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Nr. 109
Marburg, Dienstag, 11. Mai 1886
XXI. Jahrgang
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Wöchentliche Beilagen: Amtlicher Anzeiger f. d. Kreise Marburg u. Kirchhain. - Illustriertes Sonntagsblatt.
Expedition Markt 21. — Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Ang. Koch.
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Deutsches Reich.
Berlin, 8. Mai. Um 10V» Uhr begab sich heute vormittag der Kaiser, begleitet vom Generalleutnant und Generaladjutanten Grafen Lehndorff, mittels Extraznges nach Potsdam, um daselbst auf dem Bornstädter Felde bas Erste Garderegiment zu Fuß zu besichtigen. Der Besichtigung wohnten eine zahlreiche Generalität, die Vorgesetzten des Regiments, sowie viele höhere Offiziere bei. Nach dem Schluß der Besichtigung gedachte der Kaiser noch eine Fahrt nach dem Babelsberg zu unternehmen und demnächst von der Station Neu-Babelsberg aus mittels Extrazuges zum Diner nach Berlin zurückzukehren. — Heute nachmittag hat beim Fürsten Bismarck eine Sitzung des Staatsministeriums stattgefunden. Es handelte sich in derselben dem Vernehmen nach um den definitiven Beschluß über die Organisation der Kommission, welche die Ansiedlungen in den polnischen Landesteilen durchführen soll. Man sieht der Veröffentlichung in den nächsten Tagen entgegen — Die Ausschüsse des Bundesrats werden die Branntweinsteuerentwürfe in zwei Lesungen beraten, deren erste nächsten Montag beginnt. Es soll dann Ende der Woche die Beschlußfassung im Plenum stattfinden, fo daß die Vorlagen etwa nächsten Sonnabend noch an den Reichstag gelangen unb so in einer der ersten Sitzungen nach dem 17. Mai zur ersten Beratung kommen könnten. Zur Beratung im Bundesrat ist Minister v. Mittnacht aus Stuttgart hier eingetroffen. — In der Budgetkommission des Abgeordnetenhauses haben sich bei den auf den Schutz des Deutschtums in den Ostprovinzcn bezüglichen Positionen des Nachtrags-Etats zum Teil ziemlich lebhafte Debatten entsponneu. Die Stipendien für Studierende deutscher Herkunft, die später in den betreffenden Landes- teilen Verwendung finden sollen, sind in Höhe der geforderten Summe von 100 000 Mark bewilligt, ebenso die Stipendien für Schüler höherer Lehranstalten in Höhe von 50000 Mark. Die Bewilligung letzterer Benefizien soll nicht an Bedingungen geknüpft werden; dagegen sollen die Empfänger der Universitätsstipendien als Gegenleistung die Verpflichtung cingehen, sich eine bestimmte Reihe von Jahren in den polnischen Landesteilen verwenden zu lassen. — Die Kommission des Abgeordnetenhauses zur Vorberatung des Gesetzentwurfs über die Kommunaldestcuerung der Offiziere hat heute ihre Arbeiten begonnen. Die Debatte kam nicht über den § 2 hinaus, welcher von den Steuerexemtionen handelt. Darüber war keine Meinungsverschiedenheit, daß das aus Gewerbe und Grundbesitz herrührende Einkommen von Offizieren oder zu ihrem Haushalte gehörigen Familienmitgliedern kommunalsteuerpflichtig bleiben soll, wie bisher; dagegen wurde lebhaft diskutiert, ob das sogenannte Kommißvermögen den Genuß der Steuerfreiheit behalten solle. Abgeordneter Zelle be
antragte die Beseitigung dieses Privilegs eventuell unter Schonung der jura quaesita, so daß die jetzt verheirateten Offiziere bis zu ihrem Aufrücken zum Majorsrang, bei welchem das Kommißvermögen als solches frei wird, in dem Genuß der Steuerfreiheit für ihre Heiratskaulion bleiben, die fernerhin sich verheiratenden aber der Steuerpflicht unterliegen. Der freisinnige Antragsteller führte zu Gunsten seines Antrages besonders an, daß damit alle komplizierten Vernehmungen fortfielen, welche sich aus der Verwitwung eines kinderlosen Offiziers im anderen Falle ergeben würden. Von konservativer Seite wurde diesem Anträge mit großer Entschiedenheit widersprochen, auch der Kriegsminister verhielt sich ablehnend. Abgeordneter Zelle stützte seinen Antrag auch noch darauf, daß der § 3 des Gesetzentwurfs die Kommunalsteuer der Offiziere überall gleichmäßig auf 100 Prozent der zu entrichtenden Staatssteuer festsetzt, welcher Prozentsatz hinter dem Durchschnitt des Kommunalsteuerzuschlages in der preußischen Monarchie erheblich zurückbleibe. Die Debatte wird am Mittwoch fortgesetzt werden. — In einer Besprechung des französischen Gesetzes über die Spionage äußert sich die „Kreuz- Ztg-"-' „So ist schließlich kein Deutscher, kaum ein Fremder mehr, seines Lebens sicher, wenn er die französische Grenze überschritten hat. Will ein Tourist ein Schlachtfeld besehen, ein Grab besuchen, eine Naturschönheit bewundern, oder jemand Geschäfte machen oder Arbeit suchen, so kann er überall in Frankreich mindestens willkürlich verhaftet und malträtiert werden. In seiner Dehnbarkeit ist deshalb dieses Gesetz einfach eine Ruchlosigkeit sondergleichen, welche das Maß deutscher Geduld auf eine hohe Spannung bringen muß. Die Antwort auf diese französische Bosheit, die in ihrer Schwäche sich an wehrlosen Männern rächen will, muß — nicht die deutsche Regierung — nein, das deutsche Volk selbst geben."
— Am 1. Oktober d. I. soll in Biarritz unter dem Ehrenvorsitze des französischen Ministers für Handel und Industrie und unter Mitwirkung der medizinischen, hydrologischen und meteorologischen Gesellschaften Frankreichs ein internationaler Kongreß für Hydrologie (Balneologie) und Klimatologie stattfinden. Zur Teilnahme an dieser Zusammenkunft werden durch eine in deutscher Sprache zur Versendung gelangte Einladung auch die bei der Sache interessierten deutschen Gesellschaften aufgefordert. Die Zusammenkunft ist die erste dieser Art. Als ihr Zweck wird bezeichnet: Gelehrte aller Länder in einer an Thermen und der Gesundheit zuträglichen Aufenthaltsorten reichen Gegend zu vereinigen, um gemeinschaftlich die Fragen zu prüfen, die sich an die Hydrologie und Klimatologie knüpfen. Ueber die der Versammlung vorzulegenden Fragen wird in drei verschiedenen Sektionen für wissenschaftliche Hydro- logie, medizinische Hydrologie und Klimatologie beraten
werden. Zum Schluß der auf acht Tage berechneten Sitzungen sollen Ausflüge nach verschiedenen Badeorten der Pyrenäen unternommen werden. Meldungen zur Teilnahme an dem Kongreß sind, unter gleichzeitiger Einsendung von 12 Franken, mittelst Postanweisung an Herrn vr. de Lavarenne, Paris, 21 Rue Ehaptal (bis 1. Juni), später Luchon (Haute Garoune), oder an den Vicomte de Chasteigner, Schatzmeister der Biarritz - Assoziation, in Biarritz zu richten.
München, 8. Mai. Die Abgeordnetenkammer beriet den Militäretat. Die Forderung für einen Kasernenbau in Bamberg, wodurch die Garnison von Neustadt an der Aisch dorthin verlegt würde, wurde mit 102 gegen 27 'Stimmen abgelehnt und die Belassung von Garnisonen in kleinen Städten prinzipiell betont. Der weitere Etat wurde ohne Debatte nach dem Ausschußantrage erledigt. Der Kriegsminister beantragte, den für den Kasernenbau gestrichenen Betrag zum Bau von Exerzierhäusern in Ulm, Kempten, Eichstädt, Landau und Bayreuth zu verwenden. Der Antrag wird dem Ausschuß überwiesen und die Be- stimmung über den Gesamtetat ausgesetzt.
Ausland.
Wien, 8. Mai. Die „Polit. Korresp." bezeichnet die Meldung hiesiger Blätter, daß der Kaiser in der zweiten Hälfte dieses Monats eine Reise nach Dalmatien und der Herzegowina zu machen beabsichtige, als unbegründet mit dem Bemerken, daß in maßgebenden Kreisen von einer solchen Absicht nichts bekannt sei.
Genna, 8. Mai. Der Herzog von Aosta hat heute' Nachmittag auf der königlichen Yacht „Savoya" die Reise nach Portugal angetreten, bei der Abfahrt waren Vertreter aller Behörden anwesend, die hier wohnenden Konsuln wurden dem Herzog von dem deutschen Generalkonsul vr. Bamberg, als Doyen des Konsulatkorps, vorgestellt.
Paris, 8. Mai. Das Gerücht von dem Unwohlsein des Präsidenten Grövy ist unbegründet. Grevy präsidierte heute dem Ministerrate. — Die mit der Reorganisation der griechischen Armee beauftragten französischen Offiziere erhielten von der französischen Regierung den Befehl, bis zur Beendigung der griechisch-türkischen Streitfrage ihren Dienst einzustellen.
London, 8. Mai. Die „Times" schreibt: Wenn der griechische Minister Delyannis hartnäckig bleibt, so wird der Abreise der Gesandten sicherlich bald eine direktere Zwangsaktion der Mächte folgen. Die Wabl liegt zwischen einer Blokade der griechischen Häfen und einer Beseitigung der Beschränkungen der freien Aktion der Türkei. Wenn den Mächten nicht die künftige Wohlfahrt Griechenlands am Herzen läge, so dürften sie sich begnügen, der Türkei freie Hand zu lassen. Die Pforte würde völlig gerecht-
Geschichtskalender.
10. Mai.
1291. Adolf von Nassau wird durch die Bemühungen seines Oheims, des Erzbischofs von Mainz, Gerhard von Eppstein, zum Kaiser gewählt.
1569. Starb zu Freiburg im Breisgau Theobald Thamer, einst Professor der Theologie zu Marburg, einer von denen, welche in der geistigen Slurmzeit des 16. Jahrhunderts wie Spreu vor dem Winde dahin flogen, bald eifrige Lutheraner, bald erbitterte Gegner der Rechtfertigung durch den Glauben, bald Heiden, bald Katholiken, aber nirgends zufrieden und stets händelsüchtig waren, und die desto unbändiger wurden, je milder und schonender man mit ihnen verfuhr.
1587. Starb der Kanzler Reinhard Scheffer, der ältere- einer der ausgezeichnetsten hessischen Staatsmänner in der Mitte des 16. Jahrhunderts. Seine Familie (zu Böddiger und Hattendorf) bestehet noch jetzt.
1619. Kaiser Matthias stirbt, und Ferdinand von Steiermark, folgt ihm in der Regierung.
1631. Eroberung und Zerstörung von Magdeburg durch den kaiserlichen General Tilly. Alle Zügel der Kriegszucht entlediget, durchrasten dessen Soldknechte die Straßen der unglücklichen Stadt, erbrachen Häuser und Kirchen, und erwürgten ohne Unterschied des Alters und Geschlechts alles, was ihnen aufstieß. Die Scene» nahmen einen solchen Eharakter grasser Barbarei an, daß Tilly selbst von seinen eigenen Offizieren beschworen wurde, den Greuclthaten seiner Soldknechte ein Ziel zu setzen, worauf er nur die gefühllose Erklärung gab: „Der Soldat muß für seine Anstrengungen und Wagnisse eine Entschädigung haben; — kommt in einer Stunde wieder!" — So wurde denn das Rauben und Würgen rücksichtslos fortgesetzt, und schließlich die-Stadt in Brand gesteckt, so daß Magdeburg in Zeit von zwölf Stunden ein Aschen
haufi n war. Die Bürgerschaft aber war der Mehrzahl nach ermoibet, erstickt oder verbrannt, denn 30000 Menschen hotten in dieser Zeit das Leben verloren.
1850. Wiedereröffnung der deutschen Bundesversammlung zu Frankfurt a. M., und zwar nur in Vertretung von 10 deutschen Staaten.
1857. Ausstand der Truppen in Indien gegen die englische Herrschaft; ein grausenhaftes Schauspiel des Brennens und Mordens aller Europäer und Christen.
1869. Die letzten Schienen des Pacificbahn in Amerika werden gelegt.
1871. Definitiver Friedensschluß zwischen Deutschland und Frankreich zu Frankfurt a. M., all wo sich der inzwischen zum Fürsten erhobene Graf Bismarck und Jules Favre eingefunden und in wenigen Tagen die Friedensverhandlungen zum endgültigen Abschluß gebracht hatten.
11. Mai.
1292. Iklehnung des Landgrafen Heinrich des Kindes mit Bomeneburg (d. h. hölzerne, aus Bäumen gefertigte Burg, später verderbt Bömmelburg und noch mehr verschlechtert Boineburg geschrieben und gesprochen) und Eschwege, durch welche Belehnung die reichsfürstliche Selbständigkeit von Hessen rechtlich begründet wurde.
1315. Kaiser Ludwig der Bayer spricht über die Herzöge von Oesterreich auf einem „öffentlichen Tage" zu Nürnberg die Reichsacbt aus»
1686. Otto von Guerike, Bürgermeister zu Magdeburg, einer der fleißigsten nnd verdienstvollsten Physiker des siebzehnten Jahrhunderts, und Erfinder der Luftpumpe, stirbt zu Hamburg, wohin er sich zum Besuch seines Sohnes begeben hatte.
1760. I. G. Pet. Hebel, Dichter in allemannischer Mundart und beliebter Volksschrifffteller, zu Basel geboren.
1809. Am Himmelfahrtstage, Aufbruch der Tyroler, um auf der kürzesten Linie durch das Jsarthal über Schareitz, Benediktbeuern und Wolfahrtshausen gegen München
vorzuiucken. Furchtbarer Kampf im Staubpuß; ein Häuflein Tyroler schlägt die mächtigen Angriffe des bayerischen Generals Wrede wiederholt zurück, bis dieser es durch die großen Verluste der österreichischen Artillerie ermöglichen konnte, den tapfern Tyrolern in den Rücken zu fallen, und nun die Boyern unter diesen ein Blutbad anrichteten, wie kaum ein zweites die Geschichte der damaligen Freiheitskämpfe aufzuweisen hat.
1859. Erzherzog Johann, während der österreichisch - französischen Kriege ein tapferer Feldherr, im Privatleben der populärste Prinz des Kaiserhauses, und im Jahre 1848 Reichsverweser, stirbt.
1867. Die Londoner Konferenz einigt sich in der Luxemburger Frage dahin, daß das Großherzogtum als ein neutraler Staat unter der gemeinsamen Gewährleistung der Mächte dem Hanse Oranten verbleibt, die Stadt Luxemburg von den Preußen geräumt, die Festung vom Großherzog geschleift werde, und das Großherzogtum im deutschen Zollverein verbleiben solle.
Berichtigung. Im Geschichtskalender vom 9. Mai (Nr. 108) muß es Zeile 1 v. o. heißen: 1189 und Zeile 8 v. o. .Weimar" statt Jena.
Im Schatten des Lebens.
Roman von P. Felsberg.
(Fortsetzung,)
Die beiden Damen saßen beim Abendessen, als die Gräfin ihre Tochter fragte, ob sie sich nicht recht sehr als Krankenpflegerin gelangweilt habe, wobei sie ihr bleiches Gesicht anfmeiksam prüfte.
„Nicht doch, Mama," entgegnete Hedwig; „erst hielt mich die Gefahr, in der Alfred schwebte, in einer unaufhörlichen Aufregung; als Gefahr und Aufregung vetfchwunden, konnte ich mich schon mit ihm hin und wieder unterhalten, und dann hat auch Dr. Eruier sein Möglichstes gethan mir Zerstreuung zu verschaffen."