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Marburg, Sonntag, 16. Mai 1886.
XXI. Jahrgang.
Erscheint täglich ^mßer an Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. — Quartal« Lbonnements-Preis bei bet Ixpedition 21/, Mk., bei len Postämter 2 Ml. 50 Pfg. (excl. Bestellgeld). Insertionsgebühr für die gespaltene Zeile 10 Pfg. Aeklamen für die Zeile 25 Pfg.
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Anzeigen nimmt entgegen die Expedition b Blatte-, sowie b.Annoncen-Bureaux von Hoafenstein unbBogler in Frankfurt a. M., Gaffel, Magbeburg unb Wien; Rudolf Mosse in Frankfurt a M., Berlin.Münchenund Köln; G. L. Daube und Co. n Frankfurt a. M., B rlm, Ha> nover u.Paris
Wöchentliche Beilagen: Amtlicher Anzeiger f. d. Kreise Marburg u. Kirchhain. - Illustriertes Sountagsblatt.
Expedition Markt 21. — Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Aug. Koch.
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Deutsches Reich.
Berlin, 12. Mai. In der am gestrigen Tage unter dem Vorsitz des Staatsministers, »Staatssekretärs des Innern von Bötticher abgehaltenen Plenarsitzung beschloß der Bundesrat, dem vorgelegten neuen Entwurf eines Gesetzes, betreffend die Besteuerung des Zuckers, die Zustimmung zu erteilen, dagegen den vzm Reichstage angenommenen Gesetzentwurf über denselben Gegenstand abzulehnen. Von den mit der englischen Regierung vereinbarten Erklärungen über die Abgrenzung der deutschen und englischen Macht- sphäreu und die gegenseitigen Handels- und Verkehrsfreiheiten in den deutschen und englischen Besitzungen und Schutzgebieten im westlichen Stillen Ozean nahm die Versammlung Kenntnis, erklärte sich mit dem Abschluß einer Uebereinkunft mit Großbritannien zum gegenseitigen Schutz der Rechte an Werken der Litleralur unb Kunst einverstanden und übergab die Beschlüsse des Reichstages zu der allgemeinen Rechnung über den Reichshaushalt für das Etatsjahr 1881/82 dem Ausschuß für Rechnungswesen, den Antrag Preußens wegen des Erlasses eines Gesetzes über die Pflichten der Handelsmakler den Ausschüssen für Justizwesen und für Handel und Verkehr zur Vorberatung. Hierauf wurde die Wahl von Mitgliedern des Kuratoriums der Reichsbank vorgenommen. Eine Eingabe des Präsidiums des III. Vereinstages deutscher Müuzforscher zu Dresden und eine Eingabe des Ausschusses des internationalen Transport - Versicherungs - Verbandes zu Berlin, betreffend die Aenderung der Bestimmungen über den Verkehr mit Sprengstoffen auf Wasserstraßen, wurden dem Reichskanzler überwiesen. Einem Vorschläge des Reichskanzlers entsprechend wurde beschlossen, daß die Münzstätten, insoweit die zur Ausprägung von Einpfennigstücken notwendigen Plättchen von ihnen hergestellt werden, für die Anfertigung derselben eine näher angegebene Vergütung erhalten. Einer Eingabe wegen Aufnahme des neuen Medikaments Ichthyol in die Pharmakopoe wurde keine Folge gegeben. Dem Anträge der Ausschüsse für Zoll- und Steuerwesen und für Handel und Verkehr, betreffend die Abänderung des Begleitschein-Regulativs und die Einführung einheitlicher Formulare zu Begleitscheiuen, wurde zugestimmt. Endlich gelangten Gesuche wegen Zulassung von Ausnahmen von den gesetzlichen Vorschriften über Einrichtung der Anlagen zur Anfertigung von Zündhölzern zur Erledigung. — Die parlamentarischen Erben der „seligen" Fortschrittspartei lehnen bekanntlich, schreibt die „N. A. Z.", mit derjenigen Entrüstung, die bei ihnen das Andenken eines teuren Toten erweckt, ab, zu deu Vätern der Maigesetzgebung gezählt zu werden. Namentlich soll der ehemalige „Fortschritt" durchaus nicht etwa zu den Inspiratoren derjenigen Bestimmungen gerechnet werden dürfen, in denen der Charakter dieser Gesetze als Kampfmittel zum Ausdruck kam. Herr Dr. Virchow, welcher bekanntlich Erfinder des ter- minus technicus „Kulturkampf" ist, und welcher im Ab
geordnetenhause gegen die derzeitige, Friedensgeist atmende kirchenpolitische Vorlage gesprochen und gestimmt hat, beschäftigte sich in seiner Rede u. A. mit derjenigen Bestimmung, durch welche das Recht der Pfarrer auf den Vorsitz int Kirchenvorstande wiederhergestellt wird, und sagte dabei ausweislich des stenographischen Berichtes: „Meine Herren, ich habe diesem Artikel gegenüber auch eine Art von persönlichem Gefühl, weil ich mir einbilde, daß ich etwas Schuld daran gewesen bin, diejenige Richtung der früheren Staatsregierung herbei zu führen, welche dahin ging, die katholische Kircheugemeinde als einen festen Körper zu orgauisiereu rc. rc." Das „persönliche Gefühl," von dem Herr Dr. Virchow sprach, tarnt doch kaum ein anderes gewesen sein, als das der Vaterschaft. Zu einem Punkte der Kampfgesetzgebung hätte sich also bereits derjenige gemeldet, der in Anspruch nimmt, hierbei die Richtung der früheren Staatöregierung „herbeigeführt" zu habeu. Man wird nur einige Zeit zu warten brauchen, dann werden sich die übrigen der Fortschrittspartei angehörigen iuspirirenden „Väter" auch wohl noch melden. — Die Kommission des Abgeordnetenhauses für die Vorberatung des Gesetzentwurfs über die Kommunalbesteuerung der Offiziere genehmigte den Gesetzentwurf in erster und zweiter Lesung in der vom Abg. v. Hüne vorgeschlagenen Form mit der Maßgabe, daß das Heiratsgut der Offiziere (das sog. Kommißvermögen) von der Kommunalbesteueruug nicht auszuschließen ist; für die vor dem Inkrafttreten des Gesetzes verheirateten Offiziere solle aber betreffs des Heiratsgutes die Kommunalsteuer-Freiheit bleiben, so länge sie untere Offizierschargen bis einschließlich derjenigen des Hauptmanns oder Rittmeisters bekleiden. — Die Mitteilung der „Magdeb. Ztg.", daß die Militärverwaltung eine Verstärkung der Garnisonen in Elsaß-Lothringeu beabsichtige, scheint sich zu bestätigen. Es ist sogar nicht unwahrscheinlich, daß dem Reichstage aus diesem Anlaß noch ein Nachtragsetat zugeht.
Posen, 14. Mai. Der Fiskus kaufte im Sub- hastationstermiue das 300 Hektaren umfassende Rittergut Komorowo zu Kolonisatiouszweckcu.
München, 14. Mai. Die Kammer der Reichsräte nahm deu Gesetzentwurf, betr. die Verlegung der Militär- bildungsaustalten auf das Marsfeld, an und ging über den Antrag Soden, betreffend die staatliche Mobiliar- Brandversicherung, mit allen gegen 5 Stimmen zur Tagesordnung über.
Ausland.
London, 14. Mai. In der Wohnung Lord Hartingtons fand heute eine Versammlung von 130 liberalen und radikalen Deputierten statt, welche der Homerule-Bill feindlich gesinnt sind. Eine Resolution wurde angenommen, worin erklärt, daß die gestrige Rede Baunermans nicht in ihren Ansichten bezüglich der Bill geändert habe. — Von
Woolwich wurden heute zwei Millionen Patronen und anderes Kriegsmaterial nach Dublin gesandt. — Die „Daily- News" erfahren: Die gestrige Rede Bannermans änderte nicht den Entschluß Chamberlains, sowie seiner Anhänger, gegen die zweite Lesung der Homerule - Bill zu stimmen. Das Unterhaus vertagte die Fortsetzung der Beratungen auf Montag
Petersburg, 14. Mai. Der „Regierungsanzeiger" berichtet aus Kanea auf der Insel Kreta, daß er vom Aufstande der Kretenser in 1866 her bekannte Korrespondent der „Times", Steelman, zu Anfang des Monats März versucht habe, die Kretenser für England zu stimmen, und dieselben gleichzeitig vor der Politik Rußlands und vor einer Vereinigung mit Griechenland zu warnen. Die Kretenser hätten sich jedoch ablehnend verhalten und bemerkt, sie trauten England seit der Besitznahme der Insel Cypern nicht mehr. — In Jalta ist der Gouverneur des Kaukasus: Fürst Dondukow - Korssakow eingetroffen.
Athen, 14. Mai. Ein Erlaß des Königs beruft die Kammer aus nächsten Mittwoch ein. — Ueber das Ministerium Valvis macht die „Wiener Allg. Ztg." folgende Mitteilungen: Die neue Regierung ist thatsächlich politisch farblos, indem nicht ein einziger der neuernannten Minister Deputierter ist. Das Minister-Präsidium und das Portefeuille der Justiz übernahm Demetris Valvis. Derselbe war wohl bereits einmal kurze Zeit Minister, sonst aber funktionierte er ausschließlich in der richterlichen Hierarchie, zuletzt als Präsident der obersten Kirchenbehörde, des Kaffationshofes von Athen. Von diesem Posten trat er vor einiger Zeit wegen seines hohen Alters zurück, doch erfreut er sich noch immer vollkommener körperlicher Rüstigkeit und geistiger Frische. Valvis wird nicht bloß in Regierungs- und namentlich in Justizkreisen, sondern von der gesamten politischen Intelligenz des Landes wegen feiner strengen Ehrenhaftigkeit und Charakterfestigkeit hochgeachtet und allgemein geschätzt. — Das momentan vielleicht wichtigste Portefeuille des Aeußeren wurde dem früheren Prä- feften von Corsa, Herrn Epaminondas Luriotis, übertragen. Derselbe hat stets im besten Einvernehmen mit dem österreichisch - ungarischen General - Konsul auf Corfu, Baron Marsberg, gewirkt. Auch Luriotis ist bereits ein älterer Herr, dabei indessen in Vollkraft des Körpers und des Geistes. Er hat fast ausschließlich als politischer Verwaltungsbeamter gedient, fast immer jedoch auf hohen exponierten und delikaten Posten, wobei er sich, neben seiner administrativen Tüchtigkeit durch ein besonders konziliantes Wesen hervorthat. Dabei ist er ein Mann von umfassender Bildung, mehrerer Sprachen, darunter selbstverständlich des Französischen in Wort und Schrift, vollkommen mächtig, welche Kenntnis er vielleicht auch dem Umstande danken kann, daß er in der Schweiz erzogen wurde. In gewissem Sinne läßt sich auch von ihm sagen, daß er sich einer großen Popularität erfreut, denn die gesamte Intelligenz
Geschichtskailender.
16. Mai.
1576. Ankunft des bekannten Theologen Aegidius Hnnnins in Marburg, vou welchem Tage die hessischen Theologen den Anfang des kirchlichen Unfriedens zu rechnen pflegen, welchen der Streiter Hnnnins erregte. Doch kommt ihm dies nicht übermäßig zur Last, da er in der Hauptsache nur einen faulen Frieden störte, in welchem sich alle Welt nur ungern und allezeit mit dem größten Geschrei stören läßt, während sie oft den Mund kaum öffnet, wenn der rechte Friede gestört wird.
1770. Maria Autoniettens von Oesterreich, Tochter der Kaiserin Maria Theresia, Vermählung mit dem nachmaligen König Ludwig XVI. von Frankreich. — Bet der Hochzeitsfeier war ein Gedränge entstanden, in welchem, da noch eine Feuersbrunst hiuzukam, einige Hundert Menschen ihr Leben verloren, ein Ereignis, welches vom Volke, das überhaupt gegen die österreichische Heirat eingenommen war, als schlimmes Vorzeichen betrachtet wurde.
1788. Friedrich Rückert, der große Lehr- und Liederdicht«, zu Schweinfurt geboren.
17. Mai.
1632. Gustav Adolf von Schweden hält in München feinen Einzug, dessen Bürgerschaft er mit großer Schonung behandelt. Nur 140 vergrabene Kanonen ließ Gustav Adolf zu Tage fördern unb hinweg führen. „Stehet auf von den Toten und kommet zu Gericht!" hatte der König scherzend gesagt, als man ihm die Entdeckung der verborgenen Kanonen meldete und er den Befehl zur Ausgrabung erteilte. Bei aller Milde hatten die Münchener Bürger doch eine starke Kriegsstener zu befahlen.
1742. Schlacht bei Chotnsitz. Friedrich II-, König von Preußen, erringt einen entscheidenden Sieg über ein starkes
östeiretonsches Heer, welches im Begriff stand, von Böhm,« aus in Schlesien einzubrecheu.
1809. Kaiser Napoleon erläßt von Schönbrunn ans eine Erklärung, worin es heißt: „Die weltliche Herrschaft des Papstes hat aufgehört! Der Kirchenstaat ist von nun an bereinigt mit d°m französischen Kaiserreich, Rom eine freie kaiserliche Stadt!" — Dies ward auch alsbald darauf durch Waffengewalt ins Werk gesetzt, Papst Plus VII. gefangen genommen und nach Frankreich gebracht.
Im Schatten des Lebens.
Roman von P. Felsberg.
(Fortsetzung,)
Die jetzt durch den inzwischen aufgegangenen Mond hell- beschienenen Saumgruppen des Parkes, die balsamische laue Luft, die absolute Ruhe der Natur um mich her, einzig unterbrochen zuerst durch den seelenvollen Gesang, und durch dies Spiel — das Alles machte einen fo großen, einen so überwältigenden Eindruck auf mich, daß ich wie träumend mich in das Reich der Märchen, vor das Schloß Dornröschen oder in die Nähe einer jener verzauberten Königstöchter versetzt wähnte unb ohne Unterlaß nach bem Schloß hinblickte, wo jene bestrickenben Töne erklangen.
„Längst schon waren Gesang unb Klavierspiel verstummt, im Schloß schien Alles zu schlafen; auch ich mußte mich enblich entschließen, mein Zimmer auszusuchen.
Wochen waren seitdem vergangen. Mit jedem Tage war es mir klarer geworden, wie sehr ich Emilie liebte, wie nur von ihrem Besitz mein Glück abhängig sei. Ob sie mich liebe — bas wußte ich nicht! — Wohl gab es Augenblicke, in benen mein Herz mir sagte: sie liebt Dich. Denn nur Liebe konnte es ja sein, die ihre Augen erglänzen liefe, wenn sie mich erblickte, unb boch suchte sie seit einiger Seit meine Nähe wiederum wie geflissentlich zu meiden . .
Zuweilen war sie still, in sich gekehrt, unb ich vermißte dann umsomehr ihr reizenbes (Seplauber unb ihre mich stets entzückende Lebhaftigkeit.
Eines Morgens traf ich sie nach längerer Zeit wieder einmal auf ihrem Lieblingsplätzchen, wo ich sie während der letzten Wochen so oft vergeblich gesucht. Nachdem wir nur wenige Worte gewechselt, wollte sie aufbrcchen, mich verlassen. Ich faßte ihre Hand unb meinen Blick fest auf ihr reizenbes, nun von Purpur übergossenes Gesichtchen heftenb, fragte ich:
„Sie fliehen mich, Emilie — weshalb?"
„Ich fühlte bas Beben ihrer zarten Finger in meiner Hand und eine nie empfundene Seligkeit in meinem Herzen. Da plötzlich warf sie den braunen Lockenkopf zurück, und mich voll unb fest — fast schien es mir vorwurfsvoll — ansehenb, entzog sie mir, ehe ich es Hinbern konnte, ihre Hanb unb rief: „Ich muß fort, Herr Graf!" — Leicht sich oerbeugenb, eilte sie hinweg — so schnell, bafe sie, als ich meine Fassung wieber gewonnen, meinen Blicken ent» schwunben war.
„Herr Graf!" — Nun konnte ich mir auch ihr in letzter Zeit verändertes Wesen erklären. — Doch woher wußte sie das? — Hatte ihr Vater geplaudert? — Ich mußte das wissen unb eilte, ihn anfzuzuchen. Leiber fanb ich ihn nicht; er war abwesend. Ich ging auf mein Zimmer. Es war mir höchst fatal, daß sie zu früh mein Jacognito durchschaut hatte; ich wollte mich erst vergewissern, ob sie auch in mir um meiner selbst willen, den einfachen Mann liebe, als den ich mich ihr vorgestellt, ehe ich ihr die Hand des Grafen geboten hätte.
„Doch mein Weib muß sie werden, wenn sie mich liebt!" So dachte ich, unb erhob bas zu meinem unerschütterlichen Entschluß. Wohl wußte ich, bafe mir schwere Kämpfe mit Vater unb Mutter bevorstanben; boch ber Siebenbe hofft