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Marburg, Mittwoch, 2. Juni 1886.

XXI. Jahrgang.

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Erscheint täglich außer an Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. — Quartal» Abonnement--Prei- bei der Expedition 2% Nk., bei den Postämter 2 Mk. 50 8fg. (e?cL Bestellgeld). Jnsertionsgebühr für die «svaltene Zeile 10 Pfg. Reklamen für die Zeile 25 Pfg.

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Anzeigen nimmt entgegen die Expedition d Blatte-, sowie d.Annoneen-Bureaux vonHaasenstein undBogler in Frankfurt a. M , Cassel, Magdeburg und Wien; Rudolf Stoffe in Frankfurt a M-, Berlin,München und Köln; G. L. Daube und So. n Frankfurt a. M-, Berlin, Ha nover ».Paris-

Wöchentliche Beilagen: Amtlicher Anzeiger f. d. Kreise Marburg u. Kirchhain.—Illustriertes Sonutagsblatt.

Expedition: Markt 21. — Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Aug. Koch.

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Auch für den Monat Juni nehmen alle Postanstalten Bestellungen auf die

Oberhesfische Zeitung

nebst ihren Beiblättern entgegen, ebenso in hiesiger Stadt die Expedition.

Der Wucher.

Eins der traurigsten Kapitel im wirtschaftlichen Leben ist das vom Wucher, ein Kapitel, das schreckliche Abgründe offenbart. Wir verurteilen den, welcher in blinder Zornes- wut und Raserei ein Menschenleben vernichtet; was sollen wir nun erst von denen sagen, die unter der Maske gleis­nerischer Freundschaft ihre Opfer einfangen, ihnen dann, wenn sie dieselben fest in ihren Fesseln haben, alle Lebens­kraft und allen Lebensmut rauben und schließlich das ganze Dasein zu einem hassenswerten machen? Wir ver­urteilen solche Leute, wir verachten ein solches Gebühren, und das Gesetz setzt strenge Strafen auf Wucher und Wucherkniffe, aber wir müssen doch gestehen: der Wucher war, er existiert noch, und es wird schwer möglich sein, ihn und seine Vertreter gänzlich zu vertilgen. Der Wucher hat seine hauptsächlichste Stütze in menschlichen Schwächen, ebensowenig, wie diese jemals ganz beseitigt werden können, wird auch der Wucher ganz auszurotten sein. Geldgier, Habsucht leiten den Wucher, Feigheit, Aengstlichkeit, sich Anderen zu offenbaren, aber auch Mangel an Gemein­sinn, an freundlicher Unterstützung führen das Opfer in seine Hände.

Die Wucherfrage ist in deutschen Parlamenten wieder­holt zur Sprache gekommen, man hat über die Ausbeutung von Gewerbetteibenden und Landwirten durch Wucherer, über Mittel gegen den Wucher ausführlich verhandelt, und neuerdings will ein Verein Umfragen halten lassen, um die Ausdehnung der Schäden, welche in dieser Weise her­vorgerufen, zu konstatieren. Es fehlt in Deutschland nicht an offenbaren Fällen, in welchen die Opfer solcher „Kra­wattenfabrikanten" in den Tod getrieben sind; noch größer ist die Zahl derer, deren Existenz im Wirtschaftsleben durch den Wucher ruiniert worden ist. Zu unserem Trost können wie aber doch sagen, daß es bei uns nicht so schlimm steht, wie in anderen Ländern, wo ganze Bezirke unter der Faust weniger Geldmänner ächzen. Wir erinnern uns z. B. eines amtlichen italienischen Berichts, in dem konstatiert wurde, daß ganze Kreise durch den Wucherzins für Darlehen völlig ruiniert sind, und in dem aus diesem Verhältnis arge Befürchtungen für die Zukunft gefolgert wurden. So ist es bei uns nun nicht, aber die Wucherpstanze ge­deiht auch in Deutschland, und könnte sie rasch vertilgt werden, mancher würde aufatmen. Aber, wie oben gesagt, das wird unmöglich sein; wohl aber kann dahin gearbeitet werden, den Wucher zu beschränken und dabei kann jeder Mitarbeiten und thätig sein. Gemeinsinn zwingt den Wucher.

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Geschichtskalender.

2. Juni.

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Dezember 1849 die Vereinigung aller hohenzollerischen Lande unter der Krone Preußens bewirkte, stirbt im 74. Jahre seines Lebens.

Im Schatte« des Lebens.

Roman von P. Felsberg.

(Fortsetzung.)

„Sie würden mich verbinden, wenn Sie mir, so wett Ihnen dies möglich, die allergenauesten Mttteilungen in dieser Beziehung machen wollten; jeder, auch der scheinbar unbedeutenste, mit dem Raube des KiudeS zusammenhängende Umstand könnte für die Forschungen, die ich ohne Rücksicht

1492. Mit dem Fall Granada's unter Ferdinand und Isabella endet die Maurische Herrschaft in Spanien.

1556. Erschien auch in Hessen die sehr seltene Landplage der orientalischen Heuschrecken, ohne jedoch hier bedeu­tenden Schaden anzurichten, der in den Rheingegenden und sogar in den Niederlanden, wo sie um dieselbe Zeit er­schienen, weit beträchtlicher war.

1697. Der Kurfürst August Friedrich von Sachsen tritt um der polnischen Krone willen zu Baden in Oesterreich zur katholischen Kirche über.

1865. Karl von Raumer, Schriftsteller, stirbt.

1878. Attentat auf Kaiser Wilhelm durch Nobiling aus dem Hause Unter den Linden 17. 18.

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1879. Louis Napoleon, Sohn Kaiser Napoleons ui-, wird von den Koffern in Afrika erschlagen.

los 1881. Graf Ferdinand zu Eulenburg, preußischer Minister, iof gestorben.

1885. Fürst Karl Anton von Hohenzollern, der am 7.

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Wir haben zu Eingang gesagt, daß mancher Geschäfts­mann durch Aengstlichkeit, sich anderen zu offenbaren, durch falsche Scham, dem Wucher in die Hände getrieben wird. Er läßt sich beispielsweise in einem Geschäftsfalle etwas vorreden, glaubt durch eine gewagte Spekulation viel verdienen zu können, aber wenn er schließlich die Sache bei Licht besieht, so war er der Angeführte, der bis über den Hals in Schulden sitzt. Solche Fälle sind nicht selten, und eben weil sie das nicht sind, möchten wir ganz be­sonders darauf Hinweisen. Der also „Hineingefallene" geniert sich, auch nur seiner Frau etwas zu sagen, viel weniger vertraut er sich noch Bekannten und Freunden an, aus Furcht für seinen Leichtsinn gerechte und verdiente Vorwürfe zu erhalten. Aber Geld muß er haben, und deshalb nimmt ers um jeden Preis, und durch die Zinsen wird die Schuld schließlich wer weiß, wie groß. Bricht dann schließlich die Katastrophe ein, dann wird alle Schuld auf den Wucherer geschoben; nun, eine entsprechende Portion Selbsterkenntnis würde auch nicht schaden und die würde zeigen, daß mancher dem Wucher in die Arme läuft, ohne daß zwingende Notwendigkeit dazu vorliegt. Wer sich Hals über Kopf in die Gefahr stürzt, kann sich nicht wundern, wenn er schließlich darin umkommt.

Deutsches Reich.

Berlin, 31. Mai. Die Fürstin Bismarck und Graf Herbert Bismarck begaben sich heute nach Friedrichsruh. — Aeußerem Vernehmen nach ist Regierungspräsident Studt- Königsberg zum Vorsitzenden der Jmmediat - Kommission für das Kolonisationsgesetz in Aussicht genommen. — Die deutschkonservativen Reichstagsabgeordneten Graf von Kleist-Schmenzin, Freiherr von Mirbach, Staudy und von Wedell-Malchow haben als Mitglieder der Branntwein- steuerkommisston in derselben einen Antrag eingebracht, welcher in der Form eines vollständig ausgearbeiteten Ge­setzentwurfs die Besteuerung des Branntweins auf einer neuen Grundlage regeln will. Wir beschränken uns zu­nächst darauf, die hauptsächlichsten Gesichtspunkte dieses Entwurfs mitzuteilen. Bezüglich der Maischraum- und Branntweinmaterial-Steuer schließt sich der Anttag im wesentlichen den Vorschlägen der Regierungsvorlage an, der Eingangszoll soll vom 1. Juli d. I. ab auf 160 Mk. per 100 Kilogramm festgesetzt werden. Dagegen soll eine Verbrauchsabgabe von allein im Deutschen Reiche herge­stelltem Branntwein in Höhe von 80 Pfg. pro Liter reinen Alkohols erhoben werden. Zu diesem Zwecke und zur Ueberführung des Branntweins in den freien Verkehr, werden die am 1. April d. Js. in Betrieb gewesenen Brennereien ht eine Branntwein - Brennereigenoffenschast vereinigt. Für diese sind folgende nähere Bestimmungen vorgeschlagen: „a. von sämtlichen am 1. April 1886 vor­handenen Brennereien wird ein Kataster mit ihrem Pro­duktionsquantum vorgelegt; als Produktionsquantum wird diejenige Menge Branntwein festgesetzt, welche jede Brennerei

auf Geld und Zeit anstellen werde, von wesentlich fördern­dem Einfluß sein, um die Wiedererlangung des Kindes zu erleichtern. Unabweisliche Pflichten verlangten meine Abreise von hier gerade in dem Augenblick, wo ich im Begriffe stand, meine Frau — denn sie war es in jeder Hinsicht rechtmäßig — trotz aller Rücksichten gegen die Familie, deren Haupt ich jetzt bin, öffentlich anzuerkennen und die Taufe unseres Kindes vollziehen zu lassen, das vielleicht — o der Gedanke treibt mich fast zur Verzweiflung! — nicht mehr lebt oder

„Sie glauben doch nicht an einen Mord des Kindes, Herr Graf? — Welches Interesse könnte irgend Jemand an dem Tode des unschuldigen Wesens gehabt haben . .?"

„Davon vielleicht später, Herr Polizeidirektor . . Ein Interesse ist vorhanden! Doch sind Sie nicht auch meiner Ansicht, daß eS für mein Kind einem Tode gleich zu achten ist, wenn es vielleicht in unwürdiger Umgebung aufgezogen wird, ohne daß es mir gelingt, sie — meine Tochter — wieder zu finden? .... — sie ihrem Geburtsrecht, ihrem rechtmäßigen Namen und der damtt verbundenen Art der Erziehung zurückzugeben? — Lieber sähe ich sie tot!" rief der Graf mit schmerzlichem Ausdruck, indem er sich erhob und mit großen Schritten im Kabinet des Polizeidirektors auf und ab ging.

„Alles, was ich zn Ihrer Verfügung stellen kann, Herr Gras," entgegnete nach einer kurzen Pause der Beamte, „ist dieses Aktenbündel. Wir thaten alles Mögliche, um den oder die Frevler zu entdecken; meine besten Leute haben die Sache in Händen gehabt und mit nicht ermüdendem Eifer verfolgt — bis jetzt jedoch leider, aller Bemühungen ungeachtet, vergeblich."

„Nun denn, Herr Polizetdirektor, so müssen wir auf der alten Spur von Neuem beginnen. Ich bin reich —

in den Jahren 1881 bis 1885 einschließlich regelmäßig produziert hat. Es erfolgt die Errichtung genossenschaft­licher Lagerhäuser, welche den für den Konsum im Jn- lande dienenden Branntwein von jeder Brennerei nach einem bestimmten Prozentsatz aufnehmen. Die Entschädigung der Brennereibesitzer für den von ihnen an die Lagerhäuser der Genossenschaft abgelieferten Branntwein ist für die ersten 5 Jahre der Durchschnittspreis, welchen der Brannt­wein in Deutschland in den Jahren 1876 bis 1884 ein­schließlich gehabt hat. Für die spätere Zeit erfolgt die Bestimmung über die Höhe der Entschädigung für den jedesmaligen Zeitraum von 5 Jahren durch Gesetz. Bei nicht rechtzeitigem Zustandekommen eines Gesetzes verbleibt es 6et, dem bestehenden Entschädigungsbetrage. b. Die Lagerhäuser stehen unter steuerlicher Kontrolle und unter amtlichem Mitverschluß. Die Kosten der Herstellung und Unterhaltung der Lagerhäuser trägt das Reich. Die Ver­waltungskosten werden von der Genossenschaft getragen und aus die einzelnen Brennereien pro rata der von ihnen an die Lagerhäuser abgeführten Branntweinmengen repartiert, c. Der seitens der Lagerhäuser zur Ueber­führung in den inneren Konsum nicht gelangte Branntwein, welcher von den der Branntweinbrennerei - Genossenschaft angehörigen Brennereien produziert wird, ferner sämtlicher von den nach dem 1. April 1886 in Betrieb gesetzten Brennereien produzierter Branntwein ist zum Export zu verwenden. Von der Verbrauchsabgabe befreit bleibt: Branntwein, welcher ausgeführt wird, Branntwein, welcher zu gewerblichen Zwecken, einschließlich der Essigbereitung, zu Heil-, zu wissenschaftlichen oder zu Heizungs- oder Be­leuchtungszwecken verwendet wird, nach näherer Bestimmung des Bundesrats." — Außerdem beantragen die Abgeord­neten Uhden und Graf Strachwitz sowohl zu der Re­gierungsvorlage, wie zu dem vorstehenden Anträge, die Maischraumsteuer abzustufen nach der Höhe der monat­lichen Einmaischung. Brennereien, welche monatlich bis höchstens 32 500 Liter Bottigraum bemaischen, sollen zahlen für 100 Liter Bottigraum 0,90 Mk.; für 32 500 bis 100000 Liter monatlicher Bemaischung 1,15 Mark; 200000 Liter 1,25 Mk., 300000 Liter 1,33 Mk. 3 bis 400j000 Liter 1,40 Mk., 4 bis 500 000 L. 1,50 Mk., 5 bis 600000 L. 1,60 Mk.; darüber 2 Mk. Preßhefen­fabriken 1,15 Mk. — alles für je 100 Liter bemaischten Bottigraum. Von der Branntwein-Materialsteuer sollen 10 Prozent unerhoben bleiben und vorstehende Sätze nur für die Zeit vom 15. September bis 31. Mai gelten, während der übrigen Zeit des Jahres jedoch für den Brennereibetrieb mit anderen Stoffen als Kartoffeln eine Zitschlagsbesteuerung von 20 Prozent eintreten.

— Nachdem die feit mehreren Jahren in der Durch­führung begriffene Neugestaltung der Post- und Telegraphen- Einrichtungen für die Landbewohner taufende von Orten des platten Landes in das Reichs - Telegraphennetz gezogen hat, sind mehrfach aus den Kreisen der beteiligten Be-

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sehr reich; ich werde tm Verhältnis zu meinem Reichtum Denjenigen belohnen, dessen Bemühungen mich auf die richtige Spur meines Kindes bringen. Nur wenn sie schnell und mit allem Eifer begonnen werden, können diese Nach- forschnngen mit Erfolg gekrönt sein."

Der Polizeidirektor sann einige Augenblicke nach; dann erwiderte er: „Ich kenne in der Hauptstadt einen äußerst gewandten und unternehmenden Agenten der Sicherheits­polizei. Ihrem Einfluß wird es zweifelsohne gelingen, sich dessen ausschließliche Thätigkeit durch den Minister des Innern zu sichern. Dieser Mann hat schon weit schwierigere und verwickeltere Sachen zu einem gedeihlichen Ziele geführt. Ich werde Ihnen seine Adresse geben, Herr Graf, nm Ihnen zu ermöglichen, sich mit dem Manne persönlich in Verbin­dung zu setzen."

„Ich bin Ihnen dafür sehr dankbar nnd werde sofort nach der Residenz abreisen."

Mit einem Händedruck veraschiedete sich der Graf von dem sich jetzt fast ehrfurchtsvoll gegen ihn verbeugenden Beamten, der ihm znm Ueberfluß noch bis zur Hansthür das Geleit gab.

»Vorerst muß ich zu erfahren suchen," sprach er, auf der Straße allein gehend, halblaut, „ob meine Vermutung richtig ist." — Der Gedanke, daß seine eigene Mutter die Anstifterin des Raubes seines Kindes sei, war ihm wie durch eine höhere Eingebung gekommen. Er wollte so schnell als möglich außer Zweifel sein und zu diesem Ende eine Unterredung mit seiner Mutter herbeiführen.

Nachdem Alfred in seiner Wohnung angelangt war, ließ er zunächst Louise vor sich kommen, mit der er ein freund­liches, aber genaues und eingehendes Verhör anstellte. Sie mußte ihm aufs Genaueste die Persönlichkett des MamieS beschreiben, welcher sie so weit betört hatte; er glaubte durch