voll zuwandte. Der Kranz im vollen Lockenhaar gab ihr ein so bezaubernd kindliches Aussehen, daß ich meinen Blick nicht abzuwenden vermochte und nicht sogleich eine Antwort fand. Abermals flog tiefe Röte über ihr Gesicht und mahnte mich an das Unpassende meines stummen Anstarrens.
„Ich kam über die Wiesen und durch die kleine Thür.* „So, sind Sie hier bekannt?* fragte sie erstaunt.
„Ich habe das Schloß schon früher einmal besucht,* antwortete ich ausweichend.
„Großpapa!" rief da auf einmal der Kleine laut, und eilte mit ausgebreiteten Aermchen einem älteren Manne entgegen, welcher ihn auffing und hoch emporhob. Jetzt erst bemerkte Golmann, den ich sofort erkannte, die Anwesenheit eines Fremden.
„Mein Vater,' sagte das junge Mädchen und zog fich zurück.
„Mit wem habe ich die Ehre?" fragte der Verwalter, mich aufmerksam betrachtend; doch noch ehe ich antworten konnte, machte er eine tiefe Verbeugung und sagte hoch erfreut: „Willkommen, Herr Graf!* — Er hatte mich an der Aehnlichkeit mit Papa erkannt. Herzlich drückte ich dem biedern Manne die Hand. Daß er mich erkannt, war mir eigentlich unlieb, denn ich hatte beabsichtigt, in Behrungen als einfacher Bibliothekar aufzutreten, um ungestört durch nachbarliche Rücksichten meinen Studien obzuliegen. Ich gab das auch Golmann zu verstehen, und er gelobte mir, mein Jncognito zu wahren und mich als einen vom Grafen, meinem Vater Abgesandten vorzustellen.
„Mit Ernst und Fleiß arbeitete ich nun an der Ordnung der Bibliothek, «nd so manche Quelle des Wissens, auf die ich dabei stieß, suchte ich mir nutzbar zu machen. Auch unser Familienarchiv gab mir manche hochinteressante, bis dahin ungeahnte Aufschlüsse. Nur selten sah ich Emilie,
die Tochter des Verwalters. Mein Jugendgesptele Fritz Golmann war verheiratet und Besitzer eines Landgütchens in der Gegend; ich hatte ihn noch nicht wiedergesehen. Emilie schien keine Ahnung zu haben, wer ich sei; sie begegnete mir stets mit treuherziger Offenheit, sie war stets kindlich heiter, und die Natürlichkeit, welche ihr ganzes Wesen umgab, ihre bei alledem unverkennbar geistig hohe Begabung ließen mich sie später aufsuchen. Gern lauschte ich dem harmlosen Geplauder des jungen Mädchens, welches mir die Tiefe seines Gemüthes erschloß."
„Wenn ich, ermüdet von meinen Arbeiten, gegen Abend die herrliche Luft in Wald und Flur genießen wollte, suchte ich, mir selbst kaum bewußt, die Wege, auf denen ich ihr zu begegnen sicher war. Unter andern war da eine kleine Anhöhe, von der mau aus eine unbeschränkte Aussicht auf das reizende Thal hatte; ein schattiges Laubdach schützte vor Sonnengluth, und es war das unstreitig einer der schönsten Punkte des Parkes und augenscheinlich Emiliens Lteblingsplätzchen."
„Eines Abends hatte ich wiederum meine Schritte dorthin gelenkt, fand jedoch Diejenige nicht, die ich zu finden gehofft: sie mußte jedoch da gewesen sein, denn auf der Bank faud ich ein aufgeschlagenes Buch, das nur sie dort vergessen haben konnte. Es war ein Band von Lessings Werken. Also eine Freundin klassischer Lektüre, dachte ich und lehnte mich gegen die Balustrade, welche das kleine Hochplateau zum größten Teile eiufaßte, um michins Beschauen der herrlichen Natur um mich her zu versenken. Bald jedoch vernahm ich Schritte; ich ahnte, daß es Emilie sein müsse, die kam, um ihr vergessenes Buch zu holen. Unwillkürlich trat ich hinter einen der großen Büsche, der mich verbarg, mir jedoch gestattete, das junge Mädchen zu beobachten. Sie ging langsam, einen Brief lesend, dessen Inhalt ihrem
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Nr. 11». Marburg, Freitag, 14. Mai 1886. XXI. Jahrgang.
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Wöchentliche Beilagen: Amtlicher Anzeiger f. d. Kreise Marburg u. Kirchhain. - Illustriertes Sonntagsblatt.
Expedition Markt 21. — Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Aug. Koch.
Deutsches Reich.
Berlin, 12. Mai. Anläßlich des fünfzigjährigen Dienstjubiläums des Ober-Präsidenten der Provinz Posen, Wirkt. Geh. Rats v. Günther, hat Se. Majestät der Kaiser unter Uebersendung des Kreuzes der Großkomture des Hohen- zollernschen Hausordens folgendes Allerhöchste Handschreiben an den Jubilar zu richten geruht: Mit lebhafter Teilnahme habe Ich vernommen, daß Sie morgen Ihr fünfzigstes Dienstjahr vollenden werden. Indem Ich Ihnen zu diesem Jubellage Meinen Glückwunsch ausspreche, benutze Ich gern diesen Anlaß, Ihnen in Bethätigung Meiner Anerkennung der ersprießlichen Dienste, welche Sie seit einem halben Jahrhundert in verschiedenen wichtigen Stellungen und seit 13 Jahren an der Spitze der dortigen Provinz mit großer Berufstreue Meinem Hause und dem Staate geleistet haben, das Kreuz der Großkomture Meines Haus- ordens von Hohenzollern zu verleihen, dessen Insignien Ich Ihnen beifolgend übersende, gez. Wilhelm. — In der morgigen Bundesratssitznng kommen die Berichte des Ausschusses über die Zuckersteuer zur Beratung, ebenso ein Antrag Preußens wegen Erlaß des Gesetzes über die Pflichten der Handelsmakler, wonach die Bestimmung des Handelsgesetzbuches aufgehoben wird, durch welche es den Handelsmaklern untersagt ist, für die Erfüllung der von ihnen vermittelten Handelsgeschäfte sich verbindlich zu machen, oder Bürgschaft zu leisten. — Die Gesetze, betreffend die Unzulässigkeit der Pfändung von Eisenbahn - Fahrbetriebsmitteln, spwie betreffend die Unfall- und Kranken - Versicherung der in land- und forstwirtschaftlichen Betrieben heschäftigten Personen, wurden heute veröffentlicht.
Braunschweig, 10. Mai. Die hiesigen Zimmergesellen haben heute mittag die Arbeit eingestellt, die Lohnbewegung unter den Bauhandwerkern scheint auch hier größeren Umfang annehmen zu sollen.
Dresden, 10. Mai. Die Handels- und Gewerbekammer wurde beim Ministerium vorstellig, auf die Aufhebung der Bindung des Eingangszolles auf Chokolade durch den spanisch - deutschen Handelsvertrag hinwirken zu wollen, da dieser ermäßigte Zoll nicht Spanien, sondern nur der Chokoladeuindustrie Hollands, Frankreichs und der Schweiz zu gute komme. Außerdem erklärte sich die Kammer sowohl gegen ein absolutes Verbot der gewerblichen Arbeiten an Sonn- und Festtagen, als auch für Ablehnung der das Jnnungsmesen betreffenden Anträge Ackermann, Biehl und Genoffen.
Planen, 10. Mai. Die, von der Handels- und Gewerbckammer auf Veranlassung des Bundesrates veranstaltete Untersuchung über die Verhältnisse der Arbeiterinnen der Wäschefabrikativn, Konfektion und Korsettstepperei im sächsischen Vogtlande hat ergeben, daß meist in Akkord gearbeitet wird, daß die Arbeitszeit höchstens elf Stunden, der tägliche Lohn je nach Alter und Leistungsfähigkeit 85 Pfg. bis Mk. 1,50 beträgt, daß nirgends ein
Vertrags wohl aber der Gebrauch besteht, das Material zum Nähen vom Geschäftsinhaber zu beziehen, daß in den meisten Fällen das Nähgarn vom Arbeitgeber billiger geliefert wird, als in den Detailgeschäften zu haben ist und daß nur in Auerbach und Aue der Fabrikant am Nähmaterial 5 Prozent profitiert, dabei aber meist billiger liefert, als der Detaillist. In den Korsettfabriken von Oelsnitz müssen die Arbeiterinnen die Nähfaden vom Arbeitgeber entnehmen, erhallen dieselben aber um 1 bis 3 Pfg. per Rolle billiger als im Detailhandel. Daß die Arbeiterinnen hierzu gezwungen sind, ist durchgeführt, weil sonst zu verschiedenartige Qualitäten nnd unecht gefärbte verwendet würden. Man ersieht hieraus, so bemerkt das „Leipz. Tagebl.", daß im Vogtlande, wo sehr viele weibliche Arbeitskräfte Beschäftigung erlangen, die Uebelstände, welche von den Berliner Arbeiterinnen beklagt werden, nicht vorhanden sind.
Stuttgart, 12. Mai. Der „Staats - Anz " teilt einen Befehl des Königs mit, wonach ein württeinbergischer Arzt nach Paris abgesandt werden soll, ,um Pasteurs Wutimpfung zu studieren.
München, 9. Mai. Eine gestern abend vom demokratischen „VolksvereinMünchen" einberufene Versammlung, welche vorwiegend von Sozialdemokraten, darunter, der „M. A. Ztg." zufolge, die Reichstagsabgeordneten Bebel und Auer, besucht roaT, wurde, nachdem der volksparteiliche Reichslagsabgeordnete Kröber in einem Berichte über die Reichstagssession die Aenßernng des Ministers v. Puttkamer bezüglich des Zusammenhangs der Streikbewegung mit der Sozialdemokratie zitiert hatte und aus der Mitte der Versammlung diese Aenßernng mit lautem Pfui angenommen worden war, von dem überwachenden Polizeikommissar auf Grunds des Sozialistengesetzes aufgelöst
Nürnberg, 10. Mai. In der Lohnbewegung der Bauhandwcrker war von den Arbeitnehmern an den Magistrat das Ersuchen gerichtet, das Vermittlungsamt zu übernehmen und ein aus Arbeitgebern und Arbeitnehmern gebildetes Schiedsgericht mit einem rechtskundigen Magistrats- Mitgliede als Vorsitzenden niederzusetzen. Der Magistrat hat das Gesuch, dem „Schw. M." zufolge, abgewiesen, da er sich jeder Einmischung zu enthalten habe und der Behörde und dem Schiedsgerichte alle Mittel fehlen, um dem etwa erlassenen Schiedsspruch den Vollzug zu sichern.
Ausland.
Bern, 12. Mai. Die internationale Konferenz über die Verwendung des Restes des Baufonds der Gotthard- bahn findet am 14. Juni in Bern statt.
Paris, 11. Mai. Der General Boulanger hält streng darauf, daß dem neuen von ihm erlasseuen Reglement über das Tragen der Bärte nachgekommen wird. Dasselbe bestimmt bekanntlich, daß die Soldaten den Vollbart tragen, daß cs den Offizieren aber frcisteht, nur den
Schnurrbart zu tragen. Bei der Veröffentlichung dieses Reglements drückte der Oberst des in Rouen liegenden und früher vom Herzog von Chartres befehligten 12. berittenen Jägerregiments den schriftlichen Wunsch aus, daß er es ungeachtet oessen mit Vergnügen sehen werde, wenn die Offiziere den Schnurrbart tragen wie in der Vergangenheit. Der Oberst erhielt infolgedessen 14 Tage strengen Stubenarrest. — Man erfährt jetzt nähere Einzelheiten über die vor einigen Tagen in Fontainebleau gemachten Versuche, eine sechs Meter hohe Böschungsmaner znsammen- zuschießen, vor der sich ein acht Meter tiefer Graben befand und die von einem Glacis mit einem Damm gedeckt war. Es handelte sich darum, die Maner auf die Häfte ihrer Höhe, wegzuschießen; die Erde des Damms würde dann, bei ihrem Herabstürzen eine sturmbereite Bresche mit einer Senkung von Zweidrittel gebildet haben. Das am 7. Mai um 8>/4 Uhr morgens begonnene Feuer wurde bis zum nächsten Tage, 9', Uhr morgens fortgesetzt. 514 geladene Bomben wurden auf die Böschung geschleudert. Man stellte fest, daß das Schießen in der Richtung sehr genau war, aber weniger befriedigend behufs der Tragweite. Einige Bomben schlugen 500 Meter vom Ziel entfernt ein. Man muß annehmen, daß die Kanoniere in der Nacht, als sie ihre Geschütze aufpflanzten, fich irrten. Am 9. besuchte man die Bresche; sie war ungefähr fünf Meter breit und es gelaüg zwei Offizieren, im Zickzack bis zum Gipfel der Böschung hinaufzuklettern. Unter diesen Verhältinssen war die Bresche nicht sturmbereit. — Die größeren Subskribenten auf die neue französische Anleihe werden dem „Börsenblatt" zufolge höchstens 37» pZt. der gezeichneten Beträge erhalten, da der Finanzminister kleine Subskribenten vorzugsweise berücksichtigen will. — Die Anleihe ist mehr als 21 mal gezeichnet. So meldet „W. T. B." Das Ergebnis bleibt demnach hinter den Erwartungen zurück, da man eine 25- bis 40fache Ueberzeichnung in Aussicht gestellt hatte. Die Anleihe wird augenblicklich mit 82 an der Börse bezahlt, mithin hat der Staat den Zeichnern 3,20 Franken geschenkt, das macht bei 630 Millionen Anleihe fast 20 000000 Frk., ein großes Opfer für den Ruhm der Republik, zumal bei dem schlimmen Stande ihrer Finanzen! Die bar hinterlegten Zeichnungskautionen haben etwa 2000 Millionen Franken betragen. Trotzdem Sichtwcchsel, die für die Anleihe gemacht erschienen, von der Bank zurückgewiesen wurden, ist doch die Beteiligung des Auslandes ziemlich umfangreich gewesen, wie aus der Nachfrage nach Pariser Checks in der Vorwoche hervorgeht.
Madrid, 12. Mai. Eine offizielle Meldung aus Manila vom 29. April berichtet die Anfhiffung der fpanischen Flagge auf der Insel Uap durch zwei spanische Kriegsschiffe.
London, 12. Mai. Das Unterhaus nahm in erster Lesung die Regierungsvorlage, betreffend die Gewährung
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Geschichtskalender.
14. Mai.
1643. .König Ludwig XIII. stirbt in seinem 42. Lebensjahr. 1800. PiuS VII. wird in Venedig zum Papste gewählt.
1835. Starb der Professor der Philosophie, Suabedissen, zu Marburg.
Im Schatten des Lebens.
Roman von P. Felsberg.
(Fortsetzung,)
„Verzeihen Sie, mein Fräulein, „redete ich sie an, „führt dieser Weg zur Wohnung des Verwalters Golmann?"
„Ja, wenn Sie es wünschen, werde ich Sie zu meinem Vater führen," entgegnete sie freundlich. „Fritzchen, komm!" ries sie dem Kleinen zu.
„Meinen Kranz, Tante!" ries nun dieser und streckte das Händchen nach den Kränzen aus, welche das junge Mädchen trug. Sie gab ihm einen derselben, den er sogleich auf sein blondes Lockenköpfchen setzte; dann rief erbittend: „Tante, DU auch aufsetzen l" Sie errötete wieder nnd sagte abwehrend: „Laß Fritzchen!"
Dem Kleinen schien das jedoch gar nicht recht zu fein; er musterte mich mit keineswegs freundlichem Blick, mich wahrscheinlich als Ursache der Weigerung seiner Tante an- sehcnd.
„Erfüllen Sie doch die Bitte des Kleinen," bemerkte ich.
Ohne Zögern setzte sie nun einen Kranz auf ihr Haupt. Der Junge klatschte erfreut in die Hände. „Zu Großpapa!" rief er und sprang mit Hector voraus.
„Aber, tote sind Sie denn, hier hereingekommeu, ohne meines Vaters Wohnung passiert zu haben?" fragte meine Begleiterin, indem sie ihr schönes jugendliches Gesicht mir