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Marbuvg, Sonnabend, 5. Juni 1886.
XXI. Jahrgang.
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Wöchentliche Beilagen: Amtlicher Anzeiger f. 6. Kreise Marburg u. Kirchhain. - Illustriertes Sonntagsblatt.
Expedition: Martt 21. — Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Aug. Koch.
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Deutsches Reich.
Berlin, 2. Juni. Erzbischof Dinder ist heute mittags vom Kultusminister und nachmittags vom Kaiser , empfangen worden. Derselbe diniert heute bei dem Kaiser. — j V* MDie heutigen Verhandlungen der Branntweinsteuerkommis- i I eftcit des Reichstags begannen mit der Spezialdiskussion ¥ über § 3 der Regierungsvorlage. Die nationalliberalen j Mitglieder hatten zu diesem und den folgenden Paragraphen [271 eine Reihe von Abänderungsanträgen eingebracht. Die §§ 3 bis 8 wurden mit diesen Abänderungsvorschlägen, 'nachdem die letzteren durch den Abgeordneten Dr. Buhl
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kurz begründet worden, ohne weitere Diskussion gegen die Stimmen der Nationalliberalen abgelehnt. § 9 motivierte Dr. Buhl durch die Vorzüge, welche steuerfreie Niederlagen den Brennern und Spiritusfabrikanten bringen und bemerkte dabei, daß er es von Seiten der Konservativen nicht verstände, wie sie jetzt gegen die Vorlage mit den eingebrachten Abänderungsvorschlägen sttmmten, nachdem sie das Prinzip der neuen Steuer in den Paragraphen 1 und 2 acceptiert hätten. Dagegen wandte sich Abgeordneter von Wedell-Malchow (kGtservaliv) und führte aus, daß mit einem so winzigen Steuersatz, wie er im § 1 beschlossen sei, die in späteren Paragraphen vorgesehenen Konttollmaßregeln sich nicht vereinigen ließen, und daß seine Freunde aus diesem Grunde nur sich zur Ablehnung entschließen könnten. Abgeordneter Dr. Buhl zog darauf seine weiteren Abänderungsvorschläge als zweck
los zurück. Nunmehr wurden die Paragraphen 9—21
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■** 'beseitigt! Der Nest der Regierungsvorlage wurde wiederum
der Regierungsvorlage ohne jede Diskussion einstimmig abgelehnt. § 22 (Verteilung der Einnahmen aus der Verbrauchssteuer) wurde gegen die Stimmen der Konservativen abgelehnt; § 23 (Maischbottig- und Branntweinmaterialsteuer) ist durch die in der gestrigen Sitzung erfolgte Annahme des v. Kleistschen Gegenentwurfs bereits
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[einstimmig abgelehnt. Damit war die erste Lesung der Vorlage beendigt und der Vorsitzende Graf Hompesch warf [die Frage auf, zu welcher Zeit die zweite Beratung vor- Mommen werden solle. In dieser Beziehung wurden verschiedene Wünsche laut. Einige Stimmen erklärten sich für eine Nachmittags-, andere für eine Abendsitzung. Abgeordneter Kayser (Sozialdemokrat) war für einen späteren Termin, weil er mit Beginn der zweiten Lesung
7t< stine Erklärung des Finanzministers über die von der Kom- Mission an ihn gerichteten Fragen betreffs der Mehrbe-
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Geschichtskalender.
4. Juni.
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1376. Starb Heinrich IL, Landgraf von Hessen, mit dem Beinamen der Eiserne, ein Sohn Ottos I. und Enkel Heinrichs des Kindes, einer von den Regenten, welche vor dem Anfall von Ziegenhain und Katzenelnbogen am meisten für die Gestattung des Landes Hessen, wie es bis zur Gegenwart war, gethau hat. Sein einziger Sohn Otto (der Schütz) starb vor ihm, und er teilte in seinen späteren Lebensjahren die Regierung mit seinem Neffen Hermann, trat dieselbe zuletzt gänzlich an ihn ab.
1645. Starb der Pädagogiarch nnb Professor der griechischen Sprache Theodor Vietor zu Marburg, gebürtig ans Lich, einer der Wenigen des Gelehrtenstandes, welche in jener Zeit ein hohes Alter erreichten, denn er wurde 85 Jahr alt.
1648. Lieferte das hessencasselsche Korps unter dem General Geyso den Kaiserlichen ein Treffen bei Grevenbruch und erfocht einen vollständigen Sieg.
1745. König Friedrich II- von Preußen schlägt bei Hohenfriedberg die österreichisch-sächsische Armee vollständig, obgleich sie in großer Uebermacht gestanden war. Au diesem Tage war es, daß der verwegene General Geßler an der Spitze des Dragonerregiments „Baireuth" wie ein Sturmwind auf die österreichische Infanterie stürzte, zwanzig Bataillone zersprengte, 67 Fahnen erbeutete. Aber auch alle anderen Truppentelle der Preußen bedeckten sich mit Ruhm; der Sieg war eben so sehr ein Werk der Tüchtigkeit des Heeres, als der überlegenen Kriegskunst des königlichen Feldherrn. Der Verlust der Preußen betrug 5000 Mann, der der Verbündeten 16000, darunter 7000 an Gefangenen.
1813. Der preußische General Bülow, der mit ausgezeichnetem Geschick in der Mark dir Landwehr zu organifieren
dürfnisse des Reiches und des Staates Preußen abgegeben wünsche. Die Kommission dürfe auf ihr konstitutionelles Recht nicht verzichten. Abgeordneter Graf Strachwitz (Zentrum- wollte noch heute in die zweite Lesung eintreten, da es zweifelhaft sei, ob der Minister die gewünschte Auskunft geben werde. Abgeordneter Kayser meinte, daß man in jedem Falle dem Minister nicht Grund zu der Entschuldigung geben dürfe, ihm sei nicht die nötige Zeit gelassen worden. In Abwesenheit des Herrn Finanzministers entgegnete als dessen Kommissar Regierungsassesfor Köhler, daß absolut kein Umstand vorliege, aus dem sich entnehmen ließe, daß der Finaitzminister die gewünschte Auskunft nicht geben werde, und daß diese Unterstellung daher völlig ungerechtfertigt fei. Keinesfalls aber sei es möglich, diese Erklärung schon am heutigen Tage zu bringen, weil dazu noch weitere Vorbereitungen erforderlich seien. Abgeordneter v. Wedell-Malchow fand die sofortige Vornahme der zweiten Lesung aus dem Grunde unpassend, weil der Kommission alsdann zweifellos der Vorwurf gemacht werden würde, daß sie die Beratungen übereilt habe, und weil die Kommission durchaus auch den Schein ver- mei°en muffe, daß dieser Vorwurf berechtigt fei. Er bitte daher dringend, für heute von der zweiten Lesung abzustehen und sie auf Freitag zu verschieben. In ähnlichem Sinne äußerten sich die Abgeordneten Dr. Sattler (nat.- lib.) und Staudy i kous. >, ebenso auch schließlich der Vorsitzende Graf Hompesch. Die nächste Sitzung in welcher die zweite Lesung vorgenommen werden soll, wurde darauf auf Freitag, 4 Juni, vormittags 12 Uhr, anberaumt.
Leipzig, 1. Juni. Gestern hatte sich der I. Strafsenat des Reichsgerichts mit der bekannten Frankfurter Friedhofsangelegenheit vom 22. Juli vorigen Jahres zu beschäftigen. Von den im März d. I. durch das Frankfurter Landgericht Verurteilten hatten vier — drei Schutzleute und der Schneider Leyendecker — Berufung beantragt. Auf Antrag der Reichsanwaltschaft ward jedoch vom höchsten Gerichtshöfe die Berufung als unbegründet verworfen. Bei Leyendecker komme nicht der § 116 des Strafgesetzbuches, wie Beklagter meine, sondern lediglich § 17 des Sozialistengesetzes in Frage, auf Grund dessen sonach seine Verurteilung von Rechts wegen erfolgt sei. Aber auch die drei Schutzleute seien von einer rechtsirrtümlichen Auffassung ausgegangen, indem sie meinten, daß der § 340 des Strafgesetzbuches auf sie nicht hätte Anwendung finden können, denn sie hätten nicht unter dem zwingenden Befehl des ihnen vorgesetzten Polizeikommissars Meyer gehandelt, weil dieser Befehl nicht darauf hinausgelaufen sei, die flüchtenden Menschen mit Gewalt zu entfernen, auch die Vorsätzlichkeit ihrer Handlungsweise fei erwiesen und ebenso müsse der höchste Gerichtshof der Entscheidung des Frankfurter Landgerichts auch hinsichtlich des angefochtenen Teils derselben beipflichten, der von der Berechtigung des Nebenklägers handle. Sämtliche Berufungen feien deshalb zu verwerfen.
Freiburg, 2. Juni. Bischof Roos von Limburg ist einstimmig zum Erzbischof gewählt worden.
Ausland.
Wien, 2. Juni. Das Abgeordnetenhaus nahm das Arbeiter-Unfallversicherungsgesetz in der Spezialdebatte an und genehmigte ohne Debatte den Nachtragskredit für die korporative Beteiligung der Genossenschaft der bildenden Künste Wiens an der Berliner Jubiläumsausstellung.
Bern, 2. Juni. Der Bundesrat beantragt bei den eidgenössischen Räten, die nachgesuchte Konzession für eine Eisenbahn durch den großen St. Bernhard (Col Ferret) nicht zu bewilligen, um andere Alpenbahn-Projekte des Kantons Wallis nicht zu präjudizieren.
Rom, 2. Juni. Der „Moniteur de Rome" erklärt die Meldung von einer Erkrankung des Papstes für durchaus unbegründet. — Erzbischof Ganglbauer ist hier eingetroffen.
Poris, 2. Juni. Die Kommission zur Vorberatung der Vorlage über die Ausweisung der Prinzen wähtte Montjau zum Präsidenten. In der heutigen Sitzung der Kommission gab der Konseilpräsident Freycinet eine Erklärung ab analog den in dem heutigen Ministerrate gefaßten Beschlüsse, welche ein Einvernehmen dahin erzielten, daß die Ausweisung der Prätendenten der direkten Linie auf legislativem Wege erfolgen und daß der Regierung das Recht zustehen solle, den übrigen Prinzen den Aufent- halt in ^Frankreich zu gestatten oder zu versagen. Die Regierung solle indessen hinsichtlich dieses Gesetzentwurfs nicht die Initiative ergreifen, sondern denselben annehmen, falls die Kommission ihn vorschlage. Freycinet betonte, es sei keine unmittelbare Gefahr vorhanden und auch kein ge# waltthätiger Schritt der Prinzen zu fürchten, aber die Haltung der Prinzen im allgemeinen sei eine solche, daß sie die öffentliche Meinung beunruhige und den Feinden der Republik einen Vereinigungspunkt biete. Er (Freycinet) wolle nicht die allgemeine Ausweisung der Prinzen, aber er sei bereit, sofott die wirklichen Prätendenten und die Deszendenten der direkten Linien, d. h. den Grafen von Paris und seine Söhne, sowie dem Prinzen Napoleon und dessen Sohn Viktor, auszuweisen. — In parlamentarischen Kreisen wird angenommen, daß die Kommission wahrscheinlich den im Ministerrate gefaßten Beschluß annehmcn werde, d. h. obligatorische Ausweisung der direkten Prätendenten und fakultative Ausweisung der übrigen Prinzen. Die „France' hatte also Recht, als sie glaubte, daß zwischen der Majorität der Kommission und der Regierung ein Einvernehmen erzielt werden wird, dahin, daß nur die Ausweisung der Prätendenten der direkten Linie erfolgen sollte.
London, 2. Juni. (Unterhaus.) Bei der Weiterberatung der irischen Bill erklärte Harcourt: Eine Kombination der verschiedenen Fraktionen kann die Bill zerstören, aber nicht deren Prinzip, das die Mehrheit der Liberalen
verstand und Berlin ruhmvoll gegen französische Angriffe schützte, schlägt bei Luckau mit nur 15000 Manu den viel stärkeren französischen Marschall Oudiuot und zwingt ihn zum fluchtartigen Rückzug, lieber 500 Gefangene, viele Munitionswagen und eine Kanone blieben in der Gewalt der Preußen. Fast 2000 Mann an Toten und Verwundeten büßte der französische Marschall ein. Die Preußen zählten 700 Tote und Verwundete. — An dem- selben Tage wird zwischen Napoleon und den Verbündeten ein Waffenstillstand bis zum 6. Jnli vereinbart und abgeschlossen. Napoleon, der das gefährliche des Krieges mit dem preußischen, vielleicht bald mit dem ganzen Deutschen Volke erkannt haben mochte, hatte selbst den Waffenstillstand gewünscht und angetragen und legte sich nun aufs Unterhandeln.
1859. Sieg der Franzosen über die Oesterreicher bei Magenta.
5. Juni.
1400. Wurde bei Kleinenglis der zum deutschen Könige gewählte Herzog Friedrich von Braunschweig von einem Haufen hessischer Ritter, Friedrich von Hertingshausen und Kunzmann von Kaltenberg an der Spitze, ermordet. Wenn es wahr ist, was man damals glaubte, daß der Erzbischof von Mainz der Änstister dieser That sei, so hat dieser Erzbischof gewiß nicht mehr an seinen Vorgänger, der an diesem Tage vor 645 Jahren in Friesland ermordet worden war, gedacht. An der Mordstätte wurde ein Kreuz mit einer Inschrift, bald nach der That, errichtet, und dieses Kreuz steht, dicht vor Kleinenglis, wenn man von Kerstenhausen herkommt, noch jetzt. Die Mörder wurden bestraft, d. h. zu einer sehr mäßigen Strafe verurteilt, aber die Strafe ist niemals vollzogen worden. Es ging damals wie heut zu Tage, ober noch ein wenig schlimmer.
1598. Vermählung des Landgrafen Ludwig V. mit der Prinzessin Magdalene von Brandenburg, Tochter des Kurfürsten Johann Georg. Die Ehe bauerte 18 Jahr nnb es entsproßten aus derselben zwölf Kinder; der älteste Sohu war Georg IL, der jüngste, zwei Monate nach dessen Geburt die Landgräfin starb, Friedrich, Cardinal und Fürstbischof von Breslau.
1619. Graf Thun erscheint vor Wien, um den österreichischen Ständen, welche dem Kaiser Ferdinand nicht huldigen wollten, bevor er nicht den Religionsbeschwerden abgeholfen habe, beizustehen. Es kommt zur Belagerung; Abgeordnete der Protestanten bringen gewaltsam in baS kaiserliche Gemach und verlangen bie Unterschrift des Kaisers unb als biefer zögert, faßt ihn einer von ihnen an ber Brust unb ruft ihm brohend zu: „'Nandl, willst Du halb unterschreiben?!' — Da ertönt plötzlich Trompetenschall im Schloßhof; der Kaiser war gerettet
1826. Karl Maria von Weber, berühmter und volkstümlichster Komponist der Deutschen, stirbt
Im Schatten des Lebens.
Roman von P. Felsberg.
(Fortsetzung.)
Der Graf drückte einen innigen Kuß auf die weiße Stirn seiner Schwester und sagte ernst: „Rechne stets auf mich, Hedwig! Doch jetzt bin ich ruhig genug geworden, um — ihr gegenüber treten zu können.'
Graf Biela trat unangemeldet in das Zimmer seiner Mutter. Obgleich bereits von seiner Rückkehr unterrichtet, bebte doch die stolze Frau, aI8 sie sich jetzt ihrem Sohne Ang in Auge gegenüber sah. Sie sah ein, daß sie sich be« herrschen müsse, denn ihr ahnte, daß er komme, sie anzuklagen. Vollkommen wieder Herrin ihrer Gefühle, erwartete sie, den Blick fest auf ihren Sohn gerichtet, dessen Anrede.