unbezweifelt selbst. Frau Rode hatte sich schnell genug an das Leben der Residenz gewöhnt; wie ihr eignes Kind pflegte sie die kleine Waise, nie vergessend, daß durch diese sie aller Not enthoben waren. Pünktlich jeden Monat traf die Summe ein, welche für die Erziehung des Kindes ausgesetzt war. Nur Eins quälte sie: wenn ihr Mann zu viel getrunken batte und das war jetzt eigentlich mehr noch als früher — sein Normalzustand, dann war er im höchsten Grade uobe. dacht in seinen Aeußerungeu, so daß sie in steter Angst schwebte, er werde einmal im Rausch die Ursache ihrer Wohl, habenheit dem ersten Besten verraten; sobald sie daher bemerkte, daß er sich in redseliger Laune befand, bot sie Alles auf, um ihn zum Rückzug nach seinem Schlafzimmer z« bewegen.
Einmal noch hatte Rabe sie in der Residenz besucht und nach dem Kinde gesehen.
XIII.
Während der von den Gendarmen verfolgte Rode das Kind Alfreds und Emiliens seiner persönlichen Sicherheit halber im Gebüsch neben der Landstraße versteckte, ward in der Ferne auf der Chaussee ein eleganter Reisewageu sichtbar. Das noch ziemlich weit von demselben entfernte Gebüsch, welches sich an dem Punkte befand, wo die Straße eine scharfe Biegung machte, entzog den Blicken der Insassen dieser Equipage den Vorgang zwischen Rode und den Gen, darmen. Der in reiche Liorce gekleidete Kutscher sah wett vor sich nur eine menschenleere Straße. Eine sehr schöne junge Dame lehnte, anscheinend schlummernd, in den weichen Polstern des WagenS; reiches blondes Haar umrahmte daS liebliche Gesicht, deffen Ausdruck, trotz der geschlossenen Augen, ein sympathischer war. Eine jüngere, ein wenig einfacher gekleidete Dame saß ihr gegenüber; sie schien die Gesellschafterin der Anderen zu sein. Das etwas bleiche Antlitz ihrer Herrin veranlaßte sie, eine warme Reisedecke
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Marburg, Mittwoch, 9. Ium 1886.
XXI. Jahrgang.
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Srscheint täglich außer an Terttasen Nach Sonn-und Feiertagen. — Quartal» SbonnementS-PreiS bei der Expedition 2*/« Mk, bei den Postämter 2 Mk. 50 Wg. lexcl. Bestellgeld). JniertionS.ebübr für die «ipaltene Zeile 10 Pfg. Sieklam-n für die Zeile 25 Pfg.
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Anzeigen nimmt entgegen die Expedition d Blatteg, sowie d Annoncen-Bureauj von Haasenstein undVogler in Frankfurt a. M , Gaffel, Magdeburg und Wien; Rudolf Stoffe in Frankfurt a M-, Berlin,Münchenund Köln; G. L. Daube und So. n Frankfurt a. M-, Berlin, Ha nover u.PariS-
Wöchentliche Beilagen: Amtlicher Anzeiger s. D. Kreise Marburg u. Kirchhain. - Illustriertes Sonntagsblatt.
Expedition: Markt 21. — Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Aug. Loch.
Deutsches Reich.
Berlin, 7. Juni. Nach dem heute veröffentlichten Programme zur Feier der Enthüllung des Denkmals Friedrich Wilhelm des Vierten nehmen daran die hiesigen Generäle, die Staatsminister, die Präsidenten des Reichstags und Landtags, Deputationen des Offizierkorps, Vertreter der Stadt, der Geistlichkeit, der Universität rc. teil, außerdem außer Truppenteilen der hiesigen Garnison Deputationen des ersten Garderegiments und des Grenadierregiments König Friedrich Wilhelm IV. Nr. 2 und des Regiments Gardes-du-Corps. Die Feier beginnt mit dem Gesänge des Domchores, worauf Oberhosprediger Kögel die Weiherede hält. Der Kultusminister, erbittet sodann den Befehl zur Enthüllung des Denkmals, welche unter dem Präsentieren des Gewehrs und dem Hurrarufen der Truppen, sowie unter Kanonenschüssen und Glockengeläute erfolgt. — Der Staatssekretär Herbert von Biömarck ist gestern abend hierher zurückgekehrt. — Die „Nordd. Allg. Zig-" schreibt: Bekanntlich gab die Kurie die Erklärung ab, daß die Anzeigepfiicht auch auf die Zukunft ausgedehnt werden würde, sobald das neueste kirchenpolitische Gesetz veröffentlicht sei und die Staatsregierung zu Revisionen der in demselben nicht erwähnten Bestimmungen der früheren kirchenpolilischen Gesetze bereit wäre. Diese Bereitwilligkeit ist ausgesprochen, das kirchenpolitische Gesetz verkündet. Unter Bezug auf diese Vorgänge teilte Kardinal Jacobini in einer Note vom 1. Juni dem Gesandten v. Schlözer mit, daß die Anzeigepflicht von jetzt ab endgültig eine ständige sein wird und demgemäß der Preußische Episkopat die Anweisung erhalten wird, der Regierung die Namen der für die künftig vakant werdenden Pfarreien bestimmten Priester zu bezeichnen. — Die in einem Teile der Presse umlaufenden Gerüchte über umfangreichere Truppenverschiebungen nach der Westgrenze scheinen sich nicht zu bestätigen, zumal bis jetzt nur als feststehend zu betrachten ist, daß das in Hanau und Cassel stehende Infanterie - Regiment Nr. 97 im nächsten Jahre nach Saarburg verlegt werden soll, woselbst die nötigen Kasernenbauten bereits im Gange sind. Auch ist vielfach davon die Rede, dem 15. Armeekorps, dessen Feldartillerie eine reitende Abteilung nicht besitzt, eine solche beizugeben; dabei wird die in Sarlouis stehende reitende Abteilung des Rheinischen Feld-Artillerie-Negiments Nr. 8 genannt, welche nach Metz verlegt werden soll. Alle auftauchenden Nachrichten über den Zeitpunkt dieser Verlegungen müssen als verftüht und ungenau bezeichnet werden, da Entscheidungen in dieser Beziehung noch nicht ergangen sind. Dagegen werden in nächster Zeit einige Standortsveränderungen höherer Jngenieurbehörden zur Durchführung gelangen und es verlautet in dieser Hinsicht, daß der Sitz der 3 Ingenieur-Inspektion von Mainz nach Straßburg und der der 4. Ingenieur-Inspektion von Köln nach Mainz verlegt werden wird. Diese Verlegungen sind schon
Geschichtskalender.
9. Juni.
1598. Ereignete sich in Nentershausen eine von den wilden Todschlagsscene«, welche unter dem Landadel damals häufig vorkamen, und zwar häufiger als im sogenannten Mittelalter, wo der Landadel weniger roh und rauflustig war, als seit dem 14. Jahrhundert: aus einem freundschaftlichen Zusammensein mehrerer Edelleute auf dem Baumbachischen Hofe zu Nentershausen entwickelte sich ein Zank, der alsbald in einen Kampf mit Dolchen, Nappieren und Büchsen ausschlug und damit endete, daß Heinrich von Baumbach von Friedrich Trott zu Solz erschossen wurde. — Von den vielen Stücklein der Art geben wir nur dies eine, damit auch von diesen Zuständen ein Beleg in der Chronik vorkomme.
1640. Kaiser Leopold I. geboren.
1781. George Stephensohu, Eifinder der Eisenbahnen, geboren.
1866. Zwischen O-sterreich und seinen Genosse« einerseits und Frankreich andererseits wird ein Plan verhandelt, nach welchem Italien Venedig erhalten und Preußen ge, teilt werden sollte. Nach dem vorgelegten Entwurf sollte Schlesien an Oesterreich, Westfalen an Hannover, die Provinz Sachsen mit Magdeburg und zur Verbindung mit Polen ein Stück der preußischen Lausitz an das König, reich Sachsen, daS linke Rheinufer zum Teil an Frankreich, zum Teil an Bayern, und Hohenzollern an Württemberg falle». Ja, noch mehr! Schleswig wollte man wieder den Dänen auslicsern, und Holstein nebst Mecklenburg könnten, wenn England und Rußland so wollten, preußisch werden. — Man 'sollte diesen Länder- und Völker-Schacher in unserer Zeit kaum für möglich halten I Doch der fragliche Entwurf ist eine historische Thatsache, ebenso wie die damalige Prophezeihuug Bismarcks: „Die
seit längerer Zeit geplant und stehen in keinerlei Be- ziehung zu dem für den Reichstag noch zu erwartenden Nachtragsetat, der überhaupt keine militärischen Forderungen von Erheblichkeit aufweisen soll. — Die „Neue Wests. Volks-Ztg." schreibt: „Der „Hannoversche Courier** ist dieser Tage aus dem Besitze einer Aktiengesellschaft wieder in den persönlichen Besitz der Gebrüder Jänecke übergegangen. Der „Wests. Merkur** hat aus der vorgelegten Bilanz ausgerechnet, daß dieses Hauptblatt der Nationalliberalen Hannovers netto 2899 Abonnenten hat. Dennoch bezogen die Gebrüder Jänecke aus demselben die hübsche Jahreseinnahme von netto 275 000 Mk. DaS kommt davon, wenn man sich betreffs der Inserate und sonstiger Zuwendungen der Freundlichkeit der Gerichte oder Regierungsorgane erfreut.** — Der Austausch der Ratifikations-Urkunden zu dem Uebereinkommen zwischen Deutschland, den Niederlanden und der Schweiz wegen Regelung der Lachsfischerei im Stromgebiete des Rheins, vom 30. Juni v. J.,»har heule hier stattgefunden. — Der Schluß des Landtages soll, wie jetzt bestimmt verlautet, am 29. Juni erfolgen. Die Chancen der Kanalvorlage, betreffend den Bau des Rhein-Ems- und des Oder-Spree-Kanals, im Herrenhause scheinen sehr schlecht zu stehen. Man hält die Ablehnung für wahrscheinlich. Die „Kreuz-Zeitung" bearbeitet die Konservativen im angeblichen Interesse der Landwirtschaft für die Verwerfung. Die Kommission wird die Vorlage morgen beraten. Sie soll noch vor Pfingsten im Plenum erledigt werden. — Die Ablehnung des vom Abgeordnetenhause auf Grund des Antrages Kropatscheck beschlossenen Gesetzes, betreffend die Gleichstellung der Lehrer an den kommunalen höheren Lehranstalten mit denen der staatlichen Anstalten gilt im Herrenhause für sicher, ebenso dürfte ^die Kreis- und Provinzialvrdnung für Westfalen im Herrenhause scheitern, denn die Kommission desselben hat eine große Zahl von Abänderungen beschlossen, welche im Wesentlichen auf eine Wiederherstellung der vom Abgeordnetenhause abgelehnten Herrenhausbeschlüsse hmaus- laufen. — Dem Gesetze über die Anstellung der Volksschullehrer in den ehemals polnischen Landesteilen wird das Herrenhaus morgen, entsprechend dem Anträge seiner Kommission, ohne Aenderungen zustimmen.
— Die Erklärungen des Wortführers der deutschkonservativen Mitglieder der Kommission zur Vorberatung der Branntweinsteuer - Vorlage, des Abg. Frhrn. v. Mirbach, gingen, wie wir auf ausgesprochenen Wunsch und zur nach- träglichen Ergänzung des eigenen Berichts nicht unerwähnt lassen wollen, sinngetreu dahin: Angesichts der sehr geringen Chancen in bezug auf das Zustandekommen von positiven Resultaten halte er die Präzisierung des finan- zielten Bedürfnisses seitens des Reichs und der Einzelstaaten in diesem Augenblick für noch weniger angezeigt, als das bisher seitens seiner Parteigenoffen ausgesprochen sei. Die Konservativen seien, ganz abgesehen von den Mitgliedern
Kabinette und die Völker unterschätzen uns; die Welt wird mit Staunen sehen, welcher Kraftentwickelung dies verspottete Preußen fähig ist." — Und so kam es auch.
Im Schatten des Lebens.
Roman von P. Felsberg.
(Fortsetzung.)
„Ja, Herr Rabe," nahm Rode die Unterhaltung wieder auf, „Sie haben ganz Recht, es wird so am besten sein; ich werde so bald als möglich nach der Residenz übersiedeln. Allein Sie können sich wohl dercken, daß das so leicht nicht bewerkstelligt werden tarnt, darum schmälern Sie die mir zugedachte Summe nicht zu sehr... — Doch nichts für ungut," fuhr er beschwichtigt fort, als der Intendant aufbrausen zu wollen, Miene wachte: „Jeder ist sich selbst der Nächste."
Indessen schien Rabe die Habgier seines Cowpliceu reichlich befriedigt zu haben, denn Rode gab ihm in unter- würfigster Weise bet seiner Abreise das Geleit; dann eilte er zu seiner Frau, zeigte ihr eine Hand voll Goldstücke und teilte ihr mit, daß sie ungesäumt ihren Umzug nach der Residenz bewerkstelligen müßten. Sie war anfänglich durch- aus nicht damit einverstanden, doch er wußte ihr die viele« mit diesem Umzüge verbundenen Vorteile und die für sie und ihre Aussichten dadurch erhöhte Sicherheit so plausibel zu machen, daß sie auch in dieser Hinsicht bald eben so gefügig wurde, wie zuvor in der Hauptsache. Bald hatte Rode das Wenige, was sie noch besaßen, zu Gelbe gemacht und schon drei Wochen nach dem Besuche des Intendanten wohnten sie in B.
In einem obscuren Viertel der großen Stadt richtete Rode eine Restauration mit Bier- und Spirituosen-Schank ein, welche sich auch bald einer großen Frequenz erfreute; doch der fleißigste Konsument seiner Spirituosen war er
der Reichspartei, die vollständig Hand in Hand mit ihnen gegangen wären, den «getreu vom Zentrum sowohl, wie denen der National liberalen dankbar für die Mitarbeit innerhalb und außerhalb der Kommission im Sinne der Herbeiführung eines positiven Resultats. Die Vorschläge, sowohl die der Zentrumsfraktion, wie die der Nationalliberalen, seien für die Konservativen jedoch nicht acceptabel. Die Konservativen hätten umfaffende Vorschläge in Form eines Gesetzentwurfs gemacht und seien sehr erfreut über den wohlwollenden Standpunkt, den diesem gegenüber auch der Herr Finanzminister in seiner soeben abgegebenen Erklärung eingenommen habe. Die Konservativen müßten an der Basis ihrer Vorschläge festhalten. Der Schutz der berechtigten Interessen der Landwirtschaft stehe im Vordergründe der konservativen Erwägung. Die Bildung einer Genoffenschaft, bestehend ans sämtlichen Brennereibesitzern, sei notwendig. Daß der Gesetzentwurf der Konservativen nach vielen Richtungen hin diskutabel sei, das verstehe sich bei einem der Kommission unterbreiteten Gesetzentwurf von selbst. Insbesondere sei das betreffs der nachstehenden Punkte der Fall: a> Ob nicht auf anderen Wegen als durch Fixierung eines bestimmten Preises für die Produzenten ein Preis zu erzielen fei, bei dem das Gewerbe der Spiritusbrennerei fortbestehen könne, b) Ob nicht der Eintritt neuer Brennereien in die Genossenschaft gegenüber dem konservativen Entwurf eine Ei leichterung erfahren könne, c) Ob nicht die finanzielle Beteiligung des Reichs bei den Genossenschaften anders zu regeln fei, namentlich betreffs eines verzinslichen statt eines unverzinslichen Zu- schuffes. d) Die Konservativen seien durchaus nicht prinzipielle Gegner des Hereinziehens der Anträge Uhden und Graf Strachwitz in ihren Entwurf, indessen feiert die Konsequenzen eines solchen Antrages nicht so schnell zu übersehen, als daß der Reichstag schon jetzt dazu Stellung nehmen könne. Die Konservativen müßten an den Grnnd- zügen ihrer Vorschläge festhalten und hofften, daß int nächsten Winter eine Vereinbarung auf diesem Boden erfolge.
— Wie bereits erwähnt, erhob der bairische Minister Frhr. v. Feilitzsch Bedenken gegen die von der Wanderversammlung bairischer Landwirte zu Gunsten der Kreirung eines „landwirtschaftlichen Landeskomitees** beschlossenen Resolution. Nach der „M A. Ztg." geschah das durch folgende Ausführungen: „Wenn ich in dieser wichtigen Frage mir erlaube, einige Worte. an Sie zu richten, so geschieht es nur zu dem Zwecke, um im Großen und Ganzen den Standpunk der kgl. Staatsregierung klar zu legen. Der erste Satz, mit dem ich beginne, ist der, daß die Staatsregierung bei allen Angelegenheiten, welche die Landwirtschaft berühren, ein wesentliches Gewicht darauf legt, daß die Landwirte über diq Frage gehört worden sind, und daß reifliche Gutachten über den Gegenstand vorgelegt werden, denn nur mit Hülfe der Landwirte kann etwas Gedeihliches geschehen. Der zweite Satz ist aber der, daß