Skr. 13S.
Marburg, Mittwoch, 16. Juni 1886.
XXI. Jahrgang.
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Wöchentliche Beilagen: Amtlicher Anzeiger f. -. Kreise Marburg u. Kirchhain. - Illustriertes Souutagsblatt.
Expedition-. Martt 21. — Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Aug. Koch.
* Marburg, 15. Juni. Mittelst Extrablatt brachten wir gestern unfern Lesern die erschütternde Kunde von dem traurigen Ende König Ludwig II. von Bayern durch folgende Depesche, die wir hier in ausführlicherer Meldung wiederholen:
München, 14. Juni, vormittags. Die königliche Polizeidirektion in München erläßt soeben folgende Bekanntmachung: Nachdem Se. Majestät der König seit seiner Ankunft in Schloß Berg den ärztlichen Ratschlägen ruhig Folge geleistet, machte derselbe gestern abend um 6’/« Uhr in Begleitung des Obermedizinalrats von Gudden einen Spaziergang im Park, von dem der König und Gudden längere Zeit nicht zurückgekehrt sind. Rach Durchsuchung des Parkes und des Seeufers wurden Se. Majestät mit Gudden im See gefunden. Se. Majestät gaben ebenso wie Gudden anfangs noch schwache Lebenszeichen, doch waren die von Dr. Müller vorgenommenen Wiederbelebungsversuche vergeblich. Um 12 Uhr nachts wurde der Tod Sr. Majestät konstatiert. Das Gleiche war bei Gudden der Fall. (König Ludwig II., Otto Friedrich Wilhelm, geboren 25. August 1845 in Nymphenburg, Sohn des Königs Maximilian II. und Marias, der Tochter deö Prinzen Wilhelm von Preußen (starb 28. September 1851) folgte seinem Vater 10. März 1864 auf den Thron, beantragte Dezember 1870 die Erhebung Königs Wilhelm von Preußen zum deutschen Kaiser.) (Der Starenberger See, auch Würmsee genannt, ist ein Alpensee in Oberbayern unfern München, 20 Kilometer lang, 5 Kilometer breit und 130 Meter tief, fist durch den Nymphenburger Kanal mit der Isar verbunden und hat als Abfluß die Würm, an seinen Ufern befinden sich zahlreiche Lustschlößer, darunter auch die Königlichen Berg und Possenhofen.)
Weitere telegraphische Nachrichten lassen wir hier folgen:
München, 14. Juni. Ueber das traurige Ereignis in Berg vorliegende Telegramme des Oberstleutnant Freiherrn von Washington lassen den Schluß zu, daß das Unglück sich kurz vor 7 Uhr ereignete. Die Uhr des Königs zeigte Wasser zwischen Glas und Zifferblatt und ist 6 Minuten vor 7 Uhr stehen geblieben. Dr. Müllst und Schloßverwalter Huber brachten die Körper des Königs und des Medizinalrats Gudden an das Ufer. Dieselben wurden unmittelbar ins Bett geschafft, Puls- und Athmungs- erscheinungen waren nicht wahrnehmbar. Dr. Müller machte mit Pflegern und zwei früheren Sanitätssoldaten fortgesetzte Wiederbelebungsversuche. Um 12 Uhr konstatierte Dr. Müller endgiltig, daß weitere Versuche ohne Nutzen seien. — Die Bevölkerung der Hauptstadt ist in allen Kreisen durch das Ereignis auf das Tiefste bewegt, überall zeigen sich Zeichen der aufrichtigsten und schmerzlichsten Trauer und Teilnahme.
— 14. Juni, vormittags. Um 10 Uhr fand in der Türkenkaserne die Vereidigung der Generalität statt, gleichzeitig erfolgte in allen anderen Kasernen die Vereidigung
Geschichtskalender.
15. Juni.
1449. Trat ein heftiger Frost und „saurer Wind" in ganz Hessen ein, welcher nicht allein den Wein, sondern auch Obst und Getreide zerstörte. — Es ist dies einer der spätesten Fröste, von denen man in unfern Gegenden weiß, da er nach richtiger Rechnung der damaligen Zett am 24. Juni, nach der für unser Jahrhundert geltenden Rechnung aber am 27. Juni eingefallen ist. Im gegenwärtigen Jahrhundert kommt ihm bis jetzt das Jahr 1821 mit seinem, doch nur sehr leichten, Reif am 21. Juni am nächsten.
1607. (Nach Andern am 18. Juli.) Paul Rembrandt von Rhyn, einer der berühmtesten Maler und Kupferätzer der niederländischen Schule, in einer Mühle unweit Lehden, die seinem Vater gehörte, geboren.
1646. Eroberung der von kaiserlichen und baierischen Truppen besetzten Festung Amöneburg durch den schwedischen General Wrangel und den hessischen General Geise, infolge deren alle Festungswerke und Thürme von Amöneburg abgebrochen wurden. Die meisten Häuser verbrannten und ein großer Teil der Einwohner flüchtete.
1792. Die Kurfürsten treten zur Kaiserwahl zusammen, um für den am 1. März verstorbenen Leopold li. einen Nachfolger zu bestimmen.
1866. Da der preußische Ministerpräsident v. Bismarck mit seinen am 10. Juni den deutschen Regierungen unterbreiteten Grundzügen einer neuen Bundesverfassung kein Gehör gefunden hatte, bietet er dieselben Vorschläge den unmittelbaren Nachbarregierungen Preußens, als zu einem Frieden auf deutschnattoualer Grundlage an und knüpft schließend die Aufforderung zur Neutralttät mft dem
der Truppen. Der Schwur lautet auf Gehorsam gegen Se Majestät König Otto I. von Bayern und den Verweser des Reichs Prinzen Luitpold.
— 14. Juni, mittags. Aus Schloß Berg sind über die Katastrophe jetzt nähere Nachrichten eingegangen. Nach denselbeil muß zwischen dem Könige und dem Leibarzt Dr. Gudden, ehe die Katastrophe eintrat, ein heftiger Kampf stattgefunden haben. Zahlreiche Fußspuren im Grunde des Sees, sowie Verletzungen im Gesicht Dr. Guddens — zwei größere und zwei kleinere Kratzwunden an der rechten Nasen- und Stirnseite — stellen dies außer Zweifel. Der König hatte sich, ehe er in den See sprang, seiner beiden Röcke entledigt, Dr. Gudden war ihm augenscheinlich sofort nachgeeilt.
— 14. Juni, nachmittags. Das Gutachten der eidlich über den Gesundheitszustand König Ludwigs vernommenen vier Aerzte vom 8. Juni ist heute amtlich veröffentlicht worden. Der Tenor desselben lautet: Wir erklären einstimmig: 1. Se. Majestät sind in sehr weit vorgeschrittenem Grade seelengestört und zwar leiden dieselben an jener Form von Geisteskrankheit, die den Irrenärzten aus Erfahrung wohlbekannt und als Paranoia (Verrücktheit) bezeichnet wird. 2. Bei dieser Krankheitsform, ihrer all- mäligen und fortschreitenden Entwickelung und schon sehr langer, über eine größere Reihe von Jahren sich erstreckenden Dauer ist Se. Majestät unheilbar und nur noch ein weiterer Verfall der Geisteskräfte sicher in Aussicht. 3. Durch die Krankheit ist die freie Willensbestimmung des Königs vollständig ausgeschlossen und ist derselbe als verhindert an der Ausübung der Negierung zu betrachten, welche Verhinderung nicht nur länger als ein Jahr, sondern die ganze Lebenszeit andauern wird, (gez.) Gudden, Hagen, Grashey, Hubrich.
— 14. Juni, nachmittags. Ein Telegramm von Dr. Gudden an den Minister-Präsidenten von Lutz d. d. Berg, 13. Juni abends 6 Uhr 15 Minuten sagt: Die Doktoren Hagen und Hubrich sind auf Dienstag vormittag 9 Uhr bestellt. Das Parere über Prinz Otto wird voraussichtlich Dienstag abend übergeben werden können. Hier geht es bis jetzt wunderbar gut. Die persönliche Untersuchung hat übrigens das schriftliche Gutachten nur bestätigt.
— 14 Juni, nachmittags. Die Minister v. Crailsheim, v. Fäustle und v. Riedel sind heute mittag nach Berg abgereist, um den Befund der Leiche des Königs zu beurkunden. Die Ueberführung derselben nach der Haupt- und Residenzstadt soll baldigst erfolgen. Die Paradeansstellung soll in der alten Schloßkapelle stattfinden. Die Kirchen sind von der tieftraurigen Bevölkerung überfüllt. Von sämtlichen Kirchtürmen findet Trauerläuten statt. Das die Thronfolge des Königs Otto und die Regentschaft des Prinzen Luitpold proklamierende Patent ist vom Prinzen Luitpold unter Gegenzeichnung aller Minister erlassen. Nach einem von der „Allg. Ztg." veröffentlichten Privattelegramm aus
Beisätze daran, daß Preußen, wenn sie seine friedlichen Erbietungen ablehnen, sie fortan, „als im Kriege gegen sie betrachten würdet — Das Kabinett von Dresden, wie das von Hannover lehnte ab, ebenso das von Cassel und das von Wiesbaden; und sofort — noch in der Nacht vom 15. auf den 16. Juni — rückten preußische Heerteile kriegsmäßig in Hannover, in Kurhcffen und in Sachsen ein.
1871. Kaiser Wilhelm L schließt den ersten deutschen Reichstag.
1885. Friedrich Karl von Preußen, rnhmreicher Feldherr, stirbt in Kleinglienicke.
16. Juni.
1540. Erschien eine der ersten der im 16. und 17. Jahr, hundert häufig publizierten Verordnungen gegen die Straßenränder, welche namentlich im 16. Jahrhundert, auch in Hessen, ihr Gewerbe in sehr ausgedehnter Weise und noch weit ärger als im vorhergegaugeueu fünfzehnten Jahrhundert trieben.
1653. Feierliche Wiederherstellung der Universität Marburg unter Wilhelm VI., nachdem sie dreißig Jahre, dem Namen nach, in Cassel, und die Universität Gießen während dieser Zeit in Marburg bestanden hatte, letztere aber 1650 nach Gießen war zurückoerlegt worden.
1683. Starb die Landgräfin Hedwig Sophia von Hessen- Cassel, geborne Prinzessin von Brandenburg, Wttwe des Landgrafen Wilhelm VL, fast sechzig Jahre alt, zu Schmalkalden. Während der Minderjährigkeit ihrer Söhne, Wilhelm vn. und Karl, führte sie vierzehn Jahre, von 1673-1677, die Regentfchaft.
1815. Mörderische Schlacht bei Ligny, welche die Preußen unter Blücher, aus die versprochene rechtzeitige Hülfe der
Starnberg hatte der König gestern vormittag auf einem Spaziergange im Parke eine Zeit lang in ruhigem Gespräche auf einer Bank im sogenannten Hirschpark in der Nähe des Sees verweilt. Abends speiste der König mit dem Leibarzt Dr. Gndden anscheinend ruhig. Um 6’-'. Uhr Uhr verließ der König mit Gudden das Schloß und veranlaßte den Arzt, die Wächter zurückzulassen.
— 14. Juni, nachmittags. Das Thronfolge- und Regentschafts-Patent lautet: Im Namen Sr. Majestät des Königs! Bayerns königliches Haus und sein in Glück und Unglück treu zu ihm stehendes Volk ist vom schwersten Schicksalsschlage getroffen. Nach Gottes unermeßlichem Ratschlüsse ist Se. Maj. König Ludwig IL aus dieser Zeitlichkeit geschieden. Durch diesen das ganze Vaterland in schmerzlichste Betrübnis versetzenden Todesfall ist das Königreich Bayern in der Ge- samtvereinigung aller seiner älteren und neueren Gebietsteile nach den Bestimmungen der Verfasfungsurkunde, auf Grund der Haus- und Staatsverträge, Unserem vielgeliebten Neffen, dem Bruder weiland Sr. Majestät, Sr. König!. Hoheit dem Prinzen Otto, jetzt Majestät, als nächstem Stammfolger nach dem Rechte der Erstgeburt und der agnatisch-linealen Erbfolge angefallen. DaAller- höchstderselbe durch ein schon länger andauerndes Leiden verhindert ist, die Regierung Allerhöchstselbst zu führen, so haben Wir als nächst berufener Agnat, nach den Bestimmungen der Verfasfungsurkunde, in Allerhöchstdesselben Namen die Neichsverwesung zu übernehmen. Die nach der Verfassung erforderliche Einberufung des Landtages ist bereits verfügt. Indem Wir im Namen Sr. Majestät des Königs die Reichsverwesung hiermit übernehmen, versehen Wir uns zu allen Angehörigen der bayerischen Erblande, daß dieselben Seine Majestät den König als ihren rechtmäßigen und einzigen Landesherrn so willig als pflichtmäßig erkennen und Allerhöchstdemselben und Uns, als dem durch die Verfassung berufenen Regenten, unverbrüchliche Treue und unverweigerlichen Gehorsam leisten. Damit der Gang der Staatsgeschäfte nicht unterbrochen werde, befehlen Wir, daß sämtliche Stellen und Behörden ihre Verrichtungen bis auf nähere Bestimmung wie bis- her nach ihren Amtspflichten sortsetzen, die amtlichen Ausfertigungen von nun an im Namen Sr. Majestät des Königs Otto von Bayern, wo solches vorgeschrieben ist, erlassen, bei der Siegelung aber sich der bisherigen Siegel, so lange, bis ihnen die neu zu fertigenden werden zuge- ftellt werden, bedienen sollen. Wir wollen alle Bediensteten an den von ihnen geleisteten Verfassungs- und Diensteseid besonders erinnert haben und versehen uns gnädigst, daß alle Untertanen Sr. Majestät dieser unserer in tiefem Schmerz im Namen des Königs an sie gerichteten Aufforderung in Treue folgen.
Gegeben München, den 14. Juni 1886. Luitpold, Prinz von Bayern.
Dr. Frhr. von Lutz, Dr. von Fäustle, Dr. von Riedel, Frhr. v. Crailsheim, Frhr. v. Feilitzsch, v. Heinleth.
Engländer bauens, des Nachmittags von Napoleon angenommen hatten. — Die für die Preußen verlorene Schlacht hatte ihnen 12000 Mann an Toten und Verwundeten und 21 Kanonen gekostet; ober der Verlust der Franzosen war nicht viel geringer. — An demselben Tag wird Wellington bei Quattabras durch Ney besiegt; dort sintt ein teurer deutscher Held, der Herzog Wilhelm von Braunschweig, in sein Blut und wird sterbend aus der Schlacht getragen.
1846. Papst Pius IX. besteigt den päpstlichen Stuhl.
1849. Schlacht bei Käferthal, Großsachsen und Ladenburg, an welchen Orten die Aufständischen reguläre badische Truppen und Freischärler, gegen die Hessen, Mecklenburger und Württemberger unter wechselseitigem Glücke hartnäckig kämpfen. — An demselben Tage erklärt das in Stuttgart versammelte „Rumpfparlament" den Reichsverweser, Erzherzog Johann, für abgesetzt.
1871. Festlicher Einzug der siegreichen deutschen Truppen in Berlin. General v. Moltke wird Feldmarschall und Kriegsminister v. Roon wird in den Grafenstand erhoben.
Im Schatten des Lebens.
Roman von $. Felsberg.
(Fortsetzung.)
Einen Blick des ttefsten Hasses auf die junge Gräfin werfend, eilte der Fürst hinaus.
Als Hedwig allein war, warf sie sich in einen Favteuil und barg ihr Gesicht in beiden Händen, während ein krampf, Haftes Schluchzen das sonst so ruhige junge Mädchen erschütterte. — Also so weit war es gekommen, so schutzlos ftand sie da, daß jener von ihrer Mutter begünstigte Mensch eS wagen durfte, nngtftraft tu ihrem eigenen Zimmer die tötlichste Beleidigung ihr ins Gesicht zu schleudern?! —