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Kr. 139.
Marburg, Donnerstag, 17. Juni 1886.
XXI. Jahrgang.
grschnnt täglich außer an Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. — Quartal- KbonnementS-PreiS bet bet fceebition 2*/< Mk., bei ben Postämter 2 Ml. 50 Pfg. (excl. Bestellgeld), zusertionssebühr für bte gespaltene Zelle 10 Pfg. gdlomen für bte Zeile 25 Pfg.
OstkllieWe ZkitiiW.
Anzeigen nimmt entgegen bte Expedition d Blatte», sowie dAnnoncen-Bureaux von Haasenstein undDogler in Franlfurt a. M , Caffel, Magdeburg und Wien; Rudolf Mofse in Franlfurt a M-, Berlin.München und Köln ; G. L. Daube und So. n 7-ranlsurt a. Ri-, Berlin, Ha notier u.PariS-
Wöchentliche Beilagen: Amtlicher Anzeiger f. d. Kreise Marburg u. Kirchhain. — Illustriertes Sonntagsblatt.
Expedition: Martt 21. — Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Aug. Koch.
Deutsches Reich.
Berlin, 15. Juni. Bezüglich der Dauer der parlamentarischen Session sagt die „Nordd. Allg. Ztg.": Daß die Abgeordneten den Wunsch nach Schluß der Session hegen, finden wir sehr begreiflich, sind aber andererseits auch überzeugt, daß sie das Interesse, in die bürgerlichen Verhältnisse zurückzukehren, nicht als ausschlaggebend ansehen, weil sie sich im Gewissen verpflichtet fühlen, die Branntweinsteuervorlage zu einem bestimmten Abschlüsse zu bringen. Die Regierung, welche feit acht Jahren an der Steuerreform arbeitet, müsse verlangen, daß der Reichstag zu den Vorlagen der Regierung eine bestimmte Stellung nehme und daß er dieselben mit „Ja" oder „Nein" beantworte. Bezüglich der jüngsten Vorlage sei eine solche Antwort bisher nicht erteilt worden; das negative Votum der Kommission kann eine gewissenhafte Regierung nicht als eine definitive Entscheidung der Volksvertretung ansehen. — Dasselbe Blatt erklärt die in der Wiener „Neuen Freien Presse" enthaltene Nachricht über eine Einflußnahme des Reichskanzlers bei den bayerischen Vorgängen für Erfindung und sagt: Der Gedanke, daß das tragische Geschick des Königs Ludwig die Grundlage zu politischen Abmachungen uns Berechnungen abgegeben hätte, ist geradezu beleidigend für alle Beteiligten. Die Neichstreue Bayerns und des bayerischen Königshauses ist von dem Wechsel in den maßgebenden Persönlichkeiten unabhängig und einer Sicherstellung durch besondere Bürgschaften nicht bedürftig. — Der von der Berliner internationalen Telegraphenkonferenz beschlossene, am l.Juli in Kraft tretende neue, bereits bekannte Telegraphie-Gebühren-Tarif, wonach die Grundtaxe fortfällt, wurde amtlich publiziert. — Die oppositionelle Presse hat sich fortgesetzt bemüht, die Krankenversicherung der Arbeiter dadurch zu diskutieren, daß Nachrichten über ungünstige Resultate einzelner Kassen als typisch für die ganze Angelegenheit hingestellt wurden. Man hat sich davon auch durch den Einwand nicht abhalten lassen, daß behufs Beurteilung einer solchen in ihren Organisationen so vielgestaltigen Maßregel reichlicheres und über einen längeren Zeitraum sich erstreckendes Material vorliegen müsse, als es bislang der Fall war. Gegenüber jenen Versuchen ist es nun erfreulich, konstatieren zu können, daß diejenigen Mitteilungen, welche die Resultate einer Gesamtheit von Kassen betreffen, recht befriedigende Resultate erkennen lassen. Eine solche das Großherzogtum Sachsen-Weimar betreffende Mitteilung liegt in der „Th. K." vor und lautet: „Die Uebersichten und Rechnungsabschlüsse der auf Grund des Krankenversicherungs-Gesetzes vom 11. Juni 1883 bestehenden Krankenkassen für das Jahr 1885 gewähren zum erstenmale einen Einblick in den Umfang und die Kosten dieser Versicherung. Das Ergebnis ist, was das Großherzogtum Sachsen betrifft, ein recht günstiges zu nennen. Es bestehen für die versicherungspflichtigen Arbeiter 21 Gemeindekrankenversicherungen, 33 Ortskrankenkassen, 25 Betriebs-, 2 In«
Geschichtskalerrder.
17. Juni.
1632. Niederlage der Hessen vor Volkmarsen unter dem Generalmajor von Uslar gegen die kaiserliche Reiterei unter dem Grafen Gronsield.
1799. Beginn der dreitägigen Schlacht an der Trebia. Die verbündeten Russen und Oesterreicher unter Suwarow schlagen die Franzosen, wodurch ihnen die ganze Lombardei in die Hände fällt, selbst Mantua ergab sich.
1813. Uebersall bei Kitzen; das Lützow'sche Freikorps wird bis auf 60 Mann vernichtet.
1848. Unterdrückung des czechischen Aufstandes zu Prag durch den Fürsten Wiudischgrätz.
1860. Beginn des ersten deutschen Turnerfestes zu Koburg, gefeiert von 63 deutschen Turnvereinen und 2000 deutschen Jünglingen. — An demselben Tage bis zum 21. d. M. der deutsche Fürstentag zu Baden-Baden, durch den Prinz-Regenten Wilhelm von Preußen veranlaßt, als er dem mehrfach kund gegebenen Wunsche Napoleons, ihn in Baden - Baden begrüßen zu dürfen, nicht länger aus- weichen konnte, und dieser ihm auf sein ausdrückliches Verlangen hin, die Unverletzlichkeit Deutschlands anerkannt hatte. Napoleon besuchte den Prinz-Regenten in Baden- Baden, aber die deutschen Fürsten waren, seiner Einladung folgend, zugegen. Man nannte dies den „ersten moralischen Sieg", den seine ehrliche Politik über eifersüchtige und argwöhnische Bundesgenossen und über den gefährlichen Nachbar zugleich errungen.
1866. General Vogel von Falkeusteln zieht an bet Spitze eines preußischen Armeekorps in die Hauptstadt Hannover ein. Derblinde König Georg sucht mit seinem 18 000 Mann starken Heer nach Süddeutschland zu entkommen. — An
nungs-Krankenkassen, 39 eingeschriebene Hülsskrankenkassen. Bei diesen 120 Krankenkassen sind 20 632 Arbeiter < bezw. 3828 Arbeiterinnen) versichert. Die Zahl der Krankheitstage belief sich auf 83319, die Einnahmen auf 214560 Mark, die Ausgaben auf 175909 Mark, so daß bei einer größeren Anzahl von Krankenkassen bereits ein recht ansehnlicher Reservefonds erwachsen ist. 102 Kaffen haben mit Mehreinnahme, 18 mit Mehrausgabe abgeschlossen. Von den Ausgaben entfallen 43509 Mark auf ärztliche Behandlung, 28 678 Mark auf Arznei mit Heilmitteln, 59915 Mark auf Krankengelder, 9086 Mark auf Verpflegungskosten, 3285 Mark auf Unterstützung an Wöchnerinnen, 5354 Mark auf Sterbegelder, 25 000 Mk. auf VerwaltungSkosten, die sich künftig, da die ersten Einrichtungen einen großen Teil dieser Kosten in Anspruch nehmen, erheblich niedriger gestalten werden." — Zu den Beisetzungsfeierlichkeiten wird sich der Kronprinz nach München begeben. Ganz allgemein erachtet man hier die Stellung des Kabinetts Lutz für unhaltbar. Zum Ausdruck kommt dies, abgesehen von der Furcht, welche nationalliberale Blätter verraten, heute nur in der „Kreuz Ztg.", welche schreibt: „Im liberalen Lager gibt man sich über das Kommende lebhafter Besorgnis hin, wenn die Form, in die sich dieselbe kleidet, aus naheliegenden Gründen auch eine sehr vorsichtige ist. Das Stiftern Lutz gilt für bedroht und damit der Liberalismus in Bayern selbst. Noch zwar gibt man sich äußerlich die Miene, an das Aufkommen einer partikularistisch reichsfeindlichen Richtung nicht zu glauben, als deren Träger Freiherr zu Frankenstein bereits im Hintergründe erscheint. Wir unsererseits brauchen kaum zu sagen, daß das nur Gespenster sind, vor denen wir nicht das mindeste Grauen empfinden. An der Fortdauer der liberalen Herrschaft in Bayern haben wir kein Interesse, zu dem Freiherrn v. Frankenstein, wenn er ans Ruder kommen sollte, aber hegen wir das feste Vertrauen, daß er sich als guter Bayer, aber auch als guter Deutscher beweisen würde. Beides geht Hand in Hand. Die Reichsverfassung müßte nichts taugen, wenn es sich nicht vertrüge."
Hannover, 14. Juni. VI. Deutscher Lehrertag. Bei freundlichem Wetter treffen die Gäste zahlreicher ein, als es die letzten Tage hoffen ließen. Programmmäßig fand heute machmittag die Versammlung des Vorstandes des preußischen Landes-Lehrervereins statt. Als Vorort des geschäftsführenden Ausschusses wurde Magdeburg gewählt. An der Abends 8 Uhr abgehaltenen Vorversammlung zum Lehrertage nahmen über 400 Lehrer teil. Als Thema für Joie 1. Hauptversammlung wurde einstweilen gewählt: „Soll die Schule Sache der Reichsgesetzgebung sein?" Referent Beeger-Leipzig.
München, 15. Juni. Von dem Kaiser Wilhelm ist dem Prinz - Regenten folgendes Telegramm zugegangen: „Noch ehe Ich Eurer königlichen Hoheit Mitteilung beantwortet habe, mit der Sie Nachricht geben von der Kata-
bemfelben Tage besetzen die Preußen Bautzen, Meißen, Zittau und rücken auf Dresden zu.
1885. General-Feldmarschall Freiherr v. Manteuffel, der Statthalter von Elsaß - Lothringen, stirbt zu Karlsbad am Lungenschlag.
Im Schatten des Lebens.
Roman von P. Felsberg.
(Fortsetzung.)
„Und der Fürst?" fragte Hedwig.
„Er hat, was er verdient!" sagte Herr von Bergen, welcher hinter Alfred aus dem Wagen sprang; „er wird Niemanden mehr insultieren."
Der Graf ging sogleich zu seiner Mutter, die er von dem Vorgefallenen in Kenntniß fetzte und auch benachrichtigte, daß er mit seiner Schwester sogleich in die Heimat zurückkehren werde, da es für Hedwig natürlich sehr peinlich sein würde, nach Alledem dort länger noch zu verweilen. Die Gräfin war außer sich, als sie den Tod des Fürsten erfuhr, wagte jedoch nichts den Anordnungen ihres Sohnes gegenüber Opposition zu machen.
Hedwig hatte schnell genug Alles für die unerwartete Abreise mit Hülfe des Kammermädchens besorgt, das natürlich seine Herrin begleiten sollte. Sie konnte jedoch die Gegend nicht verlassen, ohne sich von ihrer Freundin Helene zu verabschieden, und war höchst erfreut, als Alfred sich bereit erklärte, mit ihr nach Bergens Wohnung zu fahren. Eine tiefe Glut überzog ihr Antlitz, als sie dort Heimbeck fand, welcher gekommen war, um mit Fräulein von Bergen zu musizieren. Alfred ließ sich den jungen Virtuosen vorstellen.
„Wir kommen, Abschied zu nehmen," sagte Hedwig, die
strophe, die Sie zur Regentschaft Bayerns berufen hat, erhalte Ich so eben durch Ihr Telegramm die Mitteilung einer noch größeren Katastrophe, welche der vorigen ein entsetzliches Ende nur gemacht, um Euer königl. Hoheit Regentschaft über ein anderes Mitglied Ihres königlichen Hauses hinweg, Ihrer hohen Berufung eine neue Verpflichtung aufzuerlegen Für Euer königl. Hoheit Mitteilung Meinen treuesten Dank darbringend, spreche Ich Ihnen Meine tiefinnigste Teilnahme bei diesen in so vielen Hinsichten erschütternden Ereignissen aus, von deren Aufrichtigkeit Sie bei Unserer so langen Freundschaft gewiß überzeugt sind. Wilhelm." — Von der Kaiserin Augusta traf folgendes Telegramm an den Prinz-Regenten ein: „Mehrfach überwältigt durch die Nachricht muß Ich Euer königlichen Hoheit und den Ihrigen den Ausdruck einer Teilnahme senden, die der tiefen Trauer entspricht, die Ich im Herzen schmerzlich empfinde. Gott helfe Ihnen in so namenlos schwerer Stunde. Augusta." — Der Kaiser von Oesterreich telegraphierte: „Von der Trauernachricht auf das tiefste ergriffen, entsende Ich Euer königl. Hoheit Mein innigstes Beileid mit dem Wunsch, daß Gott Sie in diesem schweren Momente stärke und erhalte. Franz Joseph." — Vom König von Sachsen ging folgendes Telegramm ein. „Tief erschüttert habe Ich die Nachricht vom Tode des Königs erfahren und spreche Ich Dir Mein innigstes Beileid aus. Möge Dich Gott bei Deinem schweren Geschäft in seinen gnädigen Schutz nehmen und Dir beistehen, das bayerische Volk glücklich zu machen. Albert." Der König von Württemberg telegraphierte: „In treuester Anhänglichkeit an Dich und das bayerische Könighaus bin Ich tief erschüttert über die Katastrophe in Berg. Gott walte über Euch und erhalte Mir Deine treue Freundschaft. Karl." Das Telegramm Sr. königl. Hoheit des Großherzogs von Baden lautet: „Euer königl. Hoheit spreche Ich Mein aufrichtigstes Beileid aus, an dem schmerzlichen Verlust, der das königliche Haus und das Königreich so plötzlich betroffen hat. Die erschütternde Kunde von dem Hinscheiden Sr. Majestät des Königs Ludwig II. erfüllt Mich mit tiefer Trauer, aber Ich hege die treuesten Wünsche für Ew. königl. Hoheit gesegnete Regentschaft. Friedrich."
— 15. Juni. Die Aufbahrung der Leiche des Königs findet am Mittwoch in der alten Hofkapelle statt.
— Die Sektion der Leiche des Königs findet in den sogenannten Marterzimmern, die oberhalb der Hofkapelle in der Residenz liegen und zu diesem Zwecke bestimmt sind, statt. Derselben wohnen etwa acht Herren bei, unter ihnen die Doktoren Ziemsen und Schleiß; der letztere ist der bekannte Leibarzt des Königs, der sich von seiner Krankheit nicht überzeugen konnte. Der Sektion folgt unmittelbar die Einbalsamierung, die voraussichtlich Dr. Nvbilin, der seit Jahren derartige Aufträge besorgt, vornehmen wird. — Die Sektion der Leiche des Königs von Bayern hat hochgradige Veränderungen begeneratieer Natur am Schädel, Hand ihrer Freundin ergreifend; „mein Bruder will mich mit nach B. nehmen."
Sie bemerkte es nicht, wie bei dieser Nachricht Heimbecks Blässe noch zunahm.
„Ich wünsche Dich begleiten zu können," sagte Helene.
Nachdem Hedwig allen Mitgliedern der Brrgen'schen Familie die Hand zum Abschied gedrückt, reichte sie dieselbe auch dem jungen Künstler hin, der sie längere Zeit fest in der feinigen hielt: da glaubte sie in seinem Blick zu lesen, daß es kein Abschied fürs Leben sei, den er stumm von ihr nahm.
Noch eine Pflicht hatte Hedwig zu erfüllen: sie mußte von ihrer Mutter Abschied nehmen. Sie sand dieselbe bleicher, als gewöhnlich, doch in ihren Zügen die gewohnte kalte Härte ausgedrückt.
„Du selbst bist es, die mich zu verlassen wünscht," sagte sie, als Hedwig ihr die Hand zum Abschied reichte; „vergiß das nie und möge es Dich nie gereuen!*
Auch Hedwig blieb kalt. In ihrem guten Herzen hatte die Mutter bett Platz, den sie ihr so gern eingeräumt, nie zu behaupten gestrebt, die ihr entgegengebrachte Kindesliebe nie gewürdigt. Ohne Schmerz schied sie darum von der Stätte, wo sie mit Schmerz und Leid, Entsagung und Enttäuschung so vertraut geworden war.
XVe
Der Anweisung ihres Sohnes zufolge mußte sich Gräfin Biela nach Schloß Bolkenstein zurückziehen; sie selbst wünschte übrigens auch durchaus nicht, in der Residenz mit ihren Kindern auf gespanntem Fuß zu leben.
Es war ein einsames Leben auf dem alten Schloß für die herrschsüchtigr und in der großen Gesellschaft eine Rolle zu spielen gewohnte Frau. Zu dieser Unannehmlichkeit gesellte sich indessen noch eine zweite womöglich noch fatalere;