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Gefchichtskalender.

11. Juni.

1522. Nach vielen Chroniken sollen an diesem Tage einem Mittwoch Nachmittag 3 Uhr an vielen Orten Deutschlandsdrei Sonnen und in ihrem Umkreise blutige Kränze (?) und ihnen gegenüber vier Regenbogen* ge» sehen worden fein.

1528. Vertrag zwischen Mainz und Hessen zu Hitzkirchen, in welchem der Erzbischof von Mainz der geistlichen Jurisdiktion über Hessen entsagte.

1645. Eröffnung der Friedensunterhandlung zur Beendigung des dreißigjährigen Kriegs, und zwar zu Münster mit Frankreich, und zu Osnabrück mit Schweden.

1661. Starb der Landgraf George H. von Hessen-Darm, stadt. Er war geboren den 17. März 1605, ein Sohn Ludwigs V. nnd Urenkel Philipps des Großmütigen, und gelangte zur Regierung am 27. Juli 1626. In seine Regierungszeit fällt die zweite Hälfte des langwierigen Streites wegen der Marburger Erbschaft und er besaß auch bis zum Jahre 1648 den Hessen - casselschen Anteil von Oberhessen; außerdem aber der dreißigjährige Krieg mit seine» Greueln, welcher von dem Gebiete deS Landgrafen besonders unser casselisches Oberhessen, indes auch die obere Grafschaft Katzenelnbogen heimsuchte. AuS der letzgenannten Gegend find uns vorzüglich schreckliche Schilderungen aufbewahrt, die unter andern ein Pfarrer in Bieberau aufgezeichuet hat.

1672. Peter der Große, Kaiser von Rußland, zu Moskau geboren.

1742. Frieden zu Breslau. Unterzeichnung der Frieden». Präliminarien zwischen Maria Theresia und Friedrich IL von Preußen.

1829. Kaiser Wilhelm l. Vermählung mti der Prinzessin Augusta von Sachsen-Weimar (geb. am 30. Sept. 18114)

1866. Oesterreich stellt beim Bundestag in Frankfurt a. M. den Antrag, gegen Preußen das Bundesheer unverzüglich mobil zu machen. Der kriegerisch-gesinnte Wiener Hof hatte sich unterdessen Gewißheit verschafft, daß man deS ganz entschiedenen Beistandes der meisten deutschen Bundesfürsten und ihrer Staaten gewiß war.*

1879. Goldene Hochzeit des Kaisers Wilhelm.

Iw Schatten ves Lebens.

Roman von P. Felsberg.

(Fortsetzung.)

Ich werde Alles der Königin erzählen,* entgegnete die Baronin;sie soll entscheiden, was zu thun ist. Einstweilen, Minna, mußt Du Dich schon der Pflege des Kindes unter, ziehen, ich werde aber eine tüchtige, zuverlässige Wärterin engagieren, welche Dir bald die ungewohnte Last abnehmen wird.*

Am folgenden Tage fuhr die Baronin Hochberg nach dem Palais zur Audienz bei der Königin, von ihrer hohen Gönnerin aufs Herzlichste empfangen.

Nun, meine liebe Hochberg,* sagte Ihre Majestät,hoffe ich, daß Sie uns treu bleiben werden. Die Zett ist nicht allein spurlos an Ihnen vorübergegaugen, sie hat sogar Ihre Schönheit erhöht,* .schloß die Fürstin, die herrliche Gestuft der Baronin mit wohlgefälligem Blicke musternd.

Die Königin, im Anfänge der Dreißiger Jahre stehend, war eine hohe, edle, gebietende Erscheinung; trotzdem hatte ihr herzlich wohlwollendes Wesen ihr die Liebe, die Ver­ehrung aller Derer gesichert, die zu ihrer Umgebung gehörten oder mit ihr in Berührung zu kommen das Glück hatten. Sie liebte es, einen Kranz schöner und geistreicher Frauen um sich zu versammeln; die zweimal wöchentlich in den Salons der Königin stattfindenden Empfangsabende verei­nigten dort Alles, was durch Adel des Herzens und der

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Merr^Uvg, Freitag, 11. Juni 1886.

XXI. Jahrgang.

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Erscheint täglich außer an Werktagen nach Sonn» und Feiertagen. Quartal' AdormementS-Preis bei der Expedition 21/« Mk., bei den Postämter 2 Mk. 50 Bfg. (erd. Bestellgeld). Ialertionsgebübr für die gespaltene Zelle 10 Pfg. Mevamen für die Zeile 25 Pfg.

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Anzeigen nimmt entgegen die Expedition d Blatte-, sowie d.Annoncen-Bureaux vonHaasenstein undVogler in Frankfurt a. M , Caffel, Magdeburg und Men; Rudolf Stoffe in Frankfurt a M., Berlin,München und Köln; G. L. Daube und So. n i'rankfurt a. $L, Berlin, Ha nover ».Paris

Wöchentliche Beilagen: Amtlicher Anzeiger f. -. Kreise Marburg u. Kirchhain. - Zllnstriertes Sonntagsblatt.

Expedition: Markt 21. Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Ang. Koch.

Die Auflösung des englischen Parlamentes.

Geradeso, wie vor dreißig Jahren die Welt ängstlich auf die Neujahrsreden Louis Napoleons lauschten, so galt lange Zeit hindurch ein englischer Kabinetlswechsel oder eine Parlamentsauflösung für ein hochbedeutsames poli­tisches Ereignis, und war es auch zu einer Zeit, wo ein neuer britischer Premierminister den Karren der euro­päischen Politik in ein ganz anderes Geleise schieben konnte. Heute läßt ein englischer Kabinettswechsel oder eine Parlamentsauflösung die Welt außerordentlich ruhig; es geht nichts aus seinen Fugen und die Sonne scheint deshalb nicht einen Augenblick dunkler. Und doch wendet sich der jetzt vom britischen Ministerium anläßlich der Ablehnung des Parlamentsgesetzes für Irland beschlossenen Auflösung des Unterhauses des englischen Parlamentes das allgemeine Interesse zu, weil sie über das Schicksal des zur Zeit bedeutendsten britischen Staatsmannes entscheiden wird. Mr. Gladstone hat sehr viele Fehler in der Politik, und namentlich in der Auswärtigen Politik, begangen, während er auf der anderen Seite in England selbst ein im ganzen gutes Regiment geführt hat. Er war nicht gerade ein Freund Deutschlands, aber er hat sich in der letzten Zeit doch leidlich mit uns gestellt. Jedenfalls ist Mr. Gladstone nach dem Fürsten Bismarck der am meisten genannte und bekannte Staatsmann Europas, von einem Einfluß in seinem Vaterlande, dem nur der Fürst Bis­marcks in Deutschland entspricht. Man sagt, der deutsche Reichskanzler sei allmächtig; Gladstone ist es, so lange er die Regierung in Händen hat, nicht minder; er ist es, trotzdem er am Hofe der Königin Victoria wenig gute Freunde Hat.

Der alte Herr hat sich wie jeder andere Engländer davon überzeugen müssen, daß der Krebsschaden am eng­lischen Staatskörper die irische Frage ist. Das Verlangen der Irländer nach Selbständigkeit findet eine kräftige Unter­stützung in der Zusammensetzung des englischen Parla­mentes. Die irische Partei unter Parnell giebt den Aus­schlag. Sie kann sich vollständig nach ihrem Belieben bald auf diese, bald auf jene Seite werfen und den Gang der Gesetzgebungsmaschine vollständig stören. Dazu kommen die andauernden blutigen Exzesse in Irland, das fortge­setzt einem halben Kriegslager gleicht. Gladstone wollte diese Zustände durch eine einzige, radikale Operation be­seitigen, er wollte die Wünsche der Irländer durch Schaffung eines Natioualparlamentes in Dublin erfüllen, indem er annahm, die Iren würden sich dann für immer ruhig verhalten und gute Freunde Englands werden. Dem wurde, selbst von einem Teile von Gladstones liberalen Parteifreunde» entgegengehalten, dieser Weg werde schließ­lich zu einer völligen Trennung Irlands von England führen, denn man werde in Dublin nicht zufrieden sein, sondern mehr und mehr verlangen, was schließlich zur völligen Trennung führen werde. Diese Gegner der Glad-

stoneschen Pläne haben im Parlamente auch die Oberhand behalten, das irische Verwaltungsgesetz ist abgelehnt, Glad­stone wird das Parlament auflösen und an das Land appellieren.

Es ist außer Frage, daß die irische Angelegenheit das Ansehen des greisen Premierministers in England sehr verringert hat und es läßt sich voraussehen, daß die Wahlen nicht zu seinen Gunsten ausfallen werden. Glad­stone hat eine seltsame Doppelnatur; bald geht er zu rasch vor, bald zu langsam; im Sudan war er zu langsam, als es die Rettung Gordons galt, jetzt in der irischen Sache will er wieder alles überstürzen. Das hat sich gerächt. Reformen hätte er wohl im Parlament durch­gebracht, aber die unvermittelte lokale Umwälzung, Die er erstrebte, erschien doch der Parlamentsmehrheit zu unge­heuerlich. Jetzt kommen die Neuwahlen und wahrscheinlich wird infolge des Ausfalles derselben Gladstone zurücktreten müssen und ein konservativ - liberales Ministerium an's Ruder kommen. Tann aber beginnen erst so recht die Schwierigkeiten, beim über eine in allen Dingen ge­schlossene Mehrheit kann ein solches Ministerium nicht verfügen, und Gladstone ist ein zu erfahrener Kämpe, als daß er die Blößen dann nicht auszunutzen verstände. Wahrscheinlich werden wir ihn deshalb nochmals am Ruder sehen; ganz dunkel ist freilich, wie sich unter solchen Ver­hältnissen die Lösung der irischen Frage entwickeln wird.

Deutsches Reich.

Berlin, 9. Juni. Der Kaiser nahm vormittags in Gegenwart des eingetroffenen Großfürsten Michael Sohn die Truppenbesichtigung auf dem Tempelhofer Felde ab. DerGermania" zufolge ist mehreren Mitgliedern des hiesigenwissenschaftlichen polnischen Vereins" durch das Rektorat der Universität mitgeteilt worden, daß der Verein auf ministerielle Veranlassung aufgelöst fei. Diese mini­sterielle Verfügung bezieht sich auf alle Universitäten in Preußen. Am 7. d. M. starb in Schloß Rheineck Herr Theodor v. Bethmann-Hollweg, Rittergutsbesitzer auf Ru- nowo, ein Sohn des verstorbenen Staatsministers v. Beth- mann-Hollweg, geboren am 29. Dezember 1821. Der Verstorbene war seit dem 5. Dezember 1872 Mitglied des Herrenhauses, in welches er aus Allerhöchstem Vertrauen durch Königlichen Erlaß vom 30. November berufen war. Dem konstituierenden norddeutschen Reichstage und dem Reichstage des Norddeutschen Bundes gehörte er als Ver­treter des Kreises Samter-Birnbaum-Obornik, dem deutschen Reichstage in dessen 2. und 4. Legislaturperiode als Ver­treter des Kreises Wirsitz-Schubin an. Kultusminister v. Goßler hat die evangelischen Bewohner der Stadt Dort­mund mit einer Verfügung bedacht, die wegen ihres Ge­dankenganges bemerkenswert ist. Bei Gelegenheit des Luther-Jubiläums gefiel es einem vorzugsweise oder aus­schließlich aus Vorstandsmitgliedern der evangelischen Kirchen- 1

gemeinden Dortmunds bestehenden Komitee einen Aufruf um milde Gaben für den Bau eines fog. Lutherhauses zu er­lassen. In der ersten Begeisterung wurde einiges Geld gesammelt, bei weitem nicht genug zur Ausführung des ziemlich opulent gedachten Planes, aber doch so viel, um das Komitee zum Ankäufe eines Grundstückes zu verleiten. Als bann Geld bei der evangelischen Bevölkerung nicht mehr zu beschaffen war dieser Zeitpunkt stellte sich sehr rasch ein verfielen die Unternehmer auf die Idee, die Gemeindevorstände einen Zuschlag zu der Kirchensteuer in der Höhe von 10 Prozent und für den Zeitraum von drei Jahren beschließen zu lassen. Der von" einer Anzahl von Bewohnern gegen diesen durch die gesetzlichen Bestimmungen nicht gedeckten Beschluß erhobene Widerspruch wurde von den angerufenen Instanzen abgewiesen, zuletzt von dem Kultusminister v. Goßler. Dieser meint, der Zuschlag fei deshalb gerechtfertigt, weil die mit dem Lutherhause ur­sprünglich verbundene Zweckbestimmung dahin erweitert ist, daß dm Kirchengemeinden darin entsprechende Säle zur dauernden Benutzung für den Koiifirmanden-Unterricht und die Abhaltung von Nebengottesdiensten eingeräumt sind." Der Minister bemüht sich nun, den Nachweis zu suchen, daß das Bedürfnis für Konfirmandenfäle und Nebengottes­dienste in der Stadt vorhanden sein müsse, während bisher und selbst bei Begründung des Lutherhauses niemand daran gedacht zu haben scheint, und fährt bann wörtlich fort: Wenn gleichwohl Umstänbe bie Erteilung ber staatlichen Genehmigung bedenklich erscheinen lassen konnten, so müssen biese gegenwärtig beshalb zurücktreten, weil inzwischen be­reits ein Drittel des Zuschusses erhoben und in den Bau verwendet ist und die Einstellung fernerer Zahlung des­selben leicht den Verlust der bereits eingeschossenen Summe zur Folge haben würde.' DieBerl. Pol. Nachr." Nach § 11 des Gesetzes vom 26. April 1886, betreffend die Beförderung deutscher Ansiedelungen in den Provinzen Westpreußen und Posen, ist über die gesamten Einnahmen und Ausgaben des 100-Millionen-Fonds nach Maßgabe der für den Staatshaushalt bestehenden Vorschriften Rech- nung zu legen. Aus diesem Fonds sind nach § 12 auch die persönlichen und sächlichen Verwaltungsausgaben zu bestreiten, welche nach Maßgabe der durch königliche Ver­ordnung getroffenen Einrichtungen vom 1. April nächsten Jahres ab in den Staatshaushalts - Etat einzustelleu sind. Neben ber Entscheibung ber auf bie Errichtung ber Jmmebiatkommission bezüglichen persönlichen und organisa­torischen Fragen, welche bie Staatsregierung in ber letzten Zeit beschäftigten, bebarf es daher noch der Ordnung des Etatswesens ber Jmmebiatkommission, welche wiederum die Grundlage für die angeorbnete Rechnungslegung bilbet. Dabei wirb sicherlich nicht baran gebucht werben können, in ähnlicher Weise, wie bies bei ber Beratung des Gesetzes angeregt war, bnrch Etatsfestsetzungen ber Kommission in ber Verfügung über ben Gesamtfonbs zu vinkulieren.

Gesinnung, auf dem Gebiete der Wissenschaften ober Künste hervorleuchtete. Auch der König harmonierte in dieser Be­ziehung durchaus mit seiner Gemahlin und versäumte nur dann, bei diesen Empfängen zugegen zu sein, wenn unauf­schiebbare Konferenzen ber Krone oder sonst dringende Ab­haltungen es ihm unmöglich machten, sich dort eruzufindeu. Er war ein eifriger Förderer des Talents, ein unermüdlicher Beschützer von Kunst und Wissenschaft, und dabei vollkommen frei von Vorurteilen. An diesen Abenden bei der Königin streifte er alle Herrschersorgen von sich, und sah eS gern, wenn eine zwanglose Unterhaltung sich bildete. Selten wohl ttaf man ein schöneres Verhältnis zwischen einem Herrscher und seinem Hofe, als hier.

Fünf Jahre schon war die Baronin Hochberg diesem Hofe fern, an dem sie nicht allein durch ihre Schönheit, sondern auch durch Geist und Humor Allen vorangeglönzt hatte und auch der Liebling aller gewesen war. Aus der damals achtzehnjährigen, kaum entfalteten Knospe war nun eine Blume geworden, welche Alle an Liebreiz zu überstrahlen drohte.

Die Königin war allein mit der Baronin. Nachdem erstere teilnehmende Fragen über ihr Leben fern vom Hofe an Frau v. Hochberg gerichtet, erzähfte diese ihr jüngstes Reiseabenteuer und zeigte der Königin das Medaillon. Die Königin war der Ansicht, es würde am richtigsten sein, einen Aufruf in den öffentlichen Blättern zu erlassen; und erst, nachdem ein solcher sich als durchaus erfolglos erwiesen, dürfe die Baronin das Kind gewissermaßen als ihr eigenes betrachten.

Schon in den nächsten Tagen enthielten die gelesensten Blätter einen solchen Aufruf; Wochen und Monate verginge» jedoch, ohne daß eine das Kind betreffende Reklamation einging. Während dieser Zeit hatte die Baronin Hochberg ihren Schützling so lieb gewonnm, daß sie sich mit dem