Einzelbild herunterladen
 

-kr. 1O1.

Marburg, Mittwoch, 5. Mai 1886.

XXL Jahrgang.

Erscheint tLAich außer an Werktagen «ach Sonn- und Ieiertagen. Quartal« UbonnementS-Preis bei der Spedition 2*/4 Mk., bei Den Postämter 2 Mk. 50 Ufa. (excl. Bestellgeld). Arsertionsgebübr für die gespaltene Zeile 10 Pfg. Äetlam r: für die Zeile 25 Pfg.

WchcsW Aitinig.

Anzeigen nimmt entgegen die Expedition d Blattes, sowie d.Annoncen-Bureaux vonHaasenstein unbSBogle in Frankfurt a. M , Gaffet, Magdeburg und Wien; Rudoli Moffe in Frankfurt a M., Berlin,München und Köln; G. L. Daube und Go. n rankiurt a. 2)^ Brrl n, Ha nov-r u.Paris.

Wöchentliche Beilagen: Amtlicher Anzeiger f. Kreise Marburg n. Kirchhain. - Illustriertes Sonntagsblatt.

Expedition Markt 21. Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Aug. Koch.

Bestellungen für die Monate Mai und Juni auf die Oberhessische Zeitung und deren Beiblätter werden von allen Postanstalten und für hiesige Stadt von der Expedition entgegengenommen.

Deutschlands Rolle in de« Orientwirren.

Die Letzten werden die Ersten sein! Tas paßt auch so ziemlich auf die Rolle, welche Deutschland gegenwärtig in den Orientwirren einnimmt, die noch vor 20 Jahren als die Spezialdomäne Rußlands, Englands, Frankreichs und Oesterreichs galten. Deutschland hat auch noch heute kein Interesse daran, ob in Konstantinopel der Russe oder der Brite regiert, und cs kann uns sehr gleichgültig sein, ob die Türkei und ihrelachenden" Erben sich zanken oder sich vertragen; aber es kann uns nicht einerlei sein, daß die Orierttwirren derartig hin- und hergezerrt werden, daß daraus eine permanente Gefahr für den Frieden Europas entsteht. Es fehlt ja in Europa auch nicht an solchen Stimmen, die meinen, einfrischer froher" Krieg würde aufbessernd auf den Gang von Handel und Industrie wirken, aber diese Anschauung ist eine ganz irrtümliche. Der glän­zendste «sieg ist und bleibt doch immer ein trauriges Schau­spiel, wenn man sich erinnert, was nötig war, welche Opfer gebracht werden mußten, ihn zu erringen, und in den leitenden Kreisen des Deutschen Reiches hält gewiß niemand den Krieg für ein Glück der Völker. Der Kaiser, der Kronprinz, Fürst Bismarck haben sich so deutlich in dieser Beziehung ausgesprochen, daß alle weiteren Worte ganz überflüssig sind. Deutschland hat es als seine Aufgabe den Orientwirren gegenüber betrachtet, die Schwerter in der Scheide zu halten, und wenn ihm dies nicht vollständig geglückt ist, so haben daran nicht wir die Schuld, sondern die Ursache ist die Uneinigkeit der Mächte, die heimliche Sucht nach Jntriguen, die sich in ganz ungeheuerlichem Maße während der letzten Verwickelungen geltend gemacht hat.

Die Rolle, welche die Großmächte in ihrer Gesamtheit während des letzten Halbjahres gespielt haben, war gerade keine glänzende, zeitweise sogar eine recht klägliche, und daß schließlich das europäische Konzert nicht offen aus­gelacht wurde, dafür können sich die Großmächte wiederum bei Deutschland bedanken, dessen dringender Ermahnung es endlich gelungen ist, Griechenland gegenüber ein festes Auf­treten zu stände zu bringen. Die europäische Demon­strationsflotte lag seit Wochen großartig in der Sudabai in Kreta, aber cs geschah nicht das Geringste, es war ein Schauspiel, über das bereits nach Kräften gewitzelt wurde. Griechenland wäre es natürlich nicht eingefallen, sich so lange hartnäckig zu zeigen, wenn nicht geheime Einflüste­rungen in Athen sich bemerkbar gemacht hätten, und wie­viel fehlte dann daran, so hätte die griechische Regierung gegen die Türkei losgeschlagen, und Europas Ansehen wäre damit auf den Nullpunkt gesunken. Begann ein griechisch­türkischer Krieg, so war alles möglich, den Friedenswerken

Gefchichtskalender.

5. Mat.

1492 Brannte das Kloster Möllenbeck ab.

1525. Friedrich, HL, der Weise, Kurfürst von Sachsen stirbt. Sein Nachfolger Johann der Beständige, bestätigt das neue lutherische Ktrchenwesen.

1705. Kaiser Leopold I. stirbt, nachdem er siebenundvierzig Jahre die deutsche Kaiserkrone getragen hatte.

1789. Eröffnung der Nationalversammlung in Versailles, Beginn der französischen Revolution.

1821. Kaiser Napoleon, derals Gefangener Emopa's" auf die Felsentnsel St. Helena mitten im atlantischen Ocean verbannte Welteroberer stirbt.

1842. Großer Brand in Hamburg, welcher bis zum 8. Mai andauerte, und Tausende von Wohnungen und mehrere Kirchen zerstörte.

Im Schatten des Lebens.

Roman von P. Felsberg.

(Fortsetzung,)

Doktor Eruier fühlte aufrichtiges Mitleid mit dem jungen Mädchen; er mochte ihm nicht sagen, daß in der kommenden Nacht die Krisis eintreten werde, der möglicher­weise der von ihm so sehr geliebte Bruder zum Opfer fallen könnte. Es nahm sei» freundliches Erbieten auch dankbar an, denn es bedurfte in der Thai der Ruhe sehr. So bald jedoch konnten die erregten Sinne Hedwigs nicht die ge­wünschte Ruhe finden; die Worte, welche ihrem Bruder in seinen Phantasien entschlüpft waren, ließen sie ein Geheimnis ahnen, das schwer aus ihm lasten müsse. Sie kannte nur eine Emilie, die sie mit den Phantasien ihres Bruders in Verbindung bringen konnte, und wenn diese es war, so

drohte die allerschwerste Schädigung, es handelte sich also für Deutschland um die Wahrung hochwichtiger Interessen, welche die Aufbietung der größten Energie forderten. Deutsch­lands angesehene Stimme hat erfreulicherweise Gehör bei den friedliebenden Mächten gefunden, und die allgemeine Kriegsgefahr, die vielleicht nie so drohend gewesen, als während der letzten Wochen, ist glücklich abgewendet worden. Deutschland hat in der Orientfrage nicht gerade offiziell, aber thatsächlich die Leitung übernommen, es zeigt sich das in der entschiedenen Energie der Großmächte, die wohl- thuend absticht gegen die frühere Schlaffheit und Zauder­politik.

Es mag noch lange Zeit vergehen, bevor einmal die geheimen Fäden aufgedeckt werden, welche so manches Er­eignis der letzten Monate herbeigeführt haben; es wird dann aber zutage kommen, sicher zutage kommen, daß von den europäischen Großmächten, wenigstens von einzelnen derselben, kein ehrliches Spiel gespielt worden ist. Die Jntrigue herrschte zeitweilig vor, wie schon oben gesagt worden ist. Unter diesen Verhältnissen hatte die deutsche Friedenspolitik einen doppelt schweren Stand, sie fand verhältnismäßig wenig Unterstützung, jede Macht folgte ihren eigenen Interessen. Rußland wollte Bulgarien völlig seiner Herrschaft zurückgegeben fehen, Oesterreich- Ungarn wünschte seinem Schützling Serbien Vergrößerung, England hatte das größte Interesse daran, Rußland Ein­fluß von Konstantinopel abgedrängt zu sehen, Frankreich mußte wieder auf Griechenland Rücksicht nehmen und die findigen Italiener warteten nur auf den Augenblick, in dem alles drunter und drüber gehen würde, um etwas für sich zu erwischen. Kurzum, so viel Köpfe, so viel Sinne, und hier eine Einigung, eine teilweise Einigung schon herbeizuführen, war keine leichte Arbeit. Daraus erklärt sich denn auch, wieso die Verhandlungen wochen­lang haben dauern können und erst aus vielen kleineren Resultaten das Große, die Erhaltung des Friedens, her­vorging.

Helle Blätter der Geschichte sind es gerade nicht, welche über den Verlauf der letzten Orientwirren berichten; sie zeigen wenig wahre Friedensliebe, aber um so mehr Eigen­nutz, und daß erstere schließlich doch siegte, ist Deutsch­lands Werk. Es läßt sich schwer sagen, ob der neuge­schaffene Friede Jahrzehnte anhalten wird, allzugroß ist die Hoffnung nicht, die Orientfrage bereitet zudem auch die wundersamsten Ueberraschungen, aber davon können wir überzeugt sein, daß das Deutsche Reich auch ferner alles thnn wird, Deutschland und ganz Europa den Frieden zu erhalten, und diese Thatsache ist schon eine sehr wertvolle Bürgschaft des Friedens.

Deutsches Reich.

Berlin, 3. Mai. Unterstaatssekretär Graf Bismarck und Sir Malet vereinbarten namens Deutschlands und Englands am 6. April behufs Abgrenzung der deutschen

vermochte sie sich nun auch das gespannte Verhältnis zwischen Mutter und Sohn zu erklären. Ein dunkler Schatten legte sich bei diesen Gedanken auf das Bild ihres so sehr ge­liebten Bruders und unbewußt drängten sich ihr Zweifel auf an der Ehre und an dem Charakter des jungen Mannes. Der Gedanke, daß sie sich in dem eignen Bruder getäuscht, war ihr furchtbar. Von jeher gewöhnt, ihn als ein Ideal männlicher Vollkommenheit zu betrachten, war es ihr schmerz­lich, ja furchtbar, diesen Glauben aufgeben zu müssen. Sie suchte sich zn überreden, daß es unedel fei, ihren Bruder einer schlechten Handlung zu zeihen, ehe sie Beweise für solche habe; nach diesen zu forschen, nahm Hedwig sich vor.

Noch lange grübelte sie, bis endlich die Natur ihre Rechte geltend machte und sie in tiefen wohlthätigeu Schlummer versenkte.

Inzwischen saß Doktor Eruier am Bette des jungen Grafen und beobachtete den in wilder Fieberhitze Inliegen­den; nur abgerissene, von einer furchtbaren Angst zeugende Sätze kamen über feine Lippen. Die Züge des Arztes waren bedenklich. Gegen Mitternacht hatte das Fieber den höchsten Grad erreicht, Fast schien es, als müsse der junge Mann erliegen. Endlich jedoch ward er ruhiger; anscheinend ermattet lag er da, kaum eine Regung ließ noch Leben in ihm vermuten und nur der schwache Pulsschlag gab dem Arzte die Gewißheft, daß er noch nicht ausgerungen habe.

Doktor Eruier entnahm einem Etui ein kleines Fläschchen, aus welchem er einige Tropfen in einen mit Wein gefüllten Löffel goß, dessen Inhalt er dem Kranken einflößte. Er beobachtete darauf wieder eine Zeit lang mit ängstlicher Spannung die Züge seines Patienten. Glücklicherweise verfehlte das Elixier feine Wirkung nicht; der Arzt konnte bald die regelmäßigen Athemzüge seines Kranken konstatieren,

und englischen Machtsphäre im westlichen Stillen Ozean eine Demarkationslinie, welche, von einem Punkte in der Nähe von Witte Rock an der Nordostküste von Neuguinea unterm achten Grad südlicher Breite ausgehend, die Sa­lomon-Inseln durchschneidet, so daß die drei größeren nörd­lichen Inseln Bongainville, Choiseul und Isabel bei Deutsch­land verblieben, und dann sich nordöstlich zu den Marschall- Inseln wendet. Deutschland und England verpflichten sich gegenseitig, in demjenigen Teile des Stillen Ozeans, welcher diesseits oder jenseits der gedachten Teilungslinie liegt, alle früheren Gebiets-Erwerbungen oder Schutzherrschaften aufzugeben und weder neue Gebietserwerbungen zu machen, noch der Ausdehnung des deutschen, resp. englischen Ein­flußes entgegenzutreten. Auf die Samoa-, Tonga- und Niue-(Ellice-?)Jnfeln findet diese Abmachung keine An­wendung; diese bleiben wie bisher neutrales Gebiet. Deutschland und England vereinbarten ferner am 10. April eine Erklärung über die gegenseitige Handels- und Verkehrsfreihcit in den deutschen und englischen Besitzungen und den Schutzgebieten im westlichen Stillen Ozean, wo­nach die Schiffe beider Staaten gegenseitig die gleiche Be­handlung sowohl, wie die Behandlung als meistbegünstigste Nation genießen. Die Entscheidung über streitige Land- ansprüche soll durch hierfür von beiden Regierungen zu ernennende gemischte Kommissionen erfolgen. Die Ein­richtung von Strafniederlassungen soll nicht stattfinden. Kolonien, welche bereits vollständig eingerichtete Regierungen mit legislativen Körperschaften haben, find in diese Er­klärung nicht einbezogen. Die Bischöfe von Hildesheim, Limburg und Osnabrück haben im Auftrage des Apostolischen Stuhles den Oberpräsidenten ihre Absicht angezeigt, gewisse Pfarreien zu besetzen, und haben die Namm der hierfür in Aussicht genommenen Kandidaten mitgeteilt. Das Verordnungsblatt für die Marine veröffentlicht eine Ordre des Kaisers vom 27. April, nach welcher die vierte Kom­pagnie des Seebattaillons vom 1. Oktober d. I. ab von Kiel nach Wilhelmshaven in Garnison zu verlegen ist. Wir teilten einen die Lehrlingsfrage bett. Bescheid des Re­gierungspräsidenten zu Breslau mit, wonach die Privilegien des § 100s der Gewerbeordnung nur gegenüber Klein­gewerbetreibenden in Kraft treten können, somit also Fabrik- inhaber auch dann noch Lehrlinge ausbilden dürfen, wenn einer an ihrem Wohnorte befindlichen Innung das Recht der alleinigen Lehrlingshaltung für das betreffende Ge­werbe zugesprochen ist. Diese Entscheidung war u. A. da­mit begründet, daß in den Motiven zur Gewerbeordnungs- Novelle von 1881 nur von einer Organisation des Handwerks" die Rede sei, also die Innungen Vereinigungen vonHandwerkern" und nicht vonGroßindustriellen" sein sollten. Dieser Entscheidung gegenüber wird in der Allg. Handw. Ztg." darauf hingewiesen, daß der preußische Minister für Handel und Gewerbe entgegen einem Bescheide der königlichen Negierung zu Düsseldorf, die Errichtung einer Innung von Rechtskonsulenten betreffend, entschieden

sowie den Uebergang zu einem ruhigen Schlaf. Eine innige Freude zeigte sich auf Doktor Ernters Gesicht: solche Augen­blicke waren für ihn die glücklichsten, denn wieder hatte er dem Tode ein Opfer abgerungen. Er hielt jetzt die Ge­fahr für beseitigt und konnte die Sorgfalt für den jungen Grafen nun Marie, der Tochter des Hauses, überlassen, welche mit Hedwigs Zofe im Krankenzimmer geblieben war.

Sagen Sie der jungen Gräfin, daß ich ihren Bruder für gerettet erachte." Den beiden jungen Mädchen freund­lich zunickend, entfernte sich Doktor Ernier.

Der Morgen war schon ziemlich weit vorgerückt, als Hedwig erwachte; erschreckt über ihr langes Schlafen, machte fie schleunigst Toilette und eilte zu ihrem Bruder.

Doktor Eruier läßt Ihnen sagen, daß der Herr Graf gerettet sei, gnädige Komtesse", empfing fie ihre Zofe mit frohem Gesicht.

Hedwig trat an das Krankenbett, auf welchem ihr Bruder noch immer ruhig schlummerte; fie erstaunte über die schnelle Aenderuug in Alfreds Zustande und beugte sich über ihn, um feinen Atheuizügen zu lauschen. Matt zwar, doch regel­mäßig fand fie seinen Puls. Sie setzte sich an den Tisch in der Nähe des Bettes, um ihrer Mutter Nachricht zu schreiben; auch an ihre Freundin Helene von Bergen schrieb sie. Noch damtt beschäftigt, bemerkte fie, daß Alfred sich bewegte und zu erwachen schien; sie eilte deshalb an feine Sette.

Hedwig, wo sind wir?" fragte Alfred, sich im Zimmer umsehend, mit matter Stimme.

Hoch erfreut, daß ihr Bruder fie erkannt, erfaßte sie seine beiden Hände und entgegnete:Wir find bei guten, braven Leuten, mein thenrer Bruder!"

Sinnend, gedankenvoll blickte Alfred vor fich hin; all-