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Rr. 107.
Marburg, Sonnabend, 8. Mai 1886.
XXI. Jahrgang.
Erscheint tätlich außer au Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. — Quartal Abonnements-Preis der bei Expedition 2«/» 'Ult., bei den Postämter 2 M. -X Psg. (excl. Bestellgeld) Jnsertionsgebübr für di< «spaltene Zeile 10 Psg Reklam-n für die Zeile 25 Pfg.
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Berl n, Ha nover u.PaeiS
Wöchentliche Beilagen: Amtlicher Anzeiger s. -. Kreise Marburg n. Kirchhain. - Illustriertes Somitagsblatt.
Expedition Markt 21. — Redaktion, Druck und Verlag von 2oh. Aug. Koch.
Bestellungen für die Monate Mai und Juni auf die Oberhessische Zeitung und deren Beiblätter werden von allen Postanstalten und für hiesige Stadt von der Erpedition entgegengenommen. Herr Eugen Richter und der Kulturkampfl
Größere Gegensätze als der Herr Reichskanzler und Herr Eugen Richter lassen sich schwer denken. Fürst Bismarck handelt nach dem ausgesprochenen Grundsätze, daß unter allen Umständen und ausschließlich das Gefamtwohl des Vaterlandes für das Verhalten der Staatsregierung maßgebend sein muß, und daß alle anderen Gesichtspunkte und Rücksichten demgegenüber zurücktreteu müssen. Er hat nicht Bedenken getragen, denjenigen Standpunkt, der ihm seiner Zeit mit die größte Popularität eingetragen hat, ohne Zögern aufzugeben, sobald er die Ueberzeugung gewonnen hatte, daß der bisher verfolgte Weg nicht zu einem unserem Staate und unserem Volke gedeihlichen Ziele führen kann. Er scheut sich nicht, den Weg zurück zu thun, der unter seiner persönlichen Verantwortung und auf seine Initiative seiner Zeit, vor nahezu einem halben Menschenalter eingeschlagen ist, sobald nach seiner Meinung dieser Weg verfehlt ist, und zwar selbst auf die Gefahr hin, seinem persönlichen Ruhme zu schaden.
Umgekehrt gerade ist das Verhalten Herrn Eugen Richters durchweg lediglich von Parteirücksichten und Gesichtspunkten bestimmt. Insbesondere gilt dies von seiner Stellungnahnre im Kulturkampf. In den Anfängen des» selben benahm er sich zweideutig, um sich die Freiheit der Aktion zu wahren, je nachdem die von dem Kampfe zwischen Staat und Kirche zu gewärtigende Schädigung der Autorität oder die grundsätzliche Oppositionsstellung des Zentrums mehr Vorteile für den Einfluß und die Macht der Partei versprach. 1880, als die Regierung sich diskretionäre Vollmachten zur Milderung der bestehenden Gesetzesvorschriften erbat, um die Strenge des Gesetzes dem Maß der Friedfertigkeit der Kirche anpassen zu können, drang er auf volle Durchführung auch der schlimmsten Kampfesgesetze, augenscheinlich um das Zentrum in der starren Oppositionsstellung zu erhalten, in welche es nach der Zustimmung zu der Zollnovelle und Jier Tabakssteuer, bei der Erneuerung des militärischen Septennats und des Sozialistengesetzes abgeschwenkt war. Seitdem läßt er sich angelegen sein, durch Ueberbieten der Regierung an Entgegenkommen selbst in solchen Fällen, wo das Ziel nicht die Scheidung von Staat und Kirche, sondern das erträgliche Zusammenwirken beider Teile ist, sich die Freundschaft des Zentrums, oder wenigstens Herrn Windthorsts, zu erhalten. Freilich hat er das auch sehr nötig, und zwar uicht bloß der Partei wegen, von der ein großer Teil lediglich durch die Unterstützung des Zentrums ein Mandat besitzt, sondern auch im Interesse seines eigenen Mandats für Hagen, das, wie Herr v. Schorlemer im Reichstage einmal unbestritten '
Gefchichtskalender.
8. Mai.
1841. Der Stegesherzog Espartero, der Bezwinger der Karlisten in Spanien, wird nach Abdankung der Regentin Christine zum alleinigen Regenten von Spanien erwählt.
1852. Das Londoner Protokoll bestimmt, die Thronfolge im Königreiche Dänemark für den Prinzen Christian von Schleswtg-Holstein-Sonderburg-Glückstadt.
Im Schatte« des Lebens.
Roman von P. Felsberg. (Fortsetzung,)
Besonders hatte eine arme Frau Hedwigs Mitleid erregt. Auf einem Spaziergang in Begleitung des Doktor Emier trafen sie eine junge Frau, welche schluchzend den Arzt bat, doch gleich mit ihr zu kommen, da ihr Mann verunglückt fei. Der Arzt, bereit ihr zu folgen, entschuldigte sich bei Hedwig, die langsam hinter den rasch Voranschrestenden herging. Bald hatten diese ein kleines Häuschen erreicht, das inmitten eines Taunengehölzes lag. Das Leid der armen Frau hatte Hedwigs Teilnahme erweckt, sie wollte die Rückkehr des Doktors erwarten, um Näheres zu erfahren. Rach längerem Harren sah sie ihn das Haus verlassen; sie ging ihm entgegen, und ersah bald aus den Mienen des «enschensteundlicheu Arztes, daß es in dem freundlich aus- srheuden Hause schlimm stehen müsse.
„Hier kann ich leider nicht mehr helfen,* sagte er, zur Gräfin herantretend.
,O die arme Frau;* rief Hedwig; „ist ihr Man» tot?* „Er war es schon, ehe ich kam; mir bleibt nichts übrig, als der armen Fra«, die ihren Verlust noch gar uicht zu fassen vermag, Hilfe zu schicken.*
konstatiert, von der Gnade der Zentrumswähler abhängt. Das Reservemandat in Berlin, welches Herr Richter gegen den Hinweis auf diese Thatsache ins Feld zu führen versuchte, ist durch die fortschreitende Förderung, welche der Fortschritt als Vorfrucht der Sozialdemokratie verschafft, mehr als unsicher. Der Thatbestand, daß Herr Eugen Richter aus Wahlrücksichten das dringendste Jntereffe hat, Herrn Windthorst zu schmeicheln, bleibt bestehen.
Deutsches Reich.
Berlin, 6. Mai. Der Kaiser hat seit einigen Tagen der unfreundlichen Witterung halber seine gewohnten Ausfahrten unterbrochen, ohne aber in seiner sonstigen Lebensweise und namentlich auch in seiner angestrengten Re- gierungsthätigkeit die geringste Aenderung eintreten zu lassen. Am Montag empfing der Monarch den Reichskanzler Fürsten Bismarck zu längerem Vortrage. — Aus einer Unterredung, welche der Reichskanzler Fürst Bismarck am Dienstag während der Sitzung mit einem nationalliberalen Abgeordneten hatte, erfährt die „Nat.-Ztg." folgendes: Fürst Bismarck sprach sich uicht ohne Besorgnis über den Gesundheitszustand seines Sohnes, des Grafen Herbert Bismarck, aus, bei welchem zwar das Fieber aufgehört, trotzdem aber das Delirium noch drei Tage angehalten habe. Er selbst sei in Ermangelung von geeigneten Ersatzkräften gezwungen, für seinen Sohn einzutreten, der eine ungewöhnliche Arbeitskraft besitze. Sehr eingehend äußerte sich Fürst Bismarck über die kirchenpolitische Frage. Seit 8 Zähren sei er bestrebt gewesen, zu dem Ziele zu gelangen, dem er sich jetzt genähert habe, und zwar sei das wesentlich geschehen unter Berücksichtigung der dringenden Wünsche maßgebender Personen. Dr. Falk habe als Kultusminister die Dinge mit großer juristischer Feinheit und Geschicklichkeit behandelt, aber eben nur mit juristischer, während ihm der politische Blick zuweilen gemangelt habe. Immerhin sei eö Dr. Falk gewesen, der ihm, dem Reichskanzler, den Stuhl vor die Thüre gesetzt, denn er selbst habe bis zum letzten Augenblick nicht aufgehört, dem Kollegen behilflich zur Seite zu stehen, wenn es sich darum handelte, bei dem Kaiser die Genehmigung zu einer Vorlage zu erlangen, was nicht immer leicht war. Diese Bemerkung war vorzugsweise dadurch provoziert, daß von der anderen Seite entgegengehalten war, Dr. Falk habe seinerzeit über eine Abnahme der kollegialischen Hilfsbereitschaft des Kanzlers geklagt. Im übrigen ergab sich aus der Unterredung, daß Fürst Bismarck keinerlei Mißstimmung empfindet wegen der ablehnenden Haltung der Nationalliberalen gegenüber der kirchenpolitischen Vorlage. — Zur Konvertierung in 31/, prozentige Konsols sind ferner folgende 4prozentige Prioritäten einberufin: Altona-Kieler von 1872 3. Emission und von 1876/77 4. Emission; Hamburg - Zegedorff und Berlin - Hamburger von 1862 2. Emission. — Das Märzheft der Monatshefte zur Statistik des Deutschen Reichs enthält außer den auf den betreffenden
„Aber, lieber Doktor, wie kam denn das so rasch und unerwartet?*
„Der Mann war Holzhauer und heute ganz in der Nähe seines Häuschens mit Bäumefällen beschäftigt; da hörte die Frau plötzlich einen heftigen Fall uud fast gleich- zeittg einen markdurchdringenden Aufschrei ihres Mannes. Sie eilte sofort nach der Stelle und fand den Armen mit zerschmettertem Kopf nvter einem Baumstamm liegend. Wie die Frau ihn ins HauS geschafft, ist mir ganz unbegreiflich; doch Angst und Gefahr verleihen ja bekanntlich oft Kräfte, welche das Maaß des Gewöhnlichen und Natürlichen übersteigen. Der Verstorbene war ein gruudbraver Mann, nur wenig über ein Jahr verheiratet und vsr Kurzem erst Vater geworden. Ich bedaaere die arme Wittwe von ganzem Herzen, denn die jungen Leute lebten recht glücklich und zu- frieden miteinander.*
„Wie entsetzlich!* sagte Hedwig bewegt, indem Thräneu ihre Augen verschleierten.
„Verzeihen Sie, Komtesse, daß ich Sie verlasse; doch ich möchte schnell Hilfe für die arme Frau schaffen.'
„Ich werde so lange bei der Aermsten bleiben,* versetzte rasch Hedwig.
„Das wollen Sie thun?!* rief Dr. Ernier nmkehrend, denn er hatte fich schon zum Gehen gewandt, nnd sein Gesicht zeigte innige Freude. „Sie ist wirklich gut,* sagte er, per bereits dem Hause zueileude» Hedwig nachblickeud.
Dann schritt er schnell dem Dorfe zu. In eines der ersten Häuser trat er ein; es wohnten dort Freunde des Verunglückten, denen er Mitteilung von dem Trauerfall machen wollte, um sie zur soforttgeu thättgen Hülse zu veranlassen; dann kehrte er zu dem Holzhauerhäuschen zurück,
Monat bezüglichen, regelmäßig wiederkehrenden Nachweisungen über die Einfuhr und Ausfuhr der wichtigeren Warenartikel, die Nübenzuckerfabrikation, Großhandelspreise, die Auswanderung noch folgende Mitteilungen: 1. über die definitiven Hauptergebnisse der Statistik des Warenverkehrs mit dem Auslande im Jahre 1885; 2. über die Art und Zahl der am Schlüsse des Jahres 1885 vor- handenen Niederlagen für unverzollte Waren; 3. die Einwohnerzahl der deutschen Mittel- und Großstädte (Städte von mehr als 20000 Einwohnern) nach der neuesten Volkszählung. Die ersterwähnte Mitteilung über die definitiven Hauptergebnisse der Statistik der Waren - Einfuhr und Ausfuhr, mit Einschluß der Einfuhr und Ausfuhr im Veredlungsverkehr, für das Jahr 1885 ist eine Berechnung der Gesamtausfuhr nach Mengen in 100 kg Netto (Doppelzentnern) beigefügt, ferner des Mengen- lleberschusses der Einfuhr über die Ausfuhr, beziehungsweise der Ausfuhr über die Einfuhr in beiden Verkehrsarten bei den einzelnen Warengattungen, und endlich des Zollertrags der einzelnen zollpflichtigen Artikel. Hiernach wurden im Jahre 1885 in den freien Verkehr des Zollgebiets 178 673297 Doppel-Zentner ein- und 188140 231 Doppel-Zentner aus demselben ausgeführt, im Vergleich zum Jahre 1884 mehr 759636 Doppel-Zentner bezw. weniger 3377327 Doppel-Zentner. Die Zunahme in der Menge der Einfuhr ist in der Hauptsache herbe igeführt durch eine verinehrte Einfuhr von Bau- und Nutzholz, sowie von Braunkohlen, Steinkohlen und Koaks, denn von diesen Artikeln allein gelangten 7372879 bezw. 2885 164 Doppelzentner mehr als im Jahre 1884 zur Einfuhr. Außerdem hat eine nicht unerhebliche Mehreinfuhr stattgefunden bei: Kleie, Heu, Futtergewächsen und Futterkräutern, Kartoffeln, frischem Obst, frischen Fischen, Heringen Kaffee, Rohtaback Schmalz und schmalzartigen Fetten, Eiern, grünen und gesalzenen Rindshäuten, Blauholz, Brennholz, Schleifholz und Holz zur Cellulosefabrikatton, Jute, Mineralölen und Zinkerz. Diese Mehreinfuhr wird nur zum geringen Teil ausgewogen durch die Mindereinfuhr von: Guano, Knochenmehl, Chilisalpeter, Superphosphaten, Getreide, Raps und Rübsaat, Mühlenfabrikaten, Pferden und Vieh, gekalkten und trockenen Rindshäuten, Schafwolle, Flachs, Baumwolle, Eis, Salz, Fichtenharz, Roheisen rc. Die Ursachen der so erheblichen Mehrung der Einfuhr von Bau- und Nutzholz sind in Spekulationen zu suchen, welche sich an die im verflosseuen Jahre eingetretenen Aenderungen der bezüglichen Zollsätze knüpften. In dieser Beziehung ist demnach das Jahr 1885, gleichwie das Jahr 1884, als ein Ausnahmejahr zu betrachten. — Die Abnahme in der Menge der Ausfuhr ist im Wesentlichen veranlaßt durch einen erheblichen Ausfall in der Ausfuhr von Eisenerzen (— 1273332 Doppelzentner), Zucker (— 1090819 Doppelzentner), Bau- und Nutzholz, Bau-, Bruch- und Werksteinen, sowie von Vieh. Ferner trug zur Abnahme der Ausfuhr dep Menge noch
um die junge Gräfin, da es bereits dunkelte, nach Haufe zu führen.
In dem kleinen Stübchen des Trauerhauses fand er Hedwig beschäfttgt, die Wittwe zu tröffen. Die Bemühung der jungen Gräfin erkannte die Arme dankbar an, und als sich Jene mit dem Doktor zum Gehen wandte, küßte sie die Hand der vornehmen Dame, welche so viel herzliches Mitleid mit ihr gezeigt hatte. Hedwig versprach, ihren Besuch zu erneuern, was sie denn auch schon am nächsten Tage that, nachdem sie durch Doktor Emier erfahren, daß die junge Wittwe selbst nun ernstlich krank geworden sei; ein sie begleitender Diener brachte gleich Wein uud stärkende Nahrungsmittel mit.
„Um Ihres Kindes willen müssen Sie sich zu erhalte» suche»,* hatte sie der des Lebens ohne ihre» geliebten Mann Müden gesagt. Während der wenigen Tage ihres Aufenthalts in Laf-re hatte sie zweimal täglich ihre Besuche wiederholt, den letzten machte sie kurz vor ihrer Abreise, von der sie die Kranke in Kenntnis setzte.
„Also heute, gnädigste Gräfin, sehe ich Sie zum letzten Male?' fragte die arme Fran ttaurig.
„Ja, meine gute Frau Pelot,' entgegnete Hedwig freundlich. „Bevor ich jedoch abreise, möchte ich noch über Ihre Zukunft mit Ihnen sprechen; werden Sie hier bleiben?'
„Am liebste» — ja; doch dies Häuschen ist leider nicht mein Eigentum uud ich weiß nicht, wie ich die Mtethe erschwingen soll, denn das wenige Land, das ich habe, trägt mir nicht so viel ein. Ich müßte mich deßhalb nach einer anderen Beschäftigung umsehen, zu der aber hier im Dorfe nahebei keine Aussicht ist.'
„So ziehen Sie nach Genf; dort wird eS Ihnen als