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Nr. 106

Marburg, Freitag, 7. Mai 1886.

XXI. Jahrgang

ObkWsche jcitiiiio

Wöchentliche Beilagen: Amtlicher Anzeiger f. d. Kreise Marburg n. Kirchhain. - Illustriertes Sonntagsblatt.

Expedition Markt 21. Redaktion, Druck und Berlag von Joh. Au«. Kock> *

Wenn der König zusammen mit feinen Ministern gear­beitet und die Letzteren einen Einfluß auf die Leitung der Kabinettskasse gehabt hätten. Dem König aus seinen Neigungen selbst einen Vorwurf zu machen, fällt schwerlich jemand ein; die Schlösserbauten haben genug Geld unter die Leute gebracht. Dringend wünscht man aber in Bayern, der König, der erst im Anfang der vierziger Jahre steht, möge in die Oeffentlichkeit aus seiner Einsamkeit zurück­kehren.

Es ist anfänglich versucht worden, die Krisis durch eine Privatanleihe zu beseitigen. Welche Hindernisse dabei eingetreten find, ist nicht recht bekannt geworden; genug, alle Versuche sind gescheitert. Jetzt hatte das Ministerium rm Auftrage des Königs eine Staatsanleihe vorgeschlagen, deren Zinsen durch Abzug von der Zivilliste gedeckt werden sollten. Anfänglich schien dies bequeme und praktische Arrangement vollständig gesichert, dann aber haben sich doch Schwierigkeiten ergeben, so daß jetzt ziemlich unklar ist, wie alles werden soll. Daß der König seinen eigenen freien Willen nicht opfern wird, erscheint selbstverständlich und es liegt auch kein Anlaß vor, ihm Bedingungen auf­drängen zu wollen, denn Bayern hat es unter seiner Re­gierung wahrhaftig nicht schlecht gehabt. Am besten wäre es jedenfalls, man käme zu dem Staatsanleiheprojekt zu­rück, dessen Annahme weder das Land noch den König schädigt und die immerhin fatale Sache aus der Welt bringt. Für den 8. Mai sind bereits Termine für Klagen von Gläubigern der Kabinettskasfe angesetzt; sicherlich wäre es gut, wenn diese wenig erquicklichen Prozesse durch rasches Einschreiten inhibiert würden und eine schnelle Regulierung dem auf dem Fuße folgte.

legeuheit wahr, nach Schluß der Sitzung in den Parla­menten sich Berlins Straßen und das weltstädtische Getriebe derselben genau anzusehen. So begab sich gestern nach­mittag nach Vertagung der Debatte im Abgeordnetenhause gegen y+5 Uhr der Kanzler zu Fuß durch die Jerusalemer- und Taubenstraße über den Gendarmenmarkt, in die Mohren­straße einbiegend, ins Reichskanzler - Palais. Der Fürst schritt rasch, in gerader Haltung und hochaufgerichtet, von einer großen Menschenmenge auf Schritt und Tritt gefolgt, dahin. Wie ein Lauffeuer verbreitete sich auf dem ganzen Wege in den angrenzenden Straßen die Kunde:Fürst Bismarck kommt!" Aus den Läden strömt Käufer und Personal, die Insassen der Droschken ließen halten und stellten sich im Wagen in Positur; Pferdebahnen und Omnibusse entleerten sich und vergrößerten die Begleitung des Fürsten. Alles drängte heran, jeder wollte den Mann, von dem er so viel gelesen und gehört, auch einmal Äug' in Auge sehen. Mütter hoben ihre Kleinen in die Höhe: Kinder, das ist der Bismarck!" tönte es rechts und links; und das Grüßen und Hutschwenkeu wollte kein Ende nehmen. Und für jeden Gruß dankte der Fürst, dessen Linke auf dem Pallasch ruhte, durch Anlegen der Rechten an die gelbe Kürassiermütze. Auch an kleinen Intermezzi während der Promenade fehlte es nicht. Die Gegend des sogenannten Bullenwinkels" kam dem Kanzler begreiflicher Weise gegen früher sehr verändert vor; als er den Hausvoigteiplatz er­reichte und die Pflasterungsarbeiten in der verlängerten Taubenstraße mit schnellem Blick erkannte, wandte sich der Kanzler an einen dort stehenden Dienstmann mit den Worten: Kann man denn da durch?" Auf die bejahende Antwort desselben durchmaß denn auch der Fürst die ihm unbekannte Straße, jede der dortigen Neubauten aufmerksam musternd. Nach einer Viertelstunde hatte der Fürst das Palais er­reicht, und als wie zum Abschied die Menge bis dicht ans Gitter des Vorgartens herandrängte, drehte sich Fürst Bismarck am Eingang schnell um, machte Front und salu­tierte, sich wiederholt verbeugend, die nachdrängende Menge. Lautes, mehrfaches Hurra war die Antwort des Publikums, und als dieses verklungen, wandte der Fürst, der in bester Laune war, sich lächelnd an ein paar kleine Knaben, die in erster Reihe der Hurraschreienden ftanben, mit den ~^®rten'Na, werdet ihr jetzt euch wieder nach Hause finden?" Erneute Hochrufe ertönten, und jetzt erst, nach abermaligem Gruß, betrat der Kanzler den Vorgarten seines Palais" Das erste Polengesetz, betreffend die Beför­derung deutscher Ansiedelungen in den Provinzen West­preußen und Posen ist heute publiziert worden; außerdem ein allerhöchster Erlaß, betr. den Bau und demnächstigen Betrieb der durch das Gesetz vom 19. April 1886 zur Ausführung genehmigten Eisenbahnen.

Brandenburg, 3. Mai. Nachdem vor ungefähr Jahresfrist der Fachverein für Tischler und vor einigen Wochen der Fachverein für optische Arbeiter sich selbst auf-

Die Vorgänge itt. München.

Es ist ein eigenes Zusammentreffen, daß der deutsche Fürst, welcher während seiner ganzen Regierung es nach Möglichkeit vermieden hat, mit der Oeffentlichkeit in Be­rührung zu kommen, ja sich schließlich von jedem Verkehr mit den offiziellen Kreisen seines Hofes, Ministern und hohen Staatsbeamten zurückzog, gerade' den Gegenstand einer Erörterung bildet, welche längst die Landesgrenzen überschritten hat und das ganze Deutsche Reich interessiert. König Ludwig II von Bayern, der fürstliche Einsiedler, über dessen gcheimnisvolles Leben in seinen Zauberschlössern die wunderbarsten, freilich selten verbürgten Dinge erzählt werden, ist in den Vordergrund der Tagesdiskussion in außerordentlich hohem Maße gerückt; handelt es sich doch nicht nur um die Beseitigung des kritischen Zustandes der Königlichen Kabinettskasfe, sondern sprechen auch bayerische Blätter selbst von der Möglichkeit eines Re­gierungswechsels oder der Einführung einer Regentschaft. Das Interesse für die Angelegenheit ist um so größer, als die Person des Königs, trotz der von ihm beobachteten Zurückgezogenheit, in ganz Deutschland eine populäre ist; war es doch Ludwig II., der zuerst den Befehl zur Mobil­machung gegen Frankreich erteilte, war er es doch, der wesentlich mit zur Errichtung des Kaiserreiches beigetragen. Der König ist ein durch und durch deutscher Mann, und eine ideale Natur. Die Letztere hat ihn zu seinem be­kannten Leben und zu seinen großartigen künstlerischen Neigungen gezogen, nachdem auch er erkannt, daß selbst Throne nicht ohne Dornen sind.

Aus der Königlichen Kabinettskasfe lasten schwere L-chulden, die infolge der Neigungen des Königs entstanden sind; man spricht, daß es 13 Millionen Mark bedarf, um alles zu ordnen. Die Summe selbst ist für einen König zwar nicht übermäßig groß, und es ist noch in Betracht zu ziehen, in welcher Weise sie verwendet worden ist, aber es sind doch Schwierigkeiten bei der Regulierung entstanden, die momentan sogar einen ziemlich ernsten Charakter angenommen haben sollen. Es ist ein offenes Geheimnis und bayerische Blätter sprechen ganz laut davon, daß die Leitung der Kabinettskasse nicht immer btc umsichtigste war, daß infolge der Isoliertheit des Königs die fachmännische Kontrolle fehlte. Außerdem haben die Gewerbetreibenden zum Teil sich ganz gehörig bezahlen lassen, und wenn auch ein Fürst nicht groß feilschen kann, so hat doch schließlich alle Noblesse ihre Grenzen. ($6 ist wahrscheinlich, ja fast sicher, daß die ganze leidige Misere überhaupt nicht eingetreten wäre,

Im Schatte« -es Lebens.

Roman von P. Felsberg.

(Fortsetzung,)

b,r,®e versprach ihm Beides. Kaum hatte sie das Zimmer ertasten, als er einen Wagen vorfahren hörte. Er trat

herzlich lachend;glaube mir, Helene, dies Stübchen, wie Du es hier siehst, ist mir lieb geworden, trotz der schwer« lichen Stunden, die ich in ihm verbracht. Die guten Leute haben Alles aufgeboten, mir den Aufenthalt so angenehm als möglich zu machen, so daß mir der nun bald bevor­stehende Abschied von den freundlichen, ehrlichen Leuten wirklich recht schwer werden wird. Aber, willst Du nicht meinen Bruder begrüßen, Helene?"

Ich fürchte, ihm unerwünscht zu kommen: Reconvales- eenten soll man nicht belästigen, namentlich wenn ste zu den Herren der Schöpfung gehören, denn sie lieben es nicht, wenn man sie schwach sieht," entgegnete Helene, schelmisch lächelnd.

,, »Nun, so Unrecht hast Du nicht: übrigens ist seine jetzige Umgebung auch wirklich wenig auf Damenbesuch eingerichtet," bemerkte Hedwig.

Siebst Du! Doch nm von etwas Anderem zu sprechen: Denke Dir, Fürst Scherbelow, den Du ja auch kennst, hat uns mit seiner hohen Gegenwart beglückt."

Nun, Ihr seid darum nicht zu beneiden und ich wünsche, daß mir dieser Besuch erspart bleibe," entgegnete Hedwig, sichtlich mißgestimmt.

Ein Klopfen an der Tbür riß Hedwig ans ihren Be­trachtung ; cs war Helenens Vater, der zum Aufbruch mahnte.

werden wir Sie nun hoffentlich wieder in unserer Nahe sehen, Komtesse", sagte der alte Herr, Hedwig die Hand reichend,worüber sich Niemand mehr freuen wird, als unsere Helene, welche mit ganzem Herzen an Ihnen hangt und nach Ihnen sich gesehnt hat."

Ja, bitte, liebe, gute Hedwig, mach, daß Tu bald wieder zuruckkehrst, sonst mußt Du mir die Hälfte Deines Zimmers abtreten," sagte Helene, zärtlich ihren Arm in den Hedwigs legend.

Geschichtskalender.

7. Mai.

973. Kaiser Otto L stirbt plötzlich am Schlagfluß, nach­dem er wenige Monate zuvor in Ingelheim eine Reichs­versammlung gehalten hatte.

8rari$ von Sickingen, (geb. 1481), stirbt infolge einer rötlichen Verwundung, welche er bei der Belagerung seiner Burg erhielt. Die in dieselbe einziehenden fürstlichen Belagerer trafen ihn noch lebend. Freundlich zog er vor betn Kurfürsten von der Pfalz und dem Landgrafen von Hessen die Mutze vom Haupt und antwortete mit edler Worten auf ihre Fragen. Land- graf Philipp brachte aus der eroberten Burg eine Fahne Nckingens mit nach Hessen, welche als Siegeszeichen über 200 Jahre in der lutherischen Pfarrkirche zu Marburg gehangen hat.

Realschnlelwird in Berlin errichtet. ^73. Fürst Metternich geboren.

1866. Erstes Attentat auf den preußischen Ministerpräfiden- ttn von Bismarck unter den Linden in Berlin, indem der 22iährige Ferdinand Cohen (Blind) mehrere Pistolen­schüsse auf ihn abfeuerte, weil er ihn, nach feiner Aus.

« °rgsten Feind der deutschen Einheit und Freiheit hielt.

iqqa £onboner Konferenz wegen der Luxemburger Frage. 1880. Der preußische Justizminister Leonhardt gestorben.

Bestellungen für die Monate Mai und J««j auf die Oberhessische Zeitung xnb deren Beiblätter werben von allen Postanstalten und für hiesige Stabt von ber Expedition entgegengenommen.

on§ Fenster und sah Herrn von Bergen unb Helene aus- tourben b C bert t8 Bon feincr Schwester bewillkommnet

Gott grüße Sie, von den Toden Auferstandener!" rief entgegen Wendig zu, und streckte ihm beide Hände

Doch ich fürchte fast, daß unser Besuch Sie belästigen ?taS,N Ä Sert.flC fott' «Eem er Alfred ?rS"ch die Hand gedruckt unb nun erst dessen bleiche, lei- bemerkte:ich konnte dem Drange meiner iÄÄÄ*® °?^tehen, die so sehr wünschte, ihre Freundin zu sehen, und . . ." ' v

Gegenteil, Herr von Bergen!" unterbrach Alfred;eine freudige Erregung hat Doktor Eruier mir keineswegs verboten."

Die beiden Herren unterhielten sich lebhaft, während dieiongen Mädchen sich der Freude des Wiedersehens aber, " Gegriffen zufolge so langer Trennung hiu- .. »Meine arme, gute Hedwig," begann Helene,wie habe ich bedauert, in dieser schweren Zeit nicht bei Dir sein za haben"um Deinen Bruder geängstigt ... -Seine glücklich "folgte Genesung hat mich reichlich für alle Muhe unb Angst entschädigt; Du glaubst nicht Helene wft beseligend das Gefühl ist, durch Liebe und auf. obfernbe SPflefle -in geliebtes Wesen dem Leben erhalten zu haben! .ja, Dich, meine teuere Helene, habe ich aller­dings recht vermißt wahrend dieser langen und bangen Zeit."

unb wohl auch manches Aubere?" warf Helene lächelnd ein, indem sie ihr Auge über die mehr als bescheidene Ein­richtung des Zimmers schweifen fteß.

Ach, daran kann man sich gewöhnen," entgegnete Hedwig,

Anzeigen nimmt entgegen die Expedition d BlatNS, sowie d.Annoncen-BureaiU von Haasenstein undVoglrr in Frankfurt a. M , Caffey Magdeburg und Wien; Rudolf Moste in Frankfurt a M-, Berlin,München und Köln; G. L. Daube und So. n /rankiurt a. DL, B rlin, Ha nover u.Pans.

Erscheint täglich außer an Werktagen nach Sonn-und Feiertagen. Quartal- Abonnements-Preis bei der Spedition 2*/« Mk.. bei den Postämter 2 Mk. 50 Pfg- (erd. Bestellgeld). JnsertionSgebühr für die «svaltene Zeile 10 Pfg. SeBomtn für die Zeile 25 Pfg.

Deutsches Reich.

Berlin, 5. Mai. Zur Konvertierung in So,pro« Mtrge sind ferner folgende Iprozentige Prioritäten ein­berufen: Alte Rheinische 1840, Bonn-Kölner 1854, Köln- Crefelder 1855, Thüringische II. Emission 1852 und 1861, Berlin - Anhalter I. Emission 1856 und Lit. B. 1865, Bergisch-Märkische Serie 1 der ersten und zweiten Emission Serie 2 der ersten und zweiten Emission, Düffeldorf-Elber- felber Serie 1 unb 2, Dortmund-Soest 1. und 2 Serie Aachen-Düsseldorfer 1., 2. und 3. Serie, Ruhrort-Crefelder ' L, 2. unb 3. Serie, ferner die Magdeburg - Halberstadter Prrorrtaten von 1851, die Magdeburg - Wittenberger von 1850, bte Berlin-Potsdam-Magdeburger Lit. B. von 1S45 und die Braunschweigischen Prioritäten von 1881.Wie An vernimmt, hat die städtische Anleihe von

50 Millionen Mark zu 3'/- Prozent die Allerhöchste Ge- nchmrgung erhalten. Ueber einen Spaziergang des Fürsten Reichskanzlers nach der gestrigen Sitzung im Abgeordneten- hause bringt derB. B.K." folgenden Bericht:Fürst !

neuerdings an Spaziergängen durch die Stadt Geschmack zu finden; namentlich nimmt : die Ge- I