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Marburg, Donnerstag, 20. Mai 1886.

XXI. Jahrgang.

Erscheint täglich außer an Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Quartal- Ndonuements-Vreis bei der Expedition 2*/« Ml., bei rcn Postämter 2 litt. 50 Pfg. (erd. Bestellgeld). ZnsertionSgebiihr für die gespaltene Zeile 10 Pfg. Aellamen für die Zeil« 26 Pfg.

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Anzeigen nimmt entgegen die Expedition d Blatte-, sowie d.Annoncen-Bureaux vonHaasenstein undVogler in Frankfurt a. Di., Cassel, Magdeburg und Wien; Rudolf Moste in Frankfurt a M-, Berlin.Münchenund Köln; G. L. Daube und Co. n Frankfurt a. M., B rl n, Ha nover u.Paris-

Wöchentliche Beilagen: Amtlicher Anzeiger f. d. Kreise Marburg u. Kirchhain. Illustriertes Sonntagsblatt.

Expedition, Markt 21. Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Aug. Koch.

Deutsches Reich.

Berlin, 18. Mai. Der Kaiser hat, wie derSchwab- Merkur" hört, den kommandierenden General, General der Infanterie von Schachtmeyer, unter Entbindung von seinem Kommando nach Württemberg mit der gesetzlichen Pension zur Disposition zu stellen geruht und demselben dabei den Stern der Großkomture des königlichen Haus­ordens von Hohenzollern verliehen und zugleich bestimmt, daß er in dem Verhältnis als Chef des pommerschen Füstlierregiments Nr. 34 verbleibe. Die Kaiserliche Kabinettsordre, durch welche der kommandierende General, General der Infanterie von Schachtmeyer, auf sein Gesuch seines Kommandos in Württemberg und seines Dienstes in der deutschen Armee in den gnädigsten Ausdrücken der Anerkennung seines langen, erfolgreichen und ruhmvollen Wirkens enthoben wird, ist am Sonntag Nachmittag in Stuttgart eingetroffen. Dem Vernehmen nach gedenkt der General Stadt und Land Ende des Monats zu verlassen, um nach seinem neuen Aufenthalt, nach Celle in Hannover, überzusiedeln. Der Rechenschaftsbericht der Staats­regierung wegen der am 11. Mai auf Grund des Sozia-* listengesetzes für Berlin und Umgegend erlassenen Verord­nung hebt hervor, daß die 24stündige Frist für die An­meldung einer Versammlung die Feststellung der That- sachen darüber, ob die bezügliche Versammlung einen sozialistischen Charakter trage, erschwere und die spätere unvermeidliche Auflösung meist die öffentliche Ruhe und Sicherheit in großem Umfange gefährde, sowie große Ex­zesse herbeiführe. Für Berlin sei die getroffene Maßregel zur unabweisbaren Notwendigkeit geworden durch den Charakter der Lohnbewegungen unter der Arbeiterbevölkerung, die den wirtschaftlichen Charakter verlieren und vielfach von den sozialistischen Führern zu Agitationen gemißbraucht werden. Ganz besonders aber sei in neuester Zeit unter den Bediensteten der öffentlichen Verkehrsanstalten eine Be­wegung entstanden und im Wachsen begriffen, welche nach ganz bestimmten Anzeichen unter fortgesetzter sozialdemo­kratischer Anreizung einen Umfang anzunehmen drohe, der für die Erhaltung der Verkehrsverbinduugeu nach und von der Reichshauptstadt die verhängnisvollsten Folgen haben könne. DerReichs-Anzeiger" veröffentlichte gestern, wie bereits mitgeteilt, die Ernennung des Grafen Herbert Bismarck zum Staatssekretär des Auswärtigen Amtes. Graf Herbert, der jetzt im 37. Jahre steht und als einer der vertrautesten Gehülfen seines Vaters seit vielen Jahren den Vorzug der hervorragendsten diplomatischen Schule ge­nossen hat, wurde am 11. Mai v. Js. als Nachfolger des jetzigen Gesandten in Bukarest, Dr. Busch, zum Unter­staatssekretär im Auswärtigen Amte ernannt. Als dann im Anfang November bekannte diplomatische Vorfälle die Versetzung des Staatssekretärs Grafen Hatzfeldt als Bot­schafter nach London notwendig machten, wurde dem Grafen Bismarck zu seinen bisherigen umfangreichen Amtsgeschäften auch noch die Wahrnehmung der schwerwiegenden Staats-

Geschichtskalenver.

20. Mai.

1441. Wurde Möllenbeck aus einem Domstift zu einem Augustinerkloster umgestaltet.

1498. Der Seefahrer Vasco de Gama landet in Calicut; der erste Europäer, welcher auf dem Seewege nach Indien gelangte.

1805. Georg Gottfried Gervinus, bedeutender Geschichts­schreiber, zu Darmstadt geboren.

1813. Beginn der zwei Tage währenden unentschiedenen Schlacht bei Bautzen. 170000 Mann Franzosen unter Napoleons Oberbefehl gegen 85000 Mann Verbündete (Preußen und Russen.)

1871. Im deutschen Reichstag wird mit allen gegen 4 Stim­men der § 1 des Gesetzes über Elsaß-Lothringen ange­nommen, welcher die Vereinigung mit Deutschland aus­spricht.

1876. Sultan Murad v. besteigt infolge der Entthronung seines Vorgängers, den türkischen Thron.

Im Schatte« des Lebens.

Roman von P. Felsberg.

(Fortsetzung,)

Nun, diese hat ein kleines Kind, und ihr, denke ich, könnten wir die Pflege Deines Töchterchens wohl anvertrauen, denn sie ist redlich und brav. Laß mich das in Ordnung bringen und Du wirst zufrieden sein. Vor Allem bringe mir recht bald meine kleine Nichte, denn mich verlangt, sie zu sehen und zu lieben."

Nun, Gott sei Dank, Hedwig, ich habe mich in Dir wenigstens doch nicht getäuscht! Ich werde mich jetzt mit

sekretärgeschäfte übertragen. Daß er dieser Stellung ge­wachsen ist, das hat er während der au diplomatischen Verwicklungen überreichen letzten sechs Monate, während deren er auch stets den Vortrag beim Kaiser hatte, be­wiesen. Die Arbeitslast war aber zu groß, und daß die Lungenentzündung, die er eben überstanden, für ihn lebens­gefährlich geworden war, schieben die Aerzte zum nicht ge­ringen Teil dem Umstande zu, daß sein an sich kräftiger Körper infolge der Arbeitsüberhäufung die volle Wider­standsfähigkeit verloren hatte. Fürst Bismarck, der in der jetzigen Zeit seine hervorragendsten Gesandten an ihren wichtigen Posten nicht missen konnte, sprang zwar sofort in die Lücke ein und übernahm den vollen Dienst des Staatssekretärs, indessen war die jetzige Einrichtung auf die Dauer nicht haltbar, und so vollzog der Kaiser jetzt gleichsam als Geschenk bei der Genesung die in weiteren Kreisen längst erwartete Ernennung. Als Staatssekretär hat er die zweit höchst dotierte Stelle im Staats- und Reichödienst; er bezieht 50 000 Mark jährlich, der Reichs­kanzler 54000 Mark, während das Gehalt der Staats­minister nur 36000 Mark beträgt. Als Nachfolger des Grafen Bismarck im Unterstaatssekretariat ist der frühere Generalkonsul in Pest, Graf v. Berchem, ernannt worden, der seit etwa einem Jahre die zweite handelspolitische Abteilung des Auswärtigen Amtes als Direktor leitet und gleichzeitig Bevollmächtigter zum Bundesrat und Mitglied des preußischen Staats-Rates ist. Die Petitionskommission des Abgeordnetenhauses beschäftigte sich heute wieder mit Petitionen aus Schleswig - Holstein, welche Entschädigung für die bei Düppel eingeriffenen Häuser und für die requirierten Trainpferde verlangen. Wie in früheren Jahren auch beschloß die Kommission, de^Regierung die Petitionen zur Berücksichtigung zu über­weisen, indem sie bei den die Trainpferde betreffenden Petitionen den Zusatz machte:aus Billigkeitsgründen". Der Reichstagsabgeordnete Dr. von Lenz (Mitglied der nationalliberalen Fraktion), bisher erster Staatsanwalt in Stuttgart, ist zum Oberstaatsanwalt ernannt. Sein Reichs­tagsmandat ist damit erloschen. Der Zustand Leopold von Rankes ist hoffnungslos. Sein Ableben wird stünd­lich erwartet.

Pose«, 18. Mai. DemKuryer" zufolge trifft der Erzbischof Dinder am 8. ober 9. Juli zu Posen ein.

München, 18. Mai. Das Abgeordnetenhaus nahm den Gesetzentwurf, betreffend die Abänderung des Gebühren­wesens einstimmig bei 136 Abstimmenden an.

Ausland.

Paris, 18. Mai. Anläßlich des am Sonnabend im Palais des Grafen von Paris vor dessen Abreise nach Portugal stattgehabten Empfangs soll, wie in Deputierten­kreisen verlautet, von den Radikalen in der Kammer eine Interpellation eingebracht und zugleich die Ausweisung des Prinzen beantragt werden. Der Kriegsminister hat einen meinen Reiseoorbereitungen beschäftigen. Nochmals tausend Dank für Deine liebevolle Teilnahme I"

Alfred ging. Hedwig befand sich nun allein, um so mehr unter dem Eindruck der eben gehörten Erzählung ihres Bruders; sie war tief ergriffen. Von ganzem Herzen billigte sie, was er gethan. Auch sie, so fühlte sie, würde fähig sein, Alles zu opfern, um geliebt zu werden.

VII.

Während Graf Biela vergeblich bemüht gewesen, das Herz seiner Mutter für fein Kind zu gewinnen, gedieh die Kleine prächtig unter Margaretha's liebevoller Pflege. Wie stolz fühlte sich die alte treue Seele, wenn die Nachbarinnen, welche jede Gelegenheit wahruahmen, um die kleine Mutter­lose zu bewundern, ihr Erstaunen über die rasche und glück­liche Entwickelung des Kindes aussprachen. Namentlich bann, wenn die Aehnlichkeit ihres Pfleglings mit der so früh ver­storbenen jungen Mutter hervorgehoben ward, pflegte Mar­garetha wemüthig das runde Gesichtchen zu betrachten in dem allerdings die großen blauen Augen an die Selige er­innerten, und es stahl sich dann auch wohl eine Thräne über das alte, treue Gesicht. In diese Freude der alten Dienerin über ihre kleine Pflegebefohlene mischte sich indessen von Tag zu Tag mehr Besorgnis und Kummer. Erst einmal hatte Graf Biela ihr geschrieben, sie ihm auch sofort ge­antwortet; bis jetzt jedoch hatte sie nun vergeblich auf neue Kunde von ihm gewartet. Der Gedanke, es könne ihm irgend Etwas ein Unglück, eine Krankheit zugestoßen sein, drückte Margaretha schwer: was sollte, wenn der Vater fehlte, aus dem Kinde, was aus ihr selbst werden . . .?

Das Geld, welches der Graf ihr zurückgelassen hatte, war so ziemlich verausgabt, so daß Margaretha bereits nach ihrer Heimat geschrieben und die Uebersendnng ihrer

Gesetzentwurf ausgearbeitet, um die Verwaltung des Kriegs­ministeriums militärisch zu machen. Die Hauptbestimmungen desselben sind folgende: Die Beamten werden den Ver­waltungsoffizieren gleichgestellt werden und eine besondere Uniform tragen, ihr Gehalt wird erhöht und beim Be­ginne auf 3500 Franken festgesetzt werden. Die Büreaux werden an ihrer Spitze Offiziere haben: die technischen Offiziere des aktiven Heeres, die Intendanten, welche sich mit Verwaltungssachen beschäftigen. Das Personal der Zentralverwaltung soll aus den Offizieren des aktiven Heeres gebildet werden, welche vor ihrem Eintritt eine Prüfung bestehen müssen. Wenn der Gesetzentwurf an­genommen wird, müssen 60 Büreauvorsteher und Unter­vorsteher pensioniert werden. Eine andere Reform betrifft die Verteilung der Militär - Denkmünzen und die Kreuze der Ehrenlegion an das Heer. Dieselben werten in Zu­kunft nicht mehr, wie bisher, jedem einzeln privatim zu­gestellt, sondern in feierlicher Weise im Beisein der Truppen in Parade - Uniform verliehen werden.

Madrid, 18. Mai. In der Deputiertenkammer sprachen der Kammerpräsident und der Ministerpräsident Sagasta die hohe Freude über die Geburt des Königs mit der Versicherung aus, daß alle Spanier in treuer Gesinnung sich um den neuen König als den Vertreter des Friedens und der Ordnung zusammenscharen würden. Das Haus nahm die Erklärungen mit lebhaftem Beifalle auf. Eine ähnliche Erklärung wuroe im Senate abge­geben und auch dort enthusiastisch ausgenommen. Der König wird den Namen Alfonso erhalten.

London, 18 Mai. (Unterhaus.) Unterstaatssekretär Brice erklärte, die Regierung sei nicht abgeneigt, die Wähler über die Notwendigkeit der Homerule-Bill zu befragen. Dänemark habe sich Island erhalten, weil es ihm eine besondere parlamentarische Vertretung gegeben habe. Dagegen hätten Holland Belgien und Dänemark Schleswig-Holstein verloren, weil diesen Ländern mäßige Zugestäiidnisse ver­weigert worden seien. Eine Demokratie könne nicht nach despotischen Grundsätzen regieren. Die irische Partei wisse jetzt die neugeborene englische Demokratie auf ihrer Seite. Er hoffe, dieselbe werde in einer friedlichen Haltung ver­harren, bis ihr Gerechtigkeit werde. Die weitere Beratung wird nach achtstündiger Debatte auf den Nachmittag ver­tagt.D)er seitherige Generalsekretär des Unterhauses, Erski^Dm, welcher jüngst bei der Amtsniederlegung Lord Farnbmoughs ernannt wurde, starb gestern abend, nachdem er kurz vorher noch der Sitzung des Unterhauses beige­wohnt hatte Einer Meldung desReuter'schen Bureaus" aus Sansibar zufolge nahm Frankreich die ganze Komoren- gruppe in Besitz. Der Vertrag wurde am 21. April in Johanna unterzeichnet.

Brüssel, 18. Mai. Bei der heutigen Stichwahl wurde Bürgermeister Buls (liberal) mit 9920 Stimmen zum Depu­tierten gewählt. Jacmart(Jndependent i erhielt 7951 Stimmen.

Sebastopol, 17. Mai. Der Kaiser hielt heute eine

eigenen Ersparnisse verlang! hatte; denn ihr Herr, welcher bald wiederzukommen versprochen, war nun feit Monaten, sie wußte nicht wo abwesend. Louise, das Dienstmädchen schüttelte manchmal den Kopf über das kummervolle Aus­sehen der alten Frau, dessen Haupturfache sie natürlich nicht kannte. Louise war ein hübsches junges Mädchen und gerade jetzt so mit ihren Herzensangelegenheiten beschäftigt, daß sie in der That nicht Zeit hatte, sich Skrupel zu machen um das Ausbleiben des Herrn Biela.

Eines Abends kehrte sie von einem Einkauf aus der Stadt zurück und mitteilsam, wie sie war, gestand sie der alten Margaretha, daß sie bald heiraten werde.

Wen willst Du denn heiraten, und wie hat sich denn das so schnell gemacht?" fragte diese nicht ohne Erstaunen.

Ein feiner Herr aus der Residenz wohnt drüben in dem weißen Hause: er hat sich in mich verliebt und will mich heiraten."

Du kennst ihn gar nicht und glaubst ihm so ohne Weiteres?"

Na, was verliere ich denn dabei?" entgegnete das leichtsinnige Mädchen;er benimmt sich höchst anständig gegen mich. Warum sollte ich ihm nicht glauben? Jeden Abend, wenn ich meine Einkäufe mache, begleitet er mich galant in die Stadt und erzählt mir, daß er in der Haupt­stadt ein schönes Geschäft hat, einer Erbschaft halber sich hier aufhätt und, wenn diese geordnet, zu meinen Eltern gehen und um meine Hand anhalten will. Dann, sagte er, werde ich eine Dame sein und mir selbst ein Mädchen halten. Heute Abend hat er mir diesen Ring geschenkt," schloß Louise mit erregtem Gesicht, indem sie Margaretha ihre Hand hinhielt, an welcher ein hübscher Ring steckte.

Das gefällt mir nicht," sagte die alte Frau.Weshalb