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Nr. 1OO

Marburg, Freitag, 30. April 1886.

XXI. Jahrgang.

y» <ck"int täglich außer an 2u;tttagen nach Lonn- und ^-rertagen. Quartal- ;n>om»ements-Preis bei der Sxpedition 21/* WIL. bei bfO Postämter 2 -Ult. 50 Bfg. (excl. Bestellgeld). Jnsertionsgebübr für die gi-öoltene Zeile 10 Pfg. Kellam n für die Zeile -ö Pfg.

Oliklhcsksllie KitW.

Anzeigen nimmt entgegen die Expedition d Blatte-, sowie d Annoncen-Bureaux von Haasenstein undBogler in Frankfurt o. 3)1, Cassel, Magdeburg und Wien; Rudolf Moffe in Frankfurt a M-, Berlin,München und Köln; G. L. Daube und Go. n rantfurt a. 3)1., B-rlin, Ha nover u.Paris

Wöchentliche Beilagen: Amtlicher Anzeiger f. d. Kreise Marburg u. Kirchhain. - Illustriertes Sonutagsblatt.

Expedition^ Markt 21. Redaktion, Druck und Verlag von 3oh. Aug. Koch.

Bestellungen für die Monate Mai und Juni auf die Oberhessische Zeitung und deren Beiblätter werden von allen Postanstalten und für hiesige Stadt von der Expedition entgcgengenommen.

Die Bauernbewegrmg in Galizien.

Die sozialen Bewegungen nehmen immer größere Dimen­sionen an und treten überall auf, wo der großkapitalistische Betrieb seine Wirkungen äußert. In Amerika befürchtet man zum 1. Mai einen sich über die ganze Union er­streckenden Generalstreik, der von den Arbeiterführern ge­plant ist. Der Haß der Arbeiter richtet sich gegen die Großkapitalisten, welche in Amerika mehr wie in allen an­deren Ländern die Industrie und den Verkehr monopoli­siert haben, namentlich gegen den Eisenbahnkönig Jay Gould, der jetzt von der Vereinbarung, die er Ende des vorigen Monats mit dem Großmeister des Ordens der Ritter der Arbeiter abgeschlossen halte, nichts mehr wissen will. Die Ueberzeugung von dem Unheil der Zusammen­ziehung des Kapitals, der Industrie und des Handels in den Händen weniger, von denen die ganze übrige Bevöl­kerung in ihrer Existenz mehr und mehr abhängig wird, breitet sich in den Vereinigten Staaten immer mehr aus und zwar nicht blos iu den Kreisen der Arbeiter. Der Präsident der Vereinigten Staaten hat kurz vor dem Osterfeste eine Botschaft erlassen, in welcher er dem Kon­greß die Regelung der Arbeiterfrage warm ans Herz legt und ernste Besorgnisse im Hinblick auf den jetzt sich ab­spielenden Kampf zwischen Kapital und Arbeit kundgicbt und besonders betont, daß die unbefriedigenden Arbeiter- Verhältnisse zum großen Teil derunbesonnenen Habgier der Arbeitgeber" zuzuschreiben seien. Der Präsident ver­kennt keineswegs die Schuld der Arbeiter an der Störung des Friedens, aber er mißt doch die Hauptschuld an den wirtschaftlichen und sozialen Wirren den kapitalistischen Arbeitgebern zu und spricht sich für Schiedsgerichte aus. Schon vor einigen Wochen hat das Repräsentantenhaus ein Schiedsgerichts-Gesetz angenommen, wodurch die ver­derblichen Streiks verhindert werden sollen. Das Schieds­gericht soll die Lohnstreitigkeiten schlichten, falls dies von der einen oder anderen, oder von beiden Parteien gewünscht wird Das Gesetz hat also einen fakultativen und keinen zwingenden Charakter. Es hat noch den Senat zu pas­sieren und man zweifelt nicht, daß der alle Gemüter er- füHenbe Gedanke von der Notwendigkeit einer staatlichen Einrichtung zur friedlichen Schlichtung der Steitigkeiten zwischen Kapital und Arbeit, um die unheilvollen Streikes zu verhüten, dem Gesetz zur Annahme verhelfen wird. Charakteristisch für die ernste Stimmung, welche dort die höchsten Kreise beherrscht, ist die Thatsache, daß neulich der Kaplan des Senats die Sitzung mit einem Gebete

Geschichtskalender.

30. April.

1133. Lothar 11. wird vom Papste Jnocenz n. welchen er gegen seinen Gegner Anaellt H. geschützt hatte, in Rom zum Kaiser gekrönt, und vergleicht sich mit ihm wegen der zur Mathildischen Erbschaft gehörigen Länder, die er von dem Päpstlichen Stuhl zu Lehen nahm und seinem Eidam Heinrich von Bayern übergab.

1523. Anfang der Belagerung von Landstall (Landstnhl), der Burg des Franz von Sicktngen, eine der ersten Waffeuthaten des Landgrafen Philipp des Großmütigen, welcher damals 19 Jahr alt war. Aus dem am 3. Mai eroberten Schloße brachte Landgraf Philipp eine Fahne Sickingens als Siegeszeichen mit, welche über 200 Jahre in der lutherischen Pfarrkirche zu Marburg gehangen hat.

1567. Erklärung des Landgrafen Wilhelm, des ältesten Sohnes Philipps des Großmütigen, durch welche er die in dem Testamente seines Vaters befthnte Teilung Hessens anerkannte; (nach früherer Bestimmung sollte ihm das ganze Land zufallen.)

1777. Johann Karl Friedrich Gauß, berühmter Mathe« matiker, zu Braunschweig geboren.

1803. Albert von Roon, preußischer Kriegsminister und Reorganisator des preußischen Heeres, zu Pleushagen bet Kolberg geboren.

Im Schatte« des Lebens.

Roman von P. Felsberg.

(Fortsetzung,)

Ja, Du hast Recht, er muß auch schwer gelitten haben, denn so bleich, still und ernst kannte ich ihn nie; wenn ich nur wüßte, wodurch er so leidet, wie gern wollte ich ihm Helsen, vorausgesetzt, daß ich eS könnte."

eröffnete, in welchem Gott angefleht wurde, die Senatoren zu erleuchten, damit sie Mittel fänden, die Macht der Monopole zu brechen und der drohenden Revolution vor­zubeugen. Auch ein im Senat eingebrachter Antrag auf Vermehrung des stehenden Heeres ist jedenfalls im Hin­blick auf die drohenden sozialen Wirren gestellt, wenn es auch nicht gerade ausgesprochen worden ist.

Die Unruhen in Belgien und die Streiks in Frank­reich sind bekanntlich auch hauptsächlich durch dieunbe­sonnene Habgier der Arbeitgeber" hervorgerufen und ein gleiches wird jetzt in Bezug auf die Unruhen in Galizien bekannt, wie es bekanntlich auch im vorigen Jahre in den Arbeiterrevolten in Böhmen konstatiert wurde, lieber die Ursache der Ausbrüche wird allerlei in der Presse ge­fabelt; bald sollenfalsche Propheten" aufgestanden sein, welche das Ende der Welt für das Jahr 1886 verkündigt haben, die jüdische Blätter geben den antisemitischen Agi­tatoren die Schuld, wieder andere sagen, antipolnische Agitatoren hätten die Bauern gegen die polnischenHerren" aufgeregt, indem sie denselben vorgeredet, die Herren wollten sie wieder unter das frühere Joch spannen! Ein Wiener Berichterstatter derMünchener Allg. Ztg." bemerkt dazu, die Zustände der galizischen Bevölkerung seien jetzt so trostlose, daß ihnen die Rückkehr zur harten, aber sorg­losen Leibeigenschaft schwerlich als etwas so schreckhaftes erscheinen würde. Er weist dann auf die Schilderung des Grafen Hompesch im Reichsrate hin.

Gegenwärtig", sagt derselbe,bringt ein bäuerliches Gut in Galizien blos 3 Prozent auf, während die Hypo­theken zu 10 Prozent sogar, mit Einrechnung der Ver­zugszinsen, zu 15 Prozent verzinst werden müssen! Es ist eine große Anzahl bäuerlicher Grundbesitzer vorhanden, welche mit Exekutionen wegen Hypothekenschulden verfolgt werden, die noch aus der Zeit stammen, wo das Wucher­gesetz nicht bestand. Diese Exekutionen rühren nicht blos von Privaten her, sondern auch von öffentlichen Kaiserlich Königlichen Anstalten, wie z. B. der galizischen Rustikal­bank. Andere Hypothekenanstalten existieren in Galizien, welche nach Dotierung ihres Reservefonds ihr Kapital noch mit 10!/s Prozent verzinsen! Es handelt sich nm die Erhaltung eines großen Teils des galizischen Bauernstandes, und wenn die Regierung die nötigen Maßnahmen nicht trifft, dann werden diese zu Grunde gegangenen Bauern die Zahl der Sozialisten vermehren." Außerdem wies der Graf auf die Auswucherung der Bauern durch die bekannten gewerbsmäßigen Wucherer und Schnapsschänker hin und betonte die Notwendigkeit, daß die Regierung dem Volke gegen die Wucherer beistehe. Am schlimmsten sieht es im östlichen Galizien aus, in der Nähe der nieder­gebrannten Stadt Sty, wo sich die großen Bergwerke, namentlich auch die Petroleumquellen befinben bie Ar­beiter werbenPetroleumsklaven" genannt. Ein Gewerbe-

Jch bebauere ihn aufrichtig, denn er scheint so gut und edel zu sein."

Als Giaf Biela mit feiner Schwester die Familie von Bergen verlassen, blickte Herr von Bergen der dahin rollenden Equipage kopfschüttelnd nach.

Schade", sagte er,daß die braven guten Kinder nicht eine andere Mutter haben; mich nimmts Wunder, daß die Eigenschaften ihrer Herzen unter dem Eindruck dieser Mutter nicht gelitten haben, denn sie ist eine herzlose Frau."

Wie blaß und traurig der junge Graf aus sieht!" be» merkte Helene.

Er scheint sehr unglücklich zu sein, und ich glaube mich nicht zu irren, wenn ich seine Mutter, znm Teil wenigstens, für die Ursache seines Leidens halte."

Wie meinst Du das, lieber Mann?" fragte Helenes Mutter.

Nun, mir ist in der Residenz so etwas von einer Liebes- Heirat zu Ohren gekommen; sollte dem so sein, so mag die Gräfin dreist ihre Einwilligung geben, denn eine seiner unwürdigen Gatttn wird Alfred nie wählen. Doch steht anbererfeitS fest, daß seine Mutter nie eine Partie gutheißen wird, die nicht rückfichtlich der Familie der Braut ihren Anforderungen in jeder Hinsicht entspricht, es ist diese Anschauung bei ihr zur krankhaften Idee geworden. UebrigenS ist Graf Biela durchaus nicht mehr von seiner Mutter ab­hängig, kann heiraten wenn er will, und wird das, so weit ich ihn kenne, auch wohl thuu."

Ich bedauere die arme Hedwig so sehr; sie liebt ihre Mutter von ganzer Seele und wird doch von ihr mtt so viel Herzlosigkett behandelt. Es giebt doch kein größeres Glück, als eine so liebe, gute Mama zu haben!" sagte Helene, indem sie ihrer Mutter um den Hals fiel.

Und der Papa, Du kleine Undankbare, der ist wohl Nebensache?" bemerkte Herr von Bergen neckend.

Inspektor für Galizien, namens Nowrabil, schildert die oortigen Zustänbe in folgender Weise:

Ich will kurz bie Lage der Boryslawer unb Wolan- faer Grubenarbeiter besprechen, bie in jeder Richtung so eigentümlich ist, baß weber in Oesterreich, noch in Europa Arbeiter unter ähnlichen Verhältnissen wie in Boryslaw existieren dürften. Im Jnbustriebezirke in Boryslaw unb Wolanka sind in 1350 Schächten gegen 11000 Arbeiter beschäftigt. Die bestehenden Grubenvvrschriften stehen im vollen Gegensatz zu den Gewerbegesetzen, und es haben sich so abnorme Verhältnisse herausgebilvet, daß immerhin die Frage erlaubt sein dürfte, wie es denn möglich ist, daß Zustände, die mitunter geradezu haarsträubend sind, unter den Augen der Behörden jahrelang geduldet werden konnten. Das Gruben-Reglement schreibt zwar genau vor, in welcher Weise und unter welchen Maßnahmen für das Leben und die Gesundheit der Arbeiter die Abteufung und Entgasung der Schächte, die Gewinnung des Produktes und die Förde­rung desselben auf die Oberfläche stattzufinden habe. Aber für 1350 Gruben bestehen nur drei Aufsichtsorgane, und so kommt es, daß mit Ausnahme einer einzigen Unter­nehmung alle anderen ihre Gruben ohne Rücksicht auf das Gesetz so ausbeuten, wie es ihnen am besten zusagt und am wenigsten Kosten verursacht. Es gibt, sagt der In­spektor, die Arbeit besprechend, zweierlei Grubenarbeiter, und zwar solche, welche in jeder Beziehung von den so­genanntenKassierern" abhängig sind, und solche, welche sich auf eigene Faust verdingen. Die Arbeiter erster Kategorie werden von denKassierern" in einer Weise behandelt, wie etwa Arbeitspferde von einem Pferdehalter. DerKassierer" beköstigt und beherbergt sie, und ver­wendet sie zu den Arbeiten in den von ihm beaufsichtigten Gruben. Für diese Verwendung allein zahlt der Arbeiter dem Kassierer etwa 10 Prozent des für eine zwölf stündige Arbeitszeit mit 50 Kreuzer (!) bis 1 fl. entfallenden Lohnes. Den größten Teil der übrigen 90 Prozent muß er dem Kassierer" für Kost und Getränke, sowie für bieLager­stätte" zahlen und dazu bleibt er noch immer gewisse Be­träge schuldig, so daß er sich weder kleiden, noch aus dem bedauernswürdigen Sklavenjoche befreien kann. Man kann diese Petroleumsklaven, in elende Lumpen gehüllt, scharen­weise in Boryslaw in Augenschein nehmen und muß das schreckliche Los dieser Leute beklagen, welche schwer arbeiten und, trotz nicht unbedeutenden Verdienstes, ein bejammerns­wertes Dasein friften, während gewissenlose Spekulanten von ihrer Arbeit Nutzen ziehen. Man braucht nur einen Blick in eine Arbeiterherberge zu werfen, wo in einer be­engten Stube manchmal 60 bis 70 Personen ohne Unter­schied des Geschlechtes Leib an Leib, im größten Schmutze, ganz angekleidet, so eng aneinander liegen, daß sie sich nicht von der einen Seite auf die andere wenden können, so kann man den materiellen und sittlichen Verfall der

O, so war es nicht gemeint! Du bist und bleibst ja mein lieber Herzenspapa!"

Kleine Schmeichlerin!"

Gräfin Biela stand am Fenster ihres Boudoirs, als der Wagen mit ihren beiden Kindern vorfuhr. Sie maß die reizende Hedwig mit stolzen Blicken und ein Zug der Be­friedigung spielte um ihre Lippen; beim Anblick ihrer schönen Tochter tauchte in ihr ein Gedanke auf, der die sonst so kalt blickenden Augen leuchten machte.Ja", murmelte fie,sie soll wieder gut machen, was ihr Bruder verdorben hat; sie muß, sie wird gehorchen!" Nock war die Gräfin ganz mit dem Gedanken beschäftigt, als ein Diener den Grafen Alfred meldete.

Kommst Du, um eine Bestätigung meines neulichen Ausspruches zu verlangen?" herrschte sie den etutretenden Sohn an.

Nein, Mutter, ich hoffe Dich widerrufen zu hören, was Dn in der Aufregung des Augenblicks mir gesagt hast; ich btite Dich, erbarme Dich des schuldlosen kleinen Wesens und sei Du ihm eine Mutter, welche eS, wenn auch jetzt nicht, doch bald vermisien muß; laß . . . ."

Verschwende kein Wort weiter: nie werde ich mich dazu verstehen!"

Nun denn Du hast eS nicht anders gewollt!" sagte Alfred, und entfernte sich langsamen Schrittes.

Einem ihm auf dem Korridor begegnenden Diener tief er zu:Mein Pferd satteln!" und wandte sich dann der Sttaße zu. Der von dem barschen, ganz ungewohnten Tone des Grafen betroffene Diener sah ihm fast erschrocken nach. Kurz daraus kehrte Alfred ins Haus zurück, ging auf fein Zimmer und kleidete sich um. Im einfachen Reit- anznge sprengte er etwa eine Viertelstunde später die Sttaße hinab.