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Marburg, Dienstag, 25. Mai 1886.
XXI. Jahrgang.
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Aus dem Reichstage.
Die sozialdemokratische Interpellation hinsichtlich des Puttkamerschen Erlasses vom 11. April d. Js., mit welcher sich der Reichstag am 11. d. Mts. zu beschäftigen hatte, hat keineswegs zu dem Triumphe der Antragsteller geführt, den diese erwartet zu haben scheinen. So viel allerdings hat man erreicht, daß wieder einmal lange aufregende Reden ungestraft ins Land getragen werden können, und das erklärte der Abgeordnete Hasenclever von seinem Standpunkte für den eigentlichen Zweck der Interpellation. Er that es aber wohl nur, weil er sah, daß die Trauben sauer waren, d. h. die Erklärungen vom Regierungstische lauteten durchaus nicht so, wie die hätten lauten müssen, um in das Spiel der Sozialdemokratie zu passen. Das Koalilionsrecht ist bedroht, wird von der Negierung, wie von den mit diesen zusammengehenden Parteien preisgegeben, rief Herr Hasenclever; die Arbeiter haben der „Bourgeosie" gegenüber keinen Schutz von oben zu erwarten u. s. w. Diese Herausforderung und anderes derartiges mehr hoffte der alte Agitator ohne Zweifel mit einer Darlegung beantwortet zu sehen, die ihm gestattet hätte, zu sagen: Seht Ihr wohl, ich bin im Recht gewesen. Den Gefallen haben ihm aber weder Herr v. Bötticher noch Herr v. Puttkamer erwiesen. Beide erklärten vielmehr in der bestimmtesten Weise, daß die Regierung nicht im Entferntesten daran denke, das Koalitionsrecht der Arbeiter im einseitigen Interesse der Arbeitgeber einzuschränken, so lange kein Grund vorliege, an die Wahr- scheiillichkeit gewaltsamer Ausschreitungen zu glauben. Herr v. Puttkamer hat allervings keinen Anstand genommen, gleichzeitig auszusprechen, daß er von den praktischen Wirkungen des Koalitionsrechts eine sehr geringe Meinung habe, daß indeß diese Wirkungen erfahrungsmäßig sogar überwiegend schädlich seien, indem sie sich in meist erfolglosen Arbeitseinstellungen äußerten, deren Konsequenz an Völlerei, Zank und häuslichem Elend allbekannt sei. Darin wird ihm niemand Unrecht geben können. Selbst Herr Hasenclever that es, genau genommen, nicht, da er sich seinerseits entschieden gegen die Praxis der Arbeitseinstellungen erklärte, eine Auffassung, die angeblich auch von seiner Partei geteilt wird, was aber freilich fein Kundiger für etwas anderes als politische Heuchelei ansehen wird. In Wahrheit steht die Sozialdemokratie hinter den Arbeitseinstellungen, weil sie sich von denselben mit Recht die Steigerung des Klassenhasses verspricht, von dem sie lebt. Diese Uebereinstimmung ad hoc zwischen
dem Minister und dem Agitator hielt letzteren natürlich nicht ab, nach wie vor von der Verletzung der Koalitionsfteiheit zu reden, und darin versuchte ihm der sonst ziemlich „Zahme" Abgeordnete Meister, so gut er konnte, beizustehen. Allein das ändert doch nichts daran, daß aus dem Wortlaut des Erlasses wie aus den Darlegungen der Minister nichts Derartiges gefolgert werden kann. Für die Haltung des Hauses mußte das von der größten Bedeutung sein. In der That sah sich denn auch Dr. Windt- horst veranlaßt, ausdrücklich zu erklären, daß der Erlaß des Herrn v. Puttkamer vom 11. April d. I. nichts enthalte, was mit der bestehenden Gesetzgebung über das Koalitionsrecht unverträglich sei. Welchen Grund hätten unter diesen Umständen die positiven Parteien des Reichstags gehabt, sich ihrerseits der Regierung anzunehmen? Herr von Bötticher hatte in seiner vorzüglich klaren und überzeugenden Rede gesagt, daß er eigentlich gar keinen Anlaß habe, auf die Interpellation einzugehen, da die Interpellanten sich ihre Fragen nach Lage der Dinge selbst beantworten könnten. Wenn die Regierung es gleichwohl that, so ist damit ein klebriges geschehen; man muß ihr dafür dankbar sein. Znm Zuhilfekommen war aber, wie gesagt, nicht der mindeste Anlaß vorhanden, dessen bedurfte er um so weniger, als die positiven Parteien ihre Stellung zur Sache deutlich genug bekundeten, indem sie gegen die Besprechung der Interpellation stimmten. Die „Nat.- Ztg.," die die Zurückhaltung jener Parteien eine Niederlage der Regierung, sogar „eine eklatante" nennt, könnte wohl wissen, daß eine derartige Abstimmung das Gegenteil bedeutet. Herr Hasenclever täuschte sich seinerzeit hierüber keinen Augenblick. Die „ National-Ztg." aber ist offenbar verstimmt, weil der Abg. Bamberger, der sich bemüßigt sah, die auch in diesem Falle abweichende Haltung der „Deutschfreisinnigen" zu begründen, von dem Herrn Minister des Innern einige wenig schmeichelhafte „Wahrheiten" zu hören bekam, für die er sich in zwei längeren Ausführungen zu rächen suchte.
Sehr interessant war übrigens die Aeußernng des Herrn v. Puttkamer, der überhaupt einen vortrefflichen Tag hatte, daß er schon längst einige der Hauptagitatoren „am Schopf gefaßt" haben würde, wenn ihn nicht ein gegen diese Herren noch schwebender Prozeß einstweilen davon abhielt. Das liegt in der von uns neulich angedeuteten Richtung. Die liberale Presse scheint dafür Empfindung zu haben. Das „Berl. Tagebl." druckt die betreffende Stelle mit gesperrten Settern. Thatsächlich mit Recht. Hier ist in der That der Kern der Dache zu suchen.
Deutsches Reich.
Berlin, 22. Mai. Die Nachricht von der beabsichtigten Demission des Kriegsministers Bronsart von Schellendorff, sowie über eine Veränderung in der höchsten Stelle der Admiralität ist bestem Vernehmen nach unbegründet. —
Der „Reichsanzeiger" veröffentlicht eine Bekanntmachung des Oberpräsidenten der Provinz Posen, Günther, vom 20. Mai, worin derselbe mitteilt, daß der neuernannte Erz» bischof Dinder seine Amtsthätigkeit begonnen habe und die Amtsthätigkeit des bisherigen Kommissars für die erzbischöfliche Vermögensverwaltung in den Diözesen Gnesen und Posen vom 20. Mai erlischt. — Der „Staatsanzeiger" publiziert folgende Bekanntmachung des Berliner Polizeipräsidenten: „Es wird hiermit zur öffentlichen Kenntnis gebracht, daß der Verein zur Wahrung der Interessen der Berliner Maurer und die mit Herausgabe des Fachblattes „Der Bauhandwerker" befaßte Preßkommission nach § 8 des Vereinsgesetzes vom 11. März 1850 vorläufig geschloffen sind. Jede fernere Beteiligung an diesen Vereinen oder etwaigen Neubildungen, welche sich sachlich als Forschung jener darstellen, wird nach § 16 mit Geldstrafe von 15 Mark bis 150 Mark oder Gefängnis von 8 Tagen bis zu 3 Monaten belegt." — Wie verlautet, beabsichtigt Graf Herbert Bismarck vollständige Erholung von seiner Krankheit in einem der südlichen Seebäder Englands zu suchen. Während seiner Abwesenheit wird er durch den Unterstaatssekretär Grafen Berchem vertreten werden. — Der Unterstaatssekretär Dr. Lncanus aus dem Kultusministerium, der sich in diesen Tagen in Köln aufhielt, unterhandelte daselbst mit dem Erzbischof Krementz über die Besetzung von Theologie-Professuren in Bonn, von Domherrnstellen und von Religionslehrerstellen an den höheren Unterrichtsanstalten. — In dem Befinden Leopold v. Rankes ist bis gestern eine Aenderung nicht eingetreten. Das Bewußtsein ist bei dem Patienten nicht wiedergekehrt, die Funktionen scheinen sich im wesentlichen auf die Respiration zu konzentrieren. — Die Petitionskommission des Abgeordnetenhauses (Berichterstatter Abg. Rumpf) hat die Petitionen von 445 Brauereien aus Rheinland und Westfalen beraten, welche dahin gehen, „die Verwendung aller Surrogate bei der Bierbereitung zu verbieten, so daß zur Herstellung von Bier nur Malz und Hopfen, Hefe und Wasser verwendet werden dürfen und schwere Strafen gegen den Uebertreter dieser Vorschriften festgesetzt würden." Die Kommission beantragt beim Plenum, dasselbe wolle beschließen, die Petitionen der Staatsregierung zur Erwägung zu Überweisen. Dieser Beschluß wurde mit 16 gegen 2 Stimmen gefaßt, nachdem ein weitergehender Antrag, die Petitionen der Regierung zur Berücksichtigung zu überweisen, mit derselben Mehrheit (16 gegen 2) abgelehnt worden war. — Das Schicksal der neuen Branntweinsteuervorlage, die Montag im Reichstage zur ersten Lesung steht, scheint jetzt schon besiegelt zu sein. Sie wird in ihrer jetzigen Gestalt nicht Gesetz werden; denn die Opposition der Konservativen und der Brennerei-Interessenten tritt offen zu Tage. Auch dürste die angekündigte Teilnahme des Reichskanzlers an den Verhandlungen sich nicht bestätigen. Die „Kreuz- Ztg." schreibt heute: „Der Gesetzentwurf findet in seiner
Geschichtskalenver.
‘ 25. Mai.
1277. Erwin von Steinbach legt den Grundstein zum Straßburger Münsterturm.
1550. Brannte das Städtchen Liebenau großenteils ab.
1572. Wurde Landgraf Moritz von Hessen-Cassel, welchem man nachher den Beinamen „der Gelehrte" gegeben hat, geboren. Er war das fünfte Kind und der älteste Sohn des Landgrafen Wilhelm IV. und der Landgräfin Sabina, geb. Herzogin von Württemberg. Landgraf Moritz überlebte mit Ausnahme von zwei Schwestern Hedwig und Christine seine sämtlichen Geschwister, neun Schwestern und einen Bruder; der letztere und sünf Schwestern starben schon in frühester Jugend. Landgraf Moritz war der letzte erstgeborene Prinz eines regierenden Landgrafen von Hessen-Cassel, welcher zur Regierung gelangte: fein eigener ältester Sohn Otto starb eines traurigen Todes zu Hersfeld 7. August 1617; L. Wilhelms V. ältester Sohn Moritz starb am Tage seiner Geburt, 24. Sept. 1621; L. Wilhelms VI. ältester Sohu starb als Wilhelm VII. ohne die Regierung angetreten zu haben, zu Paris 21. Rov. 1670;- L. Karls, L. Wilhelms VIII., L. Friedrichs II., und der Kurfürsten Wilhelm I. und Wilhelm II. älteste Söhne starben in früher Jugend; nur des Kurfürsten Wilhelm l. ältester Sohn Friedrich erreichte ein Alter von zwölf Jahren (f 20. Juli 1784.)
1848. Aufstand in Wien.
1871. Die Aufständischen stecken Paris in Brand. Cerifier, Oberst der Nationalgarde, läßt die 24 Lehrer der Dominikanerschule nmbrinzen.
Im Schatten des Lebens.
Roman von P. Felsberg.
(Fortsetzung.)
Doch er suchte sein Gewissen zu beruhigen, indem er fast laut rief: „Pah! es soll dem Wurm ja kein Leid ge- schehen! — Dann that er einen langen Zag ans seiner Flasche, indem er — diesmal ganz leise vor sich Hinmur. melte: — „Du bist mein bester, mein einziger Trost, Du schützest mich vor Nachdenken, Alles, nur nicht nachdenken! Man möchte wahnsinnig werden, wenn man nachdenkt!" — Der letzte gute Funke, der in ihm geglüht, ward mit dem Rest des Inhalts der Flasche ausgelöscht.
Da regte sich das Kind. Hastig schlug er die Umhüllung zurück, nicht ohne vorher sich durch Umblickeu nach allen Seiten vergewissert zu haben, daß er von Niemand beachtet werde; er beruhigte das Kind durch eine mit Milch gefüllte Saugflasche, welche er seiner Brusttasche entnahm. Bald war die Kleine wieder eingeschlasen. „Run," murmelte er, „es dauert nicht mehr lange; in etwa zwei Stunden muß ich meine Frau treffen, wir fahren auf der Eisenbahn weiter und ich möchte doch Den sehen, der alsdann zweifeln wollte, daß das Ding da unser Kind sei." — Er spornte sein Pferd zu rascherer Gangart an.
Da war es ihm, als höre er Pferdegetrappel hinter sich. Er blickte zurück und sah Helles Glitzern in der Sonne. Rode erkannte deutlich zwei Gendarmen.....
Totenbleich vor Schreck, falten Schweiß auf der Stirn, suchte er umher nach einem Versteck; doch er sand keines, auch würden die Gendarmen sein Verschwinden gesehen und ihm nachgespürt haben. Sahen sie ihn aber mit dem Kinde — und das mußten sie, wenn sie an ihn herankamen, so war er verloren; denn daß die Hüter des Gesetzes ruhig an ihm vorbeireiten würden, das erwartete er nicht, fein
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sein Gewissen sagte ihm, daß sie ihn verfolgten. Sein Pferd war bereits ermüdet, und so sehr er es auch antreiben mochte, er konnte seinen Verfolgern nicht mehr entrinnen. Immer kürzer ward die Entfernung, welche sie trennte, und Rode hatte sich bereits darauf vorbereitet, so unverfänglich als möglich das Kommende zu erwarten, als er plötzlich eine scharfe Biegung der Chauffee wahrnahm, die ihn, da der Weg auf beiden Setten von dichtem Gebüsch begrenzt war, auf einige Augenblicke wenigstens den Blicken der beiden Gendarmen entziehen mußte. Bald darauf hatte er sie erreicht, und blitzartig schoß ihm der Gedanke durch den Kopf, das Kind momentan im Gebüsche zu verbergen. Eilig stieg er vom Pferde, legte das ruhig schlafende Kind wenige Schritte vom Chanffeegraben entfernt auf den weichen, trockenen Waldboteu im dichten Buschwerk nieder, schwang sich wieder in den Sattel und ritt, noch ehe die Gendarmen die Biegung erreicht hatten, im Schritt weiter. Sobald die Gendarmen außer Sicht, wollte er schnell zurückreiten, um seinen Schatz wiederzuholeu. Im schärfsten Trabe hatten die Hüter des Gesetzes ihn nun erreicht und panierten links und rechts neben ihm die Pferde. Während der Eine Rode aufmerksam betrachtete, fragte der Andere ihn, wer er sei und wohin er wolle. Ganz unbefangen antwortete er, daß er aus dem nächsten Orte komme und nach der Eisenbahnstation reite, um eine Geschäftsreise zu machen. Die Gendarmen schienen von seiner Antwort befriedigt, da ihnen der Mann durchaus unverdächtig erscheinen mußte; sie schickten sich schon an, wettet zu reiten, als der Eine, sein Pferd wendend, nochmals die Frage an Rode richtete, ob ihm nicht zwei Reiter begegnet oder desselben Weges geritten seien.
„Jawohl," gab er mit der gleichgültigsten Miene zurück, .vor meinem Dorfe kamen zwei Reiter in schnellstem Trabe hinter mir her; doch die müssen jetzt schon ein ansehnliches