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Marburg, Sonnabend, 29. Mai 1886.
XXI. Jahrgang.
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Deutsches Reich.
Berlin, 27. Mai. Der „Reichsanzeiger" veröffentlicht den Wortlaut der Ansprache, welche der Kaiser bei Eröffnung der Jubiläumsausstellung an die Festversammlung gerichtet hat. Dieselbe lautete: „Auf einem andern Boden, als wir es gewohnt sind, begehen wir heute die Erinnerung an den großen König, unter deffen Schutz vor hundert Jahren die erste der akademischen Kunstausstellungen eröffnet worden ist. Auch hier tritt uns das hellleuchtende Bild des großen Königs entgegen, der mit offenem Auge und Hellem Blick stets erkannt hat, was zum Wohle des Vaterlandes frommte. Alles, was wir Großes und Gutes heute in unserem Lande bewundern, ist auf dem Fundament aufgebaut, das er gelegt hat; überall, wo er seine Hand anlegte, entstand ein Werk, das den Dank der Nachwelt verdiente. Ich bin hocherfreut, daß diese Jubiläumsausstellung dazu Gelegenheit biete, den großen König auch auf diesem Gebiete zu erkennen und den Dank und die Schätzung auszusprechen, die er verdient vor aller Welt. Ich fühle mich geehrt, daß unter Meiner Regierung dieses großartige Werk geschaffen wurde, und dem Herrn der Heerscharen gilt Niem Dank, daß es Mir vergönnt ist, an dem heutigen Tage in Ihrer Milte zu sein, um dieses herrliche Werk des Friedens mit bewundern zu können." Der Eindruck dieser spontanen, ganz aus dem Augenblick hervorgegangenen Worte, die hell und fest durch die ganze Festversammlung klangen, soll ein überwältigender gewesen sein. Eine Berliner Korrespondenz bemerkt hierzu: Im Publikum und auch an höheren amtlichen und politischen Stellen ist man noch immer nicht recht im klaren darüber, ob die bedeutsame Ansprache des Kaisers bei der Eröffnung der Ausstellung eine Improvisation gewesen ist oder nicht. Diese Zweifel dürften jetzt wohl durch die Autorität eines Mannes, der darum wissen muß, gehoben sein. Herr von Goßler hat gegenüber befreundeten Parlamentariern sich über seine Ergriffenheit und freudige Ueberraschung ausgesprochen, die er in dem Momente empfand, als der Kaiser aus einem Zwiegespräche, welches er mit dem Minister führte, unvermutet in die Form einer öffentlichen Ansprache von getragenem Tone und formvollendetem Inhalt überging. Durch diese spontane und mächtige Willensäußerung des Monarchen werden zahlreiche Gerüchte widerlegt, die laut und leise seit langem umgingen und von denen eingehender Notiz zu nehmen sich aus mancherlei Gründen verboten hat, so offen auch ihre Rückwirkung auf die innere und äußere Politik zutage trat. Wer die bewunderungs
würdige geistige und körperliche Frische des Kaisers am letzten Sonntag beobachten konnte, der wird davon Abstand nehmen, für die nächste Zeit mit Eventualitäten zu rechnen, von denen zu reden sich namentlich die Ultramontanen nicht entblödet haben. Für die Stabilität unserer Verhältnisse, namentlich unserer Beziehungen nach außen hin, bedeutet das einen Gewinn, den man nicht leicht überschätzen kann. Das Leben des Kaisers Wilhelm ist der europäische Friede! Das wird einem erst recht gegenwärtig in Momenten, wie dieser!, wo die seltsam herausforoernden Ansprachen im Kreml zu Moskau abermals zeigen, daß die Politik, welche die Russen vor zehn Jahren bis an die Thore von Konstantinopel geführt hat, noch nicht überwunden ist und vielleicht eine neue Auflage erleben kann. — Die Branntweinsteuer-Kommission des Abgeordnetenhauses beendete heute die Generaldebatte. Die Sitzungen werden bis Montag ausgesetzt. — Unter den noch unerledigten Petitionen im Abgeordnetenhause befindet sich auch diejenige von zahlreichen Bierbrauern um Erlaß eines gesetzlichen Verbotes aller Surrogate zur Bierbereitung. Surrogat soll alles sein, außer Wasser, Hopfen und Gerste. Schon der Weizen, der Reis, der Zucker sollen verboten werden. Der Schlag ist hauptsächlich gegen die Maltose gerichtet, von der man eine Beeinträchtigung des Malzes besorgt. Wie erinnerlich, ist dieselbe Petition im Reichstag abgewiesen worden, einmal, weil chemische Gutachten die absolute Unschädlichkeit und den ansehnlichen Nahrungs- wcrt der Maltose außer Zweifel stellten, sodann weil die obergärigen Brauereien von dem Verbot der „Surrogate" sehr hart betroffen würden, endlich weil die Petition darum übers Ziel schoß, weil sie sich nicht darauf beschränkte, zu verlangen, daß Bier mit Zusätzen nur als solches bezeichnet in den Handel gelangen dürfe — was man allenfalls billigen könnte — sondern ein Verbot der Surrogate überhaupt verlangt, was zahlreiche Interessen verletzen würde, ohne aus gesundheitlichen Gründen irgendwie gerechtfertigt zu sein. — Von den Vertretern der Philo- logenvercine in Rheinland-Westfalen ist unter dem 20. d. Mts. an den Reichskanzler Fürsten v. Bismarck eine Adresse gerichtet, welche der „Elberf. Ztg." zufolge folgenden Wortlaut hat: „Als Vertreter der beiden, nahezu die gesamten akademisch gebildeten Lehrer an den höheren Unterrichtsanstalten von Rheinland und Westfalen umfassenden Philologenvereine, bitten die unterzeichneten Vorstände derselben Euer Durchlaucht, den Ausdruck des tiefsten Dankes entgegennehmen zu wollen für die Ueberweisung der Höchst- ihnen zu Ihrem 70. Geburtstage von der deutschen Nation dargebrachten Ehrengabe zur Begründung der Schönhauser Stiftung für Beflissene des höheren Lehramts. Eure Durchlaucht haben dadurch unseren Stand nicht nur aufs Ehrenvollste ausgezeichnet, sondern auch ein Werk geschaffen, welches auf fernere Zeit hin demselben äußerlich zur Wohlthat, geistig zum Segen gereichen wird. Unser Dankgefühl aber wird noch erhöht durch die Worte, mit
welchen Eure Durchlaucht die Aufsicht über jene Stiftung dem jeweiligen ersten Präsidenten des Herrenhauses überwiesen haben! Daß diese den höheren Lehrerstand ehrenden, die ihm innewohnende Bedeutung würdigenden Worte von dem nächst unserem Kaiser Verehrtesten Manne Deutschlands, von dem Mitschöpfer deutscher Einheit gesprochen worden sind, verleiht ihnen das höchste Gewicht. Wie wir erfreut sind über die von Euer Durchlaucht damit bekundete Anerkennung unserer Berufsarbeit, so entnehmen wir ihnen auch für alle Zukunft Antrieb und Sporn, in Amt und Beruf als die Träger idealer Gesinnung und Pfleger des nationalen Gedankens bei der Jugend uns zu erweisen und so auch an unserem Teile zur Befestigung und Erhaltung des nationalen Werkes beizutragen, dessen Gründung und Aufrichtung Euer Durchlaucht Ihr Leben gewidmet haben."
— Man muß, so wenig man sich auch sonst diesem Blatt gegenüber zur Heiterkeit gestimmt fühlen mag, geradezu lachen, wenn man an der Spitze der heutigen »Freis. Ztg." einen Leitartikel findet unter der Ueberschrift: „Neue Heiratsbeschränkungen für Subalternoffiziere." Man kann ja eine Prämie auf den Nachweis auch nur eines einzigen Falles aussetzen, wo das Organ Eugen Richters eine Anordnung der Militärbehörden gebilligt und nicht kritisiert hat; hier konnte man, bei der politisch absolut neutralen Natur dieser von den hausbackendften Erwägungen diktierten Anordnung, aber vielleicht doch auf einige Enthaltsamkeit rechnen. Herr Richter macht indessen auch aus diesem Fall, was gemacht werden kann, und legt als weiteren Beweis für die Knechtschaft, in der wir schmachten, ein neues Rubrum über eine „neue Beschränkung," der nun auch die Offiziere unterworfen werden, an. Die „Freis. Ztg." bezweifelt „von manchen Gesichtspunkten aus, ob es richtig ist, in dieser Weise die Verheiratung der Offiziere zu erschweren," und meint: „Richtiger würde man vielleicht verfahren, wenn man dem insbesondere durch die Offizierkasinos genährten und gesteigerten Luxus unter den jüngeren Offizieren von oben herab schärfer entgegenwirkte, als es in der letzten Zeit der Fall gewesen ist." Am richtigsten ist es wohl, wenn man, wie that- sächlich geschehen, das Eine thut und das Andere nicht unterläßt, und anständiger wäre es jedenfalls von der „Freisinnigen Zeitung," wenn sie betreffs der wiederholten ernsten Einwirkungen zumal unseres Kaisers selbst in der Richtung, in unserem Offizier-Korps eine ebenso ideale, wie ernste und solide Lebensauffassung wach zu halten, nicht Unkenntnis heucheln und wenn sie weiter die Offizierkasinos, die gerade eine sparsamere Wirtschaftsführung ermöglichen, wider besseres Wissen nicht in Bausch und Bogen als Pflanzstätten der extravaganten Gewohnheiten verdächtigen wollte. Der wahre Grund des Zahns, den Herr Richter auf die Offizierkasinos hat, ist ja auch vielmehr der, daß sie eine engere Pflege des kameradschaftlichen Zusammenhanges und der preußischen Armee-Tradition
Geschichtskalenver.
29. Mai.
1176. Kaiser Friedrich I (der Rotbart) wird, von den stärkeren Lombarden zur Schlacht gedrängt, von diesen zwischen Legnano und dem Flusse Ticino vollständig geschlagen.
1566. Landtag zu Treysa, die allgemeine Landsteuer betreffend, deren Bettag (zur Reichshülfe) sich damals auf 78600 Gulden belief, und welche als eine Einkommensteuer ausgeschlagen ward.
1576. Starb der Professor der Dichtkunst und Geschichte zu Marburg, Peter Paganus aus Wanfried, mit seinem rechten Familiennamen Torfheilge geheißen, 46 Jahr alt, ein äußerst fertiger lateinischer Versmacher, und ein fast eben so fertiger deutscher Weintrinker, gleich seinen Vor- gängern Eobanus Heffus und EuriciuS Cordus, so wie allen lateinischen Poeten des 16. Jahrhunderts.
1813. Der preußische Rittmeister Colomb überfällt mit seinen 90 Husaren an der fränkischen Grenze einen Transport von 18 Kanonen, 6 Haubitzen und 40 Munitions- wagey, die unter bayerischer Eskorte zur französischen Armee gehen sollen. Die Geschütze würben zerstött, die Muuttionswageu in die Luft gesprengt und 300 Gefangene mit sortgeführt.
1868. Gesetz über die Aushebnng der Schuldhast in Preußen.
1871. Beendigung des Kommunisteu-Aufstandes in Paris.
Im Schatte» des Lebens.
Roman von P. Felsberg.
(Fortsetzung.)
Da hielt de: Wagen. Noch etwas erregt ging Hedwig auf ihr Zimmer. Kaum dort augelangt, ward ihr gemeldet,
daß die Frau Gräfin sie noch zu sprechen wünsche. Sie ging sogleich zu ihrer Mutter, welche sie noch ernster als gewöhnlich empfing.
„Mein Kind, ich liebe solche improvisierte Partten hinter meinem Rücken nicht," sagte die Gräfin streng; „wir können zwar nicht umhin, mit Bergens zu verkehren, doch die Gesellschaft, die man dort in der Regel trifft, ist für Dich — bitte, Hedwig, unterbrich mich nicht, sondern laß mich Dir heute einmal sagen, was ich Dir längst sagen wollte und sagen muß: jene Gesellschaft bei Bergens ist nicht für Dich."
„Aber Mama, Baron Lübbecke, Graf Botho Sttehlen, Lcgationsrat von Schönbeck, alles Bekannte ans der Residenz — waren von der Partie, außer ihnen nur noch einige Herren aus Genf, und —"
„Eben diese Genfer Herren, diese sogenannten Künstler finde ich als Umgang für Dich höchst unpassend. — Doch ich wünsche über Anderes mit Dir zu sprechen."
Die Gräfin hatte sich bei den letzten Worten in einen Fauteuil gesetzt und ihrer Tochter ein Zeichen gegeben, ihr gegenüber Platz zu nehmen.
„Du bist jetzt neunzehn Jahre alt," hnb sie dann an, und ihre Stimme klang fast feierlich; „ich habe deßhalb daran gedacht, Dir eintz angemessene Partte auszusuchen."
„Aber beste Mama!" unterbrach Hedwig erschreckt ihre Mutter.
„Daß Du Dir doch die Unsitte, mich zu unterbrechen nicht abgewöhnen kannst! — Ich hoffe in Dir eine gute, fügsame Tochter zu finde«, welche einfieht, daß ich nur ihr Bestes will, und es meiner Erfahrung überläßt, für sie auch das Geeignete und Beste zu wählen."
„Mama," entgegnete Hedwig anscheinend gedankenvoll, „ich kenne keinen Mann, den ich so zu lieben im Stande wäre, um ihm meine Hand reichen zu können."
Einen mitleidigen Blick ans ihre Tochter werfend, fuhr die Gräfin fort: „Ich hoffe, daß meine Tochter nicht zu jenen Thörinnen gehören wird, für welche--Liebe in
der Ehe eine Hauptbedingung der letzteren ausmacht 1 Für unsere Verhältnisse paßt dergleichen nicht: überlaß das solchen Leuten, denen Rang und Geburt nicht Gesetze vorschreiben, welche wir nicht unbeachtet lassen dürfen. Leute zweiter und tieferer Gattung mögen betartigen Phantasten huldigen. Doch höre und unterbrich mich nicht; es ist mein Wunsch und auch derjenige der Fürstin Scherbulew, Dich mit dem jungen Fürsten vermählt — bald vermählt zu sehen."
Hedwig erblaßte. Ihre Mutter, es nicht bemerkend oder nicht bemerken wollend, fuhr fort:
„Du wirst in ihm Alles finden, was zu einem guten Ehemaune erforderlich ist. Vielleicht wirst Du mir seine Verschwendung entgegenhalten; nun, Deine Mitgift wird Euch gestatten, dem fürstlichen Range Deines Gemahls entsprechend zu leben, der, im Besitz einer jungen und schönen Frau, die seiner Jugend zu verzeihenden Thorheiten abwerfen wird. Der Fürst wird sich bald um Deine Hand bewerben und schon im Frühjahr hoffe ich meiner Tochter Stirn mit dem fürstlichen Diadem geschmückt zu sehen."
Bleich wie ein Marmorbild saß Hedwig da. Hatte sie recht gehört? war die erste Frage, die sie sich vorlegte, der erste Gedanke, den sie empfand. Schon wollten ihre Lippen sich zu einem Aufschrei öffnen, als die Gräfin kalt und uu- gerührt von ihrer Tochter schmerzlich erregtem Zustande, ihre Hand auf deren Schulter legte und sagte: „Geh mit Dir zu Rat, meine Tochter, ich verlange nicht eine augenblickliche Erklärung Deines Einverständnisses mit unseren Wünschen. Suche Dich indessen an den Gedanken zu gewöhnen, die Brant des Fürsten Scherbulew zu werden.