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Marburg, Mittwoch, 12. Mai 1886.
XXI. Jahrgang.
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Ersckeint täglich jiuger an Werktagen nach Lorin-und Feiertagen. — Quartal- Abvnnements-Preis bei der Expedition 21/« Mk., bei ben Postämter 2 Mk. 50 Pfg- (erd. Bestellgeld). JnsertivnSgebühr für die «svalkene Zeile 10 Pfg. Stefiamm für die Zeile 25 Pfg.
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Wöchentliche Beilagen: Amtlicher Anzeiger f. -. Kreise Marburg u. Kirchhain. - Illustriertes Sonntagsblatt.
Expedition Markt 21. — Redaktion, Truck und Verlag von Joh. Aug. Koch.
Die anarchistischen Unrnhen.
In rascher Folge sind den Unruhen in Belgien, zu deren Unterdrückung Waffengewalt erforderlich war, solche in den Vereinigten Staaten gefolgt, welche einen womöglich noch ausgesprochenem anarchistischen Charakter trugen und offen Mord und Brand auf ihre Fahne geschrieben hatten. Sogar die Dynamitbombe hat dabei eine verhängnisvolle Rolle gespielt. Obwohl die besseren Kreise der Arbeiter sich an der aufrührerischen Bewegung nicht beteiligt haben, sie vielfach vielmehr direkt verdammten, werden auch sie ohne Zweifel unter den lähmenden Rückwirkungen, welche derartige Vorgänge mit Notwendigkeit auf Handel und Wandel, Industrie und Gewerbe des davon betroffenen Landes ausüben, mit zu leiden haben/ Ohnehin zeigen die Ein- und Ausfuhrzahlen der letzten Monate schon eine abnehmende Konkurrenzfähigkeit der amerikanischen Industrie gegenüber der westeuropäischen, einen Rückgang in dem in den letzten Jahren stets fortschreitenden Emanzipationsprozeß der ersteren, welcher ohne Zweifel durch die Leben und Eigentum bedrohenden anarchistischen Unruhen genau so verstärkt werden wird, wie die belgischen Unruhen den Konkurrenten der beteiligten Industrien auf dem Weltmarkt, vor Allem auch der deutschen, zugute gekommen sind. Ein solcher Rückgang aber bedeutet für die Arbeiter Verminderung der Arbeit und des Arbeitsverdienstes, des letzteren zumeist in noch höherem Grade selbst, als der Arbeit. Wenn die von den Anarchisten verleiteten Arbeiter auch nur auf Schädigung der besitzenden Klassen ausgehen, so treffen sie in Wirklichkeit doch gerade die Gesamtheit der arbeitenden Bevölkerung auf das härteste.
Wie oft und lange ist nicht von den Gegnern der deutschen Sozialpolitik die völlige Nichteinmischung des Staates in die soziale und wirtschaftliche Entwickelung, wie sie in den Vereinigten Staaten mit einer republikanischen und etwas weitgehenden demokratischen Regierungsform besteht, als das untrügliche und alleinige Heil- und Bewahrungsmittel gegen sozialistische, Staat und Gesellschaft mit Umsturz bedrohende Bewegungen gepriesen worden ! Und jetzt sehen wir gerade jenes Land zum Schauplatz von blutigen Exzessen werden, welche ein Seitenstück zu ten Unthaten der Nihilisten in Rußland bilden, während in Deutschland bei ungleich minder günstigen Verhältnissen es einer zugleich die materiellen Interessen der Arbeiter durch positive Gesetzgebung, Unfall-, Krankenversicherung, Arbeiterschutz rc. energisch wahrenden Sozialpolitik zu danken ist, daß sich die Beziehungen zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer in ruhiger und friedlicher Weise entwickeln und unsere Industrie so in die Lage gesetzt ist, in erster Linie die von ihren belgischen und amerikanischen Konkurrenten geräumten Plätze einzunehmen und deutschen Arbeitern einen erheblichen Teil des Arbeitsverdienstes zuzuwenden, welcher bisher ihren ausländischen Konkurrenten zufiel. Wie in der Mitte des vorigen Jahrzehnts unter der Wucht der jedermann an seinem Geldbeutel empfindlich fühlbaren Thatsachen die bisherige Alleinherrschaft des
Gefchichtskalenver.
12. Mat.
1467. Bündnis zwischen dem Landgrafen Ludwig 1L von Hessen und dem Abte zu Fulda, als Fortsetzung und Erneuerung des am 5. Februar 1461 geschlossenen Bündnisses.
1478. Großer Steg des Landgrafen Heinrich HL, welchen er durch seinen Marschall Johann Schenck zu Schweinsberg über die Eimbccker in dem Tackmannsgraben bei der Peilshecke vor Etmbeck davon trug. Vierhundert Eimbecker wurden erschlagen, siebenhundert gefangen, welche der Landgraf mtt denselben Stricken binden ließ, die sie mit herausgenommen hatten, nm die Hessen zu binden. In der Brüderkirche zu Cassel war nach mehr als zweihundert Jahren noch die Fahne der Eimbecker vorhanden, welche damals erbeutet und als Siegeszeichen daselbst war aufgehängt worden.
1670. August li-, der Starke, Kurfürst von Sachsen und König von Polen zu Dresden geboren.
1809. Erzherzog Maximilian übergibt die Stadt Wien durch Kapitulation den Franzosen, nachdem diese dasselbe 24 Stunden lang mit Erfolg beschossen hatten.
1845. August Wilhelm von Schlegel, verdienstvoller Schriftsteller und Dichter, stirbt zu Bonn.
1866. Ein kaiserlich österreichischer Befehl stellt den Feldzeugmeister Benedek an die Spitze der Nordarmee.
1876. Die leitenden Minister der drei Kaiserreiche: Bismarck, Andrafly und Gortschakoff, vereinigen sich zu einer Konferenz in Berlin, um den blutigen Kampf zu schlichten, in welchem die christlichen'Bewohner der westlichen Türkei infolge fortdauernder Bedrückungen und Mißhandlungen, gegen die Türken begriff« waren.
Freihandels zusammenbrach, so liefern die gegenwärtigen anarchistischen Bewegungen den augenfälligen Beweis der völligen Unhaltbarkeit des von den Deutschfreisinnigen gepredigten Manchestertums auf sozialem Gebiete und der Notwendigkeit und Nützlichkeit einer starken Initiative des Staats iin Sinne der Kaiserlichen Botschaft vom 1. November 1881.
Deutsches Reich.
Berlin, 10. Mai. Der Kaiser und die Kaiserin besuchten heute nachmittag die große Markthalle an der neuen Friedrichstraße, wurden am Eingänge vom Oberbürgermeister von Fvrckenbeck und einer Deputation des Magistrats und der Stadtverordneten empfangen und durchfuhren die Markthalle, wobei sie deren Einrichtungen nach den Erläuterungen Forckenbecks und des Stadtkämmerers Runge in Augenschein nahmen. In der Markthalle wurden dem kaiserlichen Paare mehrere Buketts überreicht; bei der Ankunft und bei der Abfahrt wurden demselben begeisterte Hochrufe dargebracht. — Die Budgetkommission des Abgeordnetenhauses bewilligte unverändert die zur Verstärkung der Schulaufsicht in Westpreußen, Posen und Regierungsbezirke Oppeln geforderten zweihunderttausend Mark und setzte die zur Förderung des deutschen höheren Mädchenschulwesens verlangten einhunderttausend Mark auf fünfzigtausend Mark herab. — Die „Nvrdd. Allg. Ztg." schreibt: Nach direkt in Nizza eingezogenen Informationen stellen sich die ungünstigen Nachrichten über das Befinden des Königs von Württemberg als vollkommen aus der Luft gegriffen heraus. Das Befinden des Königs ist ein ausgezeichnetes. — In einer heutigen von etwa 5000 Maurern besuchten Versammlung wurde folgende Resolution angenommen: „In Erwägung, daß bereits 225 Inhaber von Baugeschäften unsere gerechte Forderung von 50 Pfennig Stundenlohn bewilligt haben, beschließt die Versammlung, den partiellen Streik in folgender Form fortzusetzen: Wo der bereits bewilligte Stundenlohn von 50 Pfennig wieder reduziert werden soll, beschließen sämtliche Gesellen des betreffenden Baues sofort die Bausperre und erstatten der Lohnkommission umgehend Bericht, welch' letztere die erforderliche Unterstützung regelt; wo die obige Forderung noch nicht bezahlt wird, suchen die Gesellen des betreffenden Arbeitgebers seine sämtlichen Bauten zu ermitteln, teilen das Resultat der Lohnkommissivn mit und stellen dann nach gegenseitiger Verabredung zu einer und derselben Zeit die Arbeit ein Falls der betreffende Arbeitgeber die bezeichnete Forderung nicht bewilligt, wird über ihn sofort die Sperre verhängt. Von etwa weiter arbeitenden Kollegen, welche ihre Forderung bewilligt erhalten haben, zahlen die Verheirateten wöchentlich 1 Mk., die Unverheirateten 1 Mk. 50 Pfg. zur Unterstützung der Feiernden. Die arbeitenden sowie die streikenden Arbeiter erhalten geeignete Legitimationskarten. — Gelegentlich des Diätenprozesses Hasenclever, über dessen Entscheidung durch das Oberlandesgericht zu Naumburg schon berichtet wurde,
Im Schatten des Lebens.
Roman von P. Felsberg. (Fortsetzung,)
„Sie scheinen sich sehr wohl und bei bestem Humor zu befinden, lieber Fürst!* entgegnete Graf Biela, dem die Unterhaltung in Gegenwart der Damen nicht recht passend erscheinen wollte.
„Ausgezeichnet, wie immer; aber ich hüte mich auch vor Nachtluft, und obendrein bei Gewitter,* sagte er, dem Grafen mit dem Finger drohend. „Toller Jugendstreich — nicht wahr, gnädigste Gräfin?" wandte er sich dann au diese und ließ sich, einer Einladung derselben folgend, auf dem neben ihr stehenden Fautenil nieder.
Hedwig hatte neben ihrer Mutter auf dem Sopha Platz genommen und schien nur zerstreut der Uatei Haltung zu folgen. Das geckenhafte Wesen dieses russischen Fürsten hatte sie schon vor Jahren gekannt, und die Annahme, daß seine längere Abwesenheit auf Rciseu in jeder Beziehung vorteilhaft auf ihn eingewirkt haben könnte, erwies sich fitzt als eine irrige; sie fand ihn im höchsten Grade blasiet t und von sich eingenommen. Schon sein ganzes Aeußere verriet den geschniegelten Modehelden der Residenzstadt. Von dem parfümierten, mit ängstlicher Sorgfalt gescheitelten Haupthaar bis zu den mit eleganten Pariser Lackstiefeln bekleideten, schmalen, etwas länger als nötigen Füßen herab präsentierte der Fürst jene leere, nichtsbedeutende Klasse junger Leute, deren Lebensaufgabe es zu sein scheint, jede, anch die lächerlichste Mode zur Geltung zu bringen und die innere Gehaltlosigkeit durch äußere Glätte und Gezierthett zu verdecken.
Auf dem tiefernften Gesicht des Grafen sah sie einen
machte der Vertreter des Verklagten, Rechtsanwalt Toll- kiemitt über die internen Verhältnisse der Sozialdemokratie Mitteilungen, welche der „Magdeb. Ztg." zufolge dahin gingen, der Beklagte bestreite nicht den Empfang von Geldern aus den Händen von Parteigenossen, „doch' bestehe, seit das Sozialistengesetz die Parteiorganisation zerstört, kein Parteifonds mehr und es werde — „da die Partei sich nur auf gesetzlichem Boden bewege" — auch nicht mehr gesammelt, weil dies verboten sei. Wohl aber gingen dann und wann bei dem Vorstande der sozialdemokratischen Fraktion, dem sein Mandat selber angehört habe, freiwillige Gaben von Gesinnungsgenossen ein, und diese Gelder würden nach dem besten Wissen und Ermessen des Parteivorstandes an solche Personen gewährt, die sich, wie z. B. Hasenclever, im Dienste der Partei besondere Verdienste erwürben. Hierunter gehören auch, die Abgeordneten, doch würde Hasenclever aus diesen Mitteln auch unterstützt worden sein, wenn er nicht Abgeordneter, sondern nur Agitator wäre. Auch habe er das Geld nicht erhalten, um ihn für die Opfer eines Aufenthaltes in Berlin zu entschädigen, denn ihm als Schriftsteller bringe der Aufenthalt in Berlin nicht Opfer, sondern Vorteil." Namentlich die letztere vor Gericht erhobene Behauptung stellt die Klagen in ein eigentümliches Licht, welche in der gesinnungstüchtigen Preffe über die „Opfer" stets wiederkehren, die den „diätenloscn * Abgeordneten durch ihre Reichstagsmandate auferlegt würden. Bekanntlich sitzt auf den Oppositionsbänken eine stattliche Reihe von „Schriftstellern".
Posen, 10. Mai. Oberpräsident von Günther empfing heute nach seiner Rückkehr vom Urlaube die Spitzen der Zivil- und Militärbehörden, den Landtagsmarschall, Mitglieder der provinzialständischen Behörden, Kommissionen und Deputationen der Städte Posen, Gnesen und Meseritz, sowie viele Notabeln der Provinz (deutsche wie polnische), welche ihre Glückwünsche anläßlich des am 5. Mai stattgehabten 50jährigen Dienstjubiläums dem Oberpräsidenten darbrachten. Die städtischen Behörden überreichten dem Jubilare den Ehrenbürgerbrief der Stadt Posen.
Darmstadt, 10. Mai. Die „Darmstädter Ztg." dementiert die Zeitungsnachricht, daß Staatsminister Finger wegen gewiffer Vorkommniffe bei der Wiederbesetzung des Mainzer Bischofsstuhls ein Entlaffungsgesuch eingereicht habe, und bezeichnet ebenso die Mitteilung, der Großherzog habe sich ohne Mitwirkung des Staatsministers mit der Kurie geeinigt, für unrichtig.
München, 10. Mai. Die Königin Isabella von Spanien ist zu längerem Aufenthalte heute nachmittag hier eingetroffen.
Ausland.
Paris, 9. Mai. Der Abgeordnete Amagat, der vor einigen Wochen in der Deputiertenkammer die Republik und ihre Verwaltung so scharff angriff, ist von seinen republikanischen Wählern in Montpellier gemaßregelt worden.
unverkennbaren Zug des Verdrusses, namentlich, wenn der Fürst, wie er es häufig zu tijnn pflegte, seine Aeußernngen mit einem lauten, meist gänzlich unmotiviertem Lachen begleitete, oder wenn er seine Phrasen mit französischen Bonmots würzte.
„Welch entzückende Aussicht für uns, Komtesse Hedwig, daß Sie den Winter hier zubringen werden, um unsere Feste durch Ihre Schönheit und Grazie zu verherrlichen! — Superbe! — Ha, ha, ha!*
„Wir haben Trauer,* entgegnete Hedwig kalt.
„Quel dommage! — ich dachte mir diesen Winter so schön!" sagte der Fürst, seinen Blick über Hedwigs ganze Gestalt mit Kennermiene gleiten lassend, was bei ihr ein unwilliges Erröten zur Folge hatte.
„Wir werden einen desto innigeren Familienverkehr unterhalten," bemerkte die Gräfin freundlich. „Große Feste zu arrangieren, dürfte es Ihnen auch hier an Gelegenheit fehlen, denn unsere Gesellschaft ist nur sehr schwach vertreten. Die wirkliche Aristokratie muß in einer Residenz den Winter zubriugen; die hiesige Gesellschaft besteht aus allen denkbaren Elementen und hier sind Parvrnus, Musikanten und Farbenkleckser willkommene Erscheinungen."
„Impossible, meine Gnädigste! — Und doch preise ich mich glücklich, hier zu fein — Ha, ha, ha!" lachte der Fürst überlaut. — „Doch, wie Sie schon gnädigst bemerkten, wird unser Verkehr dann ein um so intimerer werden müssen, und das wird mich um so glücklicher machen."
„Daß Sie uns immer und zu jeder Zeit willkommen fein werden, brauche ich Ihnen wohl kaum zu sagen," fügte die Gräfin lächelnd hinzu.
Der Fürst erhob sich zum Abschied. Indem er einen