst aus dem Leben geschieden ist, der sich durch seine deutsche Gesinnung und seine hervorragende Anhänglichkeit an Kaiser und Reich zu aller Zeit ausgezeichnet und diese seine Meinung in entscheidenden Momenten der deutschen Geschichte mit vollem Nachdruck und zum größten Segen Deutschlands zu bethätigen gewußt hat. Man erinnere sich nur der Vorgänge bei dem Anfänge des deutsch-ftan- zösischen Krieges und bei der Wiederherstellung des Reichs 1 So unerwünscht daher vom nationalen Standpunkte aus die Vorgänge in Bayern erscheinen, so wird man sich gleichwohl sagen dürfen, daß Dank der weisen Politik des leitenden Staatsmanns die Besorgnisse, welche sich an einen Regierungswechsel in dem zweitgrößten Bundesstaate knüpfen könnten, wesentlich abgeschwächt sind. Die Herbeiführung eines Gegensatzes zwischen der Staatsgewalt eines so be­deutenden Bundesgliedes und der Reichsgewalt, wie er als roter Faden durch die ganze Geschichte des Mittelalters sich durchzieht und am Ende zu dem kläglichen Zerfall des nationalen Gemeinwesens geführt hat, würde ohne Zweifel den Leitern derjenigen Richtungen, deren Ziele nur bei einer tätlichen Schwächung Deutschlands erreichbar sein würden, wie die der Polen und des Welfentums, hochwill­kommen sein, und es hat auch Seitens derselben an Be­strebungen nach dieser Richtung nicht gefehlt. Inzwischen sind jetzt diejenigen beiden Punkte, an welchen der Hebel zur Förderung derselben hauptsächlich angesetzt werden könnte, außer den Bereich eines wirksamen Angriffs ge­

rückt. Von der Befürchtung einer Gefährdung der den Bundesfürsten verbliebenen Souveränetätsrechte Seitens der Zentralgewalt ist nicht mehr die Rede, vielmehr finden diese in den verfassungsmäßigen Organen des Reichs­regiments den wirksamsten Schutz gegen unitarische Kon- vcntsgelüste, wie sie im Reichstage hervortraten. Ebensowenig läßt sich angesichts der überaus guten Beziehungen des Papstes zu Deutschland und Preußen ein Interesse der katholischen Kirche an Erzeugung eines Gegensatzes zwischen der Regierung Bayerns und dem Reiche annehmen. Nach beiden Richtungen hat daher die weitsehende Weisheit des Leiters der Politik Deutschlands und Preußens den im Dunklen arbeitenden Gegnern deutscher Kraft das Spiel verdorben. Die gewissenhafte Zurückhaltung, welche der Entwickelung der Dinge in Bavern gegenüber beobachtet wird, dürfte gleichfalls nicht wenig dazu beitragen, denselben jede gegen daö Reich gerichtete Wirkung zu benehmen.

Deutsches Reich.

Berlin, 16. Juni. Für König Ludwig ist drei­wöchentliche Hoftrauer angeordnet worden. In Vertretung des Kaisers geht der Kronprinz zu der Beisetzungsfeier nach München. Der Kaiser nahm heute den Vortrag des Reichskanzlers entgegen. Fürst Bismarck ist gestern " abend hier eingetroffen. Das bisherige Mitglied des Heroldsamts von Borwitz und Harttenstein ist zum König!. Heroldsmeister ernannt worden. DerReichs-Anzeiger" veröffentlicht einen Allerhöchsten Erlaß vom 19. Mai, be­treffend die Errichtung eines besonderen Konsistoriums für Westpreußen mit dem Amtssitze in Danzig. Der Germania" zufolge würde wahrscheinlich Dr. Redner, jetzt Administrator der Diözese, Bischof von Culm werden. DieBerl. Polit. Nachr." schreiben:Die Beratung der Notstandsvorlage, welche dem Abgeordnetenhause zugegangen ist, wird, wenngleich die größeren Pläne, welche nicht die Linderung der vorgekommenen Beschädigungen, sondern die Verhütung der Wiederkehr von solchen bezwecken, in den Rahmen der Diskussion gezogen werden dürften, nicht allzu viel Zeit in Anspruch nehmen. Auch wird nach früheren Vorgängen nicht zu erwarten sein, daß gegen eine etwaige Abkürzung der Fristen zwischen den verschiedenen Lesungen Einspruch erhoben werden sollte. Es steht daher, wenn nicht besondere Zwischenfälle eintteten, mit Sicherheit zu erwarten, daß die dritte Lesung spätestens am 28. Juni stattfindet, das Herrenhaus in der ohnehin notwendigen Sitzung vom 30. Juni seinerseits Beschluß fassen und so­dann die Session geschlossen werden kann. Die beiden Fälle, wo wegen abweichender Beschlußfassung des Herren­hauses dem Abgeordnetenhause von ihm bereits durchbe­ratene Gesetze wieder zugehen, find nicht von erheblicher Bedeutung. Bei dem § 27 der Kreis- und Provinzial- Ordnung für Westfalen handelt es sich um die Frage, ob der Kreisausschuß oder die Amtsversammlung das Vor­schlagsrecht für die Ernennung der Amtmänner ausüben

soll, während der anderen Versammlung nur eine gut­achtliche Aeußerung zusteht; der Gesetzentwurf Seer, be- tteffend den Verkehr auf Kunststraßen, ist endlich lediglich in seinem Geltungsbereich durch Ausscheidung der auch schon im Abgeordneteuhause umstrittenen Provinzen West­preußen und Schlesien beschränkt. Ueber beide Materien wird man um so leichter sich einigen, als der Herrenhaus- Beschluß zu § 27 der Kreisordnung nichts als die Wieder­herstellung der Regierungs-Vorlage ist. Ebensowenig ist an einer glatten Erledigung des auf die Abänderung der Synodalordnung bezüglichen Kirchengesetzes zu zweifeln. Ob es dagegen gelingen wird, die Regelung der Kanton- Gefängnisse in der Nheinprovinz zum Abschluß zu bringen, ist fraglich, im Abgeordnetenhause steht zwar nur die dritte Lesung aus, für welche ohne Schwierigkeit Zeit sich finden wird. Allein das Herrenhaus hat bereits einmal in dem streitigen Punkte abweichend von diesem und den Vor­schlägen der Regierung votiert, so daß ein übereinstim­mender Beschluß beider Häuser wenigstens nicht sicher ist. Den 24. und 29. Juni können der katholischen Feiertage wegen Sitzungen nicht stattfinden, dagegen fallen in den Zeitraum vom 22. bis 30. Juni zwei Schwerinstage, welchezur Erledigung der noch ausstehenden Anträge und Petitionen Raum bieten, sofern deren Erörterung noch gewünscht wird." Das meteorologische Institut, das durch eine vor wenigen Tagen publizierte Kabinettsordre vom Ressort des Mini­steriums des Innern abgetrennt und mit dem des Kultus­ministeriums verbunden wird, war auf Anregung Alexan­ders von Humboldt am 9. Januar 1846 von König Friedrich Wilhelm IV. begründet und trat im Jahre 1848 als Abteilung des damals gerade vomHandelsamte" ab­gezweigten und dem Ministerium des Innern unterstellten Statistischen Bureaux ins Leben. Es war ihm durch die Gründungsordre die Aufgabe zugewiesen, die räumliche und zeitliche Verteilung aller für die Zweige des praktischen Lebens und der Wissenschaft wichtigen meteorologischen Er­scheinungen im Königreich Preußen festzustellen und so auch Material zu sammeln für die Untersuchung und Ableitung allgemeiner atmosphärischer Gesetze. Erster Leiter des In­stituts war der früh verstorbene Dr. Mahlmann, der in Jahresfrist etwa zwanzig meteorologische Stationen in ganz Preußen eingerichtet hatte. Ihm folgte 1849 Dove, der in dreißigjähriger Thätigkeit (bis zu seinem Tode 1879) das Institut außerordentlich hob. Die bereits zu seinen Lebzeiten eingeleiteten Verhandlungen über die vollständige Reorganisation des meteorologischen Instituts und dessen Lostrennung vom Statistischen Büreau gerieten bald nach Doves Tode unter seinem 1882 verstorbenen Nachfolger Dr. Arndt in ein lebhafteres Tempo und wurden seitdem Jahr für Jahr fortgeführt, bis sie endlich im heurigen Sommer unter dem aus München berufenen Professor von Bezold zu einem befriedigenden Abschlüsse gelangt sind. Das meteorologische Institut ist also 38 Jahre mit dem statistischen Büreau verbunden gewesen. Dem früheren

Gefchichtskalenver.

18. Juni.

1538. Der zehnjährige Waffenstillstand zu Nizza beendet den dritten Krieg zwischen Karl V. und Franz 1.

1606. Starb der hessen-darmstädtische landgräfliche Leib­arzt Joachim Strupp, 76 Jahr alt, einst Erzieher der jüngeren Kinder des Landgrafen Philipp des Großmütigen (Elisabeth, Philipp, Christine und Georg) und später wieder Erzieher der Kinder seiner ältesten Zöglingiu, der Kurfürstin Elisabeth von der Pfalz, ein vielbewanderter Manu und Vater des Kanzlers Strupp zu Gießen.

1757. Friedrich II. von den Oesterreichern unter Daun bei Kollin geschlagen.

1792. Thaddäus Kosciuszko, Anführer der polnischen Partei der Patttoten, siegt über die Russen bei Dubieuka.

1799. Der russische Oberbefehlshaber Graf Suwarow schlägt die Franzosen an der Trebia.

1815. Die Preußen und Engländer unter Blücher und Wellington erringen den entscheidenden Steg über Napo­leon bei Waterloo und Belle - Alliance, nicht wett von Brüssel.

1866. König Wilhelm L von Preußen eröffnet durch die Ansprache an sein Volk den Beginn des Krieges; die Preußen rücken unter Herwarth v. Bittenfeld in Dresden ein. Der General Falkenstein besetzt die Residenzstadt Han­nover.

Im Schatte« des Ledens.

Roman von Pl Felsberg.

(Fortsetzung.)

In einem großen Hause einer der Hauptstraßen Genfs, in einem ebenso reich als geschmackvoll eingerichteten Zimmer

ging Waldemar Heimbeck, in Gedanken vertieft auf und ad. Der alte, reiche Kaufmann Heimbeck hatte dem einzigen Sohne gern die von ihm gewünschte, seinen Neigungen ent­sprechende Erziehung und Ausbildung zu Teil werden lassen; es freute den alten Herrn, seinem Waldemar durch den Reichtum, den ihm ein mühe- und arbeitsvolles Leben ge­schaffen, ein genußreicheres Dasein bieten zu können, als er selbst es gehabt hatte. Doppelt belohnt fühlte er sich am Abende seines thätigen Lebens, wenn Waldemar durch sein Spiel ihm einen Genuß bot, wie er ihn noch selten gehabt. Darum betrübte es ihn auch doppell, daß schon seit geraumer Zeit mit seinem Sohne eine augenscheinliche Veränderung vorgegangen war. Er zeigte sich verschlossen, während er sonst zuvorkommend, heiter und gesellig war; er schien einen Schmerz, ein tieferes, inneres Weh zu haben und dies Niemand mttteilen zu wollen; er suchte die Einsamkeit und selbst die Musik schien ihm nicht mehr der lebende zerstreuende Genius früheren Zetten zu fein.

Waldemar Heimbeck schritt in seinem Zimmer auf und ab, ein großes, anscheinend amtliches Schreiben in der Hand; er trat endlich an seinen Schreibtisch, legte das Papier auf denselben und murmelte leise:All' dies kann mir nicht helfen!Was nützt es, daß man mich als Professor an der Akademie ernennt? Ich werde diese Ehre dankend er­kennen, doch ablehnen. Ich kann ja hier nicht länger verweilen ich muß sie anfsuchen, nnd wäre es anch nur, um sie einmal wieder zu sehen!"

Er setzte sich nnd stützte seine bleiche Stirn mit der Hand. Dann sprang er plötzlich wieder ans: in ihm schien es zu ringen und zu kämpfen.Wo sind sie hin, meine ernsten Vorsätze, sie zu vergessen?! Und doch," fuhr er nach mehr­maligem Auf- und Abschreiten mit schwärmerischem Ausdruck fort:wie sie vergessen, durch die mir eine Ahnung himm­

lischer Seligkeit geworden?! Nie, nie werde ich sie ver­gessen können! Ich will mich aufraffen, will sie sehen und ihr Anblick soll mich ermutigen, durch rastloses Streben und unermüdliche Arbeit, Ehre und Ruhm und Anerkennung in dem Grade zu erlangen, daß ich zu ihr ungescheut em­porblicken kann, ohne fürchten zu müssen, man werde mich in die Schranken zurückweisen, die mich jetzt von ihr trennen!"

Sein Entschluß schien gefaßt. Er setzte sich an den Schreibttsch und schrieb schrieb einen langen Brief. Als er ihn beendet, las er ihn nochmals aufmerksam durch, konvertierte ihn dann und war im Begriff, ihn zu siegeln, als sein Vater einttat.

Herr Heimbeck war ein hochgewachsener, durch seinen schneeweißen Bart und fein ebenso weißes Haar sehr ehr­würdig aussehender Mann.

Nun, mein lieber Waldemar, was enthält denn dieser große Brief?" fragte er feinen etwas verlegen dreinschau­enden Sohn.

Man hat mir eine Professur an der Akademie äuge- trogen, lieber Vater; ich habe sie jedoch," fuhr Waldemar etwas zögernd fort,ablehnen zu müssen geglaubt, weil ich Gens bald verlassen möchte."

Wie, Waldemar!" rief der Greis erstaunt,Du willst fort, willst Deinen alten Vater verlassen?! Komm, mein Sohn, gestehe mir, was Dich drückt, teile mir den Kummer mit, den ich in letzter Zett nur zu deutlich auf Dir lasten sah!" Der Alte hatte des Sohnes Hand erfaßt; doch Waldemar wandte sich ab und entgegnete ernst:

Mich drückt Nichts, Vater. Doch bitte ich Dich, sei auch jetzt so gütig, wie Du eS immer gegen mich gewesen, nnd laß mich fort von hier: laß mich dahin gehen, wohin all mein Sehnen mich zieht: laß mich nach Deutschland, der Heimat unserer Famttie, reifen, nach dem Lande, das