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Marburg, Mittwoch, 26. Mai 1886.

XXI. Jahrgang.

Erscheint täglich außer an Arrltagen nach Sonn- und Feiertagen. Quartal- Kbonnements-PreiS bei der Expedition 2/* Mk., bei »en Postämter 2 Mk. 50 »fg. (erd. Bestellgeld!- Zussrtionst'ebühr für die gespaltene Zeile 10 Pfg. Reklamen für die Zeile 25 Pfg-

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Anzeigen nimmt entgegen die Expedition d Blatte-, sowie d.Annoncen-Bureaux von Hoasenstein undBogler in Frankfurt a. M , Caffel, Magdeburg und Wien; Rudolf Moffe in Frankfurt a M-, Berlin,München und Köln; G. L. Daube und Co. n Frankfurt a. M-, B rl n, Ha nover u.Paris-

Wöchentliche Beilagen: Amtlicher Anzeiger s. -. Kreise Marburg u. Kirchhain. - Illustriertes Sonntagsblatt.

Expedition-. Markt 21. Redaktton, Druck und Verlag von Joh. Aug. Koch.

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Auch für den Monat Juni nehmen alle Postanstalten Bestellungen auf die

Oberhesfische Zeitung

nebst ihren Beiblättern

entgegen, ebenso in hiesiger Stadt die Expedition.

Die Verschwörung gegen den Fürsten Alexander von Bulgarien.

Die Teilnahme für den tapferen Bulgarenfürsten aus deutschem Blute ist seit dem Kriege zwischen Serbien und Bulgarien, in welchem sich der Battenberger nicht als ein Salonoffizier gezeigt hat, wie es so viele russische Generale im letzten Türkenkriege waren, sondern als wirklicher General, der zur Entflammung des Mutes seiner Soldaten sein eigenes Leben aufs Spiel setzte, in ganz Deutschland in hohem Maße gestiegen, so daß gegenwärtig die Sym­pathie für ihn allgemein ist. Um so schärfer wird daher ein Unternehmen verurteilt werden, das in niederträchtiger, heimtückischer Weise darauf ausging, den Fürsten von seinem Thron zu stoßen. Die Nachricht von der Ver­schwörung gegen den Fürsten Alerander, die über Wien zuerst privat gemeldet wurde, ist sehr bald amtlich bestätigt worden, so daß jetzt kein Zweifel mehr darüber obwalten kann, daß die dem Fürsten feindliche russische Agitation in Bulgarien und Rumelien sich nicht gescheut hat, ihre Ziele durch ein Verbrechen zu erreichen. Der Fürst sollte aufgehoben, sein Ministerpräsident Karawalow ermordet, die ärgste Verwirrung im Innern gestiftet werden und dann war der von Rußland lange ersehnte Augenblick ge­kommen, als Wiederhersteller der Ordnung in Bulgarien aufzutreten. Und dieser Wiederherstellung der Orditung wäre Fürst Alexander sicher zum Opfer gefallen, an seine Stelle wäre eine russische Kreatur gesetzt worden. Der Plan, an besten Spitze ein früherer russischer Offizier stand, war sehr fein, er scheiterte aber im letzten Augen­blick durch den Verrat eines Mitgliedes der Verschwörung, eines Bauern, der es doch nicht übers Herz bringen konnte, seinem Landesherrn Gewalt anzuthun. Alle Verschwörer sind verhaftet. Es sind nur wenige Bulgaren, um so mehr aber Rusten, Montenegriner, Griechen So ist die Verschwörung glücklich verhindert, wider Willen der An­stifter also zum Vorteil des Fürsten Alexander ausgeschlagen, denn die glücklich überstandene schwere Gefahr wird Fürst und Volk noch enger zusammenketten.

Es ist wohl selbstverständlich, daß der russischen Re­gierung keine Schuld an diesem hochverräterischen Unter­nehmen beigemesten werden darf; bezeichnend ist es aber, wohin die vom Czaren und seiner Regierung dem Fürsten Alexander so deutlich kundgegebene Abneigung geführt hat. Ein Haufen Abenteurer glaubt ganz im Sinne einer mächtigen Reg- ung zu handeln, wenn sie sich vereinigen, um den rechtmäßigen Fürsten eines Landes zu beseitigen, dessen ganzes Verbrechen nur ist, daß er sich nicht zum

Lakaien des russischen Despotismus erniedrigen, sein Volk nicht russischer Willkür unterstellen, sondern selbständig machen will. Rußland hatte kein Recht, gegen den Bul­garenfürsten vorzugehen, wie es geschehen, und wenn etwas in ganz Europa gebührend gekennzeichnet worden ist, so war es dies. In dem Fürsten Alexander und dem Czaren Alexander stehen sich zwei Prinzipien gegenüber; der Czar befiehlt und verlangt blinden Gehorsam, Fürst Alexander vertritt die Freiheit und Selbstäuoigkeit feines Volkes. Freilich, diese beiden letzteren Begriffe find aus dem rus­sischen Sprachlexikon gestrichen, wie das Vorgehen gegen Untertanen des Czaren beweist, die am Glauben und Recht ihrer Väter festhalten. Rußland soll echt russisch sein, nicht weniger aber auch Bulgarien bulgarisch.

Wenn der Czar vielleicht noch eine Aussicht hatte, die Bulgaren, die in ihrer großen Menge nichts mehr von seinenWohltaten" wissen wollen, wieder zum Gehorsam gegen Rußland zurückzu führen, so dürfte diese Aussicht durch die jetzt entdeckte Verschwörung gründlich zerstört werden. Die Bulgaren werden immer daran denken müssen, daß es Russen waren, die ihren Fürsten, mit dem sie zusammen gekämpft, entthronen wollten, und zwar nur, weil er für die Selbständigkeit seines Volkes entschlossen einstand. So viel Nationalgefühl haben die Bulgaren denn doch sicherlich. Die Verschwörer haben ihren Anschlag jetzt durchsetzen wollen, weil die Wahlen zur bulgarisch- rumelischen Nationalversammlung bevorstehen, auf welcher die russischen Pläne gegen Bulgarien offen dem Lande klar gelegt werden sollen. Die russischen Agenten haben alle möglichen Jntriguen versucht, die Bulgaren und Rumelier gegen ihren Fürsten einzunehmcn oder sie von der Wahl fernzuhalten. Keins von beiden hat Eindruck gemacht, im Gegenteil ist der Fürst überall, wo er sich im Lande zeigte, mit ungeheucheltem Enthusiasmus empfangen worden. Da haben denn eine Anzahl von Tollköpfen zu einem letzten Mittel greifen zu sollen geglaubt, um sich den Dank Rußlands zu verdienen; aber auch dies Mittel ist ge­schlagen. Fürst Alexander ist noch Fürst von Bulgarien und es wird Rußland auch schwer gelingen, ihil vom Thron zu stoßen. Der Czar ist Selbstherrscher in seinem Lande, aber grundlos gegen einen von ihm unabhängigen Fürsten mit Waffengewalt vorgehen, das darf er doch nicht so leicht wagen, und nur so könnte er .den Thron des Battenbergers in Sofia stürzen.

Deutsches Reich.

Berlin, 24. Mai. Der Kaiser empfing heute den neuen Kommandeur des 5. Armeekorps, General von Meerscheid-Hüllessen, den Kultusminister von Goßler und den Unterstaatssekretär Graf Berchem. Nachmittags wohnte der Kaiser im Neuen Palais zu Potsdam dem Diner zur Feier des Geburtstages der Königin Viktoria bei. Der Eröffnung der Berliner Kunstausstellung wohnte auch der frühere Kultusminister Dr. Falk in großer Uniform bei. Sein Erscheinen erregte allgemeine Aufmerksamkeit,

es folgte eine ungemein lebhafte Begrüßung. DieD. volksw.Cor." betrachtet die Beschränkung des Versammlungs­rechts vom wirtschaftlichen Standpunkte aus und sagt: Die Notwendigkeit, schärfere Bestimmungen gegen die Arbeiterbe­wegung zu treffen, wird zwar im allgemeinen zugegeben, wenn man auch vielfach mit der neuesten Maßregel in dieser Hinsicht, mit der Beschränkung des Versammlungsrechts in Berlin nicht recht einverstanden ist. Man wirft ihr eine große Behinderung auch der legalen Vereinsthätigkeit vor. Aber jedes Ding hat bekanntlich zwei Seiten, und so kann die Maßregel der Beschränkung des Versamm­lungsrechtes auch von einem anderen Gesichtspunkte aus betrachtet werden. Es muß das geschehen, wenn man ihren Zweck richtig verstehen will, denn sie ist nicht durch politische Erwägungen veranlaßt worden, sondern es sind einzig wirtschaftliche Motive, die ihr zu Grunde liegen. Sie richtet sich nicht so sehr gegen die sozialdemokratischen Bestrebungen, als vielmehr gegen die vielfach auf falschen Wegen befindliche Lohnbewegung. Die Bewegung unter den Arbeitern hat in Berlin in letzter Zeit Dimensionen angenommen, die das Maß des Vernünftigen und Zweck­mäßigen weit überschreiten. Es giebt fast keinen Er­werbszweig mehr, dessen Vertreter nicht schon in die Lohn­bewegung eingetreten wären. Wir sind nun allerdings die Letzten, welche behaupten würden, daß die Lage der Arbeiter mancher Branchen nicht verbessernngsfähig wäre, aber es sind nicht die Lohnverhältnisse in Berlin, die der Verbesserung so dringend bedürfen, sondern die in anderen Gegenden. In Berlin und Umgegend werden fast allge­mein auskömmliche Löhne bezahlt, und ein zwingender Grund zur Lohnbewegung in dem Umfange, in dem wir sie sehen, ist ganz gewiß nicht vorhanden. Wer sich da­von überzeugen will, dem raten wir, die Versammlungen derarmen bedrückten, ausgesogenen" Arbeiter zu besuchen. Was sich in diesen Versammlungen einfindet und über zu niedrige Löhne schreit, das trägt meistens eine gewisse Wohlhabenheit zur Schau. Wer wirklich wahr bedürftig ist, der besucht nicht Versammlungen nach Versammlungen, bereit Besuch immer mit Kosten verknüpft ist, sondern sieht zu, daß er seine freie Zeit so viel als möglich ver­werten kann. Das gilt sowohl von Männern, als auch in noch weit höherem Grade von Frauenspersonen. Diese fortwährenden Versammlungen sind so wie so schon ein Fehler, sie werden es aber noch mehr dadurch, daß, wie oben ausgeführt wurde, die Lohnbewegung eine eigentliche Berechtigung nicht besitzt. Diese würde sie nur haben, wenn die Lebensmittelpreise gestiegen wären. Sie sind aber im Gegenteil gefallen, während auch der Unter­nehmergewinn zurückgegangen ist. Eine Lohnerhöhung in dieser Zeit zu verlangen, ist daher widersinnig. In den zahlreichen Versammlungen wurden aber die Arbeiter immer mehr zu solchen unberechtigten Forderungen auf­gehetzt, und die Folge waren schließlich Streiks und da­mit neue wirtschaftliche Nachteile. Vielleicht wurden die Versammlungen so schnell hintereinander anberaumt, daß

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Geschichtskalender.

26. Mai.

1521. Dr. Martin Luther wird durch ein kaiserliches Edikt in die Reichsacht erklärt.

1618. Starb der Professor der Medizin zu Marburg, Johann Wolff, Stifter des Wolsfischen Fideikommisses und des Wolffischen Hospitals zu Ockershaufen.

1700. Nikolaus Ludwig, Graf von Ziuzeudorf, der Stifter der Herrnhuter-Gemeinden, zu Dresden geboren.

1813. Siegreiches Reitergefecht der preußischen Kavallerie bei Haynau an der Straße nach Liegnitz. Blücher schlug hier die Franzosen unter General Mason so vollkommen aufs Haupt, daß sich die Verbündeten ohne wesentliche Einbuße nach Schlesien znrückziehen konnten, lieber 1500 Franzosen wurden bei Haynau niedergehauen, nahezu 400 gefangen genommen und 11 Kanonen erbeutet. Die Preußen verloren nur 70 Mann, worunter jedoch 16 Offi­ziere, und unter diesen der tapfere Oberst Dolffs.

1857. Preußen tritt Neuenburg an die Schweiz ab.

Iw Schatte« des Lebens.

Roman von P. Felsberg.

(Forfletzung.)

Ungeduldig durchschritt Gräfin Biela ihr Zimmer, ab und zu stehen bleibend und horchend. Jetzt hotte sie Schritte, erwartungsvoll blickte sie nach der Thür, die sich endlich öffnete. Es erschien der Intendant der Fran Gräfin Herr Rabe, der eine der beiden Reiter, welchen wir im letzten Kapitel auf dem Kreuzungspunkte der Landstraße begegneten.

Nun, Rabe?" fragte die Gräfin mit weit mehr Hast als ihr kaltes Wesen vermuten ließ.

Alles in Ordnung, gnädigste Gräfin," entgegnete er, aus einer tiefen, ehrfurchtsvollen Verbeugung sich wieder ausrichtend und sie verstohlen mit den Augen verfolgend, um zu sehen, welchen Eindruck seine Worte auf die Gräfin machten. Anscheinend befriedigt von dem freudigen Auf­blitzen ihrer Augen, fuhr er fort:Es war eine schwere Arbeit, die Klugheit und Vorsicht in hohem Maße erforderte."

Ich weiß," unterbrach die Gräfin;berichte Er mir Alles. Hat er auch meinen Befehl befolgt und dafür ge« sorgt, daß dem Kinde durchaus kein Leid geschehe?"

Frau Gräfin mögen fest versichert sein, daß die Kleine gut aufgehoben ist; sie befindet sich in der Pflege einer guten Frau, welche alles Mögliche thun wird, um das Er- ziehungsgeld für das Kind zu verdienen."

Sie soll reichlich belohnt werden, Rabe. Doch erzähle er mir weiter ausführlich," sagte die Gräfin und ließ sich auf einer Causeuse nieder.

Der Intendant begann nun feinen Bericht damit, daß er während seines Aufenthaltes in Bärfelde sich Georg Schwarz genannt habe, um so jede Spur von sich abzulenken; dann erzählte er den Raub des Kindes. Befriedigt hörte Gräfin Biela zn. Als er geendet, nahm sie zwei Goldrollen aus ihrem Schreibtisch und gab sie ihm; Rabe wog freudig überrascht dieselben mit der Hand: so viel hatte er nicht erwartet. Von der Gräfin darauf entlassen, zog er sich in demütiger Haltung znrücks und eilte auf sein Zimmer, wo er sofort den Inhalt der beiden Rollen prüfte; es waren hundert Goldstücke. Er legte die Goldrollen in ein Fach seines Sekretärs, wo sich bereits eine ansehnliche Summe befand.

Rabe war seit drei Jahren Jnrendant der gräflichen Familie und hatte dies Amt bisher zur vollen Zufriedenhett derselben verwaltet. Auch er selbst war sehr zufrieden mit seiner Stellung, besonders seit dem Tode des alten Grafen, welcher eine für die Manöver des Intendanten zu scharfe Controle geübt hatte. Die Gräfin hatte tnbeffen unbegrenztes Vertrauen zu ihm, und Graf Alfred in Geldsachen ziemlich gleichgültig, überließ doch, wenn schon sein Vertrauen zu Rabe keineswegs ein sehr großes war, diesem die Führung der Geldgeschäfte fast ausschließlich. Alfred hatte zwar gleich bei Rabes Eintritt einen instinktiven Widerwillen gegen den Mann empfunden; doch die von ihm vorgelegten Zeugnisse waren so ausgezeichnet, daß der junge Graf, jene Empfindung auf das im Ganzen wenig empfehlende Aeußere des Mannes zurückführend, darüber hinwegsah. Rabe war es durchaus nicht entgangen, daß der Eindruck, den er ans Graf Alfred gemacht, keineswegs ein vorteilhafter gewesen; er fühlte, daß der junge Graf hinter seiner Demutsmaske feine wahren Gesinnungen erkannt habe. Seitdem haßte und fürchtete er den Grafen zugleich.

Auch die Gräfin tonnte kaum ein besseres Instrument zur Ausführung ihrer Jntttgnen gegen den eigenen Sohn finden. Eine schadenfrohe Befriedigung spiegelte sich in ihren Zügen, als Rabe sie verlassen. Die harte, stolze Frau hatte Margarethas Antworten auf Graf Alfreds Briefe sämtlich für sich behalten, natürlich erbrochen, gelesen und fo den Aufenthalt des Kindes erfahren. Sie sah nun ihre Pläne verwirklicht. Für ihren Sohn sollte, mußte das Kind verloren sein, und dann würde sich für ihn auch eine standesgemäße Gemahlin finden!

In ihrem Gedankengange ward die Gräfin durch den Eintritt ihres Sohnes gestört, der sich zu verabschieden kam.