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Mttrbttvg, Dienstag, 1. Juni 1886.
XXI. Jahrgang.
Erscheint täglich außer an Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. — Quartal» Lvonnements-Preir bei der K; Petition 2>/t Mk., bei den Postämter 2 Mk. 50 Pfg. (erd. Bestellgeld). Iniertionssebübr für die Pipaltene Zeile 10 Pfg. Reklamen für die Zeile 3-5 Pfg-
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Anzeigen nimmt entgegen die Expedition d Blattes, sowie dAnnoncen-Bureaux von Haasenstein undVogler in Frankfurt a. M , Caffel, Magdeburg und Wien; Rudolf Messe in Frankfurt a M., Berlin,München und Köln; G. L. Daube und So. n ranksurt a. M., Berlin, Ha nover u.Paris.
Wöchentliche Beilagen: Amtlicher Anzeiger f. d. Kreise Marburg u. Kirchhain. - Illustriertes Sonntagsblatt.
Expedition: Markt 21. — Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Lug. Koch.
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Auch für den Monat Juni nehmen alle Postanstalten Bestellungen auf die
Oberhessische Zeitung
nebst ihren BeiblLtterir entgegen, ebenso in hiesiger Stadt die Expedition.
Deutsches Reich.
Berlin, 29. Mai. Einem eingehenden Berichte der „Magdeb. Ztg." über den vorgestrigen Äesuch des Kaisers ht'ber Jubiläumsausstellung entnehmen wir einige Stellen von weiterem Interesse: Nunmehr schritt der Kaiser ohne jede Unterstützung die Freitreppe des olympischen Zeus- tempels hinab, um unten wieder in Begleitung der Frau Großherzogin den Wagen zu besteigen. In seinen Bewegungen und Gesten bewies der greise Held eine wahrhaft überraschende Frische, so daß das Publikum, welches sich allmählich angesammelt hatte und stark mit Fremden untermischt war, seinem Erstaunen in lMjer Weise Ausdruck gab. Als man am Obelisken, welchen die Berliner Künstlerschafs dem Kaiser errichtet, vorüberkam und die Großherzogin'ihren Vater auf dieses Monument aufmerksam machte, winkte dieser bescheiden mit der Hand, als wolle er sagen: das habe ich nicht gern. Während des Ganges zum Westportal musterte der Kaiser noch wiederholt verschiedene Schöpfungen Berliner Künstler, welche in den Mittelsälen aufgehängt sind. Als er Kochs „Zweiundfünfziger bei Vionville" ansichtig wurde, trat er an Has Bild heran, rief seinen Flügeladjutanten herbei und tauschte mit ihm einige Bemerkungen über das tapfere Regiment, welches am 16. August die Attake der französischen Kavallerie so todesmutig und erfolgreich zurückwies, aus. Schöne Erinnerungen tauchten wohl in dem greisen Heldenkaiser beim Anblick dieser Schöpfung auf, denn er schien sich nur ungern von derselben zu trenne». Nach einem kurzen Blick in den Skulpturenhof, dessen Rünwand unter einem Baldachin in festlicher Umrahmung das Bronzestandbild Friedrichs des Großen einnimmt, verließ der Kaiser um 1*/. Uhr die Ausstellung. Länger als !“/♦ Stunden hat er in derselben geweilt, stets in anstrengendem Gespräch begriffen, stets auf den Füßen und nicht einen Moment sitzend — eine Leistung, die selbst manchen Jüngern matt machen könnte. Aber unser Kaiser besitzt eine außergewöhnliche Natur. Die zahlreich anwesenden Ausländer, unter welchen sich besonders viele Italiener und Engländer befanden, konnten diese geradezu unbegreifliche Rüstigkeit eines 96jährigen nicht genug preisen. — Ueber den Aufenthalt des Fürsten Bismarck in Friedrichs- ruh erzählt der „Hamb. Korresp.": „Wie Augenzeugen versichern, steht der Reichskanzler auch heute noch sehr früh auf, um stundenlange Fußturen durch den stärkenden Waldesduft zu machen. Das Aussehen des Fürsten ist ein recht frisches und die Haltung wie immer eine straffe.
G-schichtskal-nd-r.
1. Juni.
1794. Der engl. Admiral Howe gewinnt einen entscheidenden Steg zur See über die Franzosen bet der Insel Queffant.
1818. Schluß der am 27. Mai eröffneten Synode der lutherischen und reformierten Kirche im Fürstentum Hanau, in den Jsenburgischen Standesherrschaften und im Großherzogtum Fulda, durch welche die „Union* in den Pfarreien der vorgedachten Landesteileu beschlossen wurde. Es waren 59 reformierte Pfarrer (darunter 15 aus dem Jsenburgischen) und 22 lutherische Pfarrer (darunter 8 aus dem Fuldaischen und den Standesherrschaften) anwesend. Die höchste Spitze der Unterhandlungen, sagt die amtliSe Beschreibung dieser Synode, sei am 28. Mat durch die lutherischer Seits gemachte Konzession erstiegen worden, daß man bei dem Abendmahl länglich-viereckiges Brot statt des runden (der Hostien) nehmen wolle. Durch diese, das länglich-viereckige Brot betreffende Konzession sei eine heilige Begeisterung über die Versammlung ge- kommen, und es sei das ein Augenblick deS höchsten moralischen Sonnenglanzes gewesen.
1846. Der Papst Gregor XVI. stirbt an der Wassersucht, ihm folgt der Cardinal Mastai Ferreiti als Papst Pius IV.
1866. Die österreichische Regierung legt die schleswig- holsteinische Frage dem Bundestage in Frankfurt zur Entscheidung vor.
1879. Lows Napoleon starb.
Die Fußwanderungen werden auf Anordnung des Arztes unternommen. — Nach einer Mitteilung der „Köln. Ztg." gedenkt der Reichskanzler in der zweiten Hälste des Juni, also »etwa zur Zeit der Steuerdebatten, nach Berlin zurückzukehren. — Nach der „Krmz-Ztg." wird sich die Abreise des Ministers v. Puttkamer nach Ems, die, nach einer offiziösen Korrespondenz, schon hätte stattfinden sollen, noch verzögern. Dis wann, ist unbestimmt. — Den Beratungen der Konservativen, der Reichspartei und der Mitglieder des Zentrums in der Branntweinsteuer- Kommission über den gemeinschiftlich eiuzubringenden Gegenentwurf sind heute zu Ende geführt worden. Der Entwurf wird in der nächsten Kommissionssitzung am Montag eingebracht werden. Tie „Kreuz-Ztg." teilt als Grundlage des Entwurfs mit: Die Einführung von Zwangsgenossenschaften, welche Sammelbassins anlegen, die Erhebung der Konsumabgabe beim Uebergang des Branntweins aus diesen Sammelbassins in den Verkehr und eine Abstufung der Maischraumsteuer ähnlich dem in Bayern bestehenden System. Ob sämtliche Mitglieder des Zentrums in der Kommission diesen Entwurf unterzeichnen werden, erscheint noch fraglich. Es macht sich unter den Zentrums- Abgeordneten bereits eine Mißstimmung gegen daö Verhalten einzelner Kommissionsmitglieder bemerkbar. In der Zentrumspresse tritt dieselbe offen zutage. So antwortet die „Germania" heute auf den in einem freisinnigen Blatte erhobenen Vorwurf, daö Zentrum befinde sich durch die Unterstützung dieses Entwurfs auf dem Wege zum Monopol: „Eine Partei als solche ist nicht an das gebunden, was ihre Mitglieder in der Kommission beschließen. Wir weisen es daher rund und nett zurück, daß das Zentrum sich auf dem Wege zum Monopol befinde. Das Zentrum wird seiner inneren Natur nach nie für ein Monopol eintreten können." Charakteristisch ist es, daß die Nationalliberalen, die sich doch am Begeistertsten für eine höhere Branntweinsteuer ausgesprochen hatten, nicht aufgefordert worden sind, an der Einbringung eines neuen Entwurfs teilzunehmen. Man nimmt wohl als selbstverständlich an, daß sie ihn trotzdem acceptieren werden. Zwei Nationalliberale, die Herren Oechelhäuser und Struck- mann, treten übrigens aus der Kommission aus und werden durch zwei andere, darunter Dr. Sattler, ersetzt werden. — Der „Köln. Ztg." wird aus Petersburg vom Heutigen gemeldet: Die ungünstige Aufnahme, welche die neulichen Meldungen über die Absicht von einer weiteren bedeutenden russischen Zollerhöhung vor allem auf Eisen und Kohlen in Deutschland gefunden, ist hier sowohl In Regierungs«, wie in Finanzkreisen wohl bemerkt worden. Wie zuverlässig mitgeteilt wird, hat man sich jetzt hier, zumal auch hinsichtlich der geplanten Rentenumänderung, entschlossen, für dieses Jahr auf jede weitere Zollerhöhung im Verkehr mit Deutschland zu verzichten. — In Betreff der Blokade der griechischen Häfen sagt das „Journal de St. Peters- bourg": Da die Aufrichtigkeit des Athener Kabinetts nicht in Zweifel zu ziehen sei so dürfe man annehmen, daß
Im Schatten des Lebens.
Roman von P. Felsberg.
(Fortsetzung.)
Graf Biela wandte sich jetzt an den Doktor: „Tausendmal lieber möchte ich mein Kind tot wissen! — Doch ich werde Alles in Bewegung setzen," fügte er, mit sich selbst redend hinzu, „um es wieder zu finden; meine Tochter muß wieder aufgesunden werden! — So leicht gebe ich mein Kind nicht aus, und die kalte Berechnung soll nicht trium- phieren!" . . .
Louise öffnete die Thür, welche zu Margarethas Zimmer führte. Düse hatte die Stimme ihres Herrn erkannt und das Mädchen gebeten, ihn zu ihr zu führen, damit sie, bevor sie sterbe, noch mit ihm sprechen könne. Der Graf trat auf das zitternde Mädchen zu und heftete sie freundlich: „Beruhige Dich," sagte er, „Deine Schuld, obschon vorhanden, ist weniger groß, als Ihr Alle glauben mögt; denn wäret Ihr noch so wachsam gewesen, man würde doch ein Mittel gefunden haben, sich des Kindes zu bemächtigen. — Doch nun will ich zu meiner armen Margaretha gehen, hoffentlich steht es nicht so schlimm mit ihr, Doktor?"
Dr. Bender zuckte die Achseln. Traurig trat der Graf an das Bett seiner Amme, die ihm ihre abgezehrte Hand entgegenstreckte, während ein glückliches Lächeln das eingefallene, bleiche Gesicht verklärte. Sie hatte die Worte ihres Herrn an Louise gehört.
„Wie danke ich Gott, daß ich Sie noch einmal sehe, bevor ich sterbe. — Und doch vermag ich kaum, wie sonst Sie anzuschauen, denn wie schlecht habe ich den mir anvertrauten Schatz gehütet! — Verzeihung, Herr!" bat sie, und drückte seine Hand an ihre schon kalten LiMn.
beut griechischen Handel die Freiheit des Meeres in kurzer Frist wiedergegeben werden würde.
— Der „Schwäb. Merk." äußert sich über die neue Branntweinsteuervorlage folgendermaßen: Im Reichstage hat am Dienstag eilte zweitägige höchst unerquickliche Debatte ihren Abschluß gefunden: die erste Beratung der neuen Branntweinsteuervorlage. Den großen Zug in der Gesetzgebung, wie die Monopolvorlage ihn gezeigt hatte, will man nicht; man zieht kleinliches Zusammenpassen und Aneinanderstückeln vor, aber auch auf diese Art will Nichts zustande kommen, da der Meinungen zu viele sind. Das ungefähr ist der Eindruck, den man aus solchen Debatten gewinnt. In Süddeutschland besonders, wo man dem Gedanken des Spiritus - Monopols mit Eifer gefolgt ist, wie man einst für das Tabak - Monopol unbefangen eingetreten war, fühlte man sich schon ernüchtert durch die Notwendigkeit, welche sich für die Negierungen ergeben hatte, statt der Vorlage in großem Geiste und Wurfe eine mühsam zusammengestellte andere zu machen, welche, der Natur der Dinge nach mehr auf den Norden als auf uns berechnet, schließlich, wenn sie durchdrang, auch uns gefallen mußte, die wir ganz Anderes, Größeres gewünscht hätten. ^Eifrig wurde seiner Zeit im Süden die Monopolvorlage in weiten Kreisen des Volks studiert, in den neuen Gesetzentwurf haben wohl nur Wenige einen genauer prüfenden Blick geworfen, da im Voraus gewiß war, daß von den großen Zielen des Monopols durch den dargebotenen Ersatz nicht viel erreicht werden könnte. Wo bleibt die einigende Kraft einer neuen, umfaßenden Neichs- einrichtung? Wo die Hoffnung auf Hebung der Gesundheit und Sittlichkeit? Und nun die Behandlung der Sache im Reichstage! Bei den Deutschfreisinnigen die alte Sophisterei, mit welcher dort eben Alles behandelt wird. Politik ist dort rednerisches Handwerk, Kunst, alles zu drehen und zu wenden, wie man es gerade braucht. Beim Monopol hieß es auf dieser Seite: glaubet nicht, daß eö so große Summen eintragen würde, als die Regierung herausgerechnet; um solchen Bagatells von Geld willen führt man teilte umstürzenden Neuerungen ein. Nun das Monopol tot ist, und die Regierung glaubt, auch auf anderem Wege recht schöne Summen erlangen zu können, heißt es: viel zu niedrig gerechnet! DaS sind ja ungeheure Summen, die man da herauspressen wird! Natürlich nach deutsch-freisinniger Darstellung immer aus den ärmeren Volksklassen zu Gunsten der Reichen. Und das bei der Regierung, die auf dem Boden der Kaiserlichen Botschaft sicht! ... Ist es der Mühe wert, hiergegen mit Gründen zu kämpfen? Sieht man nach den anderen Parteien, so sind die Nationalliberalen ehrlich bereit, Etwas zu Stande zu bringen, das Zentrum läßt sich recht notdürftig herbei, die Konservativen haben allerlei besondere Wünsche, die Reichspartei wüßte auch Alles noch bester zu gestalten. So haben denn die 28, die jetzt niedergesetzt sind, um Etwas zu vereinbaren, eine recht schwierige Aufgabe. Erleichtert ist sie nur durch die ausgesprochene Ergebenheit
Tief gerührt erwiderte Alfred: „Was soll ich Dir verzeihen, meine gute, alte Margaretha? — Ich werde schon die Spur meines Kindes aufzufinden misten; beruhige Dich also und sei überzeugt, daß ich es so leicht nicht verloren gebe."
Ein dankbarer Blick der Kranken traf ihn; sie vermochte jedoch nicht mehr zu sprechen. Die Freude über das Wiedersehen ihres geliebten Herrn und die Aufregung hatten die letzten Kräfte Margarethas erschöpft. Dr. Bender prüfte ihren Puls und beobachtete ihre Respiration; er trat dann vom Sterbebett der alten Dienerin zurück und flüsterte Alfred zn: „In einer Stunde wird sie sanft hinüber geschlummert sein; Ihr Wiedersehen hat ihr den Tod wesentlich erleichtert."
Er hatte Recht; nach kaum einer Stunde hatte Margaretha ihre treue Seele ausgehaucht.
Dem Grafen lag es jetzt am nächsten, aufs Genaueste Alles zu erfahren, was mit dem Raube seines Kindes irgendwie Zusammenhang hatte. Er begab sich in dieser Absicht zum Polizeidirektor. Er fand einen ältlichen Beamten, der bei seiner Begrüßung sich kalt und zurückhaltend benahm. Mit einem fast mißttauischen Blick musterte er die hohe Figur des Grafen. ES mochte wohl manches über das geheimnisvolle Auftreten des „Herrn Biela" — wie dieser sich soeben hatte anmelden lassen — zn den Ohren der heiligen Hermaudad gekommen sein, denn ihr Chef in BSr- felde musterte den Eingcttetenen mit Kenneraugen: war es doch nicht unmöglich, mochte jener in diesem Augenblick vielleicht denken, daß unter diesem Namen, unter all dem Geheimnis und der glänzenden Hülle ....
„Mit waS kann ich dienen?" fragte indessen ziemlich artig der Polizeidirektor. Es hatte wohl sein forschender