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Marburg, Dienstag, 18. Mai 1886.

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Gefchichtskalender.

18. Mai.

Die konservative Partei bereitet, wie berichtet wird, den Antrag vor, daß die der katholischen Kirche eingeräumten Rechte auch für die evangelische Kirche gefordert werden sollen. Die konservative Partei würde sich dadurch, wie derR. B." bemerkt, ein großes Verdienst um die ev/ng.

Anläßlich der Zeitungs­nachrichten, wonach die Beziehungen zwischen China und Rußland sich zuzuspitzen scheinen, erklärt dasJournal de St. Petersburg", daß die Vermutungen durch nichts motiviert seien. Möglicherweise habe die Vornahme der Grenzregulierung im Ussurigebiete irgend einen Korrespon­denten beunruhigt. Es sei nicht der mindeste Grund vor­

bekränzt, namentlich ist letzteres reich mit Blumen, Topf­gewächsen und Kränzen geschmückt. Dazwischen wehen Fahnen in Mülhauser Farben, inmitten derselben diejenige mit dem deutschen Reichswappen und zu Seiten des Ein­gangs hohe, mit Kränzen umwundene Masten-Wimpel mit dem Müthauser Wappen. Auf dem Bahnhofe wurde der Statthalter bei seiner Ankunft um 4 Uhr 10 Min. von den Spitzen der Zivil- und Militärbehörden, Kreisdircttor, Bürgermeister und so weiter enipfangen, Schulmädchen in weißen Kleidern überreichten einen Strauß und ein Kinder­chor sang das Lied:Gott grüße Dich!" Viele Tausende von Menschen hatten sich zum Empfange nach dem Bahn­hofe begeben, von denen die meisten aber den Statthalter nicht sahen, da die Equipagen einen anderen als den an­genommenen Weg in die Stadt nahmen. Dichter noch war das Gedränge heute abend, wo eine Anzahl von Ver­einen der Stadt und Umgegend dem Statthalter, der in der Kreisdircktion dinierte, eine Huldigung mit Musik beim Scheine von Fackeln darbrachte. Verschiedene male stimmte die Menge in Hochrufe ein, kurz, Mülhausen schien ganz wie umgewandelt und gänzlich aus seiner sonstigen Ruhe und Zurückhaltung herausgetreten zu sein. Der Fortschritt, den hier das Deutschtum in den letzten Jahren gemacht hat, ist eben doch merklich, zahlreicheAlt- Deutsche" sind hier ansässig geworden und ihr Einfluß macht sich doch am Ende geltend, wie sehr Manche auch vielleicht das Gegenteil wünschen möchten.

genommen, durfte ich vcn Ruckweg antreten; den nächsten Morgen sollte Fritz seine Schwester zurückbringen. Es war bereits spät in der Nacht, als ich das Schloß wieder erreichte. Der alte Golmavn harrte in seinem Wohnzimmer meiner Rück, kehr. Es mochten ihm wohl wunderliche Gedanken gekommen sein, als er mich so eilig in der Richtung nach seines Sohnes Hof hatte fort galoppieren sehen. In kurzen Worten setzte ich ihn von dem Vorgefallenen in Kenntnis, sagte ihm auch, daß ich am nächsten Morgen abreiseu würde, um die Ein­willigung meines Vaters zu erlangen. Der arme Manu war so erschrocken, als sei ein großes Unglück über ihn hereingebrochen.-

Ist es denn ein so großes Unglück mich znm Schwieger­sohn zu bekommen?" fragte ich ihn.

Sie Ihre Person nein, aber den Grafen Biela ja, das ist ein großes Unglück!" entgegnete der biedere Golmann kopfschüttelnd.Sie kennen Ihren Herrn Vater nicht, wenn Sie glauben, daß er jemals in diese Heirat willigen werde. Und meine Tochter soll es auch sein, die dem alten Herrn diesen Kummer bereitet! O Herr Alfred, das führt zu keinem guten Ende! Stehen Sie ab, ich bitte Sie denn es bringt Unfrieden und Unheil in Ihre Familie! Selbst wenn der Graf etnwilligen sollte, so wird Ihre gnädige Frau Mutter es niemals thun!"

Nun, wir wollen den Versuch machen und das Beste hoffen," beruhigte ich Golmann.

Ich ging auf mein Zimmer. Von Emilie jetzt, da ich wußte, daß ste mich liebte, zu lassen, kam mir gar nicht in den Sinn; den Vorurteilen meiner Eltern mein Lebensglück zu opfern, noch weniger. Ich hatte noch nie geliebt; das Bewußtsein, von diesem reinen, ganz meinem Ideal ent-

Jw Schatte« ves Lebens.

Roman von P. Felsberg.

(Fortsetzung,)

Fritz Gollmanns Gütchen lag zwei Stunden entfernt; e8 begann zu dämmern, als ich dort anlangte. Meine erste Frage war nach Emilie. Als Fritz mir sagte, daß sie im Garten sei, etlte ich, dem Erstaunten mein Pferd überlassend, do:thin, sie zu suchen. Aus einer Laube hörte ich Stimmen

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Deutsches Reich.

Berlin, 15. Mai. Das an der Börse verbreitete Gerücht von einem Unwohlsein des Kaisers ist vollständig unbegründet. Der Kaiser nahm vormittags die gewöhn­lichen Vorträge entgegen. In der heutigen Plenar­sitzung des Bundesrates wurde die Vorlage betreffend den Entwurf eines Gesetzes zur Ausführung des internatio­nalen Vertrags zum Schutz der unterseeischen Telegraphen­kabel den zuständigen Ausschüssen überwiesen. Den Ge- setzentwürfen über die Branntweinbesteuerung, sowie über die unter Ausschluß der Oeffentlichkeit stattfindenden Ge­richtsverhandlungen wurde die Zustimmung erteilt. Die beiden Branntweinsteuerentwürfe wurden einstimmig angenommen, die süddeutschen Staaten enthielten sich der Sümmabgabe. Es wird zunächst nur der Prinzipal-Ent­wurf an den Reichstag kommen, also derjenige, welcher die Verbrauchs - Abgabe von den Händlern erhebt, welche ein Verkaufsgeschäft betreiben, aus welchem Branntwein unmittelbar an Verbraucher verkauft wird. Der Eventual- Entwurs, nach welchem die Steuer von Produzenten oder Großhändler erhoben werden soll, sobald der Branntwein die Brennerei, resp. das Lager verläßt, soll dem Reichstag wahrscheinlich erst zugchen, wenn der erstere keine Mehr­heit findet. An dem Entwurf sind durch die Beschlüsse des Bundesrats hauptsächlich folgende Veränderungen vor­genommen worden. Die jetzige Maischraumsteuer wird nicht, wie der Entwurf vorschlug, erhöht, sondern um 10 Prozent herabgesetzt, indem ein diesem Verhältnis ent­sprechender Steizeraum steuerfrei bleiben soll. Die Export­vergütung bleibt in der bisherigen Höhe von 16 Mark. Die Ucbergangsabgaben für die kleineren Brennereien

Erscheint täglich außer an Werktagen nach Sonn-und Feiertagen. Quartal» Abonnements-Preis bei der gstpebition 21/« Mk., bei een Postämter 2 Mk. 50 Pfg- (exc!. Bestellgeld). Jnsertionsgebübr für die gespaltene Zeile 10 Pfg. Reklamen für die Zeile 25 Pfg.

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sind angenommen worden, ebenso die Sätze der Konsum­steuer im ersten Jahre 40, im zweiten 80 Pfg., vom dritten ab Mk. 1.20 pro Liter reinen Alkohols. In einer Schlußbestimmung wird den süddeutschen Staaten anheim­gegeben, in die Branntweinsteuer-Gemeinschaft einzutreten. In diesem Falle sollen sie am Ertrage der Steuer nach Maßgabe der Bevölkerungsziffer partizipieren und Aen- derungen der Kontingentierung der Brennereien nur mit ihrer Zustimmung vorgenommen werden. Nachdem die Novelle zu dem Reichs- und Militärpensionsgesetze zu stände gekommen und Aussicht auf eine Verständigung über die Kvmmunalbesteuerung der Offiziere vorhanden ist, erübrigt noch die Regelung der Reliktenversorgung für Militärs. DieBert. Pol. Nachr." geben sich nach der befriedigenden Lösung der bezeichneten Frage der bestimmten Hoffnung hin, daß auch der letzte der noch ungelöst blei- l benden Punkte in der laufenden Session des Reichstags t zu einem befriedigenden Abschluß gebracht werden wird.

Wöchentliche Beilagen: Amtlicher Anzeiger f. d. Kreise Marburg u. Kirchhain. - Illustriertes Sonntagsblatt

Expedition: Diartt 21. Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Lug. Koch.

Kirche erwerbensie ist es aber sich selbst schuldig; denn nachdem die konscrvative Partei geschlossen für das Kirchen­gesetz eingetreten ist, welcher der katholischen Kirche ihre Freiheiten und ihre Mittel wiedergibt, muß die konservative Partei für die evangelische Kirche ein Gleiches zu er­langen suchen. Aber wir möchten darauf Hinweisen, daß formelle Freiheiten wenig Wert haben; möge man die Sache konkret anfasfen: Die evangelische Kirche braucht vor allem Predigerseminare und kirchliche Spitzen in allen ihren Behörden, die ebenso direkt mit dem Könige ver­kehren können wie die katholischen Bischöfe mit dem Papste; um das alles zu erreichen, bedarf die evangelische Kirche einer ausreichenden Dotation seitens des Staates. Jetzt ist ein Zeitpunkt, der für die evangelische Kirche so günstig liegt, wie er vielleicht nie wieder kommt; aber es gilt, daß sie selbst sagt, was sie will und was sie vom Staate nötig hat! Wie uns Nachrichten aus der Nheinprovinz mitteilen, herrscht dort auch in konservativen Kreisen eine große Ver­stimmung über diese Art des Ausgleiches mit Rom und nur ein energisches Vorgehen im Sinne größerer Freiheit der evangelischen Kirche kann die Verstimmung wieder re­parieren. Wir müssen aber immer wieder betonen, Hand in Hand mit der Befreiung der evangelischen Kirche vorn Staat muß eine bessere Organisation der evangelischen Kirche gehen, wodurch dieselbe in den Stand gesetzt wird, von der Freiheit auch einen für die Kirche heilsamen Ge­brauch zu machen. Am Mittwoch mittag ist es, wie demB. C." mitgeteilt wird, zu einem bedauerlichen Exzeß des Janhagels gekommen, welcher das Einschreiten des Militärs erforderlich machte. Als mittags eine Kompanie des Kaiser Alexander - Garde - Grenadier - Regiments, vom Tempelhofer Feld kommend, im Begriffe war, in ihr Ka- sernement in der Münzstraße zu marschieren, ertönten aus der dem Militär wie gewöhnlich in dichten Haufen voraus- ziehenden Menschenmenge laute Schmäh- und Schimpfworte gegen die Soldaten, welche immer stärker wurden, so daß ein Offizier plötzlich einer Sektion den Befehl gab, abzu­schwenken und die Haupt-Ruhestörer zu verhaften. Die Soldaten griffen sich denn auch die Hauptschreier heraus und brachten die Renitenten, allerdings erst nach Zuhilfe­nahme der Gewehrkolben, ins Wachtlokal der Kaserne. Von dort aus wurden die übrigens den unlautersten Elementen angehörenden Ercedenten nach der Polizeiwache überführt. Zur Herstellung und Aufrechterhaltung der Ruhe auf der Straße wurden sogleich noch zwei Militär­posten vor der Kaserne postiert, welche die Straße anf- und abpatroullierten.

Mülhausen, 12. Mai. Der Empfang, welcher dem kaiserlichen Statthalter Fürsten von Hohenlohe hier heute von der Bevölkerung zu Teil wurde, ist ein so festlicher gewesen, wie seiner in Mülhausen teilhaftig geworden zu sein sich wohl niemand seit langen Jahren rühmen kann. Die öffentlichen und viele Privatgebäude, das Zentralhotel u. s. w. sind beflaggt, Bahnhof und Gemeindehaus reich es war Emilie mit ihrer Schwägerin. Die hübsche junge Frau schien zu ahnen, was uns Beide dorthin führe; mit der Enschuldigung, für den lieben Gast eine Erfrischung besorgen zu wollen, ließ sie uns allein.

Diese Erinnerungen schienen so mächtig auf den Grafen einzuwirken, daß er eine Pause machen mußte. Er drückte die Hand auf sein schmerzbewegtes Herz. Hedwig ergriff ihres Bruders Hand und ihr Auge begegnete dem feinigen so teilnehmend, daß er sich faßte und in seiner Erzählung fortfuhr:

Sie ward mein: ihr erglühtes Gesicht an meine Brust bergend, gestand sie mir, daß sie mich liebe, schon lange liebe und erst, als es bereits zu spät gewesen, erfahren habe, wer ich sei und daß es unter diesen Umständen eine Thorheit sein müsse, mich zu lieben."

Unser Glück konnte ich Dir nicht schildern. Als ich Emilie fragte, was für ein Brief es gewesen, den ste an jenem Abend so freudig gelesen, entgegnete sie, daß sie mtt einer ihrer Mit-Pensionärinnen eine schwärmerische Freund­schaft geschlossen und diese ihr geschrieben habe, wie ihre Verlobung mit dem längst Geliebten stattgefunden. Ich bekannte ihr die schrecklichen Zweifel, welcher jene Brief in mir hervorgerufen hatte. ,

Noch saßen wir in glückseligem Geplauder, als Emiliens Bruder, Fritz Golmann, in die Laube trat. Ihm stellte ich seine Schwester als meine Braut vor.

Aber Herr Graf," wandte er ein,was wird Ihr gnä­digster Herr Vater . . ."

Lass mich daS besorgen, lieber Fritz," fiel ich ihm in die Rede.Doch jetzt will ich zu Euerem Vater eilen, um mich seiner Zustimmung und seines Segens zu vergewissern."

Erst nachdem ich das Abendessen mit der Familie ein»

London, 15. Mai. (Unterhaus.) Der Antrag Jennings zu gunsten der Einführung von Eingangszöllen auf ftemoe Fabrikate behufs Herabsetzung der Zölle auf Thee, Kaffee und Cacao wurde nach sechsstündiger Debatte abgelehnt. Harcourt sprachlich gegen jeden Antrag auf Einführung von Schutzzöllen aus. Der Handel leide überall Not, selbst in Deutschland, das durch die Geschick­lichkeit und den Fleiß seiner Bevölkerung der mächtigste Rivale Englands geworden sei. Die Arbeiterklaffen hätten den unschätzbaren Wert des Freihandels erkannt und wünschten dessen Aufhebung nicht. Die Bill, betreffend das Einnahmebudget, wurde in dritter Lesung genehmigt DieTimes" glaubt, das Ergebnis der gestrigen Ver­sammlung bei Lord Hartington habe das Schicksal der irischen Vorlage Gladstones besiegelt. 104 liaerale Ab­geordnete verpflichteten sich, gegen die Homerule-Bill zu stimmen, wodurch deren Ablehnung mit einer Majorität von 41 Stimmen gesichert Jet.

Petersburg, 15. Mai.

Anzeigen nimmt entgegen die Expedition d Blattes, sowie b. Annoncen-Bureaux vonHaasenstein unbVogler in Frankfurt a. M , Cassel, Magdeburg und Wien; Rudolf Moffe in Frankfurt a M-, BerlinMünchenund Köln; G. L. Daube und Co. n 'tantfurt a. M., Bert n, Ha notier ».Paris.

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läute aller Glocken der Stadt zusammen. Vierzehn Monate später verschwand es wieder, nachdem es noch kurze Zeit in Stuttgart alsRumpfparlament" getagt, resultatlos, fang« und klanglos.

1871. Die französische Nationalversammlung, welche am 10. März von Bordeaux nach Versailles übergesiedelt war, nimmt den zu Frankfurt a. M. abgeschlossenen definitiven Frieden mtt 440 gegen 98 Summen an.

1699. Hans Joachim von Ziethen, berühmter Reiter-General unter Friedrich dem Großen, auf dem väterlichen Gute Wustrau in der Grafschaft Ruppin geboren.

1745. Zwischen Sachsen und Oesterreich wird zu Leipzig eine Uebereinkunft geschlossen, wonach Maria Theresia wieder ganz Schlesien, der Kurfürst von Sachsen das Herzogtum Magdeburg und andere Teile von Preußen erhalten sollten.

1782. A. von Lützow, Major und Führer dec nach ihm benannten Freischaar während der Freiheitskriege, geboren.

1848. Abends 4 Uhr tritt das erste deutsche Parlament in 12443 t der Paulskirche zu Frankfurt am Main unter dem Ge-