Ne. 131
Marburg, Donnerstag, 10. Juni 1886.
XXI. Jahrgang.
Erscheint tätlich außer an Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. — Quartal- LdonnementS-Dreis bei der Expedition -*/« Mk., bei den Postämter 2 Mk. 50 Pfg. (excl. Bestellgeld). JnlertionSgebabr für die gespaltene Zeile 10 Pfg. Reklamen für die Zeile 25 Pfg.
WcrWsihe Kitmz.
Anzeigen nimmt entgegen die Expedition b- Blatte-, sowie d.Annoncen-Bureaux vonHaasenstein undVogler in Frankfurt a. M , Cassel. Magbeburg und Wien; Rudolf Mosse in Frankfurt a M.,Berlin,Vünchenund Köln; G. L. Daube und Go. n Frankfurt a. M-, Berlin, Ha nover u.PariS.
Wöchentliche Beilagen: Amtlicher Anzeiger f. d. Kreise Marburg n. Kirchhain. - Illustriertes Sonntagsblatt.
*' Expedition: Markt 21. — Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Aug. Koch.
Deutsches Reich.
Berlin, 8. Juni. Der Kaiser besichtigte vormittags auf dem Tempelhofer Felde das Garde-Kürassier- Regiment und die Garde-Artillerie-Brigade. — Die „Post" meldet: Die Ernennung des Geheimrats Rommel vom Handelsministerium zum Senatspräsidenten des neu zu bildenden dritten Senats des Oberverwaltungsgerichts ist jetzt erfolgt. — Dem Bundesrat sind zwei Ucbersichten über die auf den deutschen Münzstätten im Jahre 1885 erfolgten Ausprägungen von Reichs - Gold und Silbermünzen zugegangeir. An Goldmünzen sind geprägt, und zwar nur in Berlin 407446 Doppelkronen im Betrage von 8148 920 Mk. Im übrigen sind an Reichsmünzen geprägt 2 428 879 Einmarkstücke. Der Vergleich verschiedener Münzen bezüglich der Abweichung gegen das Sollgewicht hat bei den Goldmünzen ein verschwindend kleines Ergebnis und bei den Silbermünzen gar kein Ergebnis herbeigeführt. — Die „Berl. Polit. Nachr." schreiben: Wenn hier und da in der Presse die Meinung aufgetaucht ist, daß mit dem völlig negativen Ergebnisse der kommissarischen Beratung die Verhandlungen über die Branntweinsteuer in der laufenden Session des Reichstages ihren Abschluß erreicht haben werden, so hätte eine einfache Erwägung der Sachlage zu dem entgegengesetzten Schlüsse führen müssen. Es ist ja richtig, daß die Kommission zwar in der Kritik des Regierungsentwurfs sich stark, zu irgend einem positiven Gegenvorschläge aber völlig unfähig erwiesen hat. Inwieweit dabei die prinzipielle Opposilions- stellung, die von Parteitaktik diktierte Absicht, die Beschlußfassung zu verschieben, die Furcht vor den Wähler» mitgewirkt haben, mag dahingestellt sein; Thatsache ist jedenfalls, daß jeder positive Vorschlag durch Mehrheitskombinationen abgelehnl ist, welche in den Freisinnigen und Sozialdemokraten ein ständiges Element zählten, im übrigen aber sehr verschieden sich zusammensetzten. Allein diese Thatsache kann an dem Umstande nichts ändern, daß der Branntweinsteuerentwurf von den verbündeten Regierungen dem Reichstage und nicht einer Kommission desselben unterbreitet ist, und daß demzufolge auch eine Beschlußfassung des Reichstages vorliegen muß, bevor eine Entschließung darüber zu fassen ist, ob der eingeschlagenc Weg zum Ziele führen kann oder ob ein anderer zu wählen ist. Ist es schon nicht undenkbar, daß bei der Plenarberatung die in der Kommission stark zurückgedrängten großen Gesichtspunkte der Reichsfinanzpolitik in höherem Maße zur Geltung gelangen, so kommt ferner dazu, daß der bekannte Eventualvorschlag der verbündeten Regierungen zwar in der Diskussion mehrfach berührt, aber noch keineswegs ordnungsgemäß zur Beratung gestellt ist. Der Gedanke liegt daher nahe, wenn wider Verhoffen auch im Plenum über den Prinzipalentwurf eine Verständigung nicht erzielt wird, eine solche Beratung über den Eventualentwurf unmittelbar an die Beschluß-
Geschichtskalender.
10. Juni.
1413. Starb der hessische Landgraf Hermann mit dem Beinamen der Gelehrte, 73 Jahre alt. Er war der Sohn deS apauagierten Landgrafen Ludwig zu Grebenstein (den man, weil er apanagicrt war, den Junker nannte), und ein Neffe des Landgrafen Heinrichs ll. (des Eisernen), dem er im Jahre 1376 in der Regierung folgte, nachdem er schon seit 1368 neben seinem Oheim und beinahe ganz selbständig regiert hatte. In seine Zeit fällt der Sterner, bund und der große Abfall der Ritterschaft von dem Landesherrv, die Auflehnung der Stadt Eassel, der Krieg gegen Otto den Quaden von Braunschweig, gegen den Landgrafen Balthasar von Thüringen u. dgl. mehr. Die Energie des Landgrafen fiegte jedoch über alle innere und äußere Feinde.
1811. Karl Friedrich, Badens erster Großherzog, und einst Europas Fürsten Nestor, stirbt, von seinem Volke hochverehrt, vom nahen und fernen Ausland mit Ehrfurcht genannt.
1815. Unterzeichnung der denffchen Bnndesakte zu Men. (Baden tritt erst am 26. Juli, Württemberg am 1. September bei.
1866. Der preußische Ministerpräsident v. Bismarck über- giebt den deutschen Regierungen die Grundzüge einer neuen Bundesverfassung. Nach derselben sollte Oesterreich mit seinem fremdarttgen Völkergemisch von Deutsch, land ausgeschlossen und die anderen deutschen Staaten ?iit Preußen als ihrem Haupte zu einem Bundesstaate ereiuigt werden. Eia aus unmittelbaren Wahlen und allgemeiner Abstimmung des deutschen Volks hervorge» gangenes Parlament sollte die Bundesverfassung beraten und gemeinsam mit den Regierungen znr Ausführung bringen.
fasfung über die jetzige Vorlage anzuknüpfen. An Material zur Ausfüllung der alsdann zu gewärtigenden Pausen wird es nicht fehlen. Abgesehen von dem dem Reichstage noch vorliegenden Material, worunter die Abänderung der Einteilung in die Servisklassen, stehen dem Reichstage noch wichtige und dringliche Vorlagen bevor. Ein Nachtragsetat dürfte sich zwar unter denselben schwerlich befinden. Gleichwohl ist noch auf eine längere Dauer der Reichstagssesston zu rechnen. — Die „K. C." äußert sich über Politik und Wirtschasts- interessen wie folgt: Der deutschen Regierung wird von ihren Gegnern immer der Vorwurf gemacht, daß sie sich zuviel mit der wirtschaftlichen Entwickelung und dem wirtschaftlichen Leben des Volkes befasse, und hier durch ihr Eingreifen eine Besserung herbeizuführen suche. Nach dem Grundsätze der Anhänger Cobocns, den Freunden des laisser aller, muß die Regierung eines Staates die Entwickelung des wirtschaftlichen Lebens sich selbst überlassen und sich nur mit Politik befassen. Ein solcher Staat wäre das Ideal unserer Freihändler und sie glauben, daß damit der Industrie und dem Handel geholsen wäre. Die klaren Thatsachen in Deutschland zeigen nun fteilich, daß der Industrie die Unterstützung des Staates zu gute kommt, aber das wollen unsere Freihändler nicht einsehen .... Sehen wir uns die Wünsche und Ziele unserer Opposition an, so sind sie darauf gerichtet, die Politik in den Vordergrund zu schieben, und den wirtschaftlichen Maßnahmen eine untergeordnete Stelle anzuweisen. Man könnte vielleicht annehmen, das geschehe dem Doktrinarismus zuliebe, der dem Freisinn und dem Freihandel einmal von alters her anhaftet; aber darin würde man sich täuschen. Die Herren der Opposition sind keineswegs so unpraktisch, dem Doktrinarismus aus eitel Vorliebe zu huldigen. Sie verfolgen dabei einen ganz bestimmten Zweck. Es ist ihnen weniger um den Sieg dieses Doktrinarismus zu thun, als um die Folgen, die er nach sich ziehen würde. Wie die Zustände in Frankreich zeigen, wird durch die Vernachlässigung der wirtschaftlichen Interessen in großen Kreisen Mißstimmung gegen die Regierung wachgerufen. Und darauf hoffen wohl auch unsere Oppositionellen, wenn sie die Wirtschaftspolitik bekämpfen. Denn die Mißstimmung und Unzufriedenheit ist doch der Boden für ihren Weizen, während sie durchaus nichts erreichen können, wenn, wie in Deutschland, die Negierung die wirtschaftlichen Interessen des Volkes voranstellt und wenigstens unablässig bemüht ist, die materielle Lage der Staatsbürger zu verbessern. Auf diesem Wege wird sich auch unsere Regierung keinesfalls irre machen lassen, sondern trotz des Geschreis der Gegner zuversichtlich darauf fortschreiten. — Die Zeiteinteilung für die dies- jährigen (großen) Herbst - Uebungen bei dem XV. Armeekorps (Straßburg- ist Allerhöchsten Orts wie folgt genehmigt worden: Die Divistonsmanöver « Detachement gegen Detachement) finden statt bei der 30. Division vom 6. bis 8. September bei Zabern - Pfalzburg; 31. Division vom
1868. Michael Odrenowttsch, Fürst von Serbien, wird im Park von Topschider ermordert.________________________
Im Schatte« des Lebens.
Roman von P. Felsberg.
(Fortsetzung.)
„Bewahre, Friedrich,* sagte die Baronin; „das wäre ja des armen Wurmes Tod! Das Kind scheint von einer Herz- und gewissenlosen Mutter ausgesetzt zu fein."
„Und wie niedlich es ist! Sehen Sie, Frau Baronin;* sagte die Gesellschafterin, „dieses liebe, runde Gesichtchen!* Und sie reichte der Dame das nun ruhige Kind hin.
Die Baronin lächelte dem Findling zu und ergriff dessen kleine Händchen. „Was können wir anders thnn,* sagte fie, „als den kleinen verlassenen Engel mit uns nehmen? Ihn zurücklasseu wäre Mord! — Diejenige, welche daS Kind hierher gelegt, wird eS aller Wahrscheinlichkeit nach nie mehr dort abhole» wolle». Wir müssen unS schon seiner annehmen, Minna. — Also fahr Er rasch zu, Friedrich, damit wir die Sation zur rechten Zett erreichen, ehe der Schnellzug fie pasfiert.it Und mit größerer Schnelligkeit fuhr der Wagen weiter.
„Sie haben sich ja immer ein Kind gewünscht, Frau Baronin; nun hat der Himmel Ihnen eins bescheert,' sagte Minna, welche die kleine Last wieder unter ihre Obhut genommen hatte.
„Meinst Du denn, daß ich das Kind so ohne Weiteres behalten kann und darf?' entgegnete die Baronin.
„Wer soll Sie denn daran hindern können? Derjenigen, welcher es gehört, liegt Nichts an dem Kinde, sonst würde fie es nicht hilflos im Walde ausgesetzt haben. Machen Sie Anzeige davon bei der nächsten Behörde, so wird das arme Kind, wenn eS nicht gelingt, die Mutter desselben zu ermitteln, in einem Waiseuhause untergebracht — und wie
6. bis 8. September in der Gegend von Molsheim. Am 11. September große Parade. Am 13. September Korps- Manöver gegen einen markierten Feind. Am 15., 17. und 18. September Feldmanöver der 30. und 31. Division gegen einander.
— Gladstones irische Homerulebill ist vom englischen Unterhause verworfen worden und die Niederlage Gladstones ist eine viel größere, als selbst seine konservativen Gegner in den letzten Tagen zu hoffen wagten. Nur Chamberlain hatte vorgestern einem Berichterstatter der „Preß-Assoziation" erklärt, daß er auf eine Mehrheit von fast 30 Stimmen gegen die Bill rechne und „er werde durchaus nicht überrascht sein, wenn diese Ziffer thatsächlich erreicht werde." Die sanguinischsten Anhänger des Ministeriums hatten auf eine Mehrheit von höchstens 6 Stimmen für die Bill gerechnet, allein es zeigt sich, daß nur Chamberlain, in dessen Hand auch das Schicksal der Bill lag, die Lage richtig beurteilt hat. Gestern vor einem Jahre fiel das Ministerium Gladstone, weil es fallen wollte, um angesichts der bevorstehenden Neuwahlen eine Spaltung innerhalb des Kabinetts zu vermeiden. Heute, um Mitternacht, hat das Ministerium im Unterhause eine Niederlage erlitten, weil jene Spaltung trotz aller Bemühungen Gladstones, dieselbe zu verhindern, thatsächlich cingetreten ist. Von 670 Mitgliedern des Unterhauses — der Sprecher gibt seine Stimme nur im Falle der Stimmengleichheit ab und auch dann pflegt er für die „Ja" zu stimmen, damit das Haus in die Lage kommt, nochmals seine Ansicht zu äußern — haben gestern 652 Abgeordnete abgestimmt, welche Ziffer im englischen Unterhause noch nie erreicht worden ist. In der Majorität haben 250 Konservative und 91 Liberale (die Anhänger Lord Hartingtons und Chamberlains) gestimmt, während die Minorität sich aus 225 Liberalen und 86 Parnelliten zusammenfetzen dürfte. Von letzteren sowie von den Konservativen scheint nicht ein Mann gefehlt zu haben. Wenn man die Parnelliten nicht mitzählt, beträgt die Mehrheit gegen die Homerulebill 118 Stimmen — ein scheinbar vernichtendes Urteil gegen die Bestrebungen Gladstones. In Wirklichkeit liegen die Dinge jedoch anders und der Jubel der Londoner großen Blätter über die Verwerfung der Bill ist für die Stimmung der Provinzen nicht maßgebend, denn Chamberlain und seine Anhänger, welche die Vorlage Gladstones zu Fall gebracht haben, sind trotzdem für die Errichtung eines irischen Landtages und bei den Neuwahlen würde die Unterstützung der Irländer, welche das vorige Mal für die Tories stimmten, den Gladstonianern 20 Sitze sichern, welche jetzt Tories inne haben. Nur durch eine Auflösung des Parlaments ist aus der gegenwärtigen Schwierigkert herauszukommen und Neuwahlen sind daher unvermeidlich, auch wenn Gladstone zurücktreten sollte, denn weder Lord Salisbury noch Lord Hartingtvn können ein lebensfähiges Ministerium bilden.
gehts den armen Kleinen dort, was wird aus ihnen?! — Ich glaube, es ist zu seinem Glück, daß der liebe Gott eS gerade Ihnen zuführte, Frau Baronin.*
„Ich möchte es auch ganz gern behalten, Minna — sieh diese hübschen braunen Augen!* sagte die Dame gerührt und küßte des Kindes Stirn,
„Bedenken Sie nur, was aus dem Kinde wird, wenn Sie es nicht behalten! — Und wie befriedigt muß es für Sie sein, dies kleine Wesen zu erziehen!* überredete die Gesellschafterin ihre Herrin.
„Nun — ich will eS behalten!* sagte die Baronin. — „Ob ich Recht thue, weiß ich nicht; doch ich will es als ein Geschenk der Vorsehung und seine Erziehung als eine mir von Gott auferlegte Pflicht betrachten . . .*
Die Station war erreicht; fast gleichzeitig traf der Schnellzug ein, den die Baronin benutzen wollte, und kaum noch blieb Zeit genug, das zahlreiche Gepäck vom Wagen auf den Zug zu bringen. Minna saß mit dem Kinde bereits in einem Koupee erster Klaffe und erwartete die Baronin, welche selbst die Billets besorgte. Friedrich sollte auf der Landstraße weiter fahren. Kaurn hatte die Baronin Platz genommen, als der Zug ab fuhr.
Von der reichen, gutherzigen Baronin Hochberg gefunden, angenommen und erzogen zu werden, war mit Recht ein großes Glück für den kleine» Findling. Sie war seit zwei Jahren Wittwe. Früher Hofdame der Königin, hatte fie sich dann mit dem Baron Hochberg vermähtt uud mit ihm drei Jahre in der glücklichsten Ehe gelebt, bis ein verhängnisvoller Sturz auf der Jagd seinen Tod zur Folge hatte und er die jugendliche Wittwe mit einem sehr bedeutenden Vermögen zurückließ. Zwei volle Jahre hatte sie fern der Residenz auf einem ihrer Güter zugebracht; in der letzten Zett jedoch hatte die Königin, deren Liebling sie war, so unaufhörlich in die Baronin gedrungen, sich den Hofkreisen