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Nr. 139.

Marburg, Dienstag, 8. Juni 1886.

XXI. Jahrgang.

Erscheint täglich außer an Werktagen nach Sonn-und »eiertagen. Quartal- Lbonneurents-Preis bei der Expedition 21/« Mk., bei den Postämter 3 Mk. 50 Pfg. (erd. Bestellgeld). Znsertionsgebübr für die «svaltene Zeile 10 Pfg. Reklamen für die Zeile 96 Pfg.

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Anzeigen nimmt entgegen die Expedition d Blatte-, sowie d.Annoncen-Bureaux von Haasenstein undPogler in Frankfurt a. M , Cassel, Magdeburg und Wien; Rudel' Messe in Frankfurt a M-, Berlin,München uni» Ädln; G. L. Daube und Co. n 'rank>urt a. M-, B-rlm, Ha nover u.PariS

Pöchentliche Beilage«: Aaitlicher Anzeiger s. d. Kreise Marburg u. Kirchhain. - Illustriertes Sonntagsblatt.

Expedition: Markt 21. Redaktion, Druck und Verlag vou Joh. Aug. Koch.

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Deutsches Reich.

Berlin, 5. Juni. Heute sand ein Diner beim Kul­tusminister zu Ehren des Erzbischofs Dinder statt. Ein­ladungen waren ergangen an den hier anwesenden Staats­minister, die Präsidenten des Herrenhauses und des Ab­geordnetenhauses^, den Hofmarschall Grafen Radolinsky, Unterstaatssekretär Grafen Berchem und die Abgeordneten Tiedemann-Bromberg, Staudy, v. Colmar, Unterstaats­sekretär Lucanus, mehrere Räte des Kultusministeriums, Domprvbst Aßmann und Geh. Rat Rottenburg. Der Reichs-Anzeiger" publiziert eine kaiserliche Verordnung, durch welche auf Grund des Küstenfrachtschiffahrtsgesetzes das Recht, Güter in einen deutschen Seehafen zu laden und nach einem anderen deutschen Seehafen zu befördern, um sie daselbst auszuladen (Küstenfrachtfahrti den nieder­ländischen Schiffen eingeräumt wird. In einer am 4. d. Mts. unter dem Vorsitz des Staatsministers, Staats­sekretärs des Innern, v. Bötticher, stattgehabten Plenar­sitzung beschloß der Bundesrat, mit der Einstellung der zur Errichtung einer physikalisch - technischen Reichsanstalt für die experimentelle Förderung der exakten Natur­forschung und der Präzisionstechnik erforderlichen Geld­mittel in den Neichshaushalts-Etat für 1887-88 im Prin­zip sich einverstanden zu erklären und die Einstellung der ersten Nate der einmaligen Ausgaben in den Etat schon jetzt zu genehmigen. Der Vorsitzende machte Mitteilung von der am 2 d. Mts. zu London erfolgten Vollziehung der Uebereinkunft zwischen dem Reich und Großbritannien zum gegenseitigen Schutze der Rechte an Werken der Lit- teratur und Kunst. Dem vom Reichstage angenommenen Entwurf eines Gesetzes wegen Abänderung des Gerichts­verfassungsgesetzes wurde die Zustimmung versagt, die Re­solution des Reichstages zu den Petitionen von Mitgliedern der Eisenbahnwerkstätten - Krankenkassen, betreffend Abän­derung des § 6 Absatz 2 des Krankenversicherungsgesetzes, dem Reichskanzler überwiesen, einer Eingabe wegen Frei­gabe des Handels mit pharmazeutischen Handverkaufs- Artikeln an approbierte Apotheker keine Folge gegeben. Hierauf wurde über die Zollbehandlung verschiedener Gegen­stände, über die Abänderung der Ausführungsbestim­mungen zu dem Gesetz vom 25. Februar 1876, betreffend die Beseitigung von Ansteckungsstoffen bei Viehbeförde­rungen auf Eisenbahnen, und über die geschäftliche Be­handlung der Vorlagen, betreffend die Abänderung des Be­triebsreglements für die Eisenbahnen Deutschlands in bezug auf die Beförderung von Kinetitpatrvnen, Streichhölzern und gebrauchter Gasreinigungsmaffe und betreffend die Abänderung der Geschäftsordnung des Reichsgerichts, sowie des Antrags Württembergs wegen Aenderung der Statuten der württembergischen Notenbank Beschluß gefaßt. Dem Haupt - Zollamt Harburg und dem Haupt - Steueramt Zwickau wurde, die Ermächtigung zur Abfertigung von Waren zu anderen als den höchsten Zollsätzen erteilt.

Geschichtskalender.

8. Juni.

1628. Starb der Professor Rudolf Goclenius, der ältere, zu Marburg, eigentlich Rudolf Göckel geheißen, aus Cor- bach in Walveck gebürtig, ein dazumal berühmter Sprach­gelehrter, der auch 1618 mit auf der Synode zu Dord- recht war und von welchem manche hübsche Züge erzählt werden, z. B. wie er in einem einzigen Verse auf die Gesundheit des Landgrafen, der Landgräfin, der Prinzen und Priuzesstnneu aus dem Stegreif einen Trinkspruch ausbrachte, wie er als lateinischer Feldherr zu Rosse mit seinen sieben Regimentern: Grammatik, Dialektik, Rhetorik u. s. w. gen Frankenberg zog, aber Abends wieder in Marburg ankam, statt in Frankenberg, ohne cs zu merken und dgl. Ju demselben Jahre wurde das Primogenitur­recht im Hause Heffen-Cassel eingeführt.

1768. Johann Joachim Winckelmann, der um Kritik und Geschichte der Kunst, sowie um das Studium der Antike unsterblich verdiente Gelehrte, stirbt durch die meuchel­wörderischen Dolchstiche eines Diebes zu Triest. Winckel- mann saß im Gasthofe zwischen ein und zwei Uhr schreibend am Tische, als sein Vertrauter, der Italiener Francesco Arcangeli, ins Zimmer trat, um ihm seine plötzliche Ab- reise anzuzeigen und Abschied zu nehmen. Er bat, ihm zuvor noch einmal die von Winckelmann besessenen goldenen Medaillen zu zeigen; aber während dieser, vor dem Koffer knieend, fie hervorholen wollte, warf jener ihm eine Schlinge um den Hals und versetzte dem Unglücklichen, der sich vergebens wehrte, fünf tätliche Stiche in den Unterleib, worauf er entsprang. Winckelmann verschied wenige ^Stunden darauf.

1794. Gottfried August Bürger, ein wahrer und großer Bolksdichter, stirbt. Er hat mehrere unsterbliche Gedichte

Eine Eingabe, betreffend die Befreiung eines Betriebes von der Unfallversicherungspflicht, beschloß die Versamm­lung dem Reichs-Versicherungsamt zur Erledigung zu über­weisen Der chinesische Gesandte, Jsae Ching Cheng, ist mit dem größten Teil des Botschaftspersonals zu län­gerem Aufenthalte hier eingetroffen. Dem Vernehmen nach tritt demnächst hier eine Kommission unter dem Vor­sitz des Generals der Kavallerie, Freiherrn v. Schlotheim, kommandierei den Generals des 11. Armeekorps, zusammen, um über verschiedene Angelegenheiten, die Teilnahme der Ofsiziere an den öffentlichen Rennen betreffend, zu beraten. Zu dieser Kommission gehören außer dem General Frei­herrn von Schlotheim von der Kavallerie noch der Kom­mandeur der Garde - Kavalleriedivision, Generalleutnant v. Winterfeldt, der Kommandeur der 30. Kavalleriebrigade Generalmajor v. Rosenberg, der Kommandeur des Zieteu- schen Husaren-Regiments Nr. 3 von Podbielski; von der Infanterie der Kommandeur der 2. Garde - Jnfanterie- brigade Generalmajor v. Kaltenborn - Stachau; von der Artillerie Generalmajor v. Fassong, sowie mehrere andere Offiziere. Eine gestern hier stattgefundene Versamm­lung des demokratischen Vereins, in welcher Flürscheim über die Bodeufrage sprach, wurde polizeilich aufgelöst, als in der Debatte sich der sozialdemokratische Abgeordnete Kayser zum Worte meldete. Die Wahlprüfungskommis­sion des Abgeordnetenhauses beschloß in ihrer heutigen Sitzung einstimmig, zu beantragen, daß die angefochtene Wahl des Abgeordneten B o r k (Biedenkopf) für gültig er­klärt werte.

Die gestrige dritte Beratung des für Hessen-Nassau bestimmten Gesetzentwurfs über die Bestrafung der Ver­letzung der Dienstpflichten des Gesindes im Abgeordneten­hause ließ wieder einmal den deutschfreisinnigen Doktri- narismus in Frakturschrist leuchten. Der Abg. Zelle er­klärte pathetisch, wo zwischen Dienstherren und Dienstboten ein familiäres Verhältnis bestehe, da brauche man den Strafrichter nicht, und wo man den Strafrichter braucht, da trage die Herrschaft die Schuld. Das ist wunderbar schön gesagt und trifft in der Stadt ja auch überwiegend zu aber von den Verhältnissen auf dem Lande hat der­jenige, der solche Sentiments in unbeschränkter Allgemein­heit vorträgt, wie der Abg. Dr. Gcrlich zutreffend bemerkte, keine Ahnung. Hier liegen die Dinge so, daß der eine Teil der Kontrahenten, die Dienstherren, nichts Besseres wünschen, als einfamiliäres" und patriarchalisches Ver­hältnis, daß das Material zu einem solchen Verhältnis auf der andern Seite ihnen aber durch Zustände, die sie nicht gewünscht und nicht geschaffen haben, unter den Händen fortgespült ist. Die Freizügigkeit, die Gewerbefreiheit, die Gründerjahre haben gerade in den Schichten des Gesinde- standcs einen Teil seiner besten Kraft, der sich dann in der Stadt meist zu Proletarierexistenzen zersplittert, aus dem Lande herausgesogen, hundert andere Faktoren und

verfaßt, die seinen Ruhm begründen; wer kennt nicht das Lied vom braven Mann", denwilden Jäger", die Lenore", denKaiser und den Abt"l

1815. Gründung des deutschen Bundes. Unterzeichnung der deutschen Bundesakte auf dem Wiener Kongreß.

Im Schatte« des Lebens.

Roman von P. Felsberg.

(Fortsetzung.)

Schweig!" erwiderte er zähneknii schend und den Arm seiner Fran so fest pressend, daß sie sich eines halb unter­drückten Schmerzensschreies nicht erwehren konnte. Nachdem er sich überzeugt, daß noch Niemand auf ihn aufmerksam geworden, fuhr er in flüsterndem Tone fort:Ich habe nicht zu viel getrunken, denn glaube mir, auch mir lag Alles daran, das Kind nicht zu verlieren. Doch was nun thun? Die Mutter des Kindes wird mich anklagen, es gemordet zu haben; um das zu vermeiden und das können wir, da die Mutter ihr Kind nie gesehen hat, müssen wir uns unbedingt ein kleines Mädchen zu verschaffen suchen, um so mehr, als man jedenfalls schon in einigen Tagen kommen wird, um sich von dem Vorhandensein des KivdeS bei uns zu überzeugen. Bis dahin müssen wir ein anderes an seiner Stelle haben. Deshalb denke Du nun einmal nach, verstehst Du mich? wo können wir uns ein Kind von einigen Monaten ein Mädchen natürlich verschaffen?"

Du willst doch nicht ein anderes Kind unterschieben?" fragte entrüstet die Frau.

So willst Du mich vielleicht wegen Kindesmordes an­geklagt, im Zuchthause oder gar auf dem Schaffst sehen?" Er hatte ihr das mit entsprechender Betonung ins Ohr ge- zischelt. Er fuhr fort:Weißt Du nicht, daß ich für das Kind verantwortlich btu? Wem schadet es, wenn die Mutter nichts davon erfährt? Sie hält ihr Kind für

sich mit immer neuer Macht geltend machende Lockungen führen täglich zu demselben Resultat, und was dem Land­mann an Dienstboten-Material bleibt, ist nur zu häufig,, wieder zumeist durch Einflüsse, die ihren Mittelpunkt in der Stadt und in der liberalen Presse haben, dem Sinn für Zucht und Ordnung entfremdet. Läuft ein solcher Dienstbote aber dem Landwirt etwa gerade in der Zeit der Ernte aus Bosheit aus dem Dienst, dann kann der letztere nicht wie der Dienstherr in der Stadt dem Entlaufenen ein gelassenes Gelächter oder eine hochtrabende Redensart nachsenden, weil er nicht wie dieser nur nach dem nächsten Mietskontor zu schicken braucht, um sofort Ersatz oder gleich; eine ganze Auswahl von Ersatz zu haben, sondern er hat nur die Wahl, entweder das Gesetz und die Polizei gegen denjenigen, der leichtfertig feine Verpflichtungen gegen ihn bricht, in Anspruch zu nehmen, oder einen schweren materiellen Schaden zu tragen. Man wird es demnach nur beifällig begrüßen können, daß weuistens die Konservativen, Frei- konservativen und der größere Teil der Nationalliberalen, ein besseres Verständnis für die Verhältnisse und Bedürf­nisse des platten Landes gezeigt und, ohne sich durch bie sittlich erhabenen, aber windbrüchigen Redensarten der Deutschfreisinnigen und des Zentrumsredners Spahn blenden zu lassen, dem Gesetz zu unveränderter Annahme verholfem haben.

Breslau, 4. Juni. Seitens der hiesigen königlichen Regierung ist, wie dieSchlcs. Ztg." meldet, an die sämt­lichen Landräte des Breslauer Regierungsbezirks und an. den Polizeipräsidenten zu Breslau int Anschluß an eine frühere Verfügung, betreffend die Abwehr der Cholera-- gefahr, in letzter Zeit wiederum eine Verfügung ergangen, durch welche die bezeichneten Behörden im Hinblick auf die neuerdings in einigen Orten Norditaliens wieder vor­gekommenen Choleraerkrankungeir ersucht werden, aufs Neue die in der Verfügung vom 3. Oktober 1884 ange­ordneten Erhebungen über den Zugang und die Beschäftigung italienischer Arbeiter anzustellen und über das Resultat zu berichten. Wo sich ein Zuzug italienischer Arbeiter bemerklich machen sollte, sind in allen Fällen die ent­sprechenden Anordnungen in Gemäßheit der oben zitierten Verfügung ungesäumt zu treffen; über die angeordneten Maßregeln ist gleichzeitig eingehend zu berichten. Die Eisenbahndirektion und die Ober-Bergämter haben ent­sprechende Weisungen erhalten.

Ratzeburg, 3. Juni. Am Dienstag machte die Lauenburgische Gelehrtenschule zu Ratzeburg eine Turn­fahrt durch den Sachsenwald, was dem augenblicklich in Friedrichsruh weilenden Reichskanzler Fürsten von Bis­marck vorher angemetbet worden war. Im sog. Landhause zu Friedrichsruh traf der Fürst die Ausflügler und ließ sich die Lehrer vorstellen, während die Schüler sich klaffen­weise gruppierten. Ter Fürst unterhielt sich lebhaft und sagte u. A. zu den Primanern gewandt:Wenn Sie

geborgen und gut aufgehoben und ist veruyigt und zufrieden; sie will es nicht sehen, bis es erwachsen ist, und bis dahin werden wir schon Alles zu ordnen wissen. Also überlege, woher wir so ein Ding kriegen."

Die Frau schien überzeugt, daß nur so ihr Mann vor dem Verdacht, einen Mord begangen zu haben, zu bewahren sei; ihre zuerst bekundeten Gewissensbisse waren augenscheinlich zurückgetreten vor dieser größeren Gefahr. Sie saß eine Weile sinnend da, dann sagte sie:

Da fällt mir ein das Kind der Anne-Marie, das die Gemeinde aufziehen lassen muß das, glaube ich, könnten wir ohne weitere Umstände bekommen; namentlich, wenn wir es ohne Kostgeld zu uns nehmen wollen, dann wird kein Mensch etwas dagegen haben; im Gegenteil man wird froh sein, daß der Gemeinde eine Ausgabe erspart wird."

Alle Wetter! Du hast Recht, Frau; daran hatte ich gar nicht gedacht. Es ist ein Mädchen nicht war? die Mutter tot etwa ein halbes Jahr alt das geht ja herrlich! Nun können wir zufrieden sein; für uns ist gesorgt! Jetzt wollen wir aber auch ein ordentliches Mittagbrod zu uns nehmen; so viel 3eit haben wir noch bis zum Abgang des Zuges."

Bald saßen Rode und seine Frau bei einer guten Mahl, zeit. Die Frau schien ihr Gewissen zum Schweigen gebracht zu haben durch dm Gedanken, daß der Mutter des verlo- reneu Kindes alles Leid durch die Unterschiebung des anderen erspart und ihr Mann dadurch gleichzestig vor schlimmen Folgen bewahrt werde.

Nachdem das würdige Paar in seinem Heimatsdorfe wieder eingetroffen war, thaten fie die nötigen Schritte, um sich das hinterlassene Kind der Anne-Marie anzueignen. DaS gelang ihnen um so schneller und mit nm so wmiger Schwierigkeit, als dir Mutter der Kleinen bei der Geburt