Rr. 108.
Marburg, Dienstag, 4. Mai 1886.
XXL Jahrgang.
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Wöchentliche Beilagen: Amtlicher Anzeiger f. d. Kreise Marburg n. Kirchhain. - Illustriertes Sountagsblatt.
Expedition Markt 21. — Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Ang. Koch.
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Deutsches Reich.
Berti«, 1. Mai. Der Kaiser fuhr heute nach Potsdam und traf bald nach 11V- Uhr daselbst ein, um wenige Minuten später in der Uniform des 1. Garderegiments im Lustgarten sich direkt an die Spitze der Aufstellung des 1. Garderegiments zu Fuß zu begeben, nachdem er zuvor vom Prinzen Wilhelm, der. um 10 V. Uhr in Potsdam wieder angelangt war, begrüßt worden. Mit freudiger Bewunderung mußte das Auge dem sicheren, festen Schritt des Monarchen folgen, und so auch im Laufe der Vorstellung der Lebendigkeit seiner Bewegung, sowie der Lebhaftigkeit seiner Aeußerungen zu der Umgebung und den Offizieren des Regiments gegenüber. Zuerst schritt der oberste Kriegsherr unter den Klängen des Präscntier- inarsches die Front ab und nahm dann mit dem Rücken nach dem Marstall Aufstellung. Das voin Major von Natzmer befehligte Bataillon schwenkte zum Parademarsch ein, deplatzierte; dann folgten Griffe, Wendungen, Marschübungen, Gefechtsübungen und zuletzt im Parademarsch in Konipaniefront. Bei der Leibkompanie war Prinz Wilhelm von Hohenzvllern und bei der 3. Kompanie dessen Bruder, Prinz Ferdinand eingetreten. Wie bei dem 1. Bataillon, verlief das Exerzitium auch in ähnlicher Weife bei dem 2. Bataillon unter Major v. Trotha und dem Füsilier- bataillon unter Major v. Zieinietzky. Wie üblich, ließ der Kaiser nach der Vorstellung das Offizierkorps zusammen- rufeu, um sich über den Eindruck des Gesehenen auszusprechen. Zu den Traditionen des Tages gehört es auch, daß der Monarch im Regimentshause das Frühstück bei den Offizieren des 1. Garde-Regiments einnimmt. — Der Kronprinz ist nebst der Erbprinzessin von Meiningen und den Prinzessinnen Viktoria, Sophie und Margarethe abends nach Homburg abgereist. — Der Kultusminister teilte dem Präsidenten des Abgeordnetenhauses mit, daß die Regierung durch die Note vom 23. April an die päpstliche Kurie ihre Bereitwilligkeit zu einer weiteren Revision der kirchenpolitischen Gesetze ausgesprochen habe. Die Regierung habe darauf zu ihrer lebhaften Befriedigung folgende Note Jacobinis vom 25. April erhalten: Aus den Gemächern des Vatikans, 25. April. Nachdem der unterzeichnete Kardinalstaatssekretär die ihm von der preußischen Regierung als Antwort auf die letzte Note des heiligen Stuhls übergebene Note vom 23. April zur Kenntnis Sr. Heiligkeit gebracht hat, beeilt er sich, Ew. Exzellenz folgendes mitzuteilen: Mit wahrer Genugthuung hat der heilige Vater vor allem erfahren, daß der Vorschlag des heiligen Stuhls, eine weitere Revision der in der gegenwärtigen Vorlage nicht in Betracht gezogenen Gesetzes
bestimmungen vorzunehmen, seitens der preußischen Regierung als ein Akt der Versöhnung aufgefaßt worden ist, welcher dazu dient, den religiösen Frieden vollständig herzustellen. Die dem heiligen Stuhl geinachte Zusicherung, zu dieser Revision zu schreiten und in solchem Sinne eine neue Gesetzvorlage an die Kammern zu bringen, konnte daher Sr. Heiligkeit nicht anders als erfreulich sein. Die Amendements im Herrenhause für die neue Gesetzesvorlage und der mit den betreffenden Amendements erzielte Erfolg sind Gegenstand der Befriedigung für die erhabene Absicht Sr. Heiligkeit gewesen. Deshalb und um seine hohe Wertschätzung der oben angegebenen Vorgänge zu konstatieren, wie auch um der preußischen Regierung einen neuen und besonderen Beweis seines Vertrauens und seiner Willfährigkeit zu geben, hat der heil. Vater den unterzeichneten Kardinalstaatssekretär ermächtigt, derselben Regierung mitzuteilen, daß es seine Absicht sei, daß die Anzeige für die gegenwärtig vakantenPfarreien schon von jetzt ab beginne und ohne Verzögerung erfolge. Wenn Ew. Exzellenz der preußischen Regierung die gegenwärtige Mitteilung machen, werden Exzellenz nicht unterlassen, den besonderen Wert derselben hervorzuheben, namentlich in Beziehung auf die Herbeiführung eines definitiven religiösen Friedens. — Das Kriegsministerium erläßt unterm 28. April folgende Bekanntmachung: Die höheren Pensionsbeträge, welche nach Maßgabe der zum Militärpensionsgesetz gegebenen Novelle vom 21. April 1886 bereits pensionierten Offizieren vom 1. d. Mts. ab zuständig sind, werden denselben von der Abteilung A des Departements für das Jnvalidcnwesen angewiesen werden, ohne daß es deshalb eines besonderen Antrages der Beteiligten bedarf. Bei der großen Anzahl dieser Pensionäre ist es jedoch nicht möglich, sie sämtlich mit ihren Ansprüchen vor Mitte Juli d. Js. zu befriedigen. Diejenigen pensionierten Offiziere, denen über die Anweisung der ihnen zuständigen höheren Pension bis Mitte Juli d. Js. noch keine Mitteilung zugegangen sein sollte, wollen sich sodann in dieser Angelegenheit an die vorgenannte Abteilung wenden. Vorstehendes gilt auch für die seit dem 1. April 1882 in Ruhestand getretenen Beamten, welche auf Grund des Gesetzes vom 21. April 1886, betreffend die Abänderung des Reichsbeamtengesetzes und des Gesetzes, betreffend die Fürsorge für die Witwen und Waisen der Reichsbeamten, Anspruch auf eine — vom 1. d. Mts. ab zahlbare — höhere Pension haben. — Die Nachricht, daß zu den Manövern des XV. Armeekorps keine ausländischen Offiziere eingeladen werden sollten, ist, der „N. P. Ztg." zufolge, nur zum Teil richtig, indem die sämtlichen an dem hiesigen Hofe beglaubigten Militär-Attaches bei denselben zugegen sein werden. — Das hiesige Polizeipräsidium hat von 8 100c der Gewerbeordnung zu Gunsten derBäcker- I n n n n g Gebrauch gemacht. Darnach dürfen vom 1. Juni d. Js. ab Nichtinnungsbäcker in Berlin keine Lehrlinge mehr annehmen, sind bezüglich der noch laufenden Lehr-
Gefchichtskalenver.
4. Mai.
1502. Columbus tritt seine vierte Entdeckungsreise an.
1527. Ward Ludwig von Boineburg, Stakthalter an der Lahn, mit der Altenburg bei Felsberg belehnt.
1571. Starb der Abt von Heisfeld, Michael Landgraf, Stifter des dortigen Gymnasiums.
1632. Wallenstein erscheint an dem weißen Berge bei Prag und beginnt alsbald die Beschießung der Stadt mit schwerem Geschütz. Die schwache sächsische Besatzung konnte dieselbe nicht halten, und als die Wallenstein'schen Regimenter Tags darauf stürmten, zog sich die Besatzung vertheidigend in den Hradschin zurück, eine Art von Festung, und ergab sich bald darauf durch Kapitulation. — Wallenstein hielt am 5. Mai seinen Einzug in Prag. Sein Heer bestand damals aus 220 Schwadronen Reiterei, 120 Fahnen Fußvolk, 44 Kanonen und 2000 Wagen.
1809. Treffen bei Dodendorf. Major v. Schill schlägt einen mehr als doppelt starken Feind so, daß dieser Fahnen, Waffen und Gepäck im Stiche lassen mußte, trotzdem er Kanonen halte, die damals Schill noch entbehrte. Sein Sieg wirkte — wie ein Wunder durch ganz Deutschland, — aber der tapfere Streiter hatte dabei ein Vierteil seines Korps verloren.
1814. Napoleon landet auf einem englischen Schiff auf der Insel Elba, seinem „kleinen Kaisertume." Mainz wird von den Franzosen geräumt und zwar auf ausdrückliches Verlangen der neuen Regierung in Frankreich. Ludwig XVlll., hält seihen Einzug in Paris.
1873. Der Afrikareisende Livingston erliegt in Muibala, jenseits des Ltembasees im Lande Bisa, der chronischen Ruhr.
Im Schatten des Lebens.
Roman von P. Felsberg.
(Fortsetzung,)
„Lassen Sie ibn in seinem Wahn,* mahnte Doktor Sinter; „kickten Sie keine Fragen an ihn und antworten Sie ihm, wie er es wünscht. Seine Krankheit scheint mir nicht allein durch die äußeren Umstände hervorgerufen: möglich, daß diese den Ausbruch beschleunigten, doch eine tiefe, seelische Erregung ist jedenfalls das Hauptmotiv. Ich bitte Sie deshalb, Personen, die Herr Bruder vielleicht nicht liebt, ihm fern zu halten."
Nachdem er noch einige Instruktionen gegeben, verabschiedete sich der Arzt, mit der Versicherung sehr baldiger Erneuerung seines Besuches.
Die freundlichen Landlente hatten das an das Krankenzimmer stoßende Gemach auf Hedwigs Wunsch bereitwilligst an diese abgetreten und für sie eingerichtet, da die junge Gräfin den festen Willen ausgesprochen hatte, die Pflege ihres Bruders bis zu seiner Genesung zu überwachen. Auf Veranlassung des Doktors, welcher Hedwig dringend um Schonung ihrer Kräfte bat, teilte mit ihr die Tochter des Hauses, ein gutes und freundliches Mädchen von 18 Jahren, die Pflege des Grafen. Mit der größten Heftigkeit traten die Krankheits-Erscheinungen bei diesem auf; wilde Phantasien quälten ihn und ließen die unermüdlich an seinem Lager weilende Schwester oft erbeben.
„Emilie, bringe mir unser Kind!" hatte er schon wiederholt die staunende Hedwig gebeten. Die höchste Angst schien ihn oft zu peinigen und dann rief er wohl leidenschaftlich: „Bleib' bei mir! laß Dich nicht von mir reißen!" — Und mit flehentlichen Blicken streckte er seine Arme nach Hedwig aus.
Verhältnisse an die von der Innung erlassenen Vorschriften gebunden und bei Streitigkeiten auf das Schiedsgericht des engeren Ausschusses der vereinigten Berliner Innungen angewiesen. — Ueber die Lage in Bayern bringt die „Germania" einen Artikel von angeblich unterrichteter Seite. Es wird darin die Absicht einer Vorlage zur Regelung der Verhältnisse der Kabinettskasfe bestätigt, die Gegenforderung eines Ministeriums Franckenstein aber bestritten und gesagt, niemand in der katholisch-bayerischen Partei ventiliere zur Zeit die Möglichkeit eines solchen Ministeriums, da man nicht für die liberalen Sünden büßen will. Ein Gesetz im obigen Sinne für das liberalerseits geworben wird, dürfte der Rechten schon deshalb nicht zusagen, weil es blos für eine Beseitigung der augenblicklichen Krisis, keineswegs aber für eine gründliche Besserung der bestehenden Verhältnisse Bürgschaft bietet. ES ist deshalb allerdings sehr wahrscheinlich, daß die heu- tige Besprechung so ausfällt, daß dadurch dem Ministerium die Möglichkeit einer Vorlage an die Kammer abgeschnitten wird. Was dann geschehen soll und wird, ist freilich eine Frage, über deren Lösung man vergeblich sich den Kopf zerbricht.
— Die Besichtigung des Spandauer Juliuö- turmes und seines kostbaren Inhalts durch die hierzu bestimmten zwei Mitglieder der Reichsschuldentilgungskom- misston geschieht, wie wir den „Monatlichen Nachrichten für Zahlmeister - Aspiranten der Armee" entnehmen in folgender Weise. Der Zugang zu diesem wohlbewachten Reichskriegsschatze kann nur in dem Falle ermöglicht werden, wenn die beiden Kommissionsmitglieder gleichzeitig die in ihrem Besitz befindlichen, übrigens sehr zierlich gearbeiteten Schlüsselchen ins L-chloß stecken. Ueber die Oeffnungszeit wird jedesmal ein genauer Vermerk in dem Protokoll angegeben, dann erst wird die Rotunde betreten, in welcher die blanken 120 Millionen Mark für den Reichsnotfall lagern. Die gewaltige Summe ist in zehn größere Abteilungen zerlegt, deren jede wieder in zehn größere Unterrubriken zerfällt, sodaß in jeder der letztern je eine Million Mark enthalten sein müssen. Jede dieser Einzelmillionen liegt in zehn Beuteln zu je 100000 Mk., von denen zwei Drittel in Zwanzig- und ein Drittel in Zehnmarkstücken aufbeivahrt werden. Sobald die Revision beginnt, wird aufs Geratewohl eine der vorhandenen Abteilungen benannt, aus welcher dann irgend eine der Unterabteilungen näher angegeben wird, um durchgezählt zu werden. Zu dieser Arbeit wird ein Militärkommando abgeordnet, sodaß das mühselige Zählgeschäft in verhältnismäßig kurzer Zeit erledigt ist. Sind zwei oder drei der 100 000 - Beutel aus den verschiedenen Abteilungen auf die Richtigkeit ihres Inhalts geprüft, dann ist dieser Teil der Revision beendet; außerdem werden auch noch die Bestände der übrigen drei großen Reichsfonds, wie solche für die Jnvalidenversorgung, den Feftungs u und die Errichtung des Parlamentsgebäudes vorhanden sind, genauestens geprüft, nur daß hier
Drei Tage waren schon vergangen, das Fieber steigerte fich von Stunde zu Stunde, so daß selbst der Arzt, welcher der jugendlichen Konstitution des Kranken vertraute, mehr und mehr eine bedenkliche Miene zu machen begann und die angstvolle Hedwig nicht mehr so zuversichtlich beruhigen konnte.
Alfred's Mutter kam au diesem Tage, um sich vom Zustande ihres Sohnes zu überzeugen; allein die Gräfin konnte es nicht über sich gewinnen, längere Zeit in dem Hause der schlichten Leute zuzubringen, denen sie mit kalter Herablassung begegnete. Mit schmerzlichem Bedauern sah Hedwig den Stolz ihrer Mutter selbst am Krankenbette des Sohnes die Oberhand behalten; sie verdoppelte ihre Liebenswürdigkeit gegen die guten Leute, um dadurch den ungünstigen Eindruck abzuschwächen, den das Verhalten ihrer Mutter machen mußte.
„Wann, glauben Sie, wird Graf Biela dieses Haus, wo doch so Mancherlei zu seiner Pflege fehlt, verlassen können?" fragte sie, ihren Wagen wieder besteigend, den Doktor Ernier.
„Beruhigen Sie sich, gnädige Frau", erwiderte der Arzt, „für die Bedürfnisse des Kranken wird hier eben so, wie in einem Palais, gesorgt werden; der Herr Graf wird nichts vermissen, was zu seiner Genesung oder seinem Komfort dienen kann. Hauptbedingung für seine Wiederherstellung find Ruhe und liebevolle, aufmerksame Pflege, und diese hat er hier im vollsten Maße."
„Sollte eine Verschlimmerung eintreten, so werden Sie mich benachrichtigen."
„Unverzüglich."
Stolz nickte sie dem Arzte zu. Die an der Thür stehenden Wirte ihrer Kinder existierten für sie nicht. So fuhr sie davon.