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Marburg, Donnerstag, 13. Mai 1886.
XXI. Jahrgang.
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Wöchentliche Beilagen: Amtlicher Anzeiger f. d. Kreise Marburg n. Kirchhain. - Illustriertes Sonntagsblatt.
Expedition Markt 21. — Redaktion, Druck und Lerlag von Joh. Aug. Koch.
Deutsches Reich.
Berlin, 11. Mai. Das Schreiben, welches dem ge- schäftssührenden Ausschuß für die Errichtung eines Hutten- Sickingen - Denkmals auf der Ebernburg bei Kreuznach aus dem Geheimen Zivilkabinet des Kaisers zugegangen ist, lautet wie folgt: „Berlin, 25. April 1886. Ew. Hochwohlgeboren erwidere ich auf den gefälligen Bericht vom 18. d. Mts., daß es Se. Majestät den Kaiser und König lebhast interessiert hat, von dem Gange der Verhandlungen Mitteilung zu erhalten, welche bis jetzt behufs der Errichtung des Hutten - Sickingen - Denkmals auf der Ebernburg gepflogen worden sind. Dieses Interesse, welches Se. Majestät dem patriotischen Unternehmen widmen, wünschen Allerhöchstdieselben durch einen Geldbeitrag zu bethätigen. Se. Majestät haben daher in Rücksicht auf den binnen kurzem zu erwartendeN^Aufrnf des Berliner Zentralkomitees schon im voraus einen Beitrag von 500 Mk. aus Allerhöchstihrer Schatulle zu bewilligen geruht, und ich beehre mich im Allerhöchsten Auftrage, Ew. Hochwohlgeboren diese Summe beifolgend ergebenst zu Übersenden. Schließlich unterlasse ich nicht, ergebenst mitzuteilen, daß inzwischen der Gipsabguß des Modells eingegangen ist und Sr. Majestät alsbald vorgestellt werden wird. Der Geh. Kabinetsrat, Wirk!. Geh. Rat (gez.) v. Wilmowsky." — Die Budgetkommission des Abgeordnetenhauses har heute Vormittag vor der Plenarsitzung den Rest des Nachtragsetats erledigt. Bewilligt wurden noch im Drdinarium 450 000 Mk. zur besonderen Förderung des deutschen Volksschulwesens in den Provinzen West- prenßen und Posen, sowie im Regierungsbezirk Oppeln, sowie im Exiraordinarium 2 Millionen Mk. zu Elementarschulbauten. Zum Berichterstatter wurde der Abg. Frhr. v. Minnigerode bestimmt, der mündlichen Bericht erstatten wird. — Die Beratungen der Bundesratsansschüsse über die neuen Branntweinsteuervorlagen dauern fort, und es scheint, als ob die Gesetze ohne jede wesentliche Abänderung zur Annahme gelangen würden. — Die Aussichten im .Reichstage sind noch immer sehr schwankend. Ohne die Zentrumspartei ist die Annahme ausgeschlossen, und Herrn Windthorst's Fraktion hüllt sich immer noch in tiefes Schweigen. — Nach der „Brest. Ztg." will Minister Maybach den preußischen Eisenbahn - Stations - Assistenten Achselstücke und Degen gleich den Post- und Steuerbeamten verleihen. — Das bayerische Ministerium hat an die Seminarinspektionen eine die Wehrordnung ergänzende Entschließung erlassen, nach welcher den Seminaristen nach bestandener Abgangsprüfung auch besondere Reifezeugnisse für den einjährig-freiwilligen Dienst auszustellen seien. Die Bestimmungen des § 9 der Wehrordnung, wonach Volksschullehrer und Kandidaten des Volksschulamtes nach kürzerer Hebung in den Waffen zur Reserve beurlaubt werden können, werden dadurch nicht berührt.
— Die „Nordd. Allg. Ztg." schreibt: Gestern ist im Abgeordnetenhause die kirchenpolitische Vorlage, wie solche ans der Beratung des Herrenhauses hervorgegangen ist, in
dritter Lesung bei namentlicher Abstimmung angenommen worden. Es ist damit die Grundlage gewonnen, auf welcher sich das durch wechselseitiges Vertrauen begünstigte Friedensverhältnis zwischen Staat und römischer Kirche weiter entwickeln kann, auf welchem für1 einen aus kirchlichen Interessen entspringenden Hader unter der preußischen Bevölkerung kein Raum verblieb. Dieses glückliche Resultat, welches, soweit die Mitwirkung des Abgeordnetenhauses dabei ins Auge gefaßt wird, hier sehr rasch und verhältnismäßig sehr glatt erzielt worden ist, dankt man in erster Reihe dem politischen Verständnis der beiden Ausschlag gebenden Parteien, welche den für die Herstellung des Friedens günstigsten Moment nicht zu versäumen gestattet; in zweiter Linie aber auch her festen Partei- Disziplin, welche, nachdem die Verständigung über das Ziel einmal erfolgt war, jede Abweichung von der direkten Verfolgung desselben abwies. In beiden Beziehungen ist daher das Ergebniß der Beratung im Abgeordnetenhaufe auch als eine Achtung gebietende parlamentarische Thal zu betrachten, welche in hohem Grade vorteilhaft von den Verhandlungen des Reichstags absticht, die so vielfach nur darauf angelegt sind, von den Zielen abzulenken und die ohnehin so unsicher hin und her schwankenden Majoritäts- Verhältnisse durch Zwischenfälle und Nebenrücksichten zu verwirren. Von den beiden maßgebenden Parteien im Abgeordnetenhause hatte das Zentrum eine leichte, aber in anderer Beziehung auch wieder eine sehr schwere Aufgabe zu erfüllen. Es war von vornherein an seine frühere Erklärung gebunden, daß es sich in dem kirchenpolitischen Konflikt der Entscheidung des Papstes unterwerfen würde; es gehörte aber sicherlich eine große Selbstüberwindung dazu, jede aus der Gegenwart und der Vergangenheit hergeleitete Provokation schweigend hinzunehmen und trotz der Sympathie für die Forderung alter Bundesgenossen auf Unterstützung derselben zu verzichten, um das Schicksal der Vorlage nicht zu gefährden. Aehnlich stand es mit den Konservativen, welche zwar längst darnach strebten, den Kulturkampf aus der Welt zu schaffen, und auch bereits früher die darauf gerichtete Novellengesetzgebung eifrig unterstützt hatten, aber doch manche, leicht nach zu fühlende Empfindlichkeiten, welche sich auf das kirchliche Paritätsverhältnis bezogen, unter die für den Augenblick allein maßgebende Rücksicht auf die für die Konsolidierung des Reiches so wichtige Herstellung des konfessionellen Friedens zu beugen sich entschlossen. Die Nationalliberalen konnten diese Selbstüberwindung nicht finden, und die Fortschrittspartei, soweit sie sich um die Fahne des Abg. Virchow gesammelt Hatte, brauchte nur auf den Gedanken znrück- zugreife», mit welchem sie in den kirchenpolischen Konflikt, dem sie die Bezeichnung eines „Kulturkampfes" gegeben hatte, eingetreten war, um jetzt der Beendigung desselben zu widerstreben. Vielleicht ist es unzeitgemäß, schon jetzt die Frage aufzuwerfen, welche Folgen die Abstimmung vom 10. d. Mts. für die verneinenden Parteien haben wird; wenn nicht vorher schon bestimmte Drohungen in
dieser Richtung formuliert worden wären. Nun glauben wir allerdings, daß eine Rückwirkung nicht ausbleiben kann, eben weil wir überzeugt sind, daß das Verlangen nach Wiederherstellung des Friedens allgemein war. Aber nachdem die Entscheidung erfolgt ist, werden voraussichtlich auch diejenigen, welche vorher mit den Bedingungen nicht einverstanden waren, sich den Wirkungen derselben nicht widersetzen wollen und wenn die Zentrumspartei durch Beendigung des Kulturkampfes volle Freiheit für die politische Aktion gewonnen hat, so werden ja auch die anderen Parteien von den Rücksichten, welche sie in eine Zwangslage versetzt hatten, befreit werden. Immer nur mit Ausnahme der einen Partei, welche in dem Kulturkampf den Ausgangspunkt einer Periode begrüßte, in welcher es vergönnt sein würde, außerhalb des Schattens der Kirche zu leben, und welche sich dem Zentrum anschloß, weil und so lange es sich in offenem Kriegszustände gegen die Regierung befand. Wenn der Friede, welchen alle wünschen, eine Wahrheit werden soll, so werden frühere Gegnerschaften ihren Ausgleich in der aufrichtigen Verfolgung nationaler Ziele zu suchen haben und darin ihre lohnende Genugthnung, sowie die siegreiche Kraft finden, um die Gegenbestrebungen zu überwinden, welche alles positive Schaffen verhindern wollen.
Stuttgart, 11. Mai. Die Königin traf gestern abend um 6 >/2 Uhr mittelst Extrazugc^ hier ein. Der „Staatsanzeiger" meldet: Der diesjährige Winteraufenthalt übte einen günstigen Einfluß auf das Befinden der Königin. Auch des Königs Befinden war im Laufe der letzten Monate meist zufriedenstellend. Ein heftiger Katarrh, wovon der König Ende März befallen wurde, ging rasch vorüber. Gegenwärtig ist der König wohl, abgesehen von den stets wiederkehrenden, die Bewegung erschwerenden rheumatischen Schmerzen. Der König kehrt am 26. Mai zurück.
München, 10. Mai. Heber den weiteren Verlaus der königlichen Kabinettskasse glaubt die „M. A. Z." auf Grund zuverlässiger Information mitteilen zu können, daß, nachdem die kurz nach Ostern seitens des Ministeriums mit einer größeren Anzahl von Abgeordneten bezüglich' einer Kreditvorlage an den Landtag gepflogenen vertraulichen Verhandlungen zu einem entschieden negativen Resultat geführt, das Gesamt-Staatsministerium sich unter dem 6. d. M. veranlaßt gesehen hat, sich mit einer die beklagenswerten Mißstände der königlichen Kabinettskasse und deren unabwendbare Folgen offen darlegenden Eingabe an Se. Majestät den König zu wenden und demselben ehrfurchtsvollst anheimzngeben, die unhaltbar gewordenen Zustände der königlichen Kabinettskasse durch ein Abkommen mit den dringendsten Gläubigern und weise Sparsamkeit — Einstellung der kostspieligen Bauten, Beschränkung der Hofstäbe zc. — ans eigener allerhöchster Initiative zu sanieren. Eine Antwort Sr. Majestät auf diese ebenso ehrfurchtsvolle als entschieden freimütige Vorstellung des Gesamt- Staatsministeriums ist, soviel das Münchener Blatt ver-
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Geschichtskalender.
13. Mai.
1534. Schlacht bei Laufen, infolge deren Landgraf Philipp der Großmütige den Herzog Ulrich von Württemberg wieder in fein Land einfetzte. Infolge der Uneigennützigkeit mit der der Landgraf hierbei zu Werke ging, wurde er von seinen Zeitgenossen schon „der Großmütige’' genannt.
1604. Starb Christine, Herzogin von Holstein, Tochter Philipps des Großmütigen, eine Gelehrte ihrer Zeit.
1717. Maria Theresia, Tochter Kaiser Karl VI. zu Wien geboren. Als Königin von Ungarn und Böhmen, Erzherzogin zu Oesterreich, und gekrönte Kaiserin, hat sie in ihrer Zeit eine hervorragende Rolle gespielt.
1743. Maria Theresia wird als Königin von Böhmen gekrönt, nachdem ihre Truppen Prag eingenommen haben und die französische Besatzung unter Belleisle aus demselben sich geflüchtet hatte.
1779. Friedensschluß zu Teschen, welcher der Politik des Königs Friedrich 11. von Preußen einen vollständigen Sieg, dem Kaiser Joseph U. aber die bitterste Niederlage bereitete.
Im Schatten des Lebens.
Roman von P. Felsberg.
(Fortsetzung.)
Sie ergriff seine Hand und bittend blickte sie zu ihm auf: „Kannst Du mir nicht sagen, was Dich drückt, was Dich so ernst und traurig macht — was zwischen Dir und Mama steht....?"
Liebend strich er mit der Hand über das Haupt der
Schwester und sagte mild lächelnd: „Du bist noch zu jung, Hedwig, und wirst mich nicht verstehen; helfen kannst Du mir nicht."
„Bitte, Alfred, habe Vertrauen zu mir! — Ich weiß, daß Du leidest: sage mir den Grund Deines Kummers!" bat sie schmeichelnd.
Gerührt durch die Liebe seiner Schwester, kämpfte er sichtlich mit sich; doch Hedwigs schöne Augen blickten so treu und innig, daß er nicht länger widerstehen konnte.
„Nun denn, meine Hedwig, Du sollst es wissen; ich werde ja sehen, ob Dein Urteil dem unserer Mutter gleicht."
Und damit zog er sie auf einen Sessel neben sich nieder. Er sann, wie er seine Mitteilungen beginne, während in Hedwigs Zügen die lebhafteste Erregung und Teilnahme sich zeigte.
„Kannst Du Dich noch Deiner Jugendgespielin Emilie erinnern?" begann Graf Biela, indem er seine Schwester gespannt betrachtete.
„O, wie sollte ich die liebe Emilie Gollmann, unseres Schloßverwalters in Behrnngen Tochter, vergessen haben?" entgegnete Hedwig lebhaft. Zugleich malte sich kummervolle Ueberraschung in ihren Blicken und sie dachte: „Also doch! es war diese Emilie, von der er in seinen Fieberphantasien sprach!"
„Du weißt," fuhr er fort, „daß ich vor drei Jahren fast ein volles Jahr hindurch in Behrnngen zubrachte, während Du mit den Eltern tu der Residenz warst. Da. mals lernte ich Emilie kennen."
Die Erinnerung an jene Zeit mußte ihn so bewegt haben, daß er eine Pause machte. Stirn und Augen mit der Hand bedeckend, schien er nachzudenken. Es schmerzte ihn sichtlich,
die noch so frische Wunde abermals aufzureißen: doch enblich ermannte er sich nnd begann seine Erzählung:
„Von meiner Reise durch den Süden zurückgekehrt, beschloß ich einige Zeit der Ruhe und Erholung auf Behrnngen zu widmen. Die Eltern verwunderten sich zwar über diesen Entschluß, doch er kam dessen ungeachtet zur Ausführung. Mit hervorgerufen hatte ihn mein Wunsch, die reichen Schätze unserer dortigen Bibliothek kennen zu lernen und sie selbst zu ordnen. Als Knabe hatte ich das Schloß zuletzt gesehen; Niemand konnte mich dort wieder erkennen. Mein Kommen hatte ich nicht angezeigt; ich wollte sehen, wie es dort zuging, ohne daß man eine Ahnung von meiner Ankunft hatte. Der schöne Herbsttag war dem Ende nahe, als ich in Beh- rnngeu anlangte. Ich hatte den Weg bei dem herrlichen Wetter, und da kein Wagen mich erwartete, auch für Geld nicht zu haben war, von der zwei Stunden entfernten Eisenbahnstation zu Fuß gemacht.
„Der Einrichtung des Schloßparks mich noch genau er- innernd, betrat ich ihn durch die kleine Thür, welche ihn mit den Wiesen verbindet. Ich freute mich über die Ordnung welche überall herrschte und nicht ahnen ließ, daß seit einer Reihe von Jahren die Familie das Schloß nicht bewohnt hatte.
„Da schlug ein Helles, sröhligeS Lachen an mein Ohr, und in geringer Entfernung erblickte ich ein weißes Kleid durch die Büsche schimmern. Vorsichtig näherte ich mich und sah eine junge Dame, welche mit einem Kinde spielte. Wer konnte das fein? Ich hatte keine Ahnung, daß unser Verwalter Golmann eine Tochter besaß; ich konnte mich nur meines Spielgenoffen Fritz Golmann erinnern. Lange bettachtete ich das liebliche Bild vor mir. Die junge Dame