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1886:

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Rt. 113.

Marburg, Sonnabend, 15. Mai 1886.

XXI. Jahrgang.

Srschnnt täglich außer an Werktagen nach Sonn-und Feiertagen. Quartal« LdLnnements-Preis bei der Expedition 21/* Mk., bei den Postämter 2 !vik. 50 Pfg. (erd. Bestellgeld). Jnsertionsgebühr für die gespaltene Zeile 10 Pfg. Retlam n für die Zeile 35 Pfg.

Olinhchsllik jfitiniii.

Anzeigen nimmt entgegen die Expedition d BlatteS, sowie d Annoncen-Bureaux von Haasenstein undVogler in Frankfurt a. M , Caffel, Magdeburg und Wien; Rudolf Moffe in Frankfurt a M-, Berlin,P< Luchen und Köln; G. L. Daube und So. n . rantfurt a. M., B^rl n, Ha netter u.Paris

Wöchcutlichc Beilagen: Amtlicher Anzeiger f. d. Kreise Marburg n. Kirchhain. - Illustriertes Sonntagsblatt.

Expedition Markt 21. Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Aug. Koch.

Ein Zeitbild ans Frankreich.

Ein Korrespondent schreibt derNational - Zeitung" aus Paris vom 9. d. Mts.: Die täglichen Hetzereien gegen Deutschland in den Journalen, in Bild und Schrift, darf man füglich unerwähnt lassen; dieselben sind auch mit der Zeit soselbstverständlich" geworden, daß man sie kaum mehr beachtet. Dagegen muß ich es als eine Pflicht betrachten, über offizielle Kundgebungen dieser Art zu be­richten. In Chalons sur Marne, der Hauptstadt der Champagne, hat am 6. d. Mts. die Einweihung eines Denkmals zum Andenken au die im Kriege von 1870 gefallenen Söhne der Stadt stattgefunden. Spät, aber doch. Wie die Berichte hervorhoben, hqben die in Chalons wohnenden Offiziere a. D. die Errichtung dieses Monu­mentes in die Hand genommen, weil es sie kränkte, daß auf, dem Kirchhofe allein ein Denkmal für die in Chalons verstorbenen und begrabenen deutschen Soldaten stolz em­porragte. Die Generale Fevrier, Appert, Boissounet, Lanty, de Dampierre, Herve, Lafonge, der General-Inten­dant de la Granville, der ^prafeft des Marne - Departe­ments, der Maire von Chalons, die meisten Mitglieder des Generalrates des Departemens, die Offiziere der Garni­son, kurz alle Zivil- und Militär-Behörden, zahlreiche Dele­gationen von Bercinen aller Art, wohnten dem Trauer- Gottesoienste bei, der im Dome stattfand. Bevor er den Segen erteilte, hielt der Bischof von Chalons einevon Patriotismus erzitternde" Rede, aus welcher die folgende Stelle mitgeteilt wird:Das Gefühl, welches die Ver­sammlung bewegt, ist nicht das der Trauer; wir teilen die Ansicht der Makkabäer, daß es härter ist, den Ruhm seines Vaterlandes zu überleben, als mit den Waffen in der Hand zu sterben: Melius ist mori in dello quam videre mala gentis nostra. Das Gefühl, welches in dieser Versammlung herrscht, ist dennoch nicht das des Schmerzes, es ist das der Notwendigkeit, über ernste Er­innerungen nachzudenken. Weim die Soldaten des Marne- Departements, welche in dem Kriege von 1870 gefallen sind, die Inschrift ihres Mausoleums ^wählen könnten, würden sie die WorteVergesset nicht" darauf eingraben... Unsere Armee vergißt nicht, sie sammelt sich, sie arbeitet, sie bereitet sich vor, sie gehorcht, sie hofft... Wenn ich vor den Kasernen von Chalons vorbeikomme, glaube ich immer als Symbol unserer Armee die Worte zu lesen: Ich erwarte, ich bereite die Wiederherstellung des natio­nalen Ruhmes vor... ich glaube daran! Expecto credo." Nach dem Gottesdienste begab sich der lange Zug nach dem Kirchhofe; zwei Freiwillige von 1870 aus Metz und Straßburg trugen breite Trauerbänder, auf deneu mit Buchstaben von Silber standen Alsace - Lorraine. Als sich die Versammlung um das Monument geschart hatte, hielt zuvörderst General Fevrier eine Ansprache, um im Namen der Armee dem Komitee zu danken.Diese Zere­monie", sagte der General,könnte verspätet erscheinen;

Geschichtskalender.

15. Mai.

1488. Bestätigung des Klosters der Kugelherren zu Cassel (nachher und noch jetztder weiße Hof" genannt) durch Papst Jnnocenz VIII.

1525. Schlacht bei Frankenhausen und damit Beendigung des Bauernkriegs.

1548. Publikation desAugsburger Religions-Interims durch Kaiser Karl V.

1800. Bonaparte geht mit seiner Armee Mer den St. Bernhard nach Italien.

1820. Unterzeichnung der sogenanntenWiener Schlußakte." Sie enthält 65 Artikel, welche die Zwecke und Wirksamkeit des Bundes näher bezeichnen, die Unauflösbarkeit d:s Bundes bestimmen, den Austritt aus demselben verbieten und über die Abstimmung auf dem Bundestage, über Krieg- und Friedensbestimmungen des ganzen Bundes, über neue Grundgesetze, über Entscheidung von Streitig­keiten zwischen einzelnen Gliedern desselbenZweckdien­liches"' festsetzten.

1881. Starb Franz Dingelstedt, Theater - Intendant und Dichter zu Wien, geboren zu Halsdorf in Oberhessen.

Im Schatten des Lebens.

Roman von P. Felsberg.

(Fortsetzung,)

Ten Band von Lessings Werken, welcher »eben mir lag, nehmend und ihr hinreichend, fragte ich:Sie lesen Lessing ? Ja, seine Dichtungen interessieren mich aufs Höchste.

Schon im Pensionat war er'mein Liebling."

Sie waren in einem Pensionat?" fragte ich erstaunt, denn zum ersten Male hörte ich davon.

ich glaube im Gegenteil, daß sie zur rechten Stunde (ä son heure) stattfindet." Der Präsident des Komitees, Kapitän Ratter, hat sodann, dem Berichte derFrance Militaire" zufolge, wie ein Soldat ohne Drohungen und ohne Prahlerei gesprochen. Der Maire von Chalons, Herr Jaunaux, scheint dagegen des Guten zu viel gethan zu haben.Fünfzehn Jahre sind verflossen", rief er ans, Frankreich hat sich von seinem Sturze erhoben, hat seine Unglücksfälle wieder wett gemacht (wenn dem so ist, sollte der Mann sich doch ruhig verhalten), aber die Zeit, an­statt unseren Schmerz zu lindern, unser Rachegefühl abzu­stumpfen, hat demselben eine größere Heftigkeit, ein stärkeres Relief verliehen. Diese Landeskinder, Offiziere und Sol­daten, welche die Märtyrer der Pflicht geworden sind, haben in dem Volksglauben heroische Proportionen angenommen, bereit sie würdig sind. Ihre unsterblichen Seelen leben in uns selbst, ihr teueres Andenken beschäftigt unsere Ein­bildungskraft, ihre Stimmen tönen in unseren Herzen wieder, um unseren Patriotismus zu erhalten und zu ent­flammen, um unsere heißen Wünsche, unsere natürlichen Forderungen zu ermutigen. Teure Tote, mit euren letzten Gebeten, mit eurem letzten Aufschrei des Hasses vereinigen sich heute die heißen Wünsche aller derjenigen, welche euch überlebt haben Vereinigen wir diese Wünsche mit denen der neuen Generation und unserer Brüder iit Elsaß- Lothringen. Sechszehn Jahre sind bald verflossen seit dem schrecklichen Jahre, aber der Haß ist immer ebenso kräftig, ist um so breunender, als die Hoffnung ihn ohne Unterlaß anfacht. Und du starke Armee Frankreichs, laß mich dir sagen angesichts dieser Gräber, wo man nicht lügen kann, daß das Vaterland auf dich stolz ist und daß es volles Vertrauen in die Zukunft setzt." Also sprach der Maire von Chalons, der ersichtlich das BuchAvant la Bataille gelesen hatte. Dem Bericht fehlt auch nichtle mot de la fin (frei: das prägnante Schlußwort). Als der Zug den Kirchhof verließ, spielte die Musik der Pompierö das LiedLe Rhin Allemand von Alfred de Muffet (als Antwort auf Beckers Rheinlied gedichtet), worin es heißt:

Nous lavons eu votre Rhin Allemand

11 a tenu dans notre verve.*)

So geschehen am 6. Mai 1886 in Charlons für Marne, der Hauptstadt des Champagnerlandes.

*) Wir haben ihn gehabt eueren deutschen Rhein, Er hat sich erhallen in unserer Begeisterung.

Deutsches Reich.

_ Berlin, 13. Mai. Der Kaiser besichtigte vormittags auf dem Tempelhofer Felde die kombinierte 2. Garde- Infanterie - Brigade, bestehend aus dem Kaiser Franz- Garde-Negiment und dem 3. Garde-Regiment zu Fuß. Eine Bekanntmachung des Staatsministeriums vom 11. Mai bestimmt auf Grund des § 28 des Sozialisten - Gesetzes

Ja, denken Sie nur, Herr Alfred, zwei ganze Jahre hindurch hat man mich in ein großes Haus in einer ganz trostlosen Gegend gesteckt. Durch die vergitterten Fenster sah man weder Berg noch Thal; wohin man blickte und soweit das Auge reichte, nichts als Aecker und Wiese». Und do," fügte sie mit schelmischer Naivetät hinzu,sollte ich erzogen werden! Ich konnte ja auch nichts weiter, als etwa notdürftig einen Wunschzettel schreibe», für Wei­nachten; das Lesen machte mir, obgleich ich schon dreizehn Jahre alt war, noch so viel Mühe und Anstrengung, daß ich über diese Mühe den Inhalt des Gelesenen vergaß. So unwissend, meinte Papa, dürste ich doch nicht bleiben, deshalb mußte ich dies schöne Schloß verlassen, um hinter hohen Klostermauern auf der Schulbank zu sitzen und alles das in meinem armen Kopfe zu verarbeite», was man mit Gewalt hineinzuzwängen bemüht war. O, wie unglücklich fühlte ich mich damals! Ich, gewohnt, den größten Teil des Tages in der freien Natur zuzubringen, mußte nun die streng vorgeschriebene Zeiteinteilung innehalten und konnte nie auch nicht einen Augenblick allein sein, stets waren wir beaufsichtigt, beobachtet! Und erst die anderen Pen­sionärinnen, wie verächtlich blickten sie auf das große Mädchen, das doch eigentlich so gar nichts wußte! Was indessen alles Zureden, alle Strafen nicht vermocht haben würden, das gelang dem Gefühl gekränkten Stolzes verletzter Eigen­liebe; ich begann zu lernen zu lernen mit einer Aus­dauer, einem Feuereifer, die mich zu Zeit!» selbst erstaunen lllßen. Das Lernen verfehlte übrigens nicht, mit der Zeit auch seinen Reiz auf mich auszirüben. Nach einem Jahre rastlosen Strebens in dieser Weise hatte ich es denn auch glücklich so weit gebracht, daß meine Lehrerinnen mich den­jenigen meiner Mitschülerinnen, welche mich einst meiner Unwissenheit halber über die Achsel angesehen, als nachah-

mit Zustimmung des Bundesrats, daß in Berlin, den Stadtkreisen Potsdam und Charlottenburg, sowie den Kreisen Teltow, Niederbarnim und Osthavelland Versammlungen zur Beratung öffentlicher Angelegenheiten, ausgenommen Versammlungen zum Zwecke einer ausgeschriebenen Reichs­tags- oder Landtagswahl, mindestens 48 Stunden vor Be­ginn einer von dem Unternehmer einzuholenden schriftlichen Genehmigung der Ortspolizeibehörde bedürfen. Der Bundesrat erteilte dem Entwürfe des Zuckersteuergesetzes, sowie der Uebereinfunft mit Großbritannien, betreffend den gegenseitigen Schutz der Rechten an Werken der Sitteratur und der Kunst, seine Zustimmung. DieNordd. Allg. Ztg." reproduziert die von den Bischöfen Dr. Thiel und Namszanowski anläßlich der Inthronisation des ersteren in Frauenburg gesprochenen Worte, womit der neue Bischof von Ermland in der Kanzelrede seine herz­liche Liebe zu seinem Vaterlande betonte und bei dem Festdiner hervorhob, wie das Herz jedes Christen und Patrioten mit besonderer Freude für das Wohlergehen des Papsttums und des Kaisertums schlage; wie allerseits die innigsten Segenswünsche für das Wohlergehen der beiden höchsten Vertreter derselben gehegt würden. Der frühere Armee - Bischof Namszanowski betonte, daß neben dem Glauben und der Liebe zur Kirche den Katholiken Erm- lands nichts höher stehe, als die treue Liebe zum Vater­lande.In diesem Glauben, dieser Treue sestzustehen, ver­bürge» wir uns rückhaltlos", so schloß er. DieNordd. Allg. Ztg." bemerkt dazu: Im ganze» deutschen Vaterlande werden die Worte der beiden Bischöfe freudige Aufnahme finde».. Dies Gefühl wird um so stärker sein, als weder der Bischof von Trier, noch der Erzbischof von Köln bei ihrer Inauguration so warm des Vaterlandes gedachten, als es in Frauenburg geschehen ist, obwohl sicherlich die westliche Bevölkerung dadurch gleich sympathisch berührt worden wäre, wie jetzt die östliche. Die Geschäftsordnungs- Kommission des Abgeordnetenhauses beschloß auf Antrag des Abg. Dziembowski, betreffend die Auslegung des § 27 der Geschäftsordnung (wonach Geldbewilligungen invol­vierende Anträge an eine Kommission zu verweisen sind), daß der gedachte Paragraph unverändert bleibe und das Haus von Fall zu Fall entscheiden soll, ob ein Antrag dem gedachten Paragraphen gemäß der Kommissionsberatung bedürfe.Der Abgeordnete v. Zeuner (Ruppin-Templin) ist gestorben. Die Kommission des Abgeordnetenhauses für die Nassauische Städte-Ordnung genehmigte dieselbe in erster Lesung fast durchweg nach den Herrenhausbeschlüffeu und beschloß abweichend davon nur, die Prüfung der Ge­meinderechnungen nicht einer besonderen, zur Regierung gehörenden Kommission, sondern den Gemeinden selbst zu Überweisen. Die Regierung war für den betreffenden Be­schluß des Herrenhauses eingetreten.

Dem Bundesrat ist nachstehender Entwurf eines Gesetzes, betreffend die Pflichten der Handelsmakler, zu-

mungswertes Beispiel vorstellen konnten und das thaten sie auch. Ich empfand damals einen ganz außergewöhnlichen Triumph. Als ich sah, wie man in Folge dessen sich bemühte, meine Freundschaft zu gewinnen, wie das anfänglich ab­stoßende Wesen meiner Mitschülerinnen freundlicher, herz­licher wurde, da hatte ich denn auch bei der mir angeborenen Gutmüthigkeit bald alle früheren Kränkungen vergessen und vergeben und trug ihnen Allen miine aufrichtige Liebe ent­gegen. Die Sehnsucht nach Freiheit jedoch und nach meiner lieben reizenden Heimat hatte sich darum nicht vermindert, und als man mich endlich nach zwei laugen Jahren wieder hierher zurückholte, da lernte ich so recht die Schönheit dieser Gegend und den Wert der Freiheit schätzen.

Wie ein gefangenes Vögelchen," sagte ich,das auch erst die Macht seiner Flügel fühlt, wenn es dieselben im Freien entfalten kann, sich in die Lüfte erhebt und zwitschernd dinb singend die Freiheit preist!"

Es war inzwischen schon ziemlich dunkel geworden, und da Emilie sich zum Aufbruch anschickte, bot ich ihr meine Begleitung bis zum Schlosse an. Langsam promenierten wir unter fortgesetztem Geplauder durch den Park bis ans Schloß, wo wir uns trennte». Da der Abend ein aus­nahmsweise herrlicher und ich weder Müdigkeit noch Lust zur Zimmerluft verspürte, machte ich mich aufs Neue daran, den Paik zu durchstreifen, dessen dunkle Laubgänge mich besonders anheimelten."

Es war das erste Mal, daß ich so lange mit Emilie mich unterhalten hatte; der Zauber ihrer kindlichen Unschuld und Natürlichkeit, die Frische ihres Geistes hatten einen so tiefen Eindruck auf mich gemacht, daß ich meine Gedanken nicht von ihr abzuwenden vermochte. Immer wieder mußte ich an den Brief denken, der in mir ein eigentümliches Un­behagen hervorgerufen hatte. Sollte sie, so dachte ich,