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Marburg, Mittwoch, 19. Mai 1886.
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Wöchentliche Beilagen: Amtlicher Anzeiger f. d. Kreise Marburg u. Kirchhain. -Illustriertes Sonntagsblatt.
Expedition: Martt 21. — Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Aug. Koch.
Der Staatsministerialbeschlutz, durch welchen auf Grund des § 28 des Sozialistengesetzes alle Versammlungen, in welchen öffentliche Angelegenheiten erörtert werden sollen, von polizeilicher Genehmigung abhängig gemacht werden, beweist ohne Zweifel, wie ernste Besorgnis vor einer Gefährdung der öffentlichen Ruhe und Sicherheit von Leben, Eigentum und des Verkehrs in der Art der Vorgänge in Belgien und Amerika in den für jene verantwortlichenKreisen besteht. Welche Wahrnehmungen speziell zu der Maßnahme geführt haben, ist allerdings nicht mitgetellt; doch darf nach einzelnen Erscheinungen, welche auch denjenigen, welche nur die Oberfläche der sozialen und politischen Bewegung zu sehen vermögen, nicht entgehen, wie die bei dem Ersatzgeschäft in Spremberg vorgekommenen Unruhen und ähnliches, mit Sicherheit angenommen werden, daß die Regierung, welche die Mittel besitzt, auch die tieferen Strömungen des öffentlichen Lebens zu erkennen, tatsächlichen Anlaß zu Besorgnissen ernster Art hat. Ist aber einerseits die Stimmung in breiten Schichten der Bevölkerung eine solche, daß nur zu leicht ein in sie hineingeworfener Funke ein Brand erzeugen kann, fehlt es andererseits nicht an Elementen, welche gewissenlos genug sind, zur Förderung ihrer eigenen politischen Interessen den zündenden Funken hineinzuwerfen, so liegt es offenbar der Staatsgewalt ob, innerhalb der ihr gesetzlich gezogenen Schranken, mit allen ihr zu Gebote stehenden Mitteln derartigen Absichten vorbeugend entgegenzutreten. Auch unterliegt es keinem Zweifel, daß die Versammlung und insbesondere die Massenversammlung eines der wirksamsten Mittel ist, eine in lebhafter sozialer oder politischer Bewegung befindliche Menge zur Glühhitze zu bringen und so die Gefahr ernster Ausschreitungen hervorzurufen. Erfahrungsgemäß sind es in Zeiten tiefgreifender Lohnbewegungen gerade Fragen der Regelung der Lohnverhältnisse, welche zum Aushängeschild für den Mißbrauch des Versammlungsrechts zur Verhetzung der verschiedenen Klassen der Bevölkerung gegen einander und gegen die bestehende Rechts- und Gesellschaftsordnung dienen, weil diese Fragen an sich eine unmittelbar packende Gewalt haben und Gelegenheit geben, von vornherein einen Interessengegensatz zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern künstlich zu konstruieren, wie er in Wahrheit nicht besteht, aber zu Verhetzungszwecken sehr dienlich erscheint. Gelänge es, das Versammlungsrecht vor einem solchen Mißbrauche, der am letzten Ende nichts ist, als die Ausbeutung der wichtigsten materiellen Bestrebungen und Interessen der Arbeiter zu politischen Tendenzen, und welche, statt in Wirklichkeit den Lohn zu bessern, zumeist dieselben nur zu schweren und unfruchtbaren Opfern verleitet, zu brechen, so wäre damit nicht nur der Sicherheit und öffentlichen Ruhe im allgemeinen, sondern im besonderen auch den berechtigten und in der wirtschaftlichen Entwickelung wirklich begründeten Lohnbestrebungen der Arbeiter in hohem Maße gedient. So unerwünscht daher die Beschränkung des
Geschichtskalender.
19. Mai.
1607. Kaiserliches Privilegium für die Universität Gießen. 1762. Johann Gottlob Fichte, bedeutender Philosoph und Patriot, geboren.
1769. Johann Vincenz Anton Ganganelli, einer der bedeutendsten Päpste, welche je auf dem päpstlichen Stuhl gesessen, wird als solcher gewählt und nennt sich Clemens xiv.
1802. Napoleon Bonaparte, erster französischer Konsul, stiftet den Orden der Ehrenlegion.
1813. Treffen bei Königswartha. Die Verbündeten treffen mit der unter General Lauriston stehenden Vorhut des Neyscheu Heeres zusammen, und wenn jene auch eine ganze italienische Division auseinander sprengten, Gefangene machten und Kanonen erbeuteten, so war es doch unmöglich, der Uebermacht Neys erfolgreich entgegen zu treten.
Im Schatten des Lebens.
Roman von P. Felsberg.
(Fortsetzung,)
„Schon bei meiner Ankunft im elterlichen Hause wurden meine Hoffnungen sehr herabgestimmt: der Vater empfing mich, tote immer, herzlich und sagte mir, ich käme eben recht, um einen Lieblingswunsch, den er schon lange gehegt, zu verwirklichen; dann erzählte er mir des Langen und Breiten, vou der jungen, schönen und reichen Baronesse Eulberg und gab mir zu verstehen, daß, je eher ich mich um deren Hand bewerben und sie ihm als Schwiegertochter zuführeu würde um so größer seine Freude sein werde. Auch die Mutter Ichien diesem Plan sehr zngLthan. — Was konnte ich diesen Ideen anders entgegensetzen, als eine offene Darlegung meiner Wünsche und Absichten? Die Eltern waren empört;
Versammlungsrechts erscheineu und so unangenehm mancher sich von derselben berührt fühlen mag, so ist die richtige und umsichtige Handhabung des den Polizeibehörden beigelegten Genehmigungsrechts aus der anderen Seite sehr geeignet, die Arbeiter vor schwerer Schädigung ihrer wahren Interessen zu bewahren, während der Umstand, daß die gleiche Beschränkung für alle Versammlungen ohne Unterschied des Zwecks, der Partei oder sozialen Stellung aus- erlegt ist, der Maßregel den verletzenden Charakter einer Ausnahmeanordnung nimmt.
Deutsches Reich.
Berlin, 17. Mai. Für die Ausarbeitung einer Instruktion für die Kommission zur Durchführung des Hundert- Millionen-Gesetzes in Posen und Westpreußen sind seitens des Ministers die Kommissare ernannt worden und haben bereits heute ihre Beratungen begonnen. — Graf Herbert Bismarck wurde zum Staatssekretär, Graf Berchem zum Unterstaatssekretär im Auswärtigen Amte ernannt. — Der „Hamb. Corr." teilt folgende für das Petroleum- geschäft wichtige Zuschrift mit, die der General-Konsul der Vereinigten Staaten in Berlin, Herr F. Paine, an den Unterstaatssekretär, Herrr James D. Porter, in Washington gerichtet hat. Das Schreiben, datiert Berlin vom 9. April 1886, lautet wie folgt: Ich habe die Ehre, zu berichten, daß die Frage, ob Petroleumfäffer amerikanischen Ursprungs, die wieder zurückgesandt werden sollen, und welche während der Zeit, in der sie > in Deutschland waren, mit russischem Petroleum oder anderen Flüssigkeiten gefüllt gewesen sind, nach den Vereinigten Staaten zurückgesandt werden können, von den Behörden ablehnend beantwortet worden ist. Der Grund, weßhalb solche Fässer nicht wieder gefüllt werden sollen, liegt darin, daß der Geruch und die Qualität des Oeles leiden würden. — Kürzlich ist hier eine übrigens bereits erwähnte Schrift über die hiesige Verbrecherwelt erschienen, welche auch von dem Gesichtspunkte aus Beachtung verdient, daß sie ganz dazu ange- than ist, der falschen Romantik den Boden abzugraben, welcher der Verbrecherwelt einen völlig unverdienten Nimbus giebt und zahllosen unberufenen Federn Anlaß bietet, die Welt mit Schauerromanen zu überschwemmen, wie sie die Phantasie des Volkes vergiften. In Wirklichkeit ist, wie jeder, der selbst einen Einblick in diese Dinge gehabt hat, bezeugen wird, die Verbrecherwelt und gewiß nicht bloß die von Berlin, von der absolutesten Poesielosigkeit. Von all dem angeblichen Flitterglanz, der sie umgeben soll, findet sich keine Spur. Ihr eifrigstes Bestreben ist es die öffentliche Aufmerksamkeit von sich abzulenken und deshalb tritt sie in einem Gewände auf, das man sich kaum alltäglich und unintereffant genug vorstelleu kann. Wer die Dinge anders darstellt, hat sie entweder nicht kennen gelernt oder er entstellt sie zu f euilletonistischen Zwecken mit Vorbedacht. — Leop. v. Ranke ist schwer erkrankt; man befürchtet sein Ableben.
Posen, 17. Mai. Dem Vernehmen nach ist General-
mein sonst so guter Vater überschüttete mich förmlich mit Vorwürfen, er vermaß sich hoch und teuer, daß er nie feine Einwilligung geben werde — ich erklärte fest und bündig, daß ich nie eine Andere, als Emilie zu meinem Weibe machen würde.*
„Nun, dann mußt Du, so lange ich lebe, ledig bleiben!" erklärte er.
Ich wußte nun, daß jedes weitere Wort verschwendet sei, denn, wie Du ja weißt, hielt unser Vater das, was er einmal gesagt. Ich war tief betrübt über dieses Zerwürfnis; ich hatte nicht geglaubt, daß die Vorurteile der Eltern so unüberwindlich seien. Doch Emilie mußte die Meine werden — ich konnte ihr nicht entsagen. Die Einkünfte der Güter, die ich vom Großvater geerbt, sicherten mir an sich schon eine fast glänzende Existenz. Mein Entschluß war gefaßt: Emilie sollte — auch ohne die Einwilligung meiner Eltern mein Weib werden.
Ich reifte unverzüglich nach Schloß Behringen zurück. Es ward mir schwer, den alten Golmann zu bewegen, in die Heirat ohne Wissen und Willen meines Vaters zn willigen; auch Emilie hatte stolze Bedenken, sich auf diese Art in unsere Familie gewissermaßen — einzudrängen. Als ich ihr jedoch erklärte, daß ich unter keinen Umständen von ihr lassen würde, daß nur in ihrem Besitz und in ihrer unwandelbaren Siebe ich mein Lebensglück zu erkennen vermöge, da erklärte sie sich endlich überwunden und zu Allem bereit, unter der Bedingung jedoch, daß wir fern vom Wohnorte meiner Eltern leben sollten, weil es ihr zu peinlich sein würde, in der Nähe meiner Familie, bei offenem Bruch mit derselben, zu leben. Ich war so schwach, ihr uachzn- geben. In Golmauns Gesellschaft reiften wir nach Southampton und wurden dort getraut.
Leutnant von Alveusleben, kommandierender General des fünften Armeekorps, behufs Uebernahme des Kommandos des dreizehnten Armeekorps von hier nach Stuttgart versetzt; mit der Führung des fünften Armeekorps ist General- Leutnant von Meerscheidt - Hüllessem, bisher Kommandeur der 28. Division, beauftragt.
Lübeck, 17. Mai. In der heutigen Konferenz der Gewcrbekammer - Vertreter unter dem Vorsitze Schorers (Lübeck) wurde definitiv beschlossen, keine jährlichen Delegiertenkonferenzen einzuberufen, sondern einen Gewerbekammertag zu bilden. Die Berufung desselben, die Vorarbeiten und die Leitung liegen dem Vororte ob; fernere Konferenzen der Delegierten fallen somit fort
Eisenach, 17. Mai. Die hier stattgehabte thüringische Ministerkonferenz beschäftigte sich dem Vernehmen nach mit der Frage der Heranziehung der Eisenbahnen zur Kommunalsteuer.
München, 17. Mai. Die Kammer nahm nach mehrtägiger Beratung den Gesetzentwurf über die Aen- derung der subhastatiousordnung in namentlicher Abstimmung mit 103 gegen 19 Stimmen an und beriet dann die Gebührennovelle. Sämtliche Redner anerkannten die gewährten Erleichterungen und erhoffen weitere. Der Finanzminister stellte solche für bessere Zeiten in Aussicht.
Alnslarrd.
Wien, 17. Mai. Das „Fremdenblatt" bezeichnet die Zeitungsnachricht von einem bevorstehenden Gegenbesuche des Kaisers und der Kaiserin von Oesterreich bei dem russischen kaiserlichen Paare als unbegründet. — Das Herrenhaus nahm den Gesetzentwurf, betreffend die Garantie der egyptischen Anleihe, an.
London, 17. Mai. Bei dem in der Saint-James Hall wider die Homerule-Bill veranstalteten konservativen Meeting äußerte Lord Salisbury, es sei Grund zu der Hoffnung vorhanden, daß die irischen Vorlagen der Regierung innerhalb einer Woche der Geschichte angehörten. Das Ergebnis der Homerule - Bill wurde die Trennung Irlands vom Reiche sein, selbst wenn Gladstone und Parnell wünschten, die Union auftecht zu erhalten. Als Gegenplan empfahl Lord Salisbury die konsequente Aufrechterhaltung des Gesetzes für die nächsten 20 Jahre und Massenauswanderung auf Staatskosten. Indem er eine baldige Auslösung des Parlaments voraussieht, betonte Lord Salisbury, der Wahl solcher Abgeordneten, welche die Union aufrecht erhalten wollten, sei jede andere Rücksicht unterzuordnen. — Das „Reutersche Büreau" erfährt, China widerspreche jedem Arrangement zwischen Frankreich und dem Vatikan, welches bezwecke, die Befugnisse des nach Peking zu entsendenden päpstlichen Nuntius durch ein Protektorat Frankreichs über die katholischen Missionen in China einzuschränken.
Belgrad, 17. Mai. Paulovic, der frühere Justizminister im Kabinett Garaschanin, ist zum Gesandten in Rom ernannt worden.
Wieder schien der Graf schmerzlich durch diese Erinnerungen bewegt. Hedwig, die in höchster Spannung der Erzählung ihres Bruders gefolgt war, fragte jetzt:
„Und Ihr seid glücklich? — Doch wo ist Deine Frau und warum bist Du nicht bei ihr?"
„Ja, wir waren sehr — sehr glücklich! — Doch unser Glück war zu groß, um lange zu währen, denn — sie ist tot!"
„Tot?! . . O mein armer, armer Alfred!" rief Hedwig tief erschüttert, und schlang beide arme um den Hals des geliebten Bruders. „Wie sehr und tote aufrichtig bemitleide ich Dich!"
Der Graf küßte seiner Schwester Stirn und ließ seine Hand schmeichelnd über ihr schönes Haar gleiten.
„Du bist gut, Kind," sagte er darauf: „Deine Teilnahme tijut mir wohl. Mögest Du einst so glücklich werden, wie Du es verdienst."
„Doch ich bin noch nicht zu Ende, fuhr er nach kurzer Pause fort, indem er Hedwig sanft auf ihren Platz znrück- brängte. „Emilie hatte mir ein Kleinod hinterlassen, ein süßes, kleines Mädchen, und für dieses nun mutterlose, zarte Wesen möchte ich um Deine Liebe bitten, Hedwig; willst Du Dich meines Töchterchens annehmen?"
„Von ganzem Herzen gern!" rief sie. „Ich will dafür sorgen, daß die Kleine nicht vermisse, was sie so früh verloren. Wo ist sie und in Westen Pflege?"
„Ich danke Dir, meine gute Schwester," entgegnete Alfred hoch erfreut, und drückte Hedwigs Hand an feine Lippen; „ich danke Dir, denn Du hast eine große Sorge von mir genommen. Jetzt ist die Kleine in Bärfelde, einer Stadt in der ich mit Emilie wohnte, wo das Kind geboren wurde und die Mutter starb. Meine alte Amme Margarethe pflegt das Kind; doch ich möchte es gern in Deiner Nähe wissen,