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Nr. 196

Marburg, Sonntag, 30. Mai 1886,

XXI. Jahrgang

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Wöchentliche Beilagen: Amtlicher Anzeiger f. d. Kreise Marburg «. Kirchhain. - Illustriertes Sonntagsblatt.

Expedition: Martt 21. — Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Aug. «och.

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Oberhesfische Zeitung

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Deutsches Reich.

Berlin, 26. Mai. Der Bundesrat, welcher am gestrigen Tage unter dem Vorsitz des Staatsministers, Staatssekretärs des Innern, von Bötticher, eine Plenar­sitzung abhielt, erteilte in derselben dem Entwurf einer Verordnung über die Einfuhr und die Ausfuhr von Ge­wächsen, sowie von sonstigen Gegenständen des Wein- und Gartenbaues, dem Anträge der Königlich sächsischen Re­gierung wegen Aufnahme der Anlagen, in welchen Albumin­papier hergestellt wird, in das Verzeichnis der einer be­sonderen Genehmigung bedürfenden Anlagen (§ 16 der Gewerbeordnung) und der Vorlage, betreffend die Aus­dehnung der Unfallversicherungspflicht auf Arbeiter und Betriebsbeamte in Gewerbebetrieben, welche sich auf die Ausführung von Schreiner- (Tischler-) Einsetzer-, Schlosser­und Anschlägerarbeiten bei Bauten erstrecken, die Zustim­mung, ermächtigte den Reichskanzler zur Abänderung des mit dem Norddeutschen Lloyd bezüglich der subventionierten Post-Dampfschiffsverbindungen mit Ost-Asien und Australien abgeschlossenen Vertrages in einzelnen Punkten und be­schloß, Eingaben des lippeschen Ziegelvereins und anderer lippescher Ziegelarbeit^r, wegen Abänderung der Gewerbe­ordnung und des Krankenkassengesetzes, und einer Eingabe, betreffend den Kolportage-Buchhandel und die Novelle zur Gewerbeordnung vom 1. Juli 1883, keine Folge zu geben. Die Mitteilungsschreiben des Präsidenten des Reichstages über die Beschlüsse des letzteren zu der Petition eines Militärarztes wegen Gewährung von Jnvalideupension, bezüglich der Uebersicht der Ausgaben und Einnahmen des Reichs für das Etatsjahr 1884/85 und zu der Denkschrift über die Ausführung der Anleihegesetze, sowie der Entwurf einer Verordnung wegen Ergänzung der Verordnung vom 23. Dezember 1875, betreffend die Pensionen und Kau­tionen der Reichsbankbeamten, und der Verordnung, betr. die Fürsorge für die Witwen und Waisen der Reichsbank­beamten, vom 8. Juni 1881, wurden den zuständigen Ausschüssen, die von dem Reichstage mitgeteilte Petition wegen Einführung des Gesetzes über den Unterstützungs- Wohnsitz in Elsaß-Lothringen und die Resolutton desselben zu dem von ihm abgelehntcn Entwurf eines Gesetzes, betreffend Abänderung des Gesetzes über die Abwehr und Unterdrückung von Viehseuchen, dem Reichskanzler über­wiesen. Das Gesetz über die Besteuerung des Zuckers wird zur Allerhöchsten Vollziehung vorgelegt werden. End­lich wurde über mehrere Gesuche, betreffenv die Befreiung verschiedener Betriebe von der Unfallversicherungspflicht,

Beschluß gefaßt. — Wie aus dem von der Kaiser Wilhelm- Stiftung für deutsche Invaliden vorgelegten 14. Jahres­bericht zu ersehen, ist das Vermögen der genannten In­stitution seit 1870 in nicht unbeträchtlichem Umfang in­folge der starken Anforderungen seitens des Publikums rasch zusammengeschmolzen. Andererseits sind an Unter­stützungen in den Jahren 1873 bis 1881 mehr Gelder gezahlt worden, als im letzten Verwaltungsjahr. Diesem Mißverhältnis entspricht denn auch das rasche Schwinden des Vermögensstandes von 4261905 Mk. im Jahre 1871 auf 104859 Mk. im Jahre 1885. Noch bedenklicher erscheint dieses Mißverhältnis, wenn man das Verhältnis, der unbedingt gesicherten Einnahmen der Stiftung, näm­lich der Zinsen ihres Vermögens, zu den Ausgaben in das Auge faßt. Dieses Verhältnis ist allmälig derart verändert, daß die Ausgaben im Jahre 1872 181 pCt., im Jahre 1885 aber 381 pCt. der nach dem Vermögens­stand des betreffenden Vorjahres als sicher anzusehenden Einnahmen betrugen, und daß letztere von 213570 Mk. 76 Pfg. am Schluß des Jahres 1872 auf 83854 Mk. 21 Pfg. am Schluß des Jahres 1885 gesunken sind. Aus diesem zwingenden Grnnde sieht sich, wenn auch die Zahl und Bedürftigkeit der zu Unterstützenden in der letzten Zeit noch gewachsen ist, die Stiftung genötigt, eine Reduktion der Unterstützungssumme eintreten zu lassen, um der drohenden Gefahr einer vorzeitig gänzlichen Erschöpfung der Mittel vorzubeugen. — Die „Berliner Pol. Nachrichten" melden: Seit einigen Tagen bilden die Gesetzentwürfe, betreffend den Nachtrags- Etat und das Militär-Reliktengesetz, welche dem Reichs­tage noch in dieser Session zugehen sollen, den Gegenstand von allerlei unzutreffenden Mitteilungen in den Zeitungen. Ohne auf die Details dieser Mitteilungen eingehen zu wollen, möchten wir konstatieren, daß nach unseren In­formationen nach wie vor die Absicht besteht, beide Vor­lagen, für welche die Zustimmung maßgebenden Orts noch einzuholen ist, einzubringen. Wenn insbesondere auf die Geschäftslage des Reichstages und die vorgerückte Jahres­zeit als ein Motiv für die Zurückstellung bis zum Herbst hingewiesen wird, so ist dem gegenüber doch zu erwägen, daß diese Vorlagen in ganz kurzer Zeit auch ohne lang­wierige Kommissionsberatungen erledigt werden können. Die Bemängelung, welche von einer Seite an die Mit­teilung geknüpft wurde, daß der zu erwartende Gesetzent­wurf, betreffend das Militär - Reliktengesetz, an der Frei­lassung der Unterchargen von Wittwen- und Waisenkassen- beiträgen festhält, erscheint hinfällig; denn die Bedenken, weche gegen eine solche Heranziehung aus der niedrigen Besoldung der Subalternoffiziere herzuleiten sind, bestehen in unveränderter Stärke fort, so lange die Besoldungen auf ihrer jetzigen Höhe verbleiben. Sie würden natürlich für den Fall einer Aufbesserung jener Gehälter wesentlich abgeschwächt werden und es würde vielleicht für eine Ver­ständigung eine sGrundlage sich darbieten, wenn die Bei­

tragsfreiheit der bezeichneten Offiziersklasse nur provisorisch bis zur Ermöglichung einer Gehaltsaufbesserung vorgesehen, für diesen Fall aber ausdrücklich Vorbehalten würde. — Die Hinterbliebenen Leopold v. Rankes erhielten folgendes Telegramm des Großherzogs von Sachsen - Weimar: „Empfangen Sie für sich und Ihre Familie den Ausdruck meiner lebhaften Teilnahme an dem Verlust, der Sie be- betroffen. Das Vaterland, sowie die gebildete Welt trauert mit Ihnen, denn alle haben den Verlust ihres bedeutenden Geschichtsforschers, des Mannes zu beklagen, der stets be­strebt war, die Wahrheit aus der Vergangenheit zu sagen. Gott tröste Sie in Ihrem Kummer. Karl Alexander." — Zu gleicher Zeit traf ein Schreiben aus Karlsruhe ein, das die Kondolation des Erbgroßherzogs von Baden enthielt. — Wie der Kronprinz bei der Beerdigung Rankes dem Sohn desselben, Hauptmann v. Ranke, gegenüber äußerte, war er, bet Kronprinz, zugleich als persönlicher Vertreter des Kaisers bei der Leichenfeier erschienen.

Flensburg, 28. Mai. Wegen Bismarck-Beleidigung wurde der Redakteur Jeffen des dänischen Blattes „Flens- borg Avis" zu vier Monaten, der Redakteur Fabron vom „Moodersmaalet" zu drei Monaten Gefängnis verurteilt.

Ausland.

Wien, 28. Mai. (Abgeordnetenkammer.! Die Re­gierung legte die Entwürfe für die zollfreie Einfuhr von Mais und Hirse aus Serbien und Bulgarien, ferner für die Verlängerung der Bahn Mostar-Metkowich nach Sera- jewo vor. Im Herrenhause zeigte Königswarter seinen Austritt aus der Staatsschulden - Kontrollkommission an. Falkenhain beantragt die Niedersetzung eines aus fünf Mit­gliedern bestehenden Sonderausschuffes für den Zolltarif; der Antrag wird angenommen. — (Herrenhaus.) Das Landsturmgefetz wurde in der zweiten Lesung unverändert angenommen, sodann auch in der dritten Lesung votiert. Minister Graf Welsersheimb teilte im Laufe der Debatten mit, ein Uebereinkommen mit Ungarn betreffs der Ver­sorgung der Militär-Witwen und -Waisen sei bereits erzielt worden. Ein hierauf bezügliches Gesetz werde noch in dieser Session dem Reichsrate vorgelegt werden. Das Herrenhaus wählte einen Sonderausschuß von 15 Mit­gliedern, nicht einen solchen von 5, für den Zolltarif. — Eine Ministerialverfügung verbietet vom 1. Juni ab die Durchfuhr von aus Rumänien stammenden Schafen, Schwei­nen und Pferden aus Veterinärgründen.

Paris, 28. Mai. In Deputiertenkreisen verlautet von mehreren Amendements zu der Vorlage über die Prinzen­ausweisung, namentlich beabsichtige Clemenccau einen An­trag auf obligatorische Ausweisung. Das „Journal des Debats" bedauert, daß das Kabinett, um den Radikalen zu willen zu sein, sich zu Ausnahmemaßregeln verpflichte. — Die BudgetKommission der Deputiertenkammer stellte heute mit 15 gegen 13 Stimmen nach einer Rede des Abg. Goblet das Kultusbudget wieder in seiner ursprünglichen Höhe

Geschichtskalender.

30. Mai.

1431. Scanne d'Arc (die mutige Jungfrau von Orleans) wird, von den Engländern wegen Zauberei und Ketzerei zum Feuertode verurteilt, zu Rouen verbrannt.

1527. Eröffnung der Universttät Marburg, der ältesten Universität der evangelischen Kirche.

1640. Peter Paul Rubens, einer der größten Maler aller Zetten, stirbt zn Antwerpen, wo er mit größtem Pomp begraben wurde.

1813. Der russische General Czernitscheff überfällt bei Halberstadt einen für die französische Armee besrimmteu Transport unter dem Befehl des westfälischen Generals Ochs, nnd erbeutet nach heftigem Widerstand 14 neue Kanonen, 60 Pulverwagen und 800 Trainpferde, und macht 1000 Soldaten, 10 Offiziere und selbst den Ge­neral Ochs zu Gefangenen. Die Uebrigen retteten sich durch die Flucht.

1814. Erster Pariser Frieden. „Großmütig, wie Befreier, nicht wie Eroberer, diktierten die Verbündeten den Frieden." Frankreich, in welchem das Königtum für die bombonische Familie wieder hergestellt worden war, behielt seine Grenzen, wie cs solche vor dem Jahre 1792 hatte, und war somit größer, als es unter seinen alten Königen gewesen war.

1849. Das deutsche Parlament der Paulskirche zu Frank­furt am Main siedelt nach Stuttgart über.

31. Mai.

1689. Worms und Speier werden von den Franzosen ge­plündert und eingeäschert. Haarsträubende Gräuelthaten und Nichtswürdigkeiten wurden von diesen verwildeten

Horden verübt, und darin von ihren Offizieren sogar noch bestärkt.

1740. König Friedrich Wilhelm I. von Preußen stirbt; sein Sohn Friedrich II. tritt die Regierung an. Es war eine schöne Hinterlassenschaft, welche er antrat; ein Land von 2145 Quadratmeilen und 2 486 000 Einwohnern, ein treffliches Heer von 83000 Mann, Einkünfte im Betrage von 7371000 Thalern, einen Schatz von 8700000 Thl.; und dabei keinen Pfennig Schulden.

1773. Der Dichter Ludwig Tieck geboren.

1809. Der wackere Schill fällt an der Spitze seines Frei­korps im hitzigen Straßenkampf zu Stralsund, welches durch die elende Verräterei eines Schurken in die Hände der Franzosen gerät. Als Schill die ganze Größe der Gefahr erkennt, ruft er Denen, welche den zur letzten Rettung Ansprengenden auf dem Markte fragen, wohin der Rückzug gehe, die Worte zn: „Wollt und könnt ihr euch retten, so rettet euch; wollt ihr aber sterben, so sterbet mit mir." Im gestreckten Galopp stürzt Schill hierauf in den feindlichen Haufen und haut den fran- zöstsch-holländischen General Carteret vom Pferde. Aus Schußwunden und Säbelhieben verblutend, hauchte Schill seine Heldenseele aus.

An demselben Tage starb zu Wien der große Kom­ponist der „Jahreszeiten", Joseph Haydn.

1872. Friedr. Gerstäcker, gestorben.

1878. Untergang der Kriegs-Korvette „Großer Kurfürst."

Im Schatten des Lebens.

Roman von P. Felsberg.

(Fortfetzung.)

X.

Graf Alfred Biela war erschöpft von der so kurze Zett

nach feiner schweren Krankheit unternommenen langen Reise in Bärfelde angelangt.

Schreck, Kummer und Sorgen der fünften Zeit hatten die alte Margaretha aufs Krankenbett geworfen, von dem sie wieder erstehen zu sehen, Dr. Bender nicht glaubte, ob­gleich er Alles auf bot, um ihr den voraussichtlich nahe be­vorstehenden Abschied vowLeben zn erleichtern. Schon waren die Vorboten des Todes dem guten, srunzligen Gesicht aufgedrückt.

Der freundlich teilnehmende Arzt saß am Bett seiner Patientin, im Gespräch mit Margaretha, der er wieder und wieder versprechen mußte, dem Herrn Biela, wenn derselbe zurückkehren sollte, die Versicherung zu geben, daß sie — Margaretha — ihrem Pflegling gegenüber ihre Pflicht erfüllt und wie der (Srant über das unerklärliche Verschwinden des Kindes der treuen Dienerin das Herz gebrochen habe.

Da trat Louise mit verstörtem Gesicht herein und winkte Dr. Bender hinaus zu kommen. Als der Arzt ins an­stoßende Zimmer trat, fiel sein erster Blick auf Alfred, der den Doktor begrüßte und erstaunt um sich blickend ihn fragte: „Was geht hier vor? — Louise erblaßt, indem sie mich erblickt, und ist augenblicklich so außer Fassung, daß sie keine meiner Fragen beantworten kann; Sie selbst Doktor scheinen ebenfalls wie bestürzt; bitte, erklären Sie mir, ist hier Jemand krank? — Ich muß das schon deshalb annehmen, weil ich Sie, lieber Doktor hier finde. — Doch nicht mein Kind?"

Dr. Bender war in nicht geringer Verlegenheit, wie er dem Vater den Verlust seines Kindes mitteilen sollte. Er schwieg zögernd.

„Wie erkläre ich mir Ihr Schweigen, Herr Doktor? — Ist ein Unglück geschehen — mein Kind krank — vielleicht schon tot? — Was es auch fei, ich bitte Sie, reden Sie, lassen Sie mich nicht in Ungewißheit!"